Offener Brief an die Universitätsleitung

 

Sehr geehrte Damen und Herren,

anbei möchten wir begründen, warum der Vorstand des StudentInnenrates die Unterstützung ihrer Veranstaltung zum Thema Demokratie ablehnt.

Beim Verein Deutscher Studenten Halle- Wittenberg (VDSt) handelt es sich um eine Studentenverbindung, welche im Verband der Vereine Deutscher Studenten (VVDSt) als Dachverband organisiert ist. Der StudentInnenrat der MLU lehnt jegliche Unterstützung dieser Vereinigung oder eine Zusammenarbeit mit dieser ab, da die Meinung des StuRa in erheblicher Weise von deren Meinung in einigen bedeutenden Fragen abweicht.

Wenn wir im folgenden weitere Gründe für unsere Ablehnung der Arbeit des VDSt anführen, beziehen wir uns größtenteils auf Äußerungen des Dachverbandes, da wir davon ausgehen, daß ein Mitglied in den wesentlichen Aussagen diese Äußerungen gutheißt bzw. vertritt. Weiterhin gehen wir davon aus, daß sich die Mitglieder des VDSt positiv auf die Geschichte des Verbandes beziehen, da uns keine kritische Äußerung oder gar Ablehnung der eigenen Verbandstradition bekannt ist. Wir werden uns nur auf einige Episoden in der Geschichte und Gegenwart der Verbindung beziehen, da hier nicht der Platz für eine wissenschaftliche Arbeit ist.

Wir sind regelrecht verwundert, daß sich ein Mitglied im VVDSt an uns mit der Bitte um Unterstützung wendet, da ja in dem Bereich der Hochschulpolitik eine unmißverständliche Linie zum Verhalten gegenüber der Studierendenschaft und deren Vertretung herausgegeben wurde. So heißt es in der verbandsinternen Zeitschrift

"Akademische Blätter" (Heft 4/ 1998): "Kein deutscher Stand hat sich um die deutsche Nation und um den modernen deutschen Staat mehr Verdienste erworben als korporierte Studenten. Allein das sollte schon ein Grund sein, dem AStA in die Parade zu fahren.(...) Übernehmen Sie persönlich Verantwortung für die Verteidigung der freiheitlichen und demokratischen Grundordnung gegen die rechts- und verfassungswidrigen Umtriebe an den Universitäten: 30 Jahre "68" sind genug ! Machen Sie Jagd auf die verfassungswidrigen Aktivitäten und erledigen Sie einen AStA nach dem anderen vor den Gerichten."

Der VDSt verstößt durch die Tatsache, daß dies ein reiner Männerbund ist, gegen das vom StuRa vertretenen Gleichheitsprinzip. Die in der Organisation des Vereins festgelegte Hierarchie ( Fux, Bursche etc.) steht im Gegensatz zu unseren Vorstellungen einer Demokratie. In der Tradition der studentischen Verbindungen in Deutschland stehend, vertritt der VDSt die Ausbildung einer Elite, bei der die Mitgliedschaft in einer Verbindung ein größeren Einfluß auf die Bewertung eines Menschen hat als dessen Qualifikation.

Noch heute finden die Treffen des VDSt unter der schwarz- weiß- roten Fahne statt, unter deren Banner von Deutschland zu Beginn des 20. Jahrhunderts Tod und Terror über ganz Europa hereinbrach. Gegründet 1880, da "die Juden unser Unglück seien" und 1881 der Zusammenschluß zum Kyffhäuser- Verband, da " der arischen Rasse die endgültige Führung der Menschheit zufalle" und weiter " Judentum, Franzosentum, wohin wir blicken. Es ist die Aufgabe der christlich- germanischen Jugend, das auszurotten, denn uns gehört die Zukunft", stellte sich der VDSt in die erste Reihe der nach und nach größer werdenden antisemitischen Front, die gerade durch Korporationsstudenten immer mehr Zulauf fand.

Nicht genug, daß der Antisemitismus scheinbar der einzige, und wenn das nicht, doch zumindest ein Hauptgrund für die Gründung des VVDSt war, grenzt es an Geschichtsrevisionismus, wenn der Hallenser VDSt diese Zeit in seinem Semesterprogramm mit den folgenden Worten verschleiert:
" Aufgeschlossene Studenten wollen das noch junge, geeinte Deutschland unterstützen. Durch politische Bildung sollte jedes Mitglied für die sozialen und gesellschaftlichen Probleme der damaligen Zeit sensibilisiert werden".

Das sollte Begründung genug sein!

Mit freundlichen Grüßen
Vorstand des StudentInnenrates