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„Wir wollen deutsche, nur deutsche Studenten sein“
Studentische Verbindungen bildeten in der Zeit des Deutschen Kaiserreiches
und der Weimarer Republik die wichtigste Sozialisationsinstanz des akademischen
Milieus. Hier übten sich die angehenden Akademiker in dem, was sie
unter Geselligkeit verstanden, hier wurde das autoritäre Weltbild
des deutschen Bildungsbürgertums verfestigt, hier wurden die Weichen
für die spätere berufliche Entwicklung der Studenten gestellt.
1929 gehörten 56,5 Prozent aller männlichen deutschen Studierenden
einer Korporation an.
Die zentralen Bestandteile der studentischen Weltanschauung dieser Zeit
waren Rassismus, Nationalismus und Antisemitismus. Einzelne hallische
Verbindungen hatten schon in der Zeit des Kaiserreiches beschlossen, nur
noch „deutschstämmige“ Studenten aufzunehmen –
die Teutonia schloss bereits 1882 Juden ausdrücklich von der Mitgliedschaft
aus, die Palaiomarchia folgte 1890.[1] Der Kösener SC, die bedeutendste
Dachorganisation studentischer Corps in Deutschland, fasste 1920 den Beschluss,
keine neuen Mitglieder mehr aufzunehmen, unter deren Großeltern
sich ein Jude befand.[2]
In Veröffentlichungen und bei Festveranstaltungen studentischer Verbindungen
in der Weimarer Republik wurde das Frontsodatentum des Ersten Weltkrieges
verherrlicht, Hetze gegen das Versailler Vertragswerk und die Republik
betrieben und ein neues, ein „drittes“ Reich gefordert. „Deutschland
muss leben, auch wenn wir sterben müssen“ – dieses Diktum
des völkischen Dichters Heinrich Lersch gehörte zu den zentralen
Bekenntnissen der Korporationen in den 20er und 30er Jahren.
Der Hochschulring Deutscher Art
Seit dem Beginn der 20er Jahre des 20. Jahrhunderts wurde das korporative
Milieu an der Universität Halle vom Hochschulring Deutscher Art (HDA)
dominiert. Der Hochschulring war 1920 gegründet worden, um, wie es
im Entwurf der Geschäftsordnung seiner halleschen Sektion hieß,
Korporationen und nicht korporierte Studenten zu einem „festen Block
für deutsche Art und deutsches Wesen“ zusammenzufassen und
gegen die „zerstörenden Kräfte des Internationalismus
jeder Färbung“ anzugehen.[3] Nach eigener Aussage kämpfte
der Hochschulring gegen Marxismus, Demokratie und Judentum.[4] „Alles
Undeut-sche und Unreine“, so der Presseausschuss des halleschen
HDA, „weisen wir weit von uns. Wir wollen deutsche, nur deutsche
Studenten sein, sonst nichts! [...] Fort mit dem verschwommenen, ziellosen,
kosmopolitischen, unser Deutschtum leugnenden und zersetzenden Geist der
jetzigen Zeit und dafür: Bewusstsein unserer nationalen Würde,
Besinnung auf den Kern des deutschen Wesens, Hebung des verlorengegangenen
Verantwortungsgefühls.“[5] Bis 1926 hatten sich alle halleschen
Korporationen offen zu diesen Zielen bekannt und waren dem Hochschulring
beigetreten.[6] Seit 1929 traten zwar einzelne Verbindungen wieder aus
dem HDA aus, die Mehrzahl gehörte ihm jedoch auch weiterhin an.
Korporationen und NSDStB
Ab etwa 1929/30 entwickelte sich die 1926 gegründete hallesche Sektion
des Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbundes (NSDStB), die Studentenorganisation
der Nationalsozialistischen Deutschen Arbeiterpartei (NSDAP), zur bedeutendsten
politischen Gruppierung an der Universität Halle. Der NSDStB rekrutierte
sich vor allem aus den Korporationen[7], zahlreiche NSDStB-Mitglieder
trugen neben ihrer NSDStB-Mitgliedskarte auch das Bändchen einer
studentischen Verbindung[8]. „Viele Korporationsstudenten,“
so Michael Grüttner in seinem Standardwerk „Studenten im Dritten
Reich“, „die einer nationalsozialistischen Organisation beitraten
oder nationalsozialistisch wählten, brauchten [...] ihr Weltbild
nicht zu verändern.“[9] So war in den Burschenschaftlichen
Blättern, einem überregionalen Mitteilungsblatt, bereits 1930
ein vollkommen kritikloser Aufsatz über Hitlers Buch „Mein
Kampf“ veröffentlicht worden, 1931 forderte ein Burschenschaftler
seine Verbandsbrüder an gleicher Stelle auf, anzuerkennen, „dass
die Saat ihres Denkens und Erziehens im Nationalsozialismus aufgegangen
ist“, und ein weiterer Korporationsstudent erklärte, dass „wir
im Nationalsozialismus die Gedanken des deutschen Korporationsstudenten-tums
der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts auf breiter Basis finden“.[10]
In einem Artikel, der im November 1931 in der Sturmfahne, der Zeitschrift
des NSDStB Mitteldeutschland erschien, wurde versucht, das Verhältnis
zwischen NSDStB und Korporationen aus nationalsozialistischer Perspektive
zu skizzieren: Die Frage, ob man zuerst Korpsstudent oder Mitglied des
NSDStB sei, so die Führung der NSDStB-Hochschulgruppe Halle, sei
selbst schon eine Lüge.[11] Im Anschluss daran wurden die Gemeinsamkeiten
zwischen Korporationen und NSDStB betont und erklärt, dass es niemandem
gelingen werde, einen Keil zwischen den NSDStB und die Verbindungen zu
treiben. Ganz im Sinne dieser eingeforderten Front gegen Marxismus, Antimilitarismus,
Republik und „Judentum“ wurde die Führung des halleschen
Zu-sammenschlusses der Korporationen Anfang 1932 von zwei Mitgliedern
der NSDAP übernommen.[12] Im gleichen Jahr kandidierte der NSDStB
Halle bei den Wahlen für den Allgemeinen Studenten Ausschuss (AStA),
das studentische Parlament, gemeinsam mit einigen Korporationen in einer
Liste mit Namen „Deutschland erwache!“.[13]
Trotz dieser partiellen Zusammenarbeit kam es gelegentlich auch zu Auseinandersetzungen
zwischen Verbindungen und NSDStB. Diese Konflikte wurden allerdings weniger
durch Differenzen in weltanschaulichen Fragen verursacht; Grund der Auseinandersetzungen
war vielmehr das elitäre Selbstverständnis der Korporationen
sowie der Anspruch auf alleinige Vertretung der völkischen Bewegung
von Seiten der NSDAP. Insbesondere die „Alten Herren“ der
Verbindungen, ehemalige Studen-ten, die den Korporationen eine finanzielle
Unterstützung zukommen ließen, beschwerten sich über den
ihrer Ansicht nach zu proletarischen Charakter der NS-Bewegung. In der
Praxis traten solcherlei Differenzen jedoch für lange Zeit in den
Hintergrund.[14]
Das Ende der Weimarer Republik
Die sogenannte Machtergreifung der Nationalsozialisten wurde ebenso wie
von den Verbindungen in anderen Universitäts-städten auch vom
Großteil der halleschen Korporationen begrüßt. Verschiedene
Dachverbände studentischer Verbindungen machten ihren Angehörigen
die Mitgliedschaft in der Sturmabteilung (SA), dem NSDStB, manchmal auch
wahlweise im Stahl-helm, dem rechtsgerichteten „Bund der Frontkämpfer“,
zur Pflicht. In der Deutschen Corpszeitung, dem Blatt eines überregi-onalen
Dachverbandes studentischer Corps wurde erklärt: „Das Corpsstudententum
hat keinen größeren Wunsch, als sich einzureihen in die Marschkolonnen
der nationalen Erhebung.“[15]
Anzeichen für intensive Auseinandersetzungen zwischen Korporationen
und NSDStB waren Anfang 1933 weder in Halle noch anderswo zu erkennen.
„Die Verbindungen können wir nicht zerschlagen“, so erklärte
Hans Börner, der Hochschulgruppenfüh-rer des NSDStB Halle in
einem Schreiben an einen Parteifreund. „Ganz abgesehen, dass dadurch
immerhin große Werte für die deutsche Jugend verloren gingen,
würde dadurch auch der einzige feste Faktor, auf den sich eine Politik
stützen kann, zerschlagen.“[16]
Als am 12. Mai 1933 die regionale Bücherverbrennung auf dem halleschen
Universitätsplatz durchgeführt wurde, sorgten die studentischen
Verbindungen für das kulturelle Rahmenprogramm der Veranstaltung.
Zunächst nahmen die Korporationen Aufstellung vor der Freitreppe
des Hauptgebäudes der Universität, daraufhin sangen die Chöre
der Sängerschaften Ascania, Fridericiana und Salia das Lied „Volk,
ans Gewehr“, und schließlich huldigten die Vertreter der städtischen
und universitären Eliten dem Nationalsozialismus in mehreren kurzen
Ansprachen.[17] Am 23. Mai 1933 wurde in der Saale-Zeitung schließlich
ein Bericht mit der Überschrift „Hakenkreuz siegreich an der
Universität“ veröffentlicht. In diesem Artikel wurde erklärt,
dass in den vorangegangenen vierzehn Tagen 20 hallesche Korporationen
geschlossen dem NSDStB beigetreten seien.[18]
Konflikte mit dem NSDStB
Nach Abschluss der Konsolidierungsphase des nationalsozialistischen Staates
kam es jedoch immer häufiger zu Auseinandersetzungen zwischen Korporationen
und Gliederungen der NSDAP. Wie schon in den letzten Jahren der Weimarer
Republik waren die Anlässe dieser Konflikte auch diesmal weniger
Differenzen in weltanschaulichen Fragen, sondern vielmehr „Revierkämpfe“,
der Totalitätsanspruch der NSDAP und die damit verbundenen Ambitionen
der nationalsozialistischen Studentenführung, die Korporationen dem
NSDStB organisatorisch unterzuordnen.[19] In der Frage des nationalsozialistischen
Umgangs mit den studentischen Verbindungen konkurrierten innerhalb der
NSDAP korporationsfreundliche Kräfte, oftmals ehemalige Verbindungsstudenten,
und korporationsfeindliche Strömungen, die im elitären Gebaren
der Korporierten einen Angriff auf das NS-Volksgemeinschaftsideal erblickten.
Fritz Nobel, Studentenführer des Gaues Halle-Merseburg und Angehöriger
der zweiten Fraktion, beschwerte sich in einem Lage- und Stimmungsbericht
an die Reichsstudentenführung darüber, dass ein „faules,
arrogantes und sattes Bürgertum“ – gemeint waren die
Mitglieder der Verbindungen – bereits wieder glaube, „sich
der Idee des Nationalsozialismus verschließen zu können“.[20]
Neben diesen Fragen um das Selbstverständnis der Korporationen sorgte
insbesondere die nationalsozialistische Forderung nach einem Ausschluss
der jüdischen bzw. „jüdisch versippten“ Korporationsmitglieder
aus den Verbindungen für intensive Auseinandersetzungen. Da kaum
eine Korporation noch über aktive „nichtarische“ Mitglieder
verfügte, richtete sich dieses Verlangen vor allem gegen „Alte
Herren“, die einen Ehepartner jüdischer Herkunft hatten.[21]
Die Weigerung einiger Verbindungen, diese Mitglieder auszuschließen,
basierte allerdings weniger auf einer allgemeinen Gegnerschaft zum Antisemitismus
– ein großer Teil der Verbindungen hatte sich, wie bereits
erwähnt, schon in der Zeit des Kaiserreiches offen zum Antisemitismus
bekannt. Der Ausschluss der „Alten Herren“, die der Verbindung
zum Teil bereits Jahrzehnte angehört hatten, widersprach jedoch dem
Prinzip des „Lebensbundes“, einem der zentralen Grundsätze
der Korporationen.[22]
Die einzige hallesche Korporation, die sich weigerte, „Alten Herren“
die Mitgliedschaft zu entziehen, war das Corps Borussia. Auf Initiative
des halleschen Studentenführers Alfred Detering wurde das Corps daraufhin
verboten, andere Korporationen schlossen es aus dem Hallenser Waffenring,
dem Zusammenschluß der schlagenden Verbindungen in Halle, aus. Fortan
galt es für Mitglieder der anderen Korporationen als unehrenhaft,
Mensuren mit Mitgliedern des Corps auszutragen. Im Juni 1934 wandten sich
Angehörige des Corps Borussia schließlich mit einem Brief an
das Erziehungsministerium, versicherten noch einmal ihre nationale Zuverlässigkeit
und erklärten, sie hätten seit jeher für „Vaterland,
Ehre, Treue, Kameradschaft und Rassereinheit“ gekämpft.[23]
Daraufhin wurde dem Corps im Oktober 1934 seine Rekonstituierung gestattet.
Auflösung der Korporationen
Ab 1934/35 verboten schließlich verschiedene NS-Organisationen –
zunächst die HJ und die SA – ihren Angehörigen die Mit-gliedschaft
in einigen Dachorganisationen studentischer Verbindungen. Ein Teil der
Korporationen löste sich daraufhin auf, andere schlossen ein Abkommen
mit dem NSDStB und erklärten sich zur Umwandlung ihrer Verbindungen
in Kameradschaf-ten des NSDStB bereit. Nachdem Hitler und sein Stellvertreter
Rudolf Heß in ihren Reden aus Anlaß der Feierlichkeiten zum
zehnten Gründungstag des NSDStB im Januar 1936 erklärten, die
Korporationen seien historisch überlebte Erscheinungen, die dem „Neuen“
zu weichen hätten, und Heß im Mai allen Mitgliedern der NSDAP
und Angehörigen von Parteigliederungen die Mitgliedschaft in studentischen
Verbindungen verbot, lösten sich auch die letzten noch bestehenden
Korporationen im Reich auf.[24]
Bis heute hat sich keine studentische Verbindung öffentlich von ihren
Aktivitäten bei der Zerschlagung der Weimarer Republik und der Machtübernahme
des Nationalsozialismus distanziert.
[1]
Vgl. H.-J. Rupieper (Hg.): Beiträge zur Geschichte der Martin-Luther-Universität,
Halle 2002, S. 336.
[2] Vgl. M. Grüttner: Studenten im Dritten Reich, Paderborn 1995,
S. 309.
[3] Vgl. Rupieper: Beiträge, S. 424.
[4] Vgl. Grüttner: Studenten, S. 25
[5] Zitat nach Rupieper: Beiträge, S. 424.
[6] Vgl. UAH, Rep. 4, 1596.
[7] Vgl. H. Eberle: Die Martin-Luther-Universität in der Zeit des
Nationalsozialismus, Halle 2002, S. 30.
[8] Vgl. Grüttner: Studenten, S. 34.
[9] Ebd., S. 32.
[10] Vgl. ebd.
[11] Vgl. Eberle: Die MLU, S. 30.
[12] Vgl. Grüttner: Studenten, S. 37
[13] Vgl. ebd., S. 497.
[14] Vgl. ebd., S. 34.
[15] Zitat nach ebd., S. 289.
[16] Zitat nach ebd., S. 294.
[17] Vgl. Saale-Zeitung vom 13. Mai 1933.
[18] N.N.: Saale-Zeitung vom 23. Mai 1933.
[19] Vgl. hierzu Eberle: Die MLU, S. 208.
[20] Vgl. Grüttner: Studenten, S. 305.
[21] Vgl. ebd., S. 296.
[22] Vgl. ebd.
[23] Vgl. Eberle: Die MLU, S. 210.
[24] Vgl. Grüttner: Studenten, S. 307ff.
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