A. Kronauer
Die neuere Entwicklung der Deutschen Burschenschaft

In den 1980er und 1990er Jahren erlebte die Deutsche Burschenschaft heftige innere Auseinandersetzungen, die 1996 schließlich zu ihrer Spaltung führten. Die Auseinandersetzungen in der Deutschen Burschenschaft erklären sich aus ihrer zentralen Ideologie - dem völkischen Denken - und aus den besonderen außenpolitischen Strategien, die Völkische in Deutschland nach 1945 entwickelten.

Völkisches Denken

Kerngedanke völkischen Denkens ist die Ansicht, die Menschheit lasse sich in verschiedene "Völker" bzw. "Rassen" unterteilen, die jeweils Gemeinschaften von Menschen gleicher Abstammung darstellten. Deutsch sei demzufolge nicht, wer in Deutschland geboren sei, sondern wer deutsche Vorfahren habe. Deutsch im völkischen Sinne ist also beispielsweise eine Bürgerin Polens, wenn ihre Großeltern Deutsche waren; nicht deutsch ist für Völkische aber ein hier geborener Mensch, dessen Eltern etwa aus der Türkei stammen.
Für Burschenschaften hat dies Konsequenzen. So gehören dem Dachverband Deutsche Burschenschaft, der das völkische Denken in seiner Programmatik festgeschrieben hat, etwa 120 Burschenschaften aus Deutschland und aus Österreich an. Für Burschenschafter ist es selbstverständlich, dass Männer mit nichtweißer Hautfarbe nicht im völkischen Sinne deutsch sind und nicht Mitglied einer Burschenschaft werden können. Ebenso selbstverständlich ist es für sie aber, dass ÖsterreicherInnen eigentlich Deutsche sind und somit österreichische Burschenschaften zur Deutschen Burschenschaft gehören.
Aus der Definition eines "Volkes" durch die Abstammung ergeben sich für die völkische Ideologie weitere Konsequenzen. So zum Beispiel die Ansicht, "Vermischungen" des eigenen Volkes mit Angehörigen anderer Völker seien abzulehnen. Oder auch die Ansicht, alle Angehörigen des eigenen Volkes sollten, wenn irgend möglich, in einem einheitlichen Staat leben. Bezüglich des deutschen Volkes bedeutet das den Wunsch, alle Gebiete, in denen Menschen von vermeintlich deutscher Abstammung ("deutsche Volksgruppen") leben, dem Territorium Deutschlands einzuverleiben. Dazu gehören nicht nur Teile Polens, Russlands und Tschechiens, sondern auch Österreich, Ostfrankreich ("Elsass-Lothringen") und die norditalienische Provinz Trentino - Alto Adige ("Südtirol"). Von 1949 bis 1990 hatten Völkische ein zusätzliches Problem: Es gab mit der BRD und der DDR zwei deutsche Staaten.
Das völkische Prinzip lässt sich unterschiedlich auslegen: Gemässigt (wie es der deutsche Staat tut, dessen Staatsangehörigkeitsgesetz ebenfalls völkisch geprägt ist), aber auch radikaler. Auf die Frage etwa, wie mit MigrantInnen umzugehen sei, gibt es viele Antworten: "Zuwanderung begrenzen" sagen gemässigt Völkische, "Zuwanderung stoppen" schlagen Radikalere vor, und "Ausländer raus" ist die radikalste völkische Antwort, wie sie von Nazis vertreten wird. Ähnlich ist es in der Außenpolitik: Sonderrechte für die "deutschen Volksgruppen" etwa in Polen fordern Gemässigt-Völkische, während radikale VertreterInnen des völkischen Prinzips "Schlesien" und "Ostpreußen" dem deutschen Staat direkt einverleiben wollen.
In der Deutschen Burschenschaft, deren Mitgliedsburschenschaften durchweg dem völkischen Denken anhängen, gibt es seit der Wiedergründung des Dachverbandes in den Jahren 1949/50 zwei Flügel: Einen gemäßigt-völkischen und einen radikal-völkischen. Die entscheidenden Auseinandersetzungen zwischen diesen beiden Flügeln finden über die Frage statt, welche Außenpolitik Deutschland verfolgen solle. Bis 1990 hatten beide Flügel dabei ein gemeinsames Ziel: Die Vereinigung von BRD und DDR. Mit welcher Strategie diese Vereinigung zu erreichen sei, darüber gab es heftigen Streit.

Gemäßigt-völkische Strategie: Europäisierung und "Volksgruppenrechte"

Der gemäßigt-völkische Flügel der Deutschen Burschenschaft ging davon aus, dass die Vereinigung von BRD und DDR nur über die europäische Einigung erreicht werden könne. Zunächst, so der Grundgedanke, müsse Westeuropa geeint werden. Dadurch könne es wirtschaftlich eine solche Anziehungskraft gewinnen, dass es möglich werde, die ökonomisch schwächeren realsozialistischen Staaten Osteuropas in den europäischen Einigungsprozess hineinzuzwingen. In einem geeinten Gesamteuropa aber, in dem sich die freie Marktwirtschaft durchsetzen müsse, stünden sich dann zwei deutsche Staaten - BRD und DDR - gegenüber; deren Vereinigung im Rahmen eines geeinten Gesamteuropa ergebe sich fast von selbst.
Die Strategie, die deutsche und die europäische Einigung miteinander zu verknüpfen, hatten die gemäßigt-völkischen Burschenschafter nicht erfunden, sondern übernommen. Sie wurde seit den Zeiten Konrad Adenauers und Franz Josef Strauß' von den Unionsparteien vertreten und entwickelte sich zur herrschenden Konzeption in den deutschen Staatsapparaten. Sie enthielt spätestens seit den 1970er Jahren auch ein Konzept, mit dessen Hilfe diejenigen Gebiete eng an Deutschland angebunden werden sollten, die außerhalb von BRD und DDR lagen und dennoch von Völkischen als "deutsch" beansprucht wurden.
Das Konzept war recht einfach: Es bestand darin, ein "europäisches Volksgruppenrecht" für das zusammenwachsende Europa zu fordern. "Volksgruppen", also etwa die Dänisch sprechende Minderheit in Norddeutschland oder der Baskisch sprechende Bevölkerungsteil in Spanien, sollten Sonderrechte im kulturellen, im wirtschaftlichen und vielleicht auch im politischen Bereich erhalten. Ein solches "europäisches Volksgruppenrecht" würde auch allen "deutschen Volksgruppen" zugute kommen und es ihnen ermöglichen, sich kulturell, wirtschaftlich und vielleicht auch politisch nach Deutschland zu orientieren. Da im geeinten Europa auch die Grenzen immer bedeutungsloser würden, gebe es für alle "deutschen Volksgruppen" keine wirksame Trennung von Deutschland mehr; es könne gelingen, eine sozusagen informelle Einigung aller deutschsprachigen Bevölkerungsteile Europas zu erreichen.
Exemplarisch formulierte diese Strategie, die auch von zahlreichen gemäßigt-völkischen Burschenschaftern vertreten wurde, ein Mitglied der Burschenschaft Arminia-Rhenania München, Rudolf Fritsch, im Juli 1986. Er meinte damals: "Vor allem gilt es, unserer Jugend klarzumachen, daß unser Vaterland nicht allein aus der Bundesrepublik besteht, und ein Verständnis für die viel umfassendere deutsche Kulturnation in allen ihren Teilen zu wecken." Geographisch präzisierte Fritsch dann: "Die deutsche Kultur reicht bis an die Memel, das kann keiner abstreiten. - Und sie reicht im Westen bis an die Maas, Elsaß-Lothringen und Eupen-Malmedy gehören mit dazu." Fritsch formulierte seine Utopie: "Es ist ein Traum, aber doch erstrebenswert, ein Europa, in dem die Völker friedlich und demokratisch geleitet, nach ihrer eigenen Art, miteinander leben und Grenzen nur noch Verwaltungsbereiche einteilen. In einem solchen Europa soll und kann ein Deutschland sein."

Radikal-völkische Strategie: Neutralismus

Zahlreichen Burschenschaftern - und außerdem fast der gesamten radikalen Rechten in Deutschland - war und ist diese Strategie zu kompromisslerisch. Radikal-Völkische sind nicht bereit, sich auf die europäische Einigung einzulassen, da sie Deutschland dazu zwingt, einige staatliche Kompetenzen nach Brüssel zu delegieren. Außerdem halten sie am Ziel fest, alle Teile Europas, die sie für "deutsch" halten, in einem deutschen Nationalstaat zu einigen, also Polen, Tschechien, Frankreich und anderen Staaten Teile ihres Territoriums wegzunehmen.
Eine Strategie zur Vereinigung von BRD und DDR, die ohne die europäische Einigung auskam, bot in den 1980er Jahren vor allem der sogenannte Nationalneutralismus. NationalneutralistInnen gingen davon aus, dass es möglich sei, BRD und DDR zu vereinigen, wenn beide Staaten aus ihren jeweiligen Bündnissystemen austräten. Die BRD müsse die NATO und die damalige Europäische Gemeinschaft verlassen, die DDR aus dem Warschauer Vertrag und aus dem Rat für Gegenseitige Wirtschaftshilfe austreten; dann könnten sich beide Staaten zu einem politisch und militärisch neutralen Deutschland zusammenschließen.
Der Nationalneutralismus entfesselte in den 1980er Jahren in der deutschen radikalen Rechten eine beachtliche Dynamik. Begeisterte NationalneutralistInnen gründeten erfolgreiche rechtsradikale Periodika wie die "Junge Freiheit" (1986) oder "Europa vorn" (1988, heute: "Signal"). Gegen Ende der 1980er Jahre erreichten die REPs mit der Aufnahme des Nationalneutralismus in ihre Programmatik breite Zustimmung in der radikalen Rechten und erzielten nicht zuletzt auf dieser Basis ihre großen Wahlerfolge. Zahlreiche Burschenschaften des radikal-völkischen Flügels der Deutschen Burschenschaft teilten die Zustimmung zum Nationalneutralismus - und gerieten darüber mit dem gemäßigt-völkischen Flügel der Deutschen Burschenschaft in Konflikt.

Flügelkämpfe in der Deutschen Burschenschaft

Aufgrund dieser Diskrepanzen kam es logischerweise zu Flügelkämpfen in der Deutschen Burschenschaft. Denn der Nationalneutralismus forderte den Austritt der BRD aus der Europäischen Gemeinschaft, während die gemäßigt-völkische Strategie gerade über die europäische Einigung den Zusammenschluss von BRD und DDR erreichen wollte. Der radikal-völkische Flügel der Deutschen Burschenschaft verfolgte also ein Konzept, das dem Konzept des gemäßigt-völkischen Flügels diametral entgegenstand.
Entsprechend heftig verliefen die Flügelkämpfe in der Deutschen Burschenschaft im Verlauf der 1980er Jahre. Je nach aktueller Mehrheit gab der Dachverband Stellungnahmen zu Gunsten der europäischen Einigung oder zu Gunsten des Nationalneutralismus ab. "Angesichts unserer geopolitischen Lage erscheint es aus heutiger Sicht unrealistisch, daß ein völlig auf sich allein gestelltes und zwischen den verfeindeten Machtblöcken stehendes neutrales, wiedervereinigtes Deutschland seine Souveränität bewahren kann", behauptete die Deutsche Burschenschaft 1983. "Bei der Diskussion der Bündnisfrage muß auch die Möglichkeit einer militärischen Neutralität eines wiedervereinigten Deutschlands ernsthaft und sachlich erwogen werden", beschloss der Dachverband vier Jahre später. Auch die parteipolitischen Präferenzen hingen von der außenpolitischen Priorität ab. So mancher Burschenschafter engagierte sich bei den nationalneutralistischen REPs, während andere die europaorientierten Unionsparteien bevorzugten. Die Stimmung in der Deutschen Burschenschaft drohte zu explodieren.
Und sie explodierte tatsächlich. Allerdings erst nach 1990 - bis dahin hielt das gemeinsame Ziel, den Realsozialismus zu zerschlagen und BRD und DDR zu vereinigen, den zerstrittenen Dachverband noch zusammen. Als der Realsozialismus am Ende und Deutschland vereinigt war, kam es zum Bruch. Äußerer Anlass war die polnische Westgrenze.
Die Vereinigung von BRD und DDR, die am 3. Oktober 1990 gefeiert wurde, hatte einen Preis: Die Anerkennung der polnischen Westgrenze. Bis 1990 vertrat die BRD - darin bestärkt durch ein Urteil des Bundesverfassungsgerichts aus dem Jahr 1973 - die Position, Deutschland bestünde in den Grenzen von 1937 fort, es gehörten also beispielsweise Teile Polens zu Deutschland. Im Verlauf der Verhandlungen, die zur so genannten Wiedervereinigung führten, musste die Bundesregierung diesen Anspruch aufgeben. Im Sommer 1990 willigte sie ein, die Oder-Neiße-Grenze als deutsche Ostgrenze anzuerkennen und damit die territoriale Integrität Polens zu garantieren.
Gemäßigt-völkische Burschenschafter fanden dies in Ordnung. Sie hatten sowieso vor, auf dem Weg über die Einigung ganz Europas (inklusive Polen) die "deutschen Volksgruppen" eng an die Bundesrepublik anzubinden und so eine informelle Einigung "ganz Deutschlands" im Rahmen eines vereinten Europa herzustellen. Radikal-völkische Burschenschafter, die - wie die gesamte deutsche radikale Rechte - Teile Polens, Tschechiens etc. annektieren wollten, verstanden die Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze als Preisgabe völkischer Prinzipien und protestierten. Sie hatten schon längst Ideen parat, wie "Schlesien", das "Sudetenland" und andere Gebiete "heim ins Reich" geholt werden könnten.

Völkischer Terrorismus

Diese Ideen waren nicht neu, sie waren sogar schon in der Praxis erprobt. Ihr Modell war der "Südtirol"-Terrorismus der 1950er und 1960er Jahre.
Einige Gebiete der norditalienischen Provinz Trentino - Alto Adige ("Südtirol") gehörten bis 1918 zu Österreich-Ungarn. Teile der dortigen Bevölkerung sprechen heute noch deutsch, und ein kleiner Teil dieser Deutsch sprechenden Bevölkerungsgruppe hegt separatistische Absichten: Er strebt die Loslösung von Italien und den Anschluss an Österreich an.
In den 1950er Jahren griffen Teile der Deutsch sprechenden separatistischen Bewegung in Trentino - Alto Adige zu terroristischen Mitteln; es kam zu Sprengstoffanschlägen und Bombenattentaten. Dabei spielten Burschenschafter eine maßgebliche Rolle. Ihre Absicht war es, den "Südtirol"-Separatismus zu radikalisieren, um ihm dadurch eine größere politische Stoßkraft zu verleihen. Zahlreiche Burschenschafter waren an terroristischen Aktionen beteiligt; dies ging so weit, dass die österreichische Regierung sich 1961 gezwungen sah, die Burschenschaft Olympia Wien zu verbieten, weil sie sich gleichsam zur österreichischen Zentrale für den "Südtirol"-Terrorismus entwickelt hatte.
Das Modell "Südtirol" - eine separatistische Bewegung mit terroristischem Einschlag - wurde in der Deutschen Burschenschaft schon 1990 als Vorbild für die beanspruchten Gebiete östlich der Oder-Neiße-Grenze genannt. "Halten wir uns für die ostdeutschen Gebiete insgesamt das Modell Südtirol vor Augen", schlug ein Burschenschafter noch vor der offiziellen Vereinigung von BRD und DDR vor. "Eine unterdrückte Bevölkerung hat sich durch einen - von Burschenschaftern maßgeblich unterstützten - Freiheitskampf Rechte erobert, die auch die Selbstbestimmung über die Form der staatlichen Befindlichkeit nicht mehr als pure Utopie erscheinen lassen. Warum soll die deutsche Bevölkerung Schlesiens sich nicht auch dieselben Rechte erkämpfen können? Die deutsche Frage ist nicht nur auf die Bundesrepublik Deutschland und die Deutsche Demokratische Republik beschränkt. Die deutsche Einheit wird erst dann vollendet sein, wenn sie auch Ostdeutschland einschließt." Das Modell „Südtirol" wird bis heute in der Deutschen Burschenschaft diskutiert.

Spaltungen

Über dem Streit um die Anerkennung der Oder-Neiße-Grenze kam es 1991 zur ersten Abspaltung von der Deutschen Burschenschaft. Drei Burschenschaften des gemäßigt-völkischen Flügels traten aus dem Dachverband aus und gründeten eine neue Organisation, die "Vereinigung Deutscher Burschenschaften". Der neue Dachverband verschwand rasch wieder in der Versenkung. Interessant sind allerdings seine programmatischen Grundsätze, die auf eine Anerkennung der deutschen Ostgrenze und eine Einwilligung in die europäische Einigung in Verbindung mit einem "europäischen Volksgruppenrecht" abzielten, also eine deutliche Abgrenzung zu radikal-völkischen Konzepten vollzogen. Der gemäßigt-völkische Flügel hatte versucht, sich von radikal-völkischen Burschenschaften zu trennen.
Die Auseinandersetzungen in der Deutschen Burschenschaft zogen sich noch einige Jahre hin. Zum entscheidenden Bruch kam es in den Jahren 1995 und 1996. Auf Initiative der Burschenschaft Brunsviga Göttingen, die im Herbst 1994 ihren Austritt aus der Deutschen Burschenschaft beschlossen hatte, fanden 1995 die ersten Gespräche zur Vorbereitung eines weiteren neuen Dachverbandes statt. Am 13.01.1996 schliesslich gründeten acht Burschenschaften in Hannover die Neue Deutsche Burschenschaft, die bis heute besteht; ihr gehören inzwischen 21 Burschenschaften an. Ihre gemässigt-völkische politische Zielsetzung ergibt sich aus ihren programmatischen Grundsätzen. Dort heisst es: "Die politischen Grenzen des deutschen Vaterlandes sind die Grenzen der Bundesrepublik Deutschland. Das verantwortliche Streben der Neuen Deutschen Burschenschaft schließt jene Deutschen mit ein, die ihre Heimat außerhalb dieser Grenzen haben." Ergänzend heißt es außerdem: "Die Neue Deutsche Burschenschaft tritt für ein Vaterland als Teil der Völkergemeinschaft, sowie für das Zusammenwachsen der Nationen Europas ein."

Radikalisierung der Deutschen Burschenschaft

Die Abspaltung der Neuen Deutschen Burschenschaft schwächte den gemässigt-völkischen Flügel der Deutschen Burschenschaft. Er hat bis heute immerhin 21 Burschenschaften an die Neue Deutsche Burschenschaft verloren, und man kann annehmen, dass ihnen in den nächsten Jahren weitere folgen werden. Dies vor allem deshalb, weil der radikal-völkische Flügel die Deutsche Burschenschaft inzwischen völlig dominiert.
Die Dominanz des radikal-völkischen Flügels zeigt sich deutlich im Abstimmungsverhalten bei den Wahlen zu innerverbandlichen Posten. Diejenigen Posten, die die entscheidende inhaltliche Arbeit im Dachverband leisten, werden in den letzten Jahren fast ausschliesslich von radikal-völkischen Burschenschaftern gestellt. Dabei versucht der radikal-völkische Flügel, den gesamten Dachverband auf seine politischen Positionen festzulegen. Ein Mitglied der Burschenschaft Rheinfranken Marburg beschrieb im Jahr 1999, wozu man innere Geschlossenheit zu benötigen meint: "Die Einheit Deutschlands ist mit Sicherheit nicht vollendet", erklärte er; um sie zu erreichen, müsse man "Pionierarbeit, nicht Lobbyismus" leisten. Dazu aber sei eine prinzipielle Positionierung des Dachverbandes unumgänglich.
Der radikal-völkische Flügel betreibt neben der Arbeit im Dachverband seine eigene Politik. Sie äussert sich deutlich in Vortragsveranstaltungen in Burschenhäusern, in denen völkische Ideologie verbreitet und Strategie und Taktik völkischer Politik diskutiert werden sollen. Regelmässig rufen ReferentInnen, denen Burschenschaften mit solchen Veranstaltungen ein öffentliches Forum bieten, Protest von AntifaschistInnen hervor. In Düsseldorf war das etwa im Januar 2001 der Fall, als Harald Neubauer bei der Burschenschaft Rhenania-Salingia referierte. Neubauer, so berichtete die "LOTTA", eine antifaschistische Zeitung aus NRW, "hat im Laufe seiner 30-jährigen politischen Tätigkeit in der extremen Rechten bereits fast alle wichtigen Parteien durchlaufen. Er bekleidete Funktionen in der NPD, der DVU, bei den REPs und bei der 'Deutschen Liga für Volk und Heimat' [...]. Heute tritt er hauptsächlich als Referent bei Veranstaltungen aller Schattierungen der extremen Rechten und als Autor in Erscheinung." Die Liste rechtsradikaler ReferentInnen, deren Gedanken Burschenschafter offensichtlich nicht nur intern, sondern auch öffentlich diskutieren wollen, liesse sich beliebig verlängern.
Beinahe beliebig verlängern ließe sich auch eine Liste bekannter rechtsradikaler Burschenschafter. Ein gutes Beispiel hierfür bieten Mitglieder der Burschenschaft Danubia München. Aus ihren Reihen kamen zwei Vorsitzende des Nationaldemokratischen Hochschulbundes (NHB): Lutz Kuche (1971-73) und Uwe Sauermann (1975-76). Aus ihren Reihen wurde 1989 - unter Beteiligung von Hans-Ulrich Kopp (bekannter Politkader der radikalen Rechten) und Alexander Wolf (heute Vorsitzender des Altherrenvereins seiner Burschenschaft) - der Republikanische Hochschulverband gegründet. "Danube" Sascha Jung wirkte in den 1990er Jahren an der Reorganisation des völkischen "Hofgeismarer Kreis" in der SPD mit. Mitglieder der Danubia bauten die rechtsradikale Zeitung "Junge Freiheit" mit auf (Frank Butschbacher, Thomas Clement, Hans-Ulrich Kopp, Michael Paulwitz), waren Redaktionsmitglied der REP-Parteizeitung "Der Republikaner" (Michael Paulwitz) oder Redakteur von "Nation & Europa" (Karl Richter, heute Chefredakteur von "Opposition").
Die parteipolitische Orientierung der Deutschen Burschenschaft lässt sich am ehesten als völkischer Pluralismus bezeichnen: Burschenschafter engagieren sich in Parteien, in denen völkische Ansätze vertreten werden. Welche Partei dabei individuell bevorzugt wird, hängt von persönlichen Präferenzen ab. Gemäßigt-völkische Burschenschafter sind in den Unionsparteien aktiv, einige - wenige - auch in der SPD. Selbstverständlich gibt es Burschenschafter bei den REPs, deren Boss Rolf Schlierer der Burschenschaft Germania Gießen angehört. Der Aufschwung der NPD in der zweiten Hälfte der 1990er Jahre ist an radikal-völkischen Burschenschaften nicht wirkungslos vorübergegangen - kein Wunder, denn die Haltung der NPD zur deutschen Ostgrenze und gegen die europäische Einigung lässt an Klarheit nichts zu wünschen übrig. Der Nationaldemokratische Hochschulbund (NHB) versucht seit einiger Zeit, sich fest innerhalb der Deutschen Burschenschaft zu verankern. Burschenschafter sind im NHB-Bundesvorstand aktiv, etwa Jürgen W. Gansel (Burschenschaft Dresdensia Rugia Gießen) oder Dennis Witt (Halle-Leobener Burschenschaft Germania). Nationaldemokrat Witt ist daneben seit 1998 Mitglied eines wichtigen Ausschusses der Deutschen Burschenschaft. Ein "Arbeitskreis 'Nationalisten in der Deutschen Burschenschaft'" arbeitet mit dem NHB zusammen. Jürgen Schwab, Mitglied der Burschenschaft Thessalia Prag zu Bayreuth, arbeitet inzwischen gemeinsam mit Jürgen W. Gansel als Redakteur der NPD-Parteizeitung "Deutsche Stimme".

Gemäßigt-völkische Burschenschaften: "Harmlos"?

Angesichts der Dominanz des radikal-völkischen Flügels in der Deutschen Burschenschaft dürfte dem Verband eine weitere Radikalisierung bevorstehen; an den deutschen Hochschulen wird es zukünftig also möglicherweise eine bundesweite rechtsradikale Organisationsstruktur geben. Dies ist mittlerweile selbst den deutschen Staatsapparaten aufgefallen; in Bayern haben seit dem vergangenen Jahr einige Burschenschaften Ärger mit dem Verfassungsschutz.
Gemäßigt-völkische Burschenschaften, von denen einige noch in der Deutschen Burschenschaft verblieben sind, andere sich inzwischen in der Neuen Deutschen Burschenschaft organisiert haben, grenzen sich gewöhnlich gegenüber radikal-völkischen Burschenschaften und deren rechtsradikalen Aktivitäten ab. Dabei geht es jedoch vor allem um strategische Fragen. Die Zielsetzung bleibt ähnlich: Radikal-Völkische wie Gemäßigt-Völkische streben die deutsche Dominanz über Europa an. Radikal-Völkische wollen ein locker verbundenes Europa, das von einem übermächtigen deutschen Nationalstaat beherrscht wird, der die Niederlande, Österreich sowie Teile Belgiens, Frankreichs, Italiens, Tschechiens, Polens und Russlands annektiert hat. Gemäßigt-Völkische wollen ein geeintes Gesamteuropa, dessen Zentralstaat BRD - wirtschaftlich stark und von zahlreichen "deutschen Volksgruppen" außerhalb seines Territoriums unterstützt - den Kontinent eindeutig dominiert.
Der Plan, die deutsche Dominanz über Europa durchzusetzen, gehörte zu den zentralen Kriegszielen der beiden Weltkriege, die Deutschland im vergangenen Jahrhundert entfesselte. Wer deutscher Großmachtpolitik einen Riegel vorschieben will, muss gemäßigt-völkischer Politik ebenso entschieden entgegen treten wie radikal-völkischer. Davon sollten die Abgrenzungsversuche gemäßigt-völkischer Burschenschafter gegenüber ihren rechtsradikalen Verbandsbrüdern nicht ablenken. Die entlarven sich aber sowieso von selbst. Denn bekanntlich wird heute niemand gezwungen, das "Deutschlandlied" zu singen. Burschenschafter tun das regelmäßig. Und zwar - ganz egal ob gemäßigt- oder radikal-völkisch, ob der Deutschen Burschenschaft oder der Neuen Deutschen Burschenschaft angehörig - in allen drei Strophen. "Deutschland, Deutschland" geht ihnen "über alles". Und ihr Deutschland reicht "von der Maas (Frankreich, Belgien) bis an die Memel (Litauen), von der Etsch (Italien) bis an den Belt (Dänemark)".