Veranstaltungen

Weitere Vorträge im November

16. Dezember 2017, ab 10:00 Uhr
Halle (Saale), Melanchthonianum am Universitätsplatz

From Russia with Love - Hundert Jahre Oktoberrevolution
Konferenz am 16. Dezember 2017 in Halle

Seit der Oktoberrevolution ist nun ein Jahrhundert vergangen. Und obwohl fast 30 Jahre nach dem Zerfall des Ostblocks von deren Auswirkungen kaum noch etwas zu spüren ist, zelebriert die Linke das Jubiläum. Der Jahrestag wird von Demonstrationen, Ausstellungen und Artikeln begleitet. Auf regionaler Ebene hat das hallische Mitmachradio Corax extra eine eigene Sendereihe zum Thema ins Leben gerufen und in Leipzig wurde zu Ehren der Feierlichkeiten eine Veranstaltungsreihe mit Vorträgen und Workshops auf die Beine gestellt.

Das große Interesse ist wenig überraschend. Schließlich handelt es sich bei dem Ereignis nicht nur um den Gründungsakt der Sowjetunion. Die Oktoberevolution gilt in der Linken als Symbol für die diffuse Vorstellung, dass eine Veränderung der Verhältnisse prinzipiell vielleicht doch möglich wäre. Das gilt auch für all jene linken Strömungen, die ansonsten nicht mit den Bolschewiki in einen Topf geworfen werden wollen. Aus diesem Grund ist es weniger das Ziel solcher Veranstaltungen, Einsichten in das Wesen der russischen Revolution zu gewinnen. Da momentan von einer Abschaffung der Verhältnisse im positiven Sinne nicht einmal im Ansatz die Rede sein kann, will man lieber von Zeiten schwärmen, als angeblich noch was ging.

Damit der Jahrestag ungestört gefeiert werden kann, müssen die Augen nach Möglichkeit davor verschlossen werden, dass die Revolution auf ganzer Linie gescheitert ist. Spätestens seit den Moskauer Prozessen war klar, dass die Oktoberrevolution nicht zur Befreiung des Menschen führen würde. Um sich trotzdem affirmativ auf das Ereignis beziehen zu können, greift die hiesige Linke zu ein paar durchsichtigen Kniffen. So wird der alte Mythos herausgekramt, allein die bolschewistischen Parteifunktionäre hätten die an sich gute Revolution auf dem Gewissen – ganz so, als wären die späteren Schlächter nicht federführend am Sturm auf das Winterpalais beteiligt gewesen. Gleichzeitig wird das Schreckgespenst des Antikommunismus wiederbelebt, das jedoch schon lange nicht mehr spukt. 
Dabei bleibt all das auf der Strecke, was tatsächlich für eine Beschäftigung mit der Oktoberevolution und ihren Nachwirkungen sprechen würde. Etwa die Frage, ob eine Räterepublik wirklich so wünschenswert wäre, wie immer wieder nahegelegt wird; oder warum Russland auch nach dem Zerfall der der Sowjetunion noch so viel Ansehen in weiten Teilen der Linken genießt; und wie es vor dem Hintergrund der gescheiterten Revolution um die Vorstellung einer besseren Welt bestellt ist. Diesen und anderen Fragen soll während der Konferenz der AG Antifa nachgegangen werden.


1. Podium: Vergangenheit

Wann scheiterte die Oktoberrevolution?
Justus Wertmüller stellt die Frage nach dem Anfang vom Ende.

Der Kommunismus in seinem Zeitalter. 
Jan-Georg Gerber über die Fragen was war und was ist der Kommunismus?

 

2. Podium: Gegenwart

Wie viel Stalin steckt in Putin?
Uli Krug betrachtet das Fortleben der Sowjetunion im heutigen Russland.

Still loving Russia.
Sören Pünjer über die Russlandbegeisterung in Deutschland.


3. Podium: Zukunft

Die Rückkehr des Proletariats? 
David Schneider spricht über die Wiederbelebung der sozialen Frage. 

No Future: Freuds Optimismus
Tjark Kunstreich fragt nach den gegenwärtigen Bedingungen von Kritik.

28. November 2017, 19:00 Uhr
Halle (Saale), Melanchthonianum, Universitätsplatz

Führer zum Selbst – Zur Massenpsychologie der esoterischen Suche nach dem Selbst

Vortrag und Diskussion mit Jérôme Seeburger

Esoteriker inszenieren sich heute erfolgreich als spirituelle Individualisten, die sich auf der Suche nach einem Selbst befinden, das sie im Einklang mit dem Schicksal wähnen. Diese Suche ist zugleich eine Reinigung von allem, was ihnen an ihrem gegenwärtigen Selbst fremd erscheint, weil sie es im Banne des Egos gefangen glauben. Da sie ihr wahres Selbst in sich suchen, entsteht leicht der Eindruck, dass ihnen die Bindung an eine äußere Autorität fern liegt. Autoritäre Sekten kommen ihnen altmodisch vor. Alle sind so frei und individuell, dass sich niemand von einem Guru bevormunden lassen will.

Dieser Schein soll im Vortrag durchdrungen werden. Wie sich anhand der Massenpsychologie der Bhagwan-Sekte nachvollziehen lässt, kommt die Selbstsuche nicht ohne Führer aus. Heute müssen diese nicht mehr wie der Urvater daherkommen, als der sich Bhagwan noch aufgespielt hat. Es reicht, als Brüderchen aufzutreten und schweigend auf der Bühne die „Power of Silence“ zu verkörpern, um die Selbstsuchenden in Scharen anzuziehen.

Es spricht Jérôme Seeburger (Leipzig), der an einer Studie zur esoterischen Selbstsuche arbeitet.

 

Halle (Saale) 16. November 2017, 19:00 Uhr
VL, Ludwigstraße 37

Öffentlich-rechtlicher Antisemitismus. Ein Gespräch über die Dokumentation „Auserwählt und ausgegrenzt“ 
Mit Joachim Schroeder und Alex Feuerherdt 

Selten hat eine Dokumentation für so viel Aufregung gesorgt: Als Bild.de am 13. Juni dieses Jahres die Produktion „Auserwählt und ausgegrenzt – Der Hass auf Juden in Europa“ erstmals öffentlich zugänglich machte, war schon viel über sie diskutiert worden. Die Auftraggeber, Arte und WDR, hatten es abgelehnt, den fertigen Film zu senden, offiziell aufgrund formaler Bedenken. Es ist davon auszugehen, dass weniger journalistische oder rechtliche Gründe den Ausschlag gaben, sondern poli­tische: Insbesondere Arte, wo die Ausstrahlung ursprünglich geplant war, ist für seine israelfeindlichen Inhalte bekannt. Eine Dokumentation, die nicht nur den rechten, sondern vor allem den linken und islamischen Antisemitismus thematisiert, dürfte sowohl den Pro­grammverantwortlichen,  als auch dem größtenteils linksliberalen Publikum des Senders und nicht zuletzt islamischen Communities ein Dorn im Auge gewesen sein. Nachdem Hundert­tausende den zum Politikum ge­wordenen Film im Internet gesehen hatten, entschied sich der WDR dazu, ihn sogar im Ersten zu senden. Aber nicht einfach so. Man versah die Dokumentation um einen „Faktencheck“, der sie ständig unterbrach und ihre Aussagen kommentierte. Dem WDR schien weniger daran gelegen zu sein, die Dokumentation doch noch zu senden, als ihre Macher vorzuführen.

In einem Podiumsgespräch werden wir Joachim Schröder und Alex Feuerherdt fragen, wie sich das Vorgehen der öffentlich-rechtlichen Sender und die im Film porträtierten Zustände in die Entwicklung des Antisemitismus in Deutschland einfügen. Joachim Schroeder ist Regisseur und Produzent der Dokumentation „Auserwählt und ausgegrenzt – Der Hass auf Juden in Europa“. Alex Feuerherdt ist freier Autor, er schreibt unter anderem für die Jungle World und die Jüdische Allgemeine und betreibt den Blog „Lizas Welt“. 

Der Film wird nicht gezeigt, ist aber auf verschiedenen Videoportalen einsehbar

26. Oktober 2017, 19 Uhr
Melanchthonianum am Universitätsplatz
Halle (Saale)

Luthers Erben. Über den Reformator und seine Gegner
Vortrag und Diskussion mit Knut Germar und Harald-Jürgen Finke

In den vergangenen zwölf Monaten haben die deutsche Öffentlichkeit vor allem zwei Personen beschäftigt. Donald Trump, der im vergangenen November zum 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt worden ist. Und Martin Luther, der der Erzählung nach am 31. Oktober 1517 mit dem Anschlag seiner Thesen an die Tür der Wittenberger Schlosskirche die Reformation eingeleitet hat. Während es zur Wahl Trumps hierzulande keine zwei Meinungen gibt, ist Deutschland bei Luther vorerst noch gespalten. Pastor Gauck lud noch während seiner Amtszeit als Bundespräsident zu einem besinnlichen Abend zu Ehren Luthers ins Schloss Bellevue. Der Ministerpräsident Sachsen-Anhalts Haseloff würdigte den in Eisleben geborenen Landessohn als Begründer der Zivilgesellschaft. Außerhalb der interessierten Glaubensgemeinden und Heimatvereine stieß die Ehrung des Wittenberger Reformators jedoch auf Befremden. Und selbst bei der traditionellen Anhängerschaft weckte Luther Distinktionsbedürfnisse. Margot Käßmann betonte, dass sie lieber die Reformation feiern wolle, als den Spiritus Rector der Evangelischen Kirche Deutschlands. Von den Redakteuren der großen deutschen Blätter wollte ohnehin fast niemand eine Lanze für Luther brechen. Der Spiegel betitelte ihn als Wutbürger, die Zeit erklärte ihn zum Vater des Arbeitsfetischs, während ihn die FAZ als Antikapitalisten portraitierte. Die Frankfurter Rundschau umschrieb seine Reformation als Islamismus des Mittelalters, die Emma wählte den Augustinermönch bereits vor Jahren zum Pascha des Monats. Die Antifa zeigte sich von dieser öffentlichen Stimmung unbeeindruckt. Völlig unbekümmert um die tatsächlichen Verhältnisse stilisierte eine Initiative Luther zum deutschen Nationalhelden, um mit markigen Worten einfach die dümmsten Vorwürfe der Bundespresse zu wiederholen. In Halle entrollte eine Gruppe von Antifaschisten an Himmelfahrt bei einem Gottesdienst auf dem Marktplatz ein Transparent mit der Aufschrift: »Luther – du mieses Stück Scheiße!«.


Anlässlich der öffentlichen Kampagne gegen Martin Luther fragt Knut Germar, weshalb sich deutsche Linke derart über einen Mann ereifern, der seit fast fünf Jahrhunderten unter der Erde ruht – und zu dem die tonangebenden Kreise in Deutschland längst auf Distanz gegangen sind. Harald-Jürgen Finke erinnert Luthers blindwütige Ankläger an den Beitrag, den die Reformation im dialektischen Sinn für die Aufklärung geleistet hat. Beide Referenten sind Redakteure der Zeitschrift Bonjour Tristesse. Knut Germar ist zudem Autor der Zeitschrift Bahamas.

 

19. August 2017

Erinnerungskultur der DDR
Eine Tagesfahrt zur nationalen Gedenkstätte der DDR auf dem Ettersberg. Anhand einer Führung soll sich mit der Darstellung des Nationalsozialismus und der Erinnerungskultur der DDR auseinandergesetzt werden.

Wenige Plätze frei! Eine Anmeldung per E-Mail ist erforderlich!

 

13. Juli 2017, 19:00 Uhr
Halle (Saale), Hafenstraße 7

Vorschein des Schlechteren. Zu den Protesten gegen den G20-Gipfel
Vortrag und Diskussion

Es ist bezeichnend: Die autonome Restlinke kümmert sich das ganze Jahr über um kaum etwas anderes als um die Verhinderung unbedeutender Naziaufmärsche, die Geißelung tatsächlich oder vermeintlich reaktionärer gesellschaftlicher Tendenzen oder die Organisation von „Schöner-feiern-ohne-Nazis“-Partys. Wenn es gegen „die da oben“, die vermeintlichen „Herren der Welt“ und insbesondere gegen Amerika geht, dann lässt sie jedoch gern mal Fünfe grade sein: So störte sie weder, dass auch zahllose Nazis zu Protesten gegen den G20-Gipfel in Hamburg aufgerufen haben, noch kommen Gruppen oder Bündnisse wie die „Interventionistische Linke“, „Ums Ganze“, „TOP Berlin“ oder „Welcome to Hell“ auch nur auf die Idee, dass mit ihrem Protest etwas nicht stimmen könnte, wenn er auch bei den braunen Jungs von der Platte oder vom Ziegenhof auf Begeisterung stößt. Wie sollen sie auch, wo sich schon ihre Ästhetik teilweise kaum von der des antikapitalistischen Blocks einer x-beliebigen Nazidemo unterscheidet. Zahllose Plakate und Videos, mit denen von links nach Hamburg mobilisiert wurde, bewegten sich mit ihrer Gewaltverherrlichung, dem Streetfighter-Gehabe und der Überhöhung des Kampfes irgendwo zwischen den Selbstdarstellungen der „Skinheads Sächsische Schweiz“ und der „Saalefront Ultras“ des Hallischen FC. Auch inhaltlich ist das angesagt, was man in den letzten Jahren unter dem Begriff „Querfront“ zu missverstehen gelernt hat. So haben sich die organisierenden Gruppen in ihren Aufrufen in der Regel weder für die zivilisatorischen Mindeststandards stark gemacht, die gerade vom IS, vom türkischen Autoritarismus oder vom russischen Neoimperialismus zur Disposition gestellt werden, noch haben sie sich auf die Produktionssphäre konzentriert, in der Marx noch die Ursachen des gesellschaftlichen Übels verortete. Stattdessen ließen sie sich über das wenige am Kapitalverhältnis aus, das zumindest als Vorschein eines Besseren zu erkennen ist: über Handel – immerhin wurde schon Wochen vor dem Event angekündigt, den Hafen blockieren zu wollen –, Luxus usw. Schon wollte man sich freuen, dass nach der Kampagne gegen die Europäische Zentralbank in Frankfurt die geradezu obsessiven Schuldzuweisungen an Banker und Politiker ein wenig abebbten, da fand die Globalisierungskritik ihre Gegner erneut schlafwandlerisch in der Zirkulationssphäre: dort, wo der Antisemit traditionell die Juden verortet. Die immergleichen Parolen gegen „Nationalismus und Rassismus“, die „Ums Ganze“, „IL“ und Co. unter ihre Texte klatschen (und die, nebenbei bemerkt, inzwischen auch den Beifall Angela Merkels, Sigmar Gabriels oder Xavier Naidoos finden würden), sind so inhaltsleer, weil sie kaum mehr als dem Zweck dienen, diese Gemeinsamkeiten zu kaschieren. Selbst einige derjenigen, die es eigentlich besser wissen, haben diesmal auf Kritik verzichtet und sich ganz postironisch zur Fahrt nach Hamburg verabredet, um es endlich mal wieder so richtig krachen zu lassen. Während sich die einen mit dem besten antifaschistischen Gewissen an der Barbarisierung der Verhältnisse beteiligen, tun es die anderen mit einem Augenzwinkern. Das regressive Bedürfnis nach dem Kaputtschlagen, dem Riot und dem Geländespiel mit der Polizei ist jedenfalls auch dort angekommen, wo man in der Zeit des G8-Gipfels in Heiligendamm 2007 noch ganz kritisch auf Demobiliserung gesetzt hat.

Das alles ist Anlass, die Proteste gegen den G20-Gipfel in Hamburg noch einmal genauer unter die Lupe zu nehmen. Uli Schuster vom „Roten Salon“ im Leipziger Conne Island wird das Verständnis der aufrufenden Gruppen vom staatlichen Handeln, vom Kapital, vor allem aber von der Funktionsweise internationaler Politik kritisieren und zeigen, dass die Proteste kein Vorschein auf ein Besseres, sondern auf etwas Schlechteres sind. Gemeinsam mit einem Vertreter der „AG Antifa“ fragt er zudem danach, warum die aufrufenden Gruppen so weit hinter die Erkenntnisse zurückfallen, die in den letzten fünfzehn Jahren selbst von linker Seite formuliert wurden.

 

1. Juni 2017, 19:00 Uhr
Melanchthonianum am Universitätsplatz

Popanz neue Rechte – die Sehnsucht nach dem Führer

Seitdem die Neue Rechte in aller Munde ist, reisen Journalisten in die sachsen-anhaltische Provinz. Im Institut für Staatssicherheit glauben sie, die Denkfabrik der rechten Bewegung gefunden zu haben, in dem Ziegenhalter Götz Kubitschek ihren Führer.

Frank Kucharsky spricht über die Besuchsfahrten des deutschen Feuilletons nach Schnellroda. Florian Pätzold erläutert, weshalb niemand Kubitschek lesen muss, um die Motive hinter Pegida, AFD und Co. zu verstehen.

15. Juni 2017, 19:00 Uhr
Melanchthonianum, Uni Halle

Great again – Antiamerikanismus im Zeitalter Donald Trumps

Was erlauben sich die Amis, einen wie Trump zu wählen, was erlauben sich die Tommies, der EU den Rücken zu kehren? Die deutsche Öffentlichkeit jedenfalls, insbesondere die linke, ist seit gut einem Jahr dauerempört über den vermeintlichen moralischen Absturz der Westmäche des Zweiten Weltkriegs. Eine Empörung, die zugleich einen satten moralischen Mehrwert verspricht: Glauben doch mittlerweile nicht zuletzt jene, die sich selbst für deutschlandkritisch halten, dass das anständige Merkel-Deutschland, das inmitten des auf Austerität gepolten Europa von einer Exportbestmarke zur nächsten eilt, der wahre Hüter des Westens wäre, der aus der Geschichte lernte, dass Nation und Grenzen (und nicht der paranoide Antisemitismus) Auslöser des Zweiten Weltkriegs waren.

Dieser neue Antiamerikanismus erinnert fatal an die Methoden der "Wiedergutwerdung" (Eike Geisel) der Deutschen gegenüber den Juden. Auch sie wurden mit den Lehren aus der Geschichte konfrontiert, die die Täter von einst formulierten: Frieden mit jedem, gleich ob der einem an den Kragen will, und bloß sich nicht wehren gegen erklärte Feinde, sonst werde man selbst zum Täter wie einst Hitlerdeutschland. Hitlers potentieller Wiedergänger ist hier jeder, der dem Islam misstraut, der gegen die neue transnationale Produktionsordnung zu verstoßen versucht, der den abgehängten "Abschaum" (Hillary Clinton) überhaupt als potentielle Wähler anzusprechen versucht und nicht gleich in den Mülleimer der Geschichte zu stoßen beabsichtigt - und nicht zuletzt der, der Grenzen sichert, gerade jene Grenzen, die einen Raum möglichst angst- und gewaltfreien gesellschaftlichen Verkehrs sichern und definieren, also der, der nicht insgeheim den Ausnahmezustand herbeisehnt (wie die Deutschen es zwanghaft immer wieder tun).

Gegen diesen neuen Antiamerikanismus wenden sich die Überlegungen von Magnus Klaue und Uli Krug. Sie werden unter anderem die Frage aufwerfen, ob "America First" unter heutigen Bedingungen nicht etwas ganz anderes meint, als es die amerikanischen Rechten taten, die einst den Slogan aufbrachten, um eine Intervention gegen Hitlerdeutschland zu verhindern, oder ob der neue deutsche Antinationalismus im Kern nicht ebenso antiwestlich ist, wie es der alte Kulturnationalismus schon war.

Uli Krug spricht über das Phänomen Trump und mögliche Konsequenzen für eine materialistische Gesellschaftskritik. Magnus Klaue fragt nach Kontinuität und Wandel des deutschen Antiamerikanismus.


28. Juni 2017, 19:00 Uhr
Reilstraße 78, Halle

Der Linken alte Kleider – zur Renaissance des Palituchs

„Dieses Tuch evoziert sofort die Frage: Antisemitismus oder Abwaschdienst in der autonomen WG?“ (Wiglaf Droste) Wechselnde Modeaccessoires gehören in der linken politischen Subkultur zum Alltag. Galt neben der obligatorischen Carhartt-Jeans noch vor zehn Jahren ein Tunnel im Ohr als Ausdruck nonkonformistischer Ästhetik, ist es heutzutage jener Turnbeutel, der einst auf dem Schulhof für mehr als nur Scham sorgte.

In beständiger Regelmäßigkeit taucht zudem immer wieder ein Tuch auf, das als Zeichen der Solidarität mit dem Kampf der unterdrückten Massen, vor allem aber mit dem gegen den Zionismus identifiziert wird. In den 1980er und 1990er Jahren schmissen es sich vor allem Hausbesetzer und Antiimperialisten um den Hals. Nach der Jahrtausendwende verschwand es dank der Intervention antifaschistischer Gruppen zunehmend von der Bildfläche. Sein Revival erfuhr das Tuch auf der anderen Seite des Antiimperialismus, bei den nationalen Sozialisten. Seitdem tragen die Kameraden ihren Faible für die antisemitischen Gewalttaten der Palästinenser auf beinahe jeder Demonstration mit sich herum.

Jetzt findet der Blutlappen auch wieder vermehrt in antirassistischen Kreisen Verwendung. Vornehmlich wird er getragen von selbsternannten PoCs oder anderen Anhängern des postmodernen Allerlei. Die Renaissance des Gesinnungstextils in diesen Kreisen ist kein Wunder. Es zeigt ästhetisch deutlich, wohin die wilde Reise gehen soll: Zurück zu einem Steinzeit-Antiimperialismus, der die letzten Werte des Universalismus hinter sich lässt und sich offen mit Vernichtungsantisemiten verbündet.

Mark Liber erläutert, weshalb das Revival des Palituchs vor allem von der fortschreitenden Regression der Linken kündet.

 

26. Januar 2017, 19 Uhr
Melanchthonianum, Uni Halle

Warum wir über den Islam nicht reden können. Vortrag und Diskussion mit Sama Maani

Wie kommt es, dass die Ablehnung des Islam als „rassistisch“ tituliert wird – nicht jedoch die Ablehnung des Christentums? Dass Ressentiments gegen Türken oder Araber Islamophobie, Ressentiment gegen christliche Nigerianer jedoch nicht Christentumophobie genannt werden? Warum wurden die Demonstranten des arabischen Frühlings in erster Linie als „Moslems“ bezeichnet, die Demonstranten der Occupy-Bewegung aber nicht als „christlich“? Warum wird, wenn vorgegeben wird über den Islam zu reden, über alles Mögliche gesprochen – nur nicht über den Islam? Und: was sagt das (Nicht-)Reden über den Islam über die eigene Beziehung zur Religion aus?

Es spricht Sama Maani, Schriftsteller und Psychoanalytiker (Wien). Zahlreiche Publikationen in deutschsprachigen und iranischen (Literatur-)Zeitschriften und Anthologien, bei Drava erschienen „Ungläubig“, Roman (2014), und „Respektverweigerung. Warum wir fremde Kulturen nicht respektieren sollten. Und die eigene auch nicht“ (2015).

 

VL, Ludwigstraße 37 in Halle
17. Dezember 2016, 20 Uhr

Der Wert und das Es. Buchvorstellung mit Uli Krug.
Danach freies Assoziieren mit der AG Antifa und DJ Raketa Moretti

Nur eine einzige Parallele lässt sich zwischen Marx und Freud ziehen: Die Denunziation eines übersubjektiven Zwanges, der sich doch nur in subjektivem Handeln auszudrücken vermag. So wie die Kritik der Politischen Ökonomie das kapitale Subjekt als „Charaktermaske“ eines unsichtbaren Zwanges denunziert hatte – in der revolutionären Hoffnung, dass kritischer Begriff vom Subjekt und die kritisierte Subjektivität nicht unmittelbar identisch seien –, so legt die Kritik der seelischen Ökonomie das Zwanghaft-Unbewusste am vorgeblich freien Willen des Individuums bloß – in der therapeutischen Hoffnung, dass seelische Regression ein rückgängig zu machendes je einzelnes Schicksal sei. In dem Maße aber, wie die steigende organische Zusammensetzung des Kapitals den politischen Zwangscharakter der Subjektivität befestigt, steigt auch das Maß der Zwanghaftigkeit des Subjekts: Äußerlich verliert das Rechtssubjekt die – schon immer limitierte – autonome Kontrolle über sein Schicksal, wird zum Teil der Gefolgschaft des autoritären Staates, innerlich verliert das Ich die – schon immer limitierte – Kontrolle über die unmittelbaren Zwänge des Es: „Für die soziale Realität ist in der Epoche der Konzentrationslager Kastration charakteristischer als Konkurrenz“ (Adorno).
Der Zügellosigkeit der öffentlichen Feindkampagnen wie der Willkür des Staates ist mit der Unterstellung eines kühl berechnenden bürgerlichen Subjekts nicht beizukommen. Überhaupt darf Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus, mit dem Antisemitismus, mit Deutschland, den Deutschen und denen, die ihnen nacheifern, nicht so tun, als ob die Wendung von Gesellschaft zu Racket und Rasse im Individuum Kategorien wie Interesse und Bewusstsein in Kraft belassen hätte. In der Rearchaisierung der Gesellschaft rearchaisiert auch das Subjekt. Wo Ich war, wird Ich-Libido, herrscht Es.

Uli Krug ist Redakteur der Zeitschrift Bahamas.

Dienstag, 25. Oktober 2016, 19 Uhr
Melanchthonianum, Uni Halle
Europa und die Linke. Über den Fortschritt der europäischen Integration.
Vortrag und Diskussion mit Ulrich Schuster (Roter Salon, Leipzig)

In Europa stehen die Zeichen auf Desintegration und Renationalisierung; für einen großen Teil der Linken logische Folge neoliberaler Wirtschaftspolitik und deutscher Hegemonie. Linkspopulistische Initiativen wie die Plattform für einen linken EU-Ausstieg Lexit oder die Europa-Bewegung des ehemaligen griechischen Ministers Yanis Varoufakis, DIEM 25, versuchen die Völker Europas zur Verteidigung nationaler Souveränität zu mobilisieren und unterscheiden sich in diesem Punkt wenig von rechten Europafeinden. Hingegen sehen Linksradikale wie die Interventionistische Linke angesichts griechischer Arbeitslosenproteste und des „Kampfs der Flüchtlinge“ ihre Hoffnungen auf eine weltweite, sozialrevolutionäre Bewegung belebt und machen dabei die Rechnung ohne eine realistische Einschätzung der Bedürfnisse und des Bewusstseins der Handelnden. So oder so glaubt linke Kritik durch den Nachweis materieller Interessen des Kapitals den Mythos einer europäischen Friedensordnung zu entzaubern. Was aber, wenn die institutionelle und kulturelle Entschärfung nationalistischer Rivalität ebenso wie die Zivilisierung Deutschlands durch Europa nie im Widerspruch zum vorherrschenden Kapitalinteresse stand? Entgegen einer jahrzehntelang eingeübten Praxis ist heute eine positive Bezugnahme auf den progressiven Gehalt der europäischen Integration wichtig. Zwar verbindet sich damit keine Perspektive gesellschaftlicher Umwälzung und sozialer Gleichheit, allerdings stellt man sich angesichts der Wiederkehr von Nationalismus und europäischen Staatenkonflikten in die Tradition bürgerlicher und antifaschistischer Pro-Europa-Positionen, deren Relevanz sich in die Gegenwart verlängert.


Donnerstag, 3. November 2016, 19 Uhr

Melanchthonianum, Uni Halle
Erdogan. Ein Führer und sein Volk.
Vortrag und Diskussion mit Justus Wertmüller (Redaktion Bahamas, Berlin)

Der 15. Juli 2016, der den verpatzten Versuch türkischer Militärs in ihrem Land die Macht zu übernehmen und Staatschef Erdogan ins Jenseits zu befördern markiert, wurde vom türkischen Ministerpräsidenten Binali Yildirim zum „Feiertag der Demokratie“ und von Erdogan zum Zeichen der „Gunst des Allmächtigen“ erklärt. So zynisch Äußerungen wie diese angesichts der Reaktionen auf den Putsch daherkommen, so wenig verwunderlich sind diese zugleich.

Der „Führer“, wie Erdogan von seinen Anhängern genannt wird, demonstriert nur, wie charismatische Herrschaft funktioniert. Ihr oberstes Prinzip – da sind sich der Türken- und der Russenführer sehr ähnlich – ist die Frechheit, und von der Frechheit beseelt sind ihre Anhänger. Nach innen wird das bisschen Rechtsstaatlichkeit, das es sogar in der Türkei gab, öffentlich verhöhnt und kassiert, nach außen zeigt man selbstbewusst den Stinkefinger. In der Türkei finden mehr als 50 Prozent der Bevölkerung nichts dabei, dass ihr Führer den casus belli mit Syrien durch eine Geheimdienstinszenierung herbeiführen wollte oder dass er und die Seinen sich schamlos bereichern. Man identifiziert sich mit dem Großmaul, das zum Helden avanciert, je mehr er offensichtlich ungehindert Fakten schafft. Die alten Vorbehalte gegen die von Erdogan entmachtete kemalistische Elite sind nur teilweise handlungsleitend. So korrupt und autoritär diese Kreise auch waren, gehasst hat man an ihnen, dass sie, wie verzerrt auch immer, angetreten sind, eine andere Türkei zu schaffen.

Was heute als westlich und untürkisch verdammt wird, ist der gescheiterte Versuch, weg von den Hinterlassenschaften des auf Raub gegründeten osmanischen Imperiums hin zu einem Land zu kommen, in dem die Gleichheit vor dem Gesetz nicht nur in der Verfassung steht und die elende persönliche Abhängigkeit von Privilegierten, dieses scheinbar unausrottbare Geflecht der Beziehungen, endlich abgeschafft wird. Der charismatische Führer stiftet die persönliche Abhängigkeit von der Macht als umfassendes Prinzip neu, nimmt ihr den Geruch des Illegalen und Herabwürdigenden, indem er als dysfunktional, schwach und schutzlos vorführt, was die Voraussetzung für ein erträglicheres Leben wäre: Das Recht als Möglichkeit, auch für Arme und Einflusslose, gegen rechtswidrige Übergriffe von Reichen und Mächtigen vorzugehen, als Schutz des Einzelnen gegen die Zumutungen einer moralischen Ordnung, die der Mehrheitsmob durchzusetzen angetreten ist.


Freitag/Samstag 2.-3. September 2016

Seminar zur Einführung in die Psychoanalyse
Wochenendseminar mit Tjark Kunstreich

Das Vokabular der Psychoanalyse hat sich in den Alltag eingeschlichen. Das heißt nicht nur, dass die Freudschen Begriffe Allgemeingut geworden sind: es heißt vor allem, dass sie ihre Bedeutung verändert haben – meistens ist es der beunruhigende Aspekt, der außen vor gelassen wird. In der kritischen Theorie, und dort in erster Linie bei Th. W. Adorno, wird die Psychoanalyse als Klinik einer fundamentalen Kritik unterzogen; ihre Kulturkritik hingegen weitgehend übernommen und materialistisch umformuliert.

Im Seminar möchte Tjark Kunstreich eine psychoanalytische Perspektive vermitteln, die weder in der Alltagssprache noch in der kritischen Theorie aufgeht. Anhand ausgewählter Texte soll es um die nach wie vor beunruhigenden und unheimlichen Aspekte der Freudschen Lehre gehen und aufgezeigt werden, dass für die Psychoanalyse Klinik und Kultur nicht zu trennen sind.

Die Teilnehmerzahl ist begrenzt. Bitte per E-Mail anmelden. Die Lektüre wird nach der Anmeldung verschickt. Der Seminarort wird per E-Mail bekannt gegeben.


Donnerstag, 25. August
2016, 19 Uhr
Radio Corax, Unterberg 11, Halle

Das kämpferische Subjekt
. Aufstieg und Fall des Boxens.
Vortrag und Diskussion von Nils Baratella

Der Boxring gilt als ein kulturell und historisch hervorgebrachter Ausnahmeraum, in dem ein ethisierter, ästhetisierter und reglementierter Kampf aufgeführt wird. Nicht um Gewalt geht es hier, sondern um einen Kampf. Die moderne Vorstellung, dass sich zwischenmenschliche Gewalt zivilisieren lasse, ist keine, die genuin im Sport entsteht.

Vielmehr steht diese Idee im Zentrum moderner Philosophie. Anhand zweier Autoren soll die Entwicklung dieser Idee nachgezeichnet werden: Hegel denkt einen konstruktiven, vergesellschaftenden und vereinheitlichenden „Kampf um Anerkennung“. Gegen diese Vereinheitlichung rebelliert Nietzsche. Bei ihm sollen lange unterdrückte Kräfte des Körperlichen als Gegenentwurf zur Unterwerfung durch Disziplinierung entfesselt werden. Beide Theorien können als entgegengesetzte Pole einer Debatte betrachtet werden: Hegel will die Kämpfe rationalisieren und in Richtung vernünftigerer Verhältnisse führen. Nietzsche will durch Kampf und Gewalt einen kathartischen Reinigungsprozess einleiten.

Zudem rückt mit Nietzsche die Bedeutung des Körperlichen und seiner Aufführung in den Fokus philosophischen Interesses. Gemein ist beiden Theorien die heraklitische Idee des permanenten Werdens im Kampf. Sowohl bei Nietzsche als auch bei Hegel wird das Subjekt der Moderne als ein gespaltenes, zerrissenes, agonistisches Wesen verstanden, das sich in Kämpfen und Konflikten erzeugt. Dieses kämpferische Subjekt zeigt sich in vielfältigen Kulturerzeugnissen - ab dem Beginn des 20. Jahrhunderts auch im Sport. Sportliche Aufführungen, und v.a. das Boxen, gewinnen mit der Jahrhundertwende zunehmend massenwirksame Bedeutung. So ist das Boxen ein Phänomen der (atlantischen) Moderne, deren Ideale, deren „Weltbild“ (Heidegger), es in einer sportlichen Inszenierung sichtbar macht: Nahezu gleiche Gegner treten gegeneinander an, um sich zu duellieren.

Das Ergebnis gleicher Voraussetzungen ist jedoch größtmögliche Ungleichheit: Einer steht, der Andere liegt. Für diesen Kampf haben sich die Boxer geformt, hart an sich gearbeitet und ihr Leben diesem Ziel unterworfen. Die Wut und Aggression der kämpfenden Körper muss durch Regeln kontrolliert werden. Erst wenn die Kämpfer dieses Regelwerk inkorporiert haben, der Ethos des Sports ihre körperliche Praxis durchdringt, sind sie, was sie sein wollen, um die Anerkennung des Gegners und des Publikums gewinnen zu können: Das kämpferische Subjekt Boxer. Der faire Kampf als Ideal der Moderne tritt in vielfältigen Kulturerzeugnissen auf. Doch im Boxen wird es in besonders paradigmatischer körperlicher Weise aufgeführt. Kann dieses Ideal unter heutigen Bedingungen aufrechterhalten werden? Und hat es noch Gültigkeit?

Freitag/Samstag 22.-23. Juli 2016
Der neue deutsche Fußballpatriotismus
Wochenendseminar

Seit dem Weltmeisterschaftssommer 2006 ist eine Abkühlung der Deutschland-Begeisterung zu erkennen. In den öffentlichen Debatten wird zwar der vermeintlich harmlose und weltoffene Patriotismus begrüßt, ganz so „schwarz-rot-geil“ wie zur WM 2006 ist die deutsche Öffentlichkeit jedoch nicht mehr. Die Grüne Jugend kritisiert das massenhafte Zeigen der deutschen Flagge, die die nationale Identität symbolisieren und die Verbundenheit zum Vaterland ausdrücken würde, als hätte sich seit 2006 nichts verändert.

Im Seminar soll analysiert werden, wie sich Fußballpatriotismus und nationale Fankultur gewandelt haben. Außerdem setzt sich das Seminar mit der Theorie des Nationalismus auseinander. Es wird auf die neu erweckte Liebe zur deutschen Nation eingegangen und der Partypatriotismus diskutiert. Darüber hinaus wird die Begeisterung der Deutschen für die isländische Nationalmannschaft beleuchtet und danach gefragt, ob der linke Antinationalismus eine Ideologiekritik auf Höhe der Zeit verstellt.

Die Teilnehmerzahl ist begrenzt. Eine rechtzeitige Anmeldung per E-Mail ist Teilnahmevoraussetzung. Der Seminarort wird per E-Mail bekannt gegeben.

 

11. Juli 2016, 19 Uhr
Melanchthonianum, Uni Halle


Der faschistische Stil. Zur Ideologie und den Strategien der Neuen Rechten
Vortrag und Diskussion mit Matheus Hagedorny

Mit Pegida und dem Aufstieg des völkischen „Flügels“ der AfD steht die Neue Rechte wieder in Rede. Tatsächlich ist die Neue Rechte ein theoretischer und praktischer Katalysator rechtsnationalistischer Politik. Das lässt sich etwa an dem langjährigen intimen Verhältnis aufzeigen, das etwa die Architekten des „Flügels“, die AfD-Landesvorsitzenden Björn Höcke (Thüringen) und André Poggenburg (Sachsen-Anhalt), zu dem bekanntesten neurechten Aktivisten, Götz Kubitschek, unterhalten.

Dessen Rittergut Schnellroda im südlichen Sachsen-Anhalt ist innerhalb von fünfzehn Jahren zum mythologisch verklärten Anziehungspunkt der Neuen Rechten geworden, wo ein prosperierender Kleinverlag, eine tonangebende Zeitschrift und ein Institut zur Kaderschulung zusammenwirken. „Schnellroda“, unter Rechten zum Ausdruck geronnen, inspiriert ein wachsendes Milieu. Dabei sind die Kubitscheks und Höckes keineswegs originelle Denker und Strategen. Sie imitieren lediglich schablonenhaft altbekannte Vorbilder und geben sich einer heroischen Revolutionsromantik hin.

Die gegenwärtigen Themen der Neuen Rechten, zuvorderst die Feindschaft gegen Flüchtlinge, aber auch Antifeminismus und Geschichtsrevisionismus, sind nur Erscheinungsformen einer prinzipiellen Ablehnung der als „liberal“ gescholtenen bürgerlich-demokratischen Verhältnisse. Im Vortrag soll dies anhand einiger klassischer Autoren der Neuen Rechten, etwa Armin Mohler und Carl Schmitt, sowie mittels einiger aktueller Veröffentlichungen aus den szeneeigenen Verlagen und Zeitschriften aufgezeigt werden.

Matheus Hagedorny lebt und arbeitet in Leipzig und Berlin und schrieb zuletzt für die Wochenzeitung Jungle World über die „rechtsintellektuelle“ Szene.

Die Veranstalter behalten sich vor, Personen, die rechten Parteien oder Organisationen angehören, der rechten Szene zuzuordnen sind oder bereits in der Vergangenheit durch rassistische, antisemitische, nationalistische oder sonstige menschenverachtende Äußerungen in Erscheinung getreten sind, den Zutritt zur Veranstaltung zu verwehren oder von dieser auszuschließen.

7. April 2016, 19:00 Uhr
Melanchthonianum, Universitätsplatz Halle
Die Volkspartei des gesunden Menschenverstandes. Zum Erfolg der AfD.
Vortrag und Diskussion mit David Schneider.

Vom Herkommen der Flüchtlinge profitieren nicht nur notstandsverliebte Helferdeutsche, Sicherheitsdienste oder das niedrigschwellige Hotelgewerbe, sondern auch die neue deutsche Problempartei, die AfD. Während die Reaktion des politischen Personals der Berliner Republik noch zwischen Maßregelung und Beschimpfung schwankt, verlangt das ganz helle Deutschland „Notstandsgesetze gegen den Mob“ (Mely Kiyak). Die vollends Verzweifelten hören schon Hitlerstimmen, NS-Vergleiche florieren von der Dorfantifa bis zur Comedyshow im TV, wobei nicht auszumachen ist, ob dabei die Absicht, den nationalsozialistischen Vernichtungsantisemitismus zu verharmlosen, oder einfach nur schnöde Ahnungslosigkeit überwiegt. „Das schlimmste Kapitel unserer Geschichte darf sich nicht wiederholen“, warnte Gregor Gysi nach den Kommunalwahlen in Hessen, vergaß aber vor lauter Kummer zu erwähnen, dass die Kriegserklärungen gegen Israel bis dato vornehmlich aus seiner eigenen Partei kommen.
CDU-Mann Günther Oettinger, der in schweren Zeiten nicht an Hitler, sondern an die Gefahren des Ehelebens denkt, tat kund, dass er sich „heute Nacht noch erschießen“ würde, wenn „die komische Petry“ seine Frau wäre. Oettinger steht mit diesem versuchten Witz, der in erster Linie ein alarmierendes Anzeichen für den Geisteszustand desjenigen ist, der ihn erzählt, durchaus exemplarisch für die Distanzlosigkeit und die Neigung zum Schamlos-Asozialen in der aktuellen Auseinandersetzung rund um die AfD. Dabei ist die Empörung der Demokraten ein wenig erstaunlich, denn unter den Parolen der „Volkspartei des gesunden Menschenverstandes“ (Bernd Lucke) findet sich kaum eine, die nicht auch in abgeschwächter Form in den anderen Parteien auftaucht. Genützt hat das kollektive Empören allerdings nichts. Die AfD, die als Partei zur Abschaffung des Euro angetreten ist, inzwischen aber erkannt hat, dass der Schrei nach einem Stopp der Zuwanderung noch besser ankommt als eurokritisches Mosern, sitzt seit dem 13. März 2016 in drei weiteren Landtagen. In Sachsen-Anhalt wurde sie mit über 24 Prozent sogar zweitstärkste Kraft.
Teil der momentanen Erfolgsgeschichte ist auch, dass einer wie Björn Höcke, der beim Rumfuchteln auf ostdeutschen Marktplatzbühnen wie eine schlecht inszenierte Parodie auf einen linkischen Volkstribun wirkt, seinen Hang zu blond bezopften Germanengirls, deutschen Wäldern und völkischen Visionen dank der aktuellen Flüchtlingssituation vor ein paar Zuhörern mehr ausleben kann. Ob der patriotischen Szene, die sich in der AfD sammelt, mittelfristig irgendeine gesellschaftlich relevante Bedeutung zukommen wird, wie antifaschistische Rechercheteams und Politologen mit dem Arbeitsschwerpunkt „Neue Rechte“ einhellig behaupten, bleibt abzuwarten.
Entscheidend für den Erfolg der AfD ist aber nicht der Volks- und Vaterlandskitsch, sondern ihr Format. Wer wissen will, was die Partei übers Flüchtlingsthema hinaus so attraktiv macht, braucht nur einen Blick in den hauseigenen Internetfanshop zu werfen. Neben T-Shirts mit der Aufschrift „Mut-Bürger“, mit denen man sich an potentielle Käufer wendet, die nicht nur das Gespür für Peinlichkeit, sondern die Kontrolle über ihr Leben verloren haben müssen, kann man dort ein sechsteiliges Plakatset zum stolzen Volksverarschungspreis von 9,95 Euro erwerben, das die gedruckte Botschaft „Ändern Sie nicht ihre Meinung. Ändern Sie die Politik!“ beinhaltet. Die Aufforderung, die eigene Meinung absolut zu setzen, ist Seelenbalsam für den sich ausbreitenden Typus des enthemmten Subjektivisten. Das nachbürgerliche Subjekt, das es zum rechthaberischen Politisieren treibt, kompensiert seine reale Ohnmacht durch die affektive Besetzung der eigenen Meinung, deren triumphale Inszenierung das Gefühl verschafft, zu denen zu gehören, die wissen, wo es lang geht. Die zum Selbstzweck verdinglichte Meinung gerät mangels anderer Lustquellen inmitten des freudlosen Daseins zum triebökonomischen Dreh-und Angelpunkt des narzisstisch deformierten Individuums. Befeuert wird die verbissene und gegen jede Erfahrung abgedichtete „Allwissenheit des Trottels“ (Karl Kraus) durch die sozialen Netzwerke, wo Leute, die vor einigen Jahren noch alleine am Tresen saßen, weil ihrem Gekeife keiner zuhören konnte, nicht nur auf Gleichgesinnte treffen, sondern auch feststellen, dass die verbale Enthemmung immerhin Reaktionen provoziert.
Dass die in der Flüchtlingsdebatte aufgeführten Ängste der chronisch Besorgten oftmals nur ein Vorwand fürs Ausleben futterneidischer Aggression gegen die als Eindringlinge mit grundlegend böser Absicht befehdeten Flüchtlinge ist, heißt unterdessen nicht, dass zur Beunruhigung kein Anlass bestünde. Angesichts der genauso planlosen wie stimmungsabhängigen Integrationspolitik und eines parteiübergreifenden Kulturrelativismus, der sich am drastischsten im moralisch korrupten Rankumpeln an den Islam zeigt, ist nicht auszuschließen, dass von den jährlich Hunderttausenden, die aus islamischen Ländern hierherkommen, etliche als personeller Nachschub für die islamischen Parallelgesellschaften fungieren. Wo die berechtigte Aversion gegen die AfD dazu führt, dass zur weitaus größeren Bedrohung durch den Islam geschwiegen oder antirassistisch rumgeeiert wird, schlägt sie um in offenen Aufklärungsverrat.

David Schneider ist Autor der Berliner Zeitschrift Bahamas.

 

27. Oktober 2015, 19:00 Uhr
Melanchthonianum, Universitätsplatz Halle

Das letzte Gefecht. 25 Jahre: Nie wieder Deutschland!
Vortrag und Diskussion mit Jan-Georg Gerber

„Nie wieder Deutschland!“ – Unter diesem Motto mobilisierte die außerparlamentarische Linke vor 25 Jahren, im Mai 1990, strömungsübergreifend auf den Frankfurter Opernplatz, um gegen die deutsche Wiedervereinigung zu protestieren. 20.000 Menschen folgten dem Aufruf. Wenige Monate später war diese ungewohnte Harmonie vorbei: Es brachen jene Konfliktlinien auf, an denen sich die außerparlamentarische Linke in den nächsten beiden Jahrzehnten gruppieren sollte. In personeller Hinsicht fiel man in die Bedeutungslosigkeit. Gruppierungen, die seit mehr als zwanzig Jahren bestanden hatten, lösten sich auf; die Linke geriet in eine der größten Krisen ihrer Geschichte. Dieser Umstand verwundert zunächst. So hatten APO und Co. dem Honecker-Regime und den anderen Staaten des „real existierenden Sozialismus“ in der Regel kritisch bis feindselig gegenübergestanden. Es stellt sich damit die Frage, warum die außerparlamentarische Linke ausgerechnet durch das Ende der DDR, die deutsche Wiedervereinigung und den Untergang des Ostblocks in einen Schockzustand fiel. Und: Warum hat sie sich auch heute, mehr als ein Vierteljahrhundert später, noch nicht von diesem Schock erholt? Um hierauf antworten zu können, ist sowohl ein Blick auf die Zeit des Kalten Krieges als auch eine Auseinandersetzung mit jenen drei Begriffen nötig, die nach wie vor im Zentrum des linken Selbstverständnisses stehen: Revolution, Antifaschismus, Antiimperialismus.

Jan Gerber ist u.a. Autor der Bücher „Das letzte Gefecht – Die Linke im Kalten Krieg“ (XS-Verlag: Berlin 2015), das bei gleicher Gelegenheit vorgestellt werden soll, und „Nie wieder Deutschland? Die Linke im Zusammenbruch des realen Sozialismus“ (ça ira: Freiburg 2010). Mit Anja Worm hat er zuletzt Texte von Michael Landmann neu herausgegeben: „Das Israelpseudos der Pseudolinken. Mit einem Vorwort von Henryk M. Broder“ (ça ira: Freiburg 2013).

 

10. November 2015, 19:00 Uhr
Melanchthonianum, Universitätsplatz Halle

Deutschland im Flüchtlingswahn
Vortrag und Diskussion mit Frank Kucharsky und Harald Finke

Zwischen Bäcker, Kiosk und Mensa, seit Wochen scheint es für die Bundesbürger nur ein Gesprächsthema zu geben: Die Flüchtlingskrise. In Radio und Fernsehen folgen auf Berichte über hysterische Menschen, die jeden neuen Migranten mit Applaus, Äpfeln und Altkleidern frenetisch willkommen heißen, als wären sie die Geretteten, die ihre Retter empfangen, Meldungen über angezündete Flüchtlingsheime und randalierende Neonazis, die zuweilen an die frühen Neunzigerjahre erinnern. Begleitet werden die Nachrichten von ständig aktualisierten Zahlenprognosen über die erwarteten Flüchtlinge. Haben Einschätzungen des Bundesamtes für Migration und Flüchtlinge den Bundesinnenminister Thomas de Maizière noch von 800.000 Asylsuchenden sprechen lassen, mit denen bis Jahresende zu rechnen sei, erhöhte wenig später Vizekanzler Siegmar Gabriel bereits auf eine Million. Jüngst erklärte Mecklenburg-Vorpommerns Innenminister Lorenz Caffier, dass er mit bis zu 1.5 Millionen Flüchtlingen rechne, nachdem Bild die Zahl in Umlauf gebracht hatte. Die Zeitung kolportierte zudem, dass über 6.5 Millionen Menschen ihren geflohenen Familienangehörigen nachreisen könnten. Deutschland befindet sich offensichtlich längst im Flüchtlingswahn und probt den Ausnahmezustand.

Bei der Veranstaltung soll es um die Beweggründe hinter der gewaltigen Mobilisierung von Manpower und Sachspenden gehen, die derzeit zu beobachten ist. Woher kommt der massenhafte Wunsch zu helfen, der selbst Menschen zu überkommen scheint, die nicht für Mitgefühl bekannt sind (bspw. Til Schweiger). Wie ist es um die bundesdeutschen Verhältnisse bestellt, wenn inzwischen fast alle Medien, wie die Antideutschen vor zehn Jahren, von Dunkeldeutschland sprechen, wenn sie über Freital und Heidenau berichten? Gleichzeitig stellt sich die Frage, was es mit der – zwischenzeitlich für unwahrscheinlich gehaltenen – Wiederkehr des militanten Fremdenhasses auf sich hat, der sich zwar hauptsächlich im Osten der Republik austobt, aber auch längst im Westen zu beobachten ist. Handelt es sich tatsächlich nur um ein Ostproblem, um das Comeback eines an sich antiquierten Phänomens? Und woher kommt das merkwürdige Nebeneinander von Hetze und Hilfe, mit denen man hierzulande auf die Flüchtlingskrise reagiert?

 

5. Dezember 2015
Burse zur Tulpe am Universitätsplatz, Halle (Saale)
Das Nachleben des Nationalsozialismus

Konferenz der AG Antifa

70 Jahre nach Kriegsende: Die alten Nazis, die das öffentliche Leben der Bundesrepublik lange prägten, sind tot, die Staatsdoktrin heißt Antifaschismus. So gilt der 8. Mai 1945 den Deutschen längst nicht mehr als Datum der Niederlage, sondern als Tag der Befreiung. Die Bundeskanzlerin nutzte jüngst selbst ihre Neujahrsansprache, um zum Kampf gegen Neonazis und andere tatsächlich oder vermeintlich Ewiggestrige aufzurufen. Hunderttausende folgten ihrem Appell und gingen gegen Pegida und Co. auf die Straße. Wer die ausländerfeindlichen Aufwallungen der letzten Monate, so widerwärtig sie auch sind, vor diesem Hintergrund zu Vorboten eines neuen ’33 erklärt, tut das, was den Konservativen oft von linker Seite vorgeworfen wurde: Er relativiert den Nationalsozialismus.

Eine ähnliche Verharmlosung betreiben auch diejenigen, die die gegenwärtige deutsche Außenpolitik immer nur mit der des „Dritten Reiches“ assoziieren. Die Imperative, die in der einstigen Reichshauptstadt in internationaler Hinsicht formuliert werden, heißen nicht mehr Eroberungswillen und Kampfesmut, sondern Friedensstiftung und Ausgleich. Die Bundesrepublik steht dementsprechend, wie vor einiger Zeit ermittelt wurde, auf dem ersten Platz der Länder, die weltweit das größte Ansehen und die größten Sympathien genießen.

Aus all diesen Gründen stellt sich eine Reihe von Fragen: Lässt sich 70 Jahre nach dem Untergang des „Dritten Reiches“ und 25 Jahre nach dem Ende der Nachkriegsordnung noch von jenem Nachleben des Nationalsozialismus in der Demokratie sprechen, das Theodor W. Adorno einst für gefährlicher hielt als gegen sie gerichtete Bestrebungen? Was hat sich im Verhältnis von Kontinuität und Bruch, das die Beziehung der Bundesrepublik zum NS-Staat einmal bestimmte, verändert? In welchem Verhältnis steht das neue Deutschland, das sich modern, weltoffen und geschichtsbewusst gibt, also zum Nationalsozialismus? Und was hat sich am deutschen Blick auf die Vergangenheit verändert? Diesen Fragen soll auf drei Podien nachgegangen werden.

Podium 1: 13:00–14:30 Uhr
Nationalsozialismus – Das Ende der Geschichte
Robert Zwarg (Leipzig) fragt angesichts interessierter Missverständnisse: War der Nationalsozialismus ein Nationalismus?
Jan-Georg Gerber (Halle) stellt Nationalsozialismus und Stalinismus gegenüber, um den Begriff der NS-Herrschaft zu schärfen: Willkür und Kalkül.

Podium 2: 15:00–16:30 Uhr
Erinnerung – German Gedenken
Jan Singer (Berlin) führt aus, warum die Erinnerung an den Holocaust und das Gedenken an das Leiden der Wehrmachtssoldaten so gut zueinander passen: Unsere Opfer, unsere Täter.
Justus Wertmüller (Berlin) kritisiert die antideutsche Feld-, Wald- und Wiesenauffassung des Nationalsozialismus: Von der Kritik zur Parole.

Podium 3: 17:00–18:30 Uhr
Postnazismus – Past and Present
Johannes Alberti (Halle) fragt, was im Karneval der Kulturen an die Stelle der autoritären Persönlichkeitsstruktur getreten ist: Wo wohnt eigentlich der autoritäre Charakter?
Uli Krug (Berlin) fragt, was aus der mobilisierten Gesellschaft geworden ist: Demokratische Volksgemeinschaft revisited.

 

 

18. Juli 2015, Halle (Saale)
Neonaziszene in Sachsen-Anhalt
Tagesseminar

Seit gut einem Jahr macht die Kameradschaft „Brigade Halle“ von sich reden, die in Halle-Silberhöhe gegen Roma (nicht nur verbal) agitiert. In Bitterfeld gründete sich ein Ableger („Brigade Bitterfeld“), die insbesondere gegen Linke vorgeht. In Merseburg kommt es immer wieder zu fremdenfeindlichen Übergriffen. Vor diesem Hintergrund beschäftigt sich der Seminartag mit den regionalen Organisationsstrukturen von Neonazis in Sachsen-Anhalt, den Zielsetzungen und Aktivitäten. Dabei soll einerseits die Frage beleuchtet werden, welche personelle und strukturelle Kontinuität in der Szene besteht. Andererseits werden die zentralen Themen, Veranstaltungsformen, und szenespezifischen Höhepunkte der regionalen Neonaziszene analysiert.

Achtung: Anmeldung per Mail erforderlich!

 

9. Juli 2015, 19:00 Uhr
Neuwerk 7, Burg Giebichstein Kunsthochschule, Halle (Saale)

My home is my castle. Burg Giebichenstein: Hundert Jahre konformistische Rebellion

In diesem Jahr feiert die Kunsthochschule Burg Giebichenstein ihr hundertjähriges Jubiläum. – als Familie, wie es heißt. Aber schon in der offiziellen Festwoche kam es zum Bruch zwischen Lehrstuhl und Stura. Studenten störten ein Festbankett für geladene Gäste. Die Begründung: Ein derart opulentes Mahl würde den Idealen der Kunsthochschule widersprechen, die Nachhaltigkeit und Authentizität predige. Noch Tage später gab es zwischen Burg und Neuwerk nur ein Gesprächsthema. Im Studentencafé Konsum spielte eine Angestellte ein eingesprochenes Band ab, in dem das Festbankett u.a. als dekadent bezeichnet wurde. Es folgte die trotzige Ankündigung, die Professoren trotzdem bedienen zu wollen. – als liege dies im Ermessen des Cafépersonals. Der Stura witterte eine Elitenbildung, welche den Familienzusammenhalt an der Burg gefährden würde. In einer wirren Rund-E-Mail beschwor er die Gemeinschaft.

Es sind Kleinigkeiten, die in der Sippschaft schwelende Konflikte ausbrechen lassen. Der Bankettsturm und die folgende Entrüstungswelle gewähren einen tiefen Einblick in die Beziehungsstruktur und Rollenverteilung innerhalb der Burgfamilie. Es bietet sich eine gute Möglichkeit, um ein folgenschweres und hartnäckiges Missverständnis über die Burg im hundertsten Jahr ihres Bestehens aus dem Weg zu räumen. Denn auch wenn die Kunsthochschulangehörigen jede Gelegenheit nutzen, um sich als unbequeme Querdenker zu inszenieren; Das Prinzip Burg beruht nicht auf Eigensinnigkeit, sondern auf dem genauen Gegenteil: Der Bereitschaft bei allem mitzumachen, dabei aber stets noch eine Schippe draufzulegen. Mit ihrer Rebellion am Festbankett haben die Burgstudenten endgültig bewiesen, dass sie den Konformismus ihrer Professoren noch überbieten möchten.

NACHHOLTERMIN
27. Juni 2015
Halle (Saale)

German Gedächtnis – Die Verwandlung der Erinnerung
Tagesseminar

Es ist noch nicht lange her, da basierte die offizielle deutsche Erinnerungspolitik auf einer Mischung aus Verharmlosung und zurückhaltender Rechtfertigung der deutschen Verbrechen im Zweiten Weltkrieg. Der 8. Mai galt nicht als „Tag der Befreiung“ vom Nationalsozialismus, sondern als Datum der Niederlage. Mit der bekannten Rede des jüngst verstorbenen Bundespräsidenten Richard von Weizsäcker zum 8. Mai 1985 zeichnete sich eine Trendwende ab, die ihren vorläufigen Höhepunkt in der Aussage des neuen Bundespräsidenten Joachim Gauck fand, dass Auschwitz Teil der deutschen Identität sei. Die deutschen Verbrechen werden damit nicht mehr geleugnet, sondern man bekennt sich offen zu ihnen. Doch taugt Auschwitz tatsächlich als Grundlage „nationaler Identität“? Was bedeutet es, wenn ein Massenverbrechen zur Basis nationalen Selbstverständnisses wird? Und was soll „nationale Identität“ überhaupt sein? Diese und andere Fragen werden im Rahmen des Tagesseminars über die Verwandlung der deutschen Erinnerungskultur diskutiert.

Im Vorfeld der Veranstaltung wird ein Reader verschickt. Aufgrund der begrenzten Teilnehmerzahl bitten wir um rechtzeitige Anmeldung.

 

16. April 2015, 19 Uhr
Melanchthonianum, Halle (Saale)

Der Nazi, der keiner war. Ein Alternativgutachten über Emil Abderhaldens Rolle im Nationalsozialismus.

Vortrag und Diskussion mit Knut Germar (Halle)

Kurz vor Bezug des Geistes- und Sozialwissenschaftlichen Zentrums (GSZ) der hallischen Universität in der Emil-Abderhalden-Straße spaltet ein Streit um den Straßennamensgeber die Öffentlichkeit. In einem offenen Brief forderte eine Gruppe hallischer Wissenschaftler im Herbst 2013 den Stadtrat auf, die Straße umgehend mit einem neuen Namen zu versehen. Abderhalden, der die Deutsche Akademie der Naturforscher Leopoldina von 1932 bis 1945 leitete, sei „nachweislich“ ein „Rassist der ersten Stunde“ und ein „überzeugter rassentheoretisch argumentierender Eugeniker“ gewesen. Die Abderhalden-Straße als Postanschrift des GSZ sei deshalb, so der der Politikwissenschaftler und Initiator des Professorenprotests Johannes Varwick, „ein Skandal erster Ordnung“, man könne „einen Altnazi nicht würdigen“. Während die eine Seite in Abderhalden einen lupenreinen Nationalsozialisten erkannt haben will, loben die Gegner einer Straßenumbenennung Abderhaldens soziales Engagement und betrachten ihn, wie der hallische Historiker Henrik Eberle, als „Menschenfreund“, der „die Welt verbessern“ wollte.

Eigentlich hätte die Debatte um die Namensänderung im Sommer 2014 fortgesetzt werden sollen, da für diesen Zeitpunkt ein von der Leopoldina angekündigtes Gutachten endgültig über Abderhaldens Rolle im Nationalsozialismus aufklären sollte. Da sich die Nationale Akademie der Wissenschaften mit ihrem früheren Chef offenbar schwer tut und die Studie noch immer nicht erschienen ist, hat die AG Antifa ihr eigenes Gutachten in Auftrag gegeben. Der renommierte Lokalhistoriker Knut Germar wird in der Veranstaltung nicht nur seine Ergebnisse erstmals der Öffentlichkeit vorstellen. Er wird auch erläutern, warum die Befürworter der Umbenennung falsch liegen und die Abderhalden-Freunde besser schweigen sollten.


30. Januar 2015, 19:00 Uhr
Veranstaltungsraum Radio Corax, Am Unterberg 11, Halle

„I don’t like Mondays“ – Deutschland, Pegida und der Islamische Staat
Vortrags­ und Diskussionsveranstaltung mit Lothar Galow-Bergemann (Stuttgart, emafrie.de) und Vertretern der AG Antifa (Halle)

Es gibt kaum einen namhaften Politiker, der sich in den vergangenen Wochen nicht kritisch zu den Aufmärschen der „Hooligans gegen Salafisten“ (Hogesa) und den Montagsdemonstrationen der Dresdner „Patriotischen Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“ (Pegida) geäußert hat. Bundespräsident Gauck bezeichnete die Demonstranten als „Chaoten“; Sigmar Gabriel (SPD) sprach von einer „Schmutzkampagne“. Die Kanzlerin nutzte selbst ihre Neujahrsansprache, um vor Pegida zu warnen. Diese Stellungnahmen zeigen zwar, dass in nächster Zeit weder mit jenem „Bündnis von Mob und Elite“ zu rechnen ist, das Anfang der neunziger Jahre existierte. Noch wird das Ressentiment gegen Moslems zur neuen deutschen Leitkultur, wie einige Journalisten befürchten: Auch nach den Anschlägen von Paris gingen bundesweit mehr als 200.000 Menschen auf die Straße, um gegen Pegida zu demonstrieren. Allein die Vehemenz, mit der sich Vertreter aller im Bundestag vertretenen Parteien zu den Dresdner Aufmärschen äußern, sprechen jedoch dafür, dass sie dem Bündnis weiteres Mobilisierungspotential zutrauen. Tatsächlich gibt es in zahlreichen Städten – von Bonn über Düsseldorf bis nach Leipzig und Magdeburg – Nachahmer; auch bei den Pegida­Demonstrationen zeichnet sich noch kein Rückgang der Teilnehmerzahlen ab: Hatte der erste Aufmarsch im Oktober 2014 nur 350 Teilnehmer, waren es Anfang Januar bereits mehr als 20.000.

Aus all diesen Gründen hat sich die AG Antifa in Kooperation mit den Antifanews auf Radio Corax entschlossen, die bereits angekündigte Veranstaltung zur Vorstellung einer Broschüre mit Texten hallischer Antifa­Gruppen aus den Jahren 2000 bis 2014 zur Diskussion folgender Fragen zu nutzen: Woher kommen Hogesa, Pegida & Co.? Wie ist der Zuspruch zu erklären, den sie erfahren? Warum ist der Mobilisierungserfolg der Initiative in Dresden so groß, während Pegida-Ableger in anderen Städten bisher keinen so großen Zuspruch erfahren? Vor welchen Herausforderungen theoretischer wie praktischer Art steht Antifaschismus heute? Wie hilfreich und wie problematisch ist dafür die so genannte „Islamdebatte“? Inwiefern können Begriffe wie „Islamismus“, „Islamophobie“ oder „Islamkritik“ dazu beitragen, die Problemlage zu erfassen? Warum ist eine konservativ-orthodoxe Interpretation der Religion in muslimischen Communities so stark präsent? Wie ist schließlich ein emanzipatorischer Anspruch inmitten einer zunehmend verrückter werdenden Umgebung zu formulieren? Und wie kann er praktisch werden?

Die genannte Broschüre wird bei der Veranstaltung selbstverständlich ebenfalls erhältlich sein.

Eine Veranstaltung im Rahmen der Antifanews auf Radio Corax (http://959.radiocorax.de/) und der AG Antifa (antifa.uni-halle.de)

 

20 Jahre AG Antifa
Antifaschistische Hochschultage im Wintersemester 2014/2015

30. Oktober 2014, 19:00 Uhr
Reilstraße 78, Halle
Infantile Inquisition – Die neuesten Übergriffe der Definitionsmacht
Vortrag und Diskussion mit Justus Wertmüller (Berlin)

Linke Partys gleichen Bürgerkriegen: Überall drohen Gewalttätigkeiten, Übergriffe und Vergewaltigungen. Selbst beim Gang zur Bar oder zur Toilette ist mit zutiefst traumatisierenden Erlebnissen zu rechnen. Das legen zumindest die zahllosen Plakate, Flyer und Broschüren nahe, mit denen die erwarteten Gewalttäter von ihren Plänen abgehalten und potentielle Opfer gewarnt werden sollen. Tatsächlich ist alles ganz anders: In der Regel sind die einschlägigen Partys nicht nur friedlich, sondern auch noch langweilig. Wenn ein Gast ausnahmsweise einmal verbal entgleist, sind die obligatorischen „Haus-Plena“ und „Veranstaltungsgruppen“ über Wochen hinweg damit beschäftigt, über den Vorfall zu diskutieren. Die Warnungen vor Übergriffen, Entgleisungen, zu viel Alkoholkonsum usw., die in jüngster Zeit vor allem von so genannten „Awareness-Teams“ verbreitet werden, haben weniger mit der Realität als mit spezifischen Vorstellungen von Sexualität und Subjektivität zu tun. Sie zeigen vor allem, wie schlecht es inzwischen um das Individuum bestellt ist. Die traditionelle autonome Rede von der „Definitionsmacht“, die allein das subjektive Empfinden zum Kriterium für die Bewertung der Außenwelt gelten lassen will, hat sich entgrenzt.

Justus Wertmüller ist Redakteur der Zeitschrift „Bahamas“. Zusammen mit Uli Krug verfasste er 2000 den Aufsatz „Infantile Inquisition“, in dem die linken Vorstellungen von Sexualität nicht allein kritisch hinterfragt sondern zugleich als Indikator für den Verfall des Individuums herausgestellt werden.

19. Dezember 2014
VL, Ludwigstraße 37, Halle
20 Jahre AG Antifa – Party
20 Uhr: „Was heißt Antifaschismus heute?“ (Podiumsveranstaltung)
Anschließend:
The Love Dictators, Eurodance (Moldawia),
DJ Sören Glutamat, 50s, 60s (Berlin) u. weiterer DJ




22. Januar 2015, 19:00 Uhr
Melanchthonianum, Universitätsplatz Halle
Aufstieg und Fall des Individuums
Vortrag und Diskussion mit Gerhardt Stapelfeldt

Für Marx und den Marxismus nach Marx ist der Zusammenhang von Krise und befreiender theoretischer sowie praktischer Kritik noch selbstverständlich. Daß der dialektische Widerspruch gegen widerspruchsvolle Verhältnisse ohne den Kontext „revolutionärer Praxis“ möglich sei, ist für Marx in der Epoche des Liberalismus undenkbar. Der Marxismus der Zweiten Internationale erkennt, in der Epoche des Imperialismus, die Möglichkeit der Kritik in der befreienden Kraft der Produktivkraft-Entwicklung. Jeweils scheinen fundamentale Krisen des „Systems der bürgerlichen Ökonomie“ den gesellschaftsgeschichtlichen Fortschritt zum „Verein freier Menschen“ zu produzieren.
Aber schon 1923 erkennen Karl Korsch und Georg Lukács, nach der gescheiterten Revolution, eine Krise der Arbeiterbewegung und des Marxismus. Zwischen 1926 und 1933 explizieren Max Horkheimer und Wilhelm Reich die „Ohnmacht“, die „Niederlage der deutschen Arbeiterklasse“. Im Rekurs auf die Psychoanalyse wird am Vorabend und nach der Großen Depression von 1929/33 die Auflösung des Zusammenhangs von Krise und revolutionärer Kritik: die nationalsozialistische „konformistische Revolte“, reflektiert. Der Konformismus: das ist eine Volksgemeinschaft, in der der Einzelne ohne gesellschaftliches Bewußtsein, daher zu gesellschaftlich-solidarischem Widerspruch und Widerstand unfähig ist. Die Gemeinschaft erweist sich als irrationaler Zusammenhang ent-individualisierter, autoritärer Charaktere, die allenfalls die Verallgemeinerung, nicht die Abschaffung gesellschaftlicher Repression realisieren. So schreitet der an der Psychoanalyse gebildete Marxismus von der Kritik der Politischen Ökonomie fort zur Kritik des irrationalen Rationalismus – zur „Kritik der instrumentellen Vernunft“ – und zur Kritik der bürgerlichen Anthropologie. Ohne die gesellschaftlich gegründete Idee des Individuums, das sich als „ensemble der gesellschaftlichen Verhältnisse“ weiß, ist – erkennen die Kritischen Theoretiker – die einst erhoffte „proletarische Erhebung“ verstellt. Daher bedürfe es der praktisch gerichteten Aufklärung des „Aufstiegs und Falls des Individuums“.

Gerhard Stapelfeldt lehrte von 1979 bis 2009 am Institut für Soziologie der Universität Hamburg und ist Autor diverser Bücher u.a. „Aufstieg und Fall des Individuums“ (ça ira Verlag 2014).



13. Februar 2015, 20 Uhr

VL, Ludwigstraße 37, Halle
Der Weg der Arbeiterklasse ins Paradies (1971, Italien)
Filmvorführung mit einer kurzen Einleitung von Uli Krug

Lulù Massas Denken kreist darum, den Akkord zu schaffen: Nicht nur sich selber betrachtet er als lebende Fabrik, für ihn stellt die Fabrik die grundlegende Ordnung des Lebens an sich dar. Kein Wunder, dass er bei seinen Kollegen wenig beliebt ist, dass er seiner Frau auf die Nerven fällt und dass er unter Magengeschwüren und chronischer Müdigkeit leidet. Die kostet ihn schließlich an der Stanzmaschine einen Finger. Lulùs auf Effektivität fixierte Welt bricht zusammen, sein Verhalten ändert sich radikal: Er wird zum Protagonisten eines wilden Streiks und holt die vor den Betriebstoren agitierenden Studenten in seine Wohnung. Doch was zunächst wie ein Befreiungsschlag aussieht, endet in einem Desaster. Der Streik wird abgewiegelt, die Studenten ziehen sich zurück, Lulù verliert seinen Job, seine Frau und seinen Verstand – doch wie sich herausstellt, braucht es den ja auch gar nicht, um schließlich doch wieder weiter in der Fabrikwelt zu funktionieren,…

Regisseur Elio Petri (1929–1982) begann seine Karriere 1949 als Filmkritiker des KPI-Zentralorgans „l’Unita“, wurde bald darauf Drehbuchautor für Giuseppe De Santis, einen der Köpfe des neorealistischen Kinos, und gelangte auf diesem Weg selber auf den Regiestuhl: Nach eigenem Bekunden waren die Macht und die Neurose die Lieblingsthemen des sensiblen Pessimisten Petri, der auf die Revolution durch aufgeklärte Massen hoffte – den Revolutionären aber tief misstraute.

Uli Krug ist Redakteur der Zeitschrift Bahamas.

 

 

10. Juli 2014, 19:00 Uhr
Veranstaltungsraum Radio Corax, Unterberg 11, Halle

Wenn der Wahnsinn epidemisch wird. Die neuen Montagsdemonstrationen.
Vortrag und Diskussion mit Jan-Georg Gerber

Die Demonstranten, die sich seit März jeden Montag in mehr als sechzig Städten der Bundesrepublik zusammenfinden, um gegen einen möglichen Krieg in der Ukraine zu protestieren, sind sich einig: Für die Auseinandersetzungen auf dem Kiewer Majdan, die Kämpfe in Donezk und alle anderen Übel der Welt sind der Westen und Amerika verantwortlich. Auch die Parole von der Schuld der Juden macht allenthalben die Runde: Die regelmäßig zu hörende Rede über „die Fed“, die US-Notenbank, hat das Lamento über die „amerikanische Ostküste“ abgelöst. Sie ist zur beliebtesten Chiffre für die die vermeintlich jüdisch kontrollierte Finanzwelt geworden. Daneben haben einige Demonstranten auch noch andere Theorien im Repertoire: Einige glauben, dass den Kondensstreifen von Düsenflugzeugen Chemikalien beigemengt sind, die den Menschen ihre politische Widerstandskraft rauben, andere sind davon überzeugt, Bürger des 1945 untergegangenen Deutschen Reichs zu sein. All diese Vorstellungen bewegen sich unter dem Niveau von Kritik. Zumindest die Vordenker der Proteste scheinen aufgrund ihrer offenkundigen Verrücktheiten weniger ein Gegenstand von Ideologiekritik als ein Fall für den Psychologen zu sein. Das Tragische ist, dass den Protesten wohl auch auf der Therapeutencouch oder im Patientenstuhl nicht wirklich beizukommen ist. Um dem Phänomen der neuen Montagsdemonstrationen auf den Grund gehen zu können, muss vielmehr die Gesellschaft in den Blick genommen werden, die den Wahnsinn immer wieder aus sich selbst heraus erzeugt. Aus diesem Grund wird im Rahmen der Veranstaltung sowohl von der deutschen Spezifik der Proteste als auch vom System der Wertvergesellschaftung zu sprechen sein.

Jan-Georg Gerber ist freier Journalist und schreibt u.a. für „Bahamas“ und „Jungle World“.
Eine Veranstaltung der AG Antifa Halle und der Materialien zur Aufklärung und Kritik

Die Veranstalter behalten sich vor, Personen, die rechten Parteien oder Organisationen angehören, der rechten Szene zuzuordnen sind oder bereits in der Vergangenheit durch rassistische, antisemitische, nationalistische oder sonstige menschenverachtende Äußerungen in Erscheinung getreten sind, den Zutritt zur Veranstaltung zu verwehren oder von dieser auszuschließen.


Wahn und Verschwörung – Die antisemitische Internationale

Antifaschistische Hochschultage im Sommersemester 2014


15. April 2014, 19:00 Uhr
Melanchthonianum, Universitätsplatz Halle

Ewiges Rätsel Antisemitismus - Warum der Materialismus sich am Judenhass die Zähne ausbeißt
Vortrag und Diskussion mit Philipp Lenhard (München)

Die Vorstellung, die Juden seien selbst für den Antisemitismus verantwortlich, ist eine Rationalisierung des Hasses. Sie folgt der Logik, eine Strafe setze ein Verbrechen voraus, und hält damit den Wahn des Antisemiten von vornherein für realitätsgerecht. Die Verschiebung der Schuld auf die Juden ist somit selbst nichts anderes als Judenfeindschaft. Irgendetwas sei schon dran am Antisemitismus, wenn er seit ewigen Zeiten bestehe und von so vielen gebildeten Leuten geteilt werde. Das zu Begründende erweist sich als unbegründbar, weil es sich durch seine bloße Existenz zu legitimieren scheint. An dieser Stelle ist eine Grenze der Aufklärung erreicht, die es unmöglich macht, an die Vernunft des Sprechenden zu appellieren.
Dennoch haben Theoretiker stets versucht, eine Erklärung für den Antisemitismus zu finden. Die Marxisten haben dem Kapitalismus die Schuld gegeben, die Atheisten dem Christentum, die Existenzialisten dem je Einzelnen. Nur die Kritische Theorie Adornos und Horkheimers hat versucht, der Dialektik der Aufklärung selbst auf die Schliche zu kommen. Doch auch ihr berühmter Versuch über den Antisemitismus wird nicht mit dem Problem fertig, dass die Judenfeindschaft scheinbar ewig und unabhängig von jeder konkreten gesellschaftlichen Formation ist. Rückblickend schrieb Max Horkheimer 1968: „Die Aufgabe bleibt, herauszufinden, ob nicht all diesen feindlichen Haltungen […] eine bisher unbekannte, tieferliegende, aufs engste mit der Geschichte der Zivilisation verknüpfte Wurzel zugrundeliegt.“ Der Zionismus hat auf das ewige Rätsel Antisemitismus mit der pragmatischen Konsequenz reagiert, dass er eine bewaffnete Heimstätte für die Juden in aller Welt schuf. Doch so notwendig die Verteidigung des jüdischen Staates Israel angesichts des perennierenden Wahns ist, so unabdingbar bleibt es zugleich, dieses Rätsel zu lösen, um den Antisemitismus aus der Welt zu schaffen.

Philipp Lenhard, Redakteur der Zeitschrift „Prodomo“ und Mitherausgeber des Sammelbandes „Gegenaufklärung. Der postmoderne Beitrag zur Barbarisierung der Gesellschaft“ (ça ira Verlag 2012), wird sich in seinem Vortrag der von Horkheimer formulierten Aufgabe widmen, dem Ursprung und dem Grund für die Persistenz des Antisemitismus auf die Spur zu kommen.


13. Mai 2014, 19:00 Uhr
Melanchthonianum, Universitätsplatz Halle

Links ist da, wo kein Antisemitismus ist?
Vortrag und Diskussion mit Sören Pünjer (Berlin)

Wer sich schon einmal daran versucht hat, am ideologischen Weltbild eines standhaften Linken zu rütteln, der wird um die Erfahrung nicht herumgekommen sein, dass das faktenbezogene Argumentieren meist nur an einer einzigen Stelle den linken Selbstzweifel nähren kann: Den Vergleich mit der NPD bemühen zu müssen, entspringt der Hoffnung, wenigstens am antifaschistischen Gewissen jener rühren zu können, die im Angesicht ihrer persönlichen Nähe zu den Nazis noch vor sich selber erschrecken können.

Verweist man auf die nicht aus der Welt zu schaffende Deckungsgleichheit bzw. die riesige Schnittmenge, die zwischen der NPD-Programmatik und der linken Welterklärung insbesondere beim Thema Globalisierung besteht, dann zeigt sich, dass hier etwas schon rein logisch nicht stimmen kann. Jeder besser geschulte Linke weiß selbstverständlich, dass das Weltbild der braunen Kameraden eindeutig antisemitisch ist. Was aber hält die roten Genossen dazu an, gerade an den entscheidenden Punkten wie der Einordnung der Rolle Israels und der USA ihren Erzfeinden gar nicht widersprechen zu können?

Die richtige Antwort auf diese Frage setzt die Erkenntnis voraus, dass der Antisemitismus auch eine Form von Rassismus sein kann, dies aber keineswegs sein Wesen ausmacht, dass er nicht als eine falsche Kritik am Judentum verharmlost werden darf und dass Rassismus und Antirassismus spätestens seit dem Erfolg von Franz Fanon und Edward Said sich ohnehin immer ähnlicher werden.

Warum unter solchen Vorzeichen schon die bloße Frage nach linken Wegen jenseits von Herrschaft und Ausbeutung verdächtig sein muss und die Einladung eines Friedensforschers nach Halle, der über den Westen und den Iran referiert, das Protestieren gegen seine Einladung notwendig macht, darum soll es im Vortrag gehen.

Sören Pünjer ist Redakteur der Zeitschrift „Bahamas“.



27. Mai 2014, 19:00 Uhr
Melanchthonianum, Universitätsplatz Halle
Magyarische Mobilisierung – Antisemitismus und völkische Krisenbewältigung in Ungarn
Vortrag und Diskussion mit Stephan Grigat (Wien)

Ungarn scheint auf den Titel „Antisemitischstes Land in Europa“ versessen zu sein: Regelmäßig demonstrieren Nazis in Budapest, mehr als ein Drittel der Ungarn glaubt an eine jüdische Weltverschwörung und die Regierung betont die guten Beziehungen zum Iran – der Staat, der Israel auslöschen will. Auch in vergleichenden Länderstudien zur Verbreitung von Fremdenfeindlichkeit und klassischem Antisemitismus erreicht die ungarische Bevölkerung regelmäßig Spitzenwerte. Der „Ungarische Bürgerbund“ Fidesz, die Schwesterpartei der deutschen Unionsparteien, hat in den letzten vier Jahren mit seiner Zwei-Drittel-Mehrheit in einem atemberaubenden Tempo eine autoritäre und auf völkische Mythen rekurrierende Umgestaltung der ungarischen Gesellschaft betrieben. Ministerpräsident Orbán agiert im scheinbar vorauseilenden Gehorsam gegenüber der offen antisemitischen und rassistischen Jobbik, in Wirklichkeit aber im gar nicht sonderlich heimlichen Einverständnis mit dieser. Der Vortrag will nicht nur auf die politische Situation in Ungarn eingehen, sondern auch auf die zentralen Entwicklungen in der ungarischen Gesellschaft eingehen, die eine antisemitische Mobilisierung möglich gemacht haben.

Stephan Grigat ist Lehrbeauftragter an der Uni Wien, Herausgeber von „Postnazismus revisited. Das Nachleben des Nationalsozialismus im 21. Jahrhundert“ und Mitherausgeber von „Iran im Weltsystem. Bündnisses des Regimes und Perspektiven der Freiheitsbewegung“. Ein ausführlicher Beitrag von ihm zum Thema ist im Heft 2 der Zeitschrift „sans phrase“ erschienen.


24. Juni 2014, 19:00 Uhr
Melanchthonianum, Universitätsplatz Halle

Im Namen des Propheten – Antisemitismus und Islam
Vortrag und Diskussion mit Thomas Maul (Berlin)

Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs verschob sich das Zentrum des weltweiten Antisemitismus von Deutschland in die sogenannte islamische Welt. Anders als stetig von Islamwissenschaftlern, Orientalisten und Vertretern der Postcolonial Studies behauptet, handelt es sich bei der Judenfeindschaft, die regelmäßig zwischen Kairo und Teheran, Gaza und Damaskus reüssiert, dennoch nicht nur um einen Import aus Europa. Der Islam weist vielmehr starke historische Affinitäten zu dieser Weltanschauung auf. Nur deshalb konnte der Antisemitismus zum Dreh- und Angelpunkt des Selbstverständnisses des politischen Islam werden; nur deshalb konnten sich die regionalen Auseinandersetzungen um die Gründung Israels zum überregionalen „Nahostkonflikt“ ausweiten.

Thomas Maul ist Redakteur der Zeitschrift „Bahamas“ sowie der Bücher „Die Macht der Mullahs – Schmähreden gegen die islamische Alltagskultur und den Aufklärungsverrat ihrer linken Verteidiger“ (ça ira-Verlag 2006) und „Sex, Djihad und Despotie – Zur Kritik des Phallozentrismus“ (ça ira-Verlag 2010).

15. Juli 2014, 19:00 Uhr
Melanchthonianum, Universitätsplatz Halle

Vergangenheitsbewältigung als Eingriffsermächtigung – Über Israelfreundschaft als deutsche Staatsräson
Vortrag und Diskussion mit Clemens Nachtmann (Graz)

Das, was einmal exklusiv deutsche Ideologie war – die Auffassung von Deutschland als ‚Kulturnation‘, der es im Gegen-satz zu anderen kapitalistischen Ländern um höhere Werte gehe – hat sich in der Europa-Ideologie verallgemeinert. Der souveräne Nationalstaat, so der europäische Konsens von Politik, Presse und Volksmeinung, sei als Institution längst obsolet und müsse durch eine auf dem Völkerrecht basierende internationale Ordnung abgelöst werden. Es ist im Moment gerade nicht Deutschland, sondern es sind die anderen europäischen Länder, die keinerlei Hemmungen zeigen, die in dieser Ideologie vorgezeichneten Konsequenzen auch praktisch zu vollstrecken. Es war nicht in Deutschland, sondern im angeblich so toleranten und freizügigen Schweden, genauer gesagt in der Stadt Malmö, wo 30 jüdische Familien wegzogen, weil arabische Jugendliche ihnen das Leben zur Hölle machten, während der Bürgermeister die jüdische Gemeinde aufforderte, sich von der israelischen Gaza-Politik abzugrenzen, um so zur Deeskalation beizutragen. Es war in Spanien, nicht in Deutschland, wo sich 2009 auf einer antiisraelischen Massendemonstration anlässlich des Gaza-Feldzugs die sozialistische Regierungspartei, die Vereinigte Linke und die beiden größten Gewerkschaften offen mit Hisbollah und Hamas solidarisierten. Und es sind britische, nicht deutsche Intellektuelle, unter denen es als besonders chic gilt, zum Boykott von Israel aufzurufen.

Was die Angesprochenen eint, ist die Überzeugung, aus einem antifaschistischen und antirassistischen Ethos heraus zu handeln und die richtigen ‚Lehren aus der Vergangenheit‘ gezogen zu haben. Was das gute Gewissen ermöglicht, ist die mittlerweile national wie international durchgesetzte Rede von der ‚Singularität‘ des Nazi-Regimes und des nazifaschistischen Massenmords. Während aber diese ‚Lehre aus der Geschichte‘ für die Deutschen bedeutet, sich gerade im Umgang mit Israel Zurückhaltung aufzuerlegen, legitimiert sie für andere europäische Staaten mittlerweile das Gegenteil: komplette Bedenkenlosigkeit, was das innen- und außenpolitische Fraternisieren mit aktuellen und virtuellen Massenmördern zum Zwecke der Delegitimierung und Schwächung Israels betrifft. Im Augenblick herrscht in Europa eine internationale Arbeitsteilung, aus der alle Beteiligten einen moralischen Mehrwert beziehen: die Spanier, die Schweden und andere vergleichbare, indem sie ihre Enthemmtheit gegenüber Israel als besondere Glaubwürdigkeit verkaufen, die Deutschen, indem sie, statt sich selbst die Finger schmutzig zu machen, die anderen sich ausagieren lassen und dafür mit mäßigendem Einfluss punkten möchten.

Warum dies für die antideutsche Kritik schlussendlich bedeuten muss, mit den letzten Resten der Theorie vom ‚deut-schen Sonderweg‘ aufzuräumen, und warum die antideutsche Zuspitzung materialistischer Kritik angesichts dieser Zu-stände aktuell bleibt, soll der Vortrag klären.

Clemens Nachtmann ist Redakteur der Zeitschrift „Bahamas“.

 

 

4. Februar 2014, 19 Uhr
Melanchthonianum, Uni Halle

Arbeit, Zucht und Treue. August Hermann Francke und die Herausbildung des deutschen Zwangskollektivs
Vortrag und Diskussion mit Knut Germar

Die Stadt Halle erhofft sich seit einiger Zeit die Verleihung des Weltkulturerbestatus der UNESCO für die Franckeschen Stiftungen. Damit einher geht eine Verherrlichung des pietistischen Pfarrers, die seit nunmehr zwei Jahrzehnten anhält und die sich die Geschichte auf eine Weise zurechtlügt, dass Francke als Wegbereiter eines sozialen und weltoffenen Halles gelten kann. Francke, so der ungebrochene Konsens im Sendegebiet des MDR, war nicht nur der Wegbereiter einer fortschrittlichen Erziehung, sondern auch ein barmherziger Menschenfreund, der sich mit beispiellosem Engagement für die Armen und Schwachen einsetzte. Im diesjährigen Franckejahr, mit dem die Stadt den 350. Geburtstag des Pietisten begeht, setzten seine Freunde noch eins drauf und bewiesen, dass sie vor allem eines kalt lässt: die historischen Tatsachen. Zu Beginn des Jubiläumsjahres fabulierte beispielsweise der MDR auf seiner Homepage, einhergehend mit einem vollständigen Realitätsverlust, von einer „Bedeutung der Stiftungen für die Menschheitsgeschichte“ (!) und behauptete, „Franckes Idee war eine gleichberechtigte Bildung für alle Kinder, unabhängig ihrer sozialen Herkunft“. Und die „Mitteldeutsche Zeitung“ vom 23. Januar konstatierte, dass „seine Visionen […] aktueller denn je“ seien.

Dass Franckes Visionen keineswegs „gleiche Bildung für alle“ beinhalteten, dass er entgegen der landläufigen Meinung weder barmherziger Samariter noch Wundertäter und Kinderfreund war, sondern vielmehr ein religiöser Fanatiker und Tugendwächter, mit dem die Gegenaufklärung in Deutschland ihren Anfang nahm, soll der Vortrag klären. Entgegen der landläufigen Meinung waren die von Francke ins Leben gerufenen Stiftungen kein Hort menschenfreundlicher und freiheitlicher Erziehung, sondern in erster Linie eine pietistische Prügel- und Arbeitsanstalt, die sich innerhalb kurzer Zeit zur Kaderschmiede des preußischen Staates mauserte. Ihr Ziel bestand, wie Francke unumwunden zugab, in der Produktion „getreuer und erwünschter Untertanen“. Angesichts der Franckeschen Feindschaft zur europäischen Frühaufklärung um Christian Wolff, angesichts des Hallischen Pietismus und der mit ihm verbundenen Zurichtung der Kinder für den Staat, wird auch davon zu reden sein, wie August Hermann das Fundament einer Idee des Gemeinwesens legte, die fleißig daran mitarbeitete, die Herausbildung einer freien, bürgerlichen Gesellschaft in Deutschland zu verhindern.

Knut Germar lebt in Halle. Er schreibt regelmäßig für die hallische Zeitschrift „Bonjour Tristesse“ und ist Autor der Zeitschrift „Bahamas“.

Samstag, 18. Januar 2014
Halle an der Saale, Dachritzstraße 6 (Institut für Musik)

Protest & Projektion – Der weltweite Aufstand
Konferenz der AG Antifa

Flyer zur Konferenz Protest & Projektion

Es ist noch nicht lange her, da konnte teils kritisch, teils beruhigt erklärt werden, dass sich die Menschen ihrem Schicksal willfährig ergeben und nicht daran denken, geschichtsmächtig zu werden. So blieb nicht nur der Kampf um Befreiung aus. Auch die Apokalypse, die als Kollektiv losgelassene Einzelne ohne weiteres auszulösen imstande sind, ließ glücklicherweise auf sich warten. Inzwischen ist die Zeit, in der von den lethargischen Massen geschrieben werden konnte, jedoch vorbei. An allen Ecken und Enden der Welt kracht es. Von Rio bis Kairo, von Göteborg bis Athen und von Stuttgart bis Istanbul: Als hätten sie die Parole vom „kommenden Aufstand“, die eine französische Situationistengruppe vor einigen Jahren ausgab, als Aufforderung begriffen, ziehen die Menschen überall auf die Straße. Mal bringen sie ihre Isomatten und Zelte mit und besetzen den öffentlichen Raum, mal zerlegen sie die Innenstädte. Taz, Zeit, Spiegel und Co. behaupten, einen weltweiten Kampf für Demokratisierung und mehr Bürgerbeteiligung zu erkennen; die radikale Restlinke will in den Krawallen, Kämpfen und Platzbesetzungen die Vorboten der Weltrevolution sehen: So setzten sich die schlechter verdienenden Genossen schon bald nach dem Beginn der Proteste in Busse und fuhren als Krawalltouristen nach Griechenland; die besser Betuchten flogen nach Kairo oder Tunis.

Zumindest einige Nachrichten vom weltweiten Aufstand wollen allerdings nicht so recht mit der euphorischen Deutung von einem „neuen 1968“ zusammenpassen, von dem einige Beobachter sprechen. In einigen Ländern haben sich Islamisten an die Spitze der Proteste gestellt; auf dem Peloponnes und den griechischen Inseln mischen Neonazis kräftig mit, während ein Teil der Linken die Juden für die Übel der Welt verantwortlich macht. Auch im Syrischen Bürgerkrieg ist die Unterscheidung zwischen den good und den bad guys nicht mehr möglich. Wer gegen Despoten, Tyrannen und elende Verhältnisse anrennt, tut das nicht immer mit den richtigen Mitteln, Begründungen und Zielen.

Das heißt: Entweder hat die Rede vom „neuen 68“ weniger mit der Situation in Ägypten, Griechenland, Spanien, Syrien usw. zu tun als mit den Wünschen und Sehnsüchten der hiesigen Öffentlichkeit. Oder aber die landläufigen Vorstellungen von 1968 als dem Jahr von Liberalisierung, Demokratisierung und dem Ausbruchsversuch aus den versteinerten Verhältnissen müssen revidiert werden. Auch hierfür spricht einiges. Zumindest mit Blick auf Ägypten und Syrien hat sich dementsprechend schon längst jene Verlaufsform abgezeichnet, die den Internationalismus hierzulande stets prägte: Der blinden Begeisterung folgt blinde Ignoranz; ohne Fehleranalyse und ohne das vorherige Paradies von Revolte und Demokratisierung auch nur noch eines Blickes zu würdigen, werden die revolutionären Sehnsüchte kurzerhand in andere Gegenden des Erdballs verlagert.

Es stellt sich damit sowohl die Frage nach den Hintergründen der hiesigen Reaktionen auf die weltweiten Aufstände als auch nach dem Charakter der Proteste: Was ist von den Riots
und Kämpfen in Ägypten, Griechenland, Brasilien, Spanien usw. zu halten? Welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede gibt es? Warum brechen die Proteste gerade jetzt aus? Und: Welche Zukunft haben die weltweiten Aufwallungen vor sich?


Podium 1: Campen und kämpfen
(12.15 – 13.45 Uhr)

Referenten: Magnus Klaue & Philipp Lenhard

Wer einen genauen Blick auf die weltweiten Aufwallungen wirft, erkennt zwei Protestformen: Die einen schnappen sich ihre Schlafsäcke und campieren auf öffentlichen Plätzen, die anderen binden sich Taschentücher vors Gesicht und ziehen mehr zerstörend als plündernd durch die Städte. Diese beiden Varianten der Erhebung scheinen für eine jeweils unterschiedliche Klientel zu stehen: In der Besetzung des öffentlichen Raums spiegeln sich die Abstiegsängste der Mittelschichten. Hier ziehen diejenigen auf die Straße, die noch etwas zu verlieren haben. Sie signalisieren durch ihre Protestform, dass sie zu bleiben gedenken. Auf der anderen Seite stehen jene, die nicht mehr absteigen können. Da sie nichts mehr zu verlieren haben, zerstören sie blindwütig alles, was ihnen in den Weg kommt: sowohl das, was sie selbst nicht mehr ertragen, als auch das, was unerreichbar für sie ist.
Magnus Klaue ist freier Autor und schreibt regelmäßig für Bahamas, Jungle World und Konkret. Philipp Lenhard ist freier Autor und Redakteur der Zeitschrift Prodomo.


Podium 2: Projektion und Praxis (14.30 – 16.00 Uhr)
Referenten: Harald Jürgen Funke & Anja Finow


Abgesehen von den Protesten gegen Stuttgart 21 und ähnliche Projekte ist der weltweite Aufstand in zweifacher Weise in Deutschland angekommen. Auf der einen Seite legt die linke und linksliberale Öffentlichkeit eine Begeisterung für die Demonstrationen in Kairo, Istanbul oder Athen an den Tag, als würde dort für die originären Interessen des hiesigen wutbürgerlichen Mittelstands auf die Straße gegangen. Auf der anderen Seite scheinen die Krise und die Aufstände dafür zu sorgen, dass vermehrt Asylbewerber und Arbeitsmigranten den Weg nach Deutschland finden. Gegen diesen Zuzug finden insbesondere im Osten der Republik längst Mini-Aufstände statt, die sich in vielerlei Hinsicht von den Ereignissen der 1990er Jahre unterscheiden und es genau aus diesem Grund ratsam erscheinen lassen, den Zustand der Republik noch einmal genauer unter die Lupe zu nehmen.
Harald Jürgen Funke ist Redakteur der Zeitschrift Bonjour Tristesse. Anja Finow spricht als Vertreterin der AG „No Tears for Krauts“.



Podium 3: Gestern und Morgen (16.30 – 18.00 Uhr)
Referenten: Jan-Georg Gerber & Justus Wertmüller


Die Gegenwart verändert nicht allein die Zukunft, sondern auch die Vergangenheit: Der Anfang ist immer über das Resultat vermittelt. So geben die derzeitigen Proteste nicht nur einen Vorgeschmack darauf, was hierzulande droht, wenn sich die Krise ausweitet: ein wildes Hauen und Stechen, der Rückwurf auf Clanstrukturen, die sowohl familiär als auch regional oder beruflich sein können, und eine Elendsselbstverwaltung wie sie etwa auf dem Tahrir-Platz beobachtet werden konnte, wo Fußballhooligans über Ordnung, Sauberkeit und die korrekte Entsorgung der Fäkalien wachten. Zugleich legen die stetigen Vergleiche mit der Revolte von 1968 nahe, dass sich auch damals ganz andere historische Triebkräfte Geltung verschafften als von den Parolen der Protestbewegung nahegelegt wurde: Triebkräfte, die möglicherweise denen ähneln, welche die Menschen heute weltweit auf die Straßen und Plätze strömen lassen.
Jan-Georg Gerber schreibt u.a. für Bahamas und Jungle World. Justus Wertmüller ist Redakteur der Zeitschrift Bahamas.

 


19. November 2013, 19 Uhr
Melanchthonianum, Universitätsplatz 8/9, Halle (Saale)

„Never ending story – Das Israelpseudos der Pseudolinken“
V
ortrag und Buchvorstellung mit Anja Worm und Jan Gerber

In den Jahren 1969 und 1970 wurden die Bundesrepublik Deutschland und Westberlin von einer beispiellosen antizionistischen Krawall- und Terrorwelle überrollt. Die Täter kamen aus dem Umfeld der Neuen Linken, die ihren zurückhaltenden Proisraelismus nach dem Sechstagekrieg gegen einen vehementen Antizionismus eingetauscht hatte. Vor diesem Hintergrund erschien mit Michael Landmanns Buch „Das Israelpseudos der Pseudolinken“ eine der ersten kritischen Auseinandersetzungen mit der Israelfeindschaft der Neuen Linken. Mit ihrer antizionistischen Wende, so Landmann, verwandle sich die Protestbewegung von einer „echten“ in eine „Pseudolinke“.

Inzwischen ist die Neue Linke, auf die sich Landmann bezog, zwar verdientermaßen marginalisiert. Sie hat ihre Aufgabe – die Konservierung des Irrsinns von Volk, Ursprünglichkeit und Unmittelbarkeit in einer Zeit, in der kein großer Bedarf danach bestand – jedoch erfüllt. So findet sich der Antizionismus längst nicht mehr nur in linken Klein- und Großsekten wie die der Linkspartei, dem Freiburger „Café Palestine“ oder der antiimperialistischen Schlägertruppe, die vor einigen Jahren in Hamburg die Aufführung von Claude Lanzmanns Film „Pourquoi Israël“ verhinderte. Sondern der antiisraelische Furor ist im politischen Mainstream angekommen, in dem die Unterscheidung zwischen „links“ und „rechts“ ohnehin kaum noch getroffen werden kann. Um die einschlägigen Stereotypen zu hören, muss kein Vortrag eines autonomen oder marxistisch-leninistischen Selbstfindungszirkels mehr besucht werden, sondern es genügt, die „Süddeutsche Zeitung“ aufzuschlagen oder den Bericht über Israel auf „3Sat“ zu schauen.

Aus diesem Grund soll mit Michael Landmann nicht nur einer der ersten linken Kritiker des neulinken Antizionismus gewürdigt werden. Vielmehr soll unter Rekurs auf Landmanns Ausführungen von den Hintergründen des neuen Antisemitismus den Transformationen, die der Israelhass in den letzten vierzig Jahren durchgemacht hat, und der Aktualität der Kritik gesprochen werden.

Es sprechen Anja Worm und Jan Gerber („Materialien zur Aufklärung und Kritik“). Sie sind Herausgeber der Neuauflage von Michael Landmanns „Das Israelpseudos der Pseudolinken“ (Freiburg: ça ira Verlag 2013) und Curt Geyer u.a.: Fight for Freedom. Die Legende vom „anderen Deutschland“, Freiburg (ça ira Verlag) 2009.

 

9. November 2013

Seminar zu Antisemitismustheorien
Aus Anlass des 9. November soll sich im Rahmen des Seminars mit materialistischen Theorien des Antisemitismus auseinandergesetzt werden, vom Ende des 19. Jahrhunderts bis zur Gegenwart.

Aufgrund begrenzter Teilnehmerzahl ist eine Anmeldung per Mail erforderlich, der Seminarreader wird nach erfolgter Anmeldung zugeschickt.

 

24. August 2013, Uni Halle

Dialektik der Aufklärung. Eine Einführung.
Tagesseminar mit Martin Dornis und Micha Böhme

In diesem Tagesseminar wird das Konzept der Dialektik der Aufklärung und die ihm zugrundeliegenden Begriffe von Vernunft, Natur, Geschichte und Fortschritt thematisiert.

Als Aufklärung verstand Kant den „Ausgang der Menschheit aus ihrer selbstverschuldeten Unmündigkeit“. Letztere bestimmte er als die Unfähigkeit des Einzelnen sich seines Verstandes ohne Anleitung eines Anderen zu bedienen. Im Zentrum der Aufklärung standen also Mündigkeit und Autonomie des Individuums.

Horkheimer und Adorno stellen sich angesichts der Verbrechen der Deutschen im Nationalsozialismus in der „Dialektik der Aufklärung“ der Frage, warum die Menschheit nicht, wie von der Aufklärung erhofft und erwartet, in einen besseren und glücklicheren Zustand eintritt, sondern vielmehr in der Barbarei versinkt und wie dieser Tendenz entgegengetreten werden könnte.

Vor diesem Hintergrund untersuchen sie den „Begriff der Aufklärung“ und stoßen dabei auf grundsätzliche Widersprüche in ihm selbst. In der Aufklärung, verstanden nicht als einer historischen oder literarischen Epoche, sondern vielmehr im weitesten Sinne fortschreitenden Denkens, versuchte sich die Menschheit einerseits vom Zwang der übermächtigen Natur und der ihm entsprechenden mythischen Welterklärung zu befreien. Dabei verstrickte sie sich jedoch gleichzeitig immer stärker in einen nunmehr selbst geschaffenen Zwang. Dieser wiederum musste aufgewendet werden, um die Übermacht von Natur und Mythos zu brechen. Bereits im magisch-mythischen Denken sollte die Natur zu menschlichen Zwecken beherrscht werden: Der Mythos selbst war also bereits Aufklärung. Wenn die Aufklärung gegen die mythische Übermacht der Natur antritt, ist sie deshalb mit sich selbst konfrontiert. Sie fällt aus diesem Grunde in Mythologie zurück, wenn sie nicht darauf reflektiert, dass sie selbst immer noch im Banne der Übermacht der Natur und des ihr entsprechenden Denkens steht. Nötig ist deshalb eine Erinnerung des Subjekts, also der nach Mündigkeit und Autonomie (und damit nach Befreiung von der Natur) strebenden Menschheit daran, dass sie selbst durch und durch Natur (und deshalb immer auch unfrei und unmündig) ist. Dabei sind die Ziele der Aufklärung, also die durchgeführte Autonomie und Mündigkeit des Individuums gerade nicht zurückzunehmen, sondern gerade zu verwirklichen. Es geht daher auch keineswegs darum, die Natur bzw. den Mythos gegen die Aufklärung in Stellung zubringen. Ganz im Gegenteil soll durch die Reflexion des Subjekts auf seine Natur die Gewalt der Herrschaft und Unterwerfung deutlich werden, die nötig war, um ein derartiges Subjekt, um ein Mensch im Sinne der Menschenrechte zu werden. Ziel ist es also nicht, eine ursprüngliche und unbescholtene Natur aufzufinden und diese positiv gegen die angeblich kalte westliche Vernunft zu wenden. Vielmehr soll Natur als geknechtete und verstümmelte deutlich werden.

Im Seminar werden einführend die basalen Thesen der Dialektik der Aufklärung diskutiert. Zum besserem Verständnis ist dem Konzept einer Dialektik der Aufklärung auch bei anderen Autoren, namentlich Kant, Hegel, Feuerbach, Marx und Nietzsche nachzugehen, auf die sich Horkheimer und Adorno massgeblich beziehen. „Dialektik der Aufklärung“ meint dabei nicht nur schlicht ein Buch von Horkheimer und Adorno. Vielmehr handelt es sich dabei um eine Konzeption von Geschichte, in der Fortschritt und Regression, Natur und Gesellschaft, notwendig verknüpft sind und sich in der kapitalistischen Gesellschaft zu ihrem extremst möglichen Punkt hin zuspitzten.

Seminargrundlage ist der erste Teil der Dialektik der Aufklärung: „Der Begriff der Aufklärung“ und der dazu gehörige erste Exkurs: „Odysseus oder Mythos und Aufklärung“. Eine Anmeldung per E-Mail ist Voraussetzung für die Teilnahme.

 

3. Juli 2013, 19 Uhr
Melanchthonianum, Universitätsplatz 8/9, Halle (Saale)

Über Adolf Hitler, der unmittelbar allgemeine Deutsche. Über die barbarische Dialektik der Souveränität.
Vortrag und Diskussion mit Joachim Bruhn

In Deutschland wird Hitler als Gegenstand der Geschichtswissenschaft verdrängt, als verlorene Utopie betrauert oder als Bildungserlebnis staatstragender Demokraten gefeiert. Aber gerade als der tobende Teppichbeißer und manische Charismatiker, als den die Historiker ihn dem staunenden Publikum vorführen, ist Hitler doch allererst Anlaß zur Staatskritik, zur Reflektion auf das barbarische Potential der kapitalen Souveränität, die den nazistischen „Antisemitismus der Vernunft“ entband. Der Begriff des Nationalsozialismus ist demnach, wie ihn auch der Materialist Johann Georg Elser praktisch zu fassen suchte, in der Perspektive zu entwickeln, daß Hitler als Erscheinung des allgemeinen Deutschen, als der Souverän, hinter den Staatsapparaten hervortrat und als Person unmittelbar alles, was deutsch ist, verkörperte. Darin konvergieren die materialistische Kritik der politischen Ökonomie und gewisse Einsichten der Psychiatrie, denn eine barbarische Gesellschaft kann nur von einem Funktionär repräsentiert und ausagiert werden, der seiner psychischen Konstitution zufolge nichts anderes ist als eben: die negative Aufhebung des Subjekts im Individuum selbst, d.h.: ein Barbar sondergleichen. Liest man „Mein Kampf“ nicht nur als die ultimative Offenbarung aller in Deutschland definitiv nur möglichen Staatsphilosophie, sondern, was gar kein Widerspruch ist, zugleich als das Dokument einer psychischen Krankheit (wie es der Emmendinger Psychiater Wolfgang Treher in seinem fulminanten Buch „Hitler, Steiner, Schreber. Gäste aus einer anderen Welt“ gezeigt hat) und, genauer, als das Protokoll einer seelischen Katastrophe, die das Ich, das internalisierte Subjekt, zerstört hat, und in Schizophrenie eskaliert, wird deutlich, was sich die Deutschen von heute mit der billigen, rationalistischen Deutung Hitlers als eines strategisch-ausgebufften, leider aber größenwahnsinnigen Machiavelli so vom Halse schaffen wollen, daß sie es für immer als ihr ursprüngliches Eigentum behalten können.

Joachim Bruhn ist Co-Autor u.a. von Initiative Sozialistisches Forum „Das Konzept Materialismus“ (Freiburg 2009).


19. Juni 2013, 19 Uhr
Melanchthonianum, Universitätsplatz 8/9, Halle (Saale)

Black or White. Über Critical Whiteness als neue Rassenkunde
Vortrag und Diskussion mit Philippe Witzmann

Seit etwas mehr als einem Jahr ist die bundesdeutsche Linke in heller Aufregung. Ein den Berliner Gender Studies entsprungenes enfant terrible macht ihr das Leben schwer: die Critical Whiteness. Denn nicht nur sprachlich kann die Linke den – auch nur auf den ersten Blick dadaistisch anmutenden – Schwachsinn aus dynamisierten Unterstrichen und drolligen Neologismen (triggerwarnungen, master suppression techniques etc.), also die Mischung aus Legasthenie, Pawlow und Kung Fu, nicht verstehen. Auch beim bemühten Nachvollzug der Intention steht sie wie die Kuh vorm Tor. Da werfen weiße Schwarze weißen Weißen Rassismus vor und andere werden der illegitimen Aneignung fremder Kulturen bezichtigt, weil sie hässliche Wursthaare tragen oder sich Champagnerkorken ins Ohr stecken. Fast schon sympathisch hingegen wirkt es, wenn die stets empört vorgetragene Forderung „not to dress like other peoples' ancestors“ sich auch auf das in linken Kreisen nach wie vor beliebte Palästinensertuch erstreckt. Weil man als vernünftiger Mensch keinen dog in diesem fight hat, wird sich der Vortrag darauf beschränken anhand dieses Treibens ein Psychogramm zu erstellen und dabei darlegen, dass, wer wie die Linke die antisexistische Definitionsmacht unterschreibt, dem Wahnsinn kritischen Weißseins bereits auf den Leim gegangen ist und folglich nichts gegen ihn vermag.

Philippe Witzmann ist Autor der Zeitschrift »Bahamas«.


03. April 2013, 19.00 Uhr
Universitätsplatz 8/9, Halle (Saale)

Böses Blut. Über einen autoritären Virus, gegen den kein Zwangstest hilft.
Vortragsveranstaltung mit Tjark Kunstreich (Wien) und Sven Warminsky (Magdeburg)

Vor weniger als zwei Monaten verabschiedete die große Koalition aus CDU und SPD im Magdeburger Landtag ein neues Polizeigesetz, dessen Novellierung bereits im Vorfeld für Aufregung gesorgt hatte. Der Grund: Vorgeblich zum Schutz von Polizeibeamten im Einsatz sollten einem ersten Entwurf zufolge Zwangstests auf HIV und Hepatitis rechtlich ermöglicht und auch ohne vorherige richterliche Zustimmung von der Polizei veranlasst werden können. Während kritische Stellungnahmen der Aidshilfe und des Berliner Robert-Koch-Instituts bei einer ersten Lesung im Juli des letzten Jahres von der Presse weitgehend unbeachtet blieben, sorgte eine weitere Lesung kurz vor dem Internationalen Weltaidstag nicht nur für ein größeres, längst überfälliges Medienecho. Auch die Bundesregierung meldete sich zu Wort und beantwortete eine Anfrage der Linkspartei mit dem Hinweis, dass HIV- und Hepatitiszwangstestungen gegen das Grundgesetz verstoßen würden. Infolge der öffentlichen Skandalisierung konnte die Opposition einen kleinen Teilerfolg erzielen: Zwar sind künftig medizinische Zwangstests auf Infektionskrankheiten möglich, allerdings dürfen diese nicht ohne vorherige richterliche Zustimmung durchgeführt werden.
Die Novellierung des Gesetzes wirft die Frage auf, warum in Sachsen-Anhalt zum Problem wird, was in einigen westlichen Bundesländern bereits Wirklichkeit ist – schließlich gibt es ähnliche gesetzliche Regelungen auch in Niedersachsen und Hessen. Offenbar wird befürchtet, dass in Sachsen-Anhalt die gesetzliche Möglichkeit zur Zwangstestung nicht nur ausgereizt, sondern vielmehr jenseits aller Rechtsstaatlichkeit angewandt werden könnte. Dafür spricht nicht allein die Diskussion um das Gesetz, sondern vor allem die hinlänglich bekannte Situation von Minderheiten in Sachsen-Anhalt und deren Isolation.

Sven Warminsky, Landesgeschäftsführer der Aidshilfe Sachsen-Anhalt, wird vor diesem Hintergrund über die Auswirkungen des Gesetzes auf seine Arbeit und damit vor allem über die Zustände vor Ort und über die Situation von HIV-Infizierten im Osten sprechen. Über die Vorstellungen und Bedürfnisse, die solchen Gesetzesentwürfen zugrunde liegen, referiert Tjark Kunstreich. Er ist Autor und Publizist und schreibt u. a. für die Zeitschriften Bahamas, Jungle World und Sans Phrase.


20. März 2013, 19.00 Uhr
Universitätsplatz 8/9, Halle (Saale)

„Allein unter Deutschen“
Vortrag und Diskussion mit Tuvia Tenenbom

Tuvia Tenenboms amüsanter Reisebericht aus dem Land der Deutschen sorgte in den deutschen Feuilletons für einhellige Empörung: „nicht ernstzunehmen“, „Unsinn“ – so lauteten die Urteile. Die Kränkung, dass jemand ihre notorische Israelkritik als Antisemitismus benannte, konnten die Aufarbeitungsweltmeister nicht verwinden, weswegen nicht wenige der Interviewten ihre Zitate nicht autorisieren wollten und der Rowohlt-Verlag gleich ganz Abstand von dem Buch nahm.
Tuvia Tenenbom und seine Frau führen durch ein Land, dessen Einwohner im Wesentlichen von zwei Themen umgetrieben werden: Den Deutschen und den Juden.

Tuvia Tenenbom ist Regisseur, Theaterleiter und Autor des Buches „Allein unter Deutschen“. Der genaue Veranstaltungsort wird rechtzeitig bekannt gegeben.

 

Samstag, den 16.02.2013
Rasse und Individuum
Tagesseminar mit Clemens Nachtmann

Das Seminar wird ein Epitaph für den in Begriff wie Sache komplett unrettbaren Antirassismus sein, dessen theoretische Lächerlichkeit gerade der Garant seines praktischen Erfolges ist, alle Ausbeutung und Herrschaft in Kategorien der (Rassen-)Diskriminierung umzuformulieren und den Aufstand der vermeintlich oder tatsächlich Zukurzgekommenen gegen das in den Juden und Israel inkarnierte vergleichende Prinzip zu organisieren. Der Begriff Rasse verweist auf ein nichtidentisches Natursubstrat des vergesellschafteten Menschen und er benennt vor allem die katastrophische Selbstbehauptung des Individuums im barbarischen Kollektiv, das sich heute als Multitude bezeichnet. Gegen diese Selbstbehauptung des Individuums, die mit seiner Selbstabschaffung unmittelbar zusammenfällt, wird ein Individualismus pointiert, der den bürgerlichen überschreitet, ohne hinter ihn zu regredieren und genau deshalb mit Kommunismus zusammenfällt – ein Individualismus, wie ihn Oscar Wilde in seinem Essay „the soul of man under socialism“ entwickelt. Eine materialistische Kritik des Kapitals ist nicht zu denken, die nicht Marx, Freud, Adorno und Wilde in sich einbegreift.

Die Teilnehmeranzahl ist begrenzt. Eine rechtzeitige Anmeldung per E-Mail ist Teilnahmevoraussetzung. Der Reader wird per E-Mail versandt.

 

16. Januar 2013, 19 Uhr
Halle, LaBim, Töpferplan 3
»Neustadt Stau – Der Stand der Dinge«.
Filmvorführung mit Einleitungsreferat von Johannes Alberti (Materialien zur Aufklärung und Kritik, Halle)

Der Regisseur Thomas Heise hatte im Jahr 2000 im zweiten Teil seiner Dokumentation jene hallischen Nazis wieder vor die Kamera geholt, die er bereits acht Jahre zuvor in »Stau – Jetzt geht’s los« beim Saufen, Grölen und Pöbeln gefilmt hatte. Heise wollte mit der Fortsetzung zeigen, wie es um seine ehemaligen Protagonisten zu dieser Zeit stand. Unfreiwillig gelang ihm damit allerdings eine Bestandsaufnahme von Verhältnissen, in denen die Unterschiede von organisierten Nazis und ihren ganz normalen Nachbarn verschwimmen. Es sind Verhältnisse, in denen die Gewalt roh und unvermittelt zutage tritt. Der Film zeigt den tristen Alltag in Halle-Neustadt. Mittlerweile sind die Nazis von gestern älter und auch äußerlich kaum noch von anderen Neustädtern zu unterscheiden. Zu reden sein wird also über ganz alltägliche Gewalt, die sich gegen die eigene Frau, die eigenen Kinder, den Ausländer an der Ecke oder gegen den Nachbarn, der zu laut Musik hört, richtet.
»Neustadt Stau« bietet Einblicke in eine Gesellschaft, in der ärmliche Gestalten ihr aussichtsloses Leben leben. Sie haben kaum eine Chance auf Verbesserung. Trotz dieser zutiefst menschenunwürdigen Umstände ist Mitleid allerdings nicht angebracht. Denn diese Menschen reflektieren nicht auf ihre Situation. Sie bemühen sich nicht um Einsicht in die irrationalen Verhältnisse. Sie machen dagegen Juden und Ausländer für ihr Unglück verantwortlich. Für sie gilt das Recht des Stärkeren, das sie stets brutal umzusetzen bereit sind. Ein NPD-Parteiausweis ist dabei ebenso irrelevant wie das Bekenntnis zum »Nazisein«. Dass die Situation hier in der Zone so unangenehm ist, liegt vor allem an jenen ganz normalen Jugendlichen, die so reden, denken und manchmal auch so handeln wie Nazis.

 

Freitag/Samstag, 21.-22. Dezember 2012
Nationalismus reloaded?
Wochenendseminar

Die letzte Fußballeuropameisterschaft bewies wieder einmal, dass im friedlichen Partypatriotismus und Deutschlandwahn alle Teile der Gesellschaft zusammenkommen. Endlich konnte der Juso gemeinsam mit dem Neonazi, der Grüne zusammen mit dem Burschi begeistert schwarz-rot-gold schwenken und es sich im begeisterten Spektakel wohl sein lassen. Dass dabei dann auch nationalistische Einstellungen offen zutage treten, wie beispielsweise nach dem verlorenen Finale, stört dann auch nur noch wenige.

Im Seminar soll diskutiert werden, wie mit den offen und aggressiv auftretenden Partypatrioten umgegangen werden kann. Das Seminar setzt außerdem mit der Theorie des Nationalismus auseinander. Es wird auf die neu erweckte Liebe zum deutschen Volk eingegangen und der Partypatriotismus diskutiert.

Die Teilnehmeranzahl ist begrenzt. Eine rechtzeitige Anmeldung per E-Mail ist Teilnahmevoraussetzung.

 

Antifaschistische Hochschultage
Wintersemester 2012

7. November 2012, 20:00 Uhr (ct)
Melanchthonianum, Universitätsplatz 8/9, Halle (Saale)

Vergesst Auschwitz! Der deutsche Erinnerungswahn und die Endlösung der Israelfrage
Vortrag und Buchvorstellung mit Henryk. M. Broder


Die Deutschen leiden an Hitler wie andere an Schuppenflechte. Aus dem Versuch, sich gegen die eigene Geschichte zu immunisieren, ist eine Autoimmunerkrankung geworden. Ob es um den Einsatz in Jugoslawien oder in Afghanistan geht, um Atom- oder Gentechnik, Stammzellen, Sterbehilfe – immer steht das Nazi-Menetekel an der Wand und fordert seinen Tribut.
Der »Erinnerungswahn« ist ein wohlfeiles Ritual, das sich von der Realität losgelöst hat. Im besten Fall ist er unerheblich, im schlimmsten Fall eine rhetorische Nebelwand, hinter der ein neuer Antisemitismus gedeiht, der sich politisch korrekt als »Antizionismus« maskiert. Dieser wiederum speist sich nicht aus den üblichen Ressentiments, sondern aus dem Bedürfnis nach Entlastung. Für die Deutschen ist der jüdische Staat ein „daily reminder“ an das Vernichtungsprogramm, das die Nazis und ihre Verbündeten in Europa realiserten. Damit das schlechte Gewissen endlich abnehmen kann, wird Israels Politik gegenüber den Palästinensern hierzulande wie eine Wiederkehr der eigenen Vergangenheit wahrgenommen. Das ritualisierte Gedenken verschafft keine Erleichterung, es ist nicht mehr als eine leere Geste, eine Ablenkung von der Gegenwart – oder sogar noch Schlimmeres.

Henryk M. Broder lebt als Publizist in Berlin. Er ist Autor zahlreicher Bücher und schreibt für die Tageszeitung »Die Welt«.


28. November 2012, 19 Uhr
Melanchthonianum, Universitätsplatz 8/9, Halle (Saale)

Terror, Wahn, Gesellschaft. Der NSU, der Staat und die Verwandlung der Gesellschaft in ein Irrenhaus.
Vortrags- und Diskussionsveranstaltung mit Vertretern der AG Antifa

Als sich im November 2011 herausstellte, dass Neonazis über mehrere Jahre hinweg Mordanschläge in der Bundesrepublik verübt hatten, war die deutsche Öffentlichkeit „betroffen, empört, fassungslos“. Nach dem Bekanntwerden der NSU-Morde wurde über alles Mögliche gesprochen: ein Wiedererstarken der Neonaziszene, eine „Braune Armee Fraktion“,
inkompetente Behörden, eine rassistische Gesellschaft sowie rechte Seilschaften bei Verfassungsschutz und Polizei. Nur eines wollte oder konnte niemand thematisieren: die Frage, inwieweit sowohl die Morde des „Nationalsozialistischen Untergrunds“ als auch die Kombination aus Inkompetenz und Impertinenz auf Behördenseite Ausdruck einer an sich selbst irre gewordenen Gesellschaft sind. Aus Anlass des bevorstehenden NSU-Prozesses soll im Rahmen des Vortrags mit einigen Thesen versucht werden, über die reine Faktensammlung und die hektische Betriebsamkeit von Politik und Medien – von der Einrichtung einer Generaldatei „Rechts“ bis zu Diskussionen über ein neues NPD-Verbotsverfahren – hinauszukommen. Denn allem Veränderungsgestus zum Trotz dient dieser Aktionismus letztlich nur einem Zweck: besinnungslos weiter hantieren zu können wie bisher.

31. August 2012/01. September 2012
Adorno, Sartre und die Kritik der politischen Gewalt
Seminar mit Gerhard Scheit


Im Seminar soll das Verhältnis von Sartres Existenzphilosophie und Adornos negativer Dialektik diskutiert werden. Für beide war – wenn auch in verschiedener Hinsicht – die Erfahrung des Nationalsozialismus Bezugs- oder sogar Ausgangspunkt ihrer philosophischen Reflexion. Vor diesem Hintergrund beschäftigten sich beide Philosophen mit einer Kritik des Antisemitismus, die auf gänzlich verschiedenen Prämissen beruht. Daraus ergeben sich zwingend einige Fragen: Bedarf es der Sartreschen Terminologie von Freiheit, Entscheidung und Wahl, um die spezifische Differenz zwischen Tätern und Opfern nicht verwischen zu lassen? Läuft die dialektische Darstellung der kapitalistischen Totalität Gefahr, sofern sie nicht den konkreten Leib des Individuums berücksichtigt, diesen Unterschied zu nivellieren? Ist Jean Amerys Vorwurf, Adorno spreche einen „Jargon der Dialektik“ dahingehend zu verstehen? Führt ein solcher Totalitätsbegriff weiterhin dazu, den Unterschied zwischen bürgerlicher Republik und nationalsozialistischem Unstaat nicht mehr denken zu können?

Resultiert, andererseits, Sartres Philosophie aus einem positiven Begriff von Freiheit, im Sinne einer Ontologie? Ist der Antisemitismus aus einer bewußtseinsphilosophischen Perspektive begreifbar und welche Rolle spielt in diesem Zusammenhang die Nichtbeachtung der Psychoanaylse durch Sartre? Lässt sich die Verantwortung des Einzelnen für sein Handeln, als moralische Kategorie – gar kategorischer Imperativ –, aus der Freiheit herleiten, die zu einer Entscheidung nötigt? Ist hieraus Sartres Begriff des Engagement zu verstehen, als „Zwang zur Freiheit“ und die daraus resultierende Übernahme von Verantwortung und wenn ja, welche – ästhetischen und politischen – Konsequenzen ergeben sich daraus? Verewigt Sartre die Erfahrung des permantenten Ausnahmezustandes als überhistorische Voraussetzung für die existentielle Entscheidung des Subjekts? Oder lässt sich die Philosophie Sartres nur durch seinen Zeitkern verstehen? Sind Sartres politische „Fehlleistungen“ – sein verständiges Verhältnis zur palästinensischen Sache oder das Vorwort zu Frantz Fanons „Die Verdammten dieser Erde“ – bereits in seiner Philosophie angelegt?

Die Teilnehmeranzahl ist begrenzt. Eine rechtzeitige Anmeldung per E-Mail ist Teilnahmevoraussetzung. Der Reader wird nach der Anmeldung verschickt.

 

1. August 2012, 19:00 Uhr
Radio Corax, Unterberg 11, Halle (Saale)

Die Austreibung der Kindheit – die »Kinderstadt« als Schule der Desillusionierung.

Vortrag und Diskussion.

»Stundenlang faul in der Sonne sitzen? Dann bist du hier falsch.« (O-Ton »Kinderstadt«)

Das Konzept der hallischen »Kinderstadt« - ein Planspiel, bei dem tausende Kinder das Leben einer Stadt simulieren - beruht im Wesentlichen darauf, ihre Teilnehmer auf die Anforderungen der Zukunft und somit auf das kommende Lohnarbeitsleben vorzubereiten. Dieses bezeichnenderweise im pädagogischen Betrieb weitgehend konsensuale Ansinnen erweist sich jedoch nicht nur als Versuch, Kindern frühestmöglich deren Kindheit auszutreiben. Es gibt darüber hinaus Auskunft über die Verfassung einer Gesellschaft, die infantiler nie war und Kindern gerade deshalb zu nehmen bereit ist, was sie ihnen neidet: Sei es Straffreiheit, Verantwortungslosigkeit oder das freie Spiel. Kinder zu vernünftigen Individuen zu erziehen, die in der Lage sind, ihre Umwelt in Bezug auf sich selbst zu reflektieren, wird durch pädagogische Projekte wie die »Kinderstadt« nicht nur vernachlässigt, sondern verhindert. Stattdessen befördert die spielerische Dressur die Desillusionierung im Grundschulalter. Dadurch, dass die »Spielregeln« von Anbeginn unveränderlich feststehen, erfahren die Kinder im frühen Alter ihre Umwelt als unabänderliche Tatsache. Sie erleben ihre eigene Ohnmacht. Als wäre der versagte Wunsch nach einer Markenjeans, die regelmäßigen Einladungen der Eltern zur Arbeitsagentur und der zwangsläufige Vergleich mit gleichaltrigen Spielkumpanen nicht schon längst ins Bewusstsein der Kinder gedrungen. Solch unmittelbarer Zwang ist für das Anliegen seiner freiwilligen Vollstrecker der weitaus effektivere Pädagoge, als aufwändige Stadtsimulationen am Saaleufer. In der »Kinderstadt« feiern Sozialpädagogen und andere Unmenschen die beklemmende Zementierung der postbürgerlichen Existenz als »Lobbyismus für Kinder«
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Dienstag, 3. Juli 2012
Reilstraße 78
Insel fluten – Gegen den Volksmob, seine Apologeten und Aufstachler!
Informations- und Vorbereitungsveranstaltung zur Demonstration (8. Juli 2012) mit einem Vertreter des Bündnisses »8.Juli«

In Insel im nördlichen Sachsen-Anhalt finden sich seit letztem Sommer regelmäßig Dorfbewohner zusammen, um zwei Männer, die in den 1980er Jahren wegen Vergewaltigung verurteilt wurden, aus dem Ort zu vertreiben. Zu diesem Zweck haben sie auch den Schulterschluss mit Neonazis geprobt. Ihre Forderungen fanden bei der Landesregierung, bei „Bild“ & Co. zumindest zeitweise Gehör. Anfang Juni versuchte ein 50-köpfiger Lynchmob, das Haus der beiden Männer zu stürmen. Er konnte nur durch vehementen Polizeieinsatz davon abgehalten werden. Die Demonstration „Insel fluten!“ richtet sich weniger gegen die Beteiligung von Neonazis am Protest, sondern gegen die ganz gewöhnliche Lynchmeute vor Ort, gegen die Zugeständnisse der Landesregierung an den Dorfmob und die Hetzkampagne von „Bild“ & Co.

 

 

Ort für alle Veranstaltungen ist das Melanchthonianum,
Universitätsplatz, Halle (Saale)

Hört auf zu studieren, fangt an zu begreifen!
Antifaschistische Hochschultage
Sommersemester 2012

In ihrer Entstehungszeit in der Epoche der Aufklärung trat die moderne Wissenschaft mit dem Anspruch an, Wahrheit und Erkenntnis – und damit zugleich der Menschheit – zu dienen. Solche Parolen waren zwar stets Ideologie: Sie halfen zu kaschieren, dass die Wissenschaft stets weniger im Dienst von Wahrheit und Erkenntnis als der Herrschaft stand. Ihr offiziell verkündeter Anspruch trug jedoch zum einen dazu bei, dass sich innerhalb des universitären Betriebes einige (wenn auch kleine) Nischen herausbilden konnten, in denen die Rede von der Erkenntnis gelegentlich ernst genommen werden konnte. Zum anderen hielt die Parole vom Dienst an der Menschheit zumindest die Erinnerung daran wach, dass es auch etwas anderes geben kann als die Abfolge wechselseitiger Quälereien, die sich Weltgeschichte nennt. Diese Zeit scheint inzwischen vorbei zu sein. Die wenigen akademischen Schutzräume sind im Zuge der Umgestaltung der Universitäten verschwunden. Auch diejenigen Studenten, die dieser Umgestaltung kritisch gegenüberstehen, haben zu diesem Prozess beigetragen – etwa durch ihre Forderung nach einer Evaluation der Lehrenden: Was als studentische Mitbestimmung ausgegeben wurde, hat zur intellektuellen Gleichschaltung der Universitäten beigetragen. Aus der Evaluation sind in der Regel die Eloquentesten, Modischsten und damit zugleich: Stromlinienförmigsten als Sieger hervorgegangen.

Darüber hinaus mag im akademischen Betrieb kaum noch jemand von der Menschheit sprechen. War der Widerspruch zwischen akademischem Anspruch und akademischer Realität einmal der kritische Stachel im Fleisch des universitären Betriebs, bekennen sich die einschlägigen Institute inzwischen mal stolz, mal verdruckst dazu, allenfalls Beamte zur Verwaltung des überflüssigen Menschenmaterials auszubilden: von der Psychologie, Erziehungswissenschaft und Soziologie über Medizin, BWL und Jura bis hin zu den Islamwissenschaften, der Afrikanistik und den Lateinamerikastudien, deren Absolventen Pläne dafür basteln, wie der Politbetrieb in Zukunft mit den abgehängten Regionen der Welt verfahren sollte selbstverständlich unter Berücksichtigung der dortigen Traditionen, kulturellen Eigenheiten und religiösen Vorschriften.

Insbesondere der Verweis auf Wahrheit löst angesichts der postmodernen Welle, die die Universitäten seit den siebziger Jahren überflutet hat, angesichts des Sermons von »Sprechorten«, »Diskursen«, »Kulturen« und »Performanzen«, der über den Campus quillt, nur noch ungläubig-spöttisches Kopfschütteln aus. Wer auf dem Anspruch der Wahrheit beharrt, so heißt es gern, sei bestenfalls nicht ganz dicht, schlimmstenfalls ein Anhänger des Totalitarismus.

Von dieser Entwicklung ist auch die Linke betroffen, die einen entscheidenden Beitrag zum Einzug der Postmoderne in die Seminare und Universitätsbibliotheken leistete. Wollte die Linke in ihren besten Tagen — von denen es freilich nicht allzu viele gab – einmal die Verhältnisse zum Tanzen zwingen, indem »man ihnen ihre eigne Melodie vorsingt« (Marx), sind sie inzwischen vor allem auf der Jagd nach einem Pöstchen im akademischen Betrieb. Dieser Betrieb verwandelt freilich innerhalb kürzester Zeit auch den kritischsten Geist in einen Kretin. Die wenigen Ausnahmen, die es möglicherweise gibt, bestätigen nur die traurige Regel. So pflegen die Jungrevoluzzer von gestern spätestens im dritten Semester auch bei ihren Polittreffen jenen akademischen Jargon, der jedweden kritischen Gedanken von vornherein verhindert. Das einstige Existentialurteil über die Gesellschaft verwandelt sich schon nach dem Absolvieren der Basismodule in die Aussage, dass man doch etwas mehr differenzieren müsse. Aus Verstehen (sprich: Begreifen) wird mit anderen Worten Verständnis. Die alte Forderung »Hört auf zu studieren, fangt an zu begreifen«, hat insofern noch immer nichts an Aktualität verloren. Im Gegenteil.

Schon in David Humes Versuch, die Schlüsse der Gesellschaftswissenschaften analog zu jenen der Mathematik zu konzipieren - was ihn, für einen Empiristen paradox genug, zur Postulierung von »eternal political truths« veranlasste – ist jene Abstraktion von der Sache zu erkennen, die die wissenschaftliche Methode kennzeichnet, und die Ausdruck wie Instrument des herrschaftlichen Zugriffs auf die Welt ist. Nichtsdestotrotz ist in seinen Schriften ein durch den Skeptizismus vermitteltes Moment von Freiheit gesetzt, welches die Menschen nicht umstandslos in ihrer jeweiligen Gestalt affirmiert, sondern sie an das erinnern möchte, was sie sein könnten. So kritisierte Hume die Annahme, alle Regierungsformen seien Ausdruck des Immerselben und der Unterschied bestehe lediglich im Charakter bzw. Standpunkt der Regierenden, und nahm damit eine Unterscheidung vor, die die heutige Politikwissenschaft – und hierbei gerade deren kritisch sich dünkenden Ausprägungen? – nicht mehr machen möchte.

 

Mittwoch, 30. Mai, 19 Uhr
Kritik der Soziologie.
Vortrag und Diskussion mit Gerhard Stapelfeldt

Die Soziologie, die Wissenschaft vom logos der societas, verhält sich paradox zu ihrem Gegenstand: sie untersucht gesellschaftliche Phänomene und Strukturen, indem sie gesellschaftliche Verhältnisse voraussetzt. Daher ist ihr nicht der Geist des Widerspruchs, sondern der Geist der Anpassung und des Autoritarismus immanent.

Um im allgemeinen zu bestimmen, was Soziologie sei, ist ihre Entstehung als Fachwissenschaft im frühen 19. Jahrhundert nachzuzeichnen. Daraus ergeben sich nicht nur die Differenzen von Sozialphilosophie und Gesellschaftstheorie einerseits, Soziologie andererseits, sondern auch die beiden grundsätzlich unterschiedenen Richtungen der Soziologie als Naturwissenschaft (»soziale Physik«) einerseits und als Geisteswissenschaft andererseits. Max Weber hat um 1900/1920 versucht, diese beiden Richtungen zusammenzuführen: in einer sinnverstehenden Soziologie, die geschichtstheoretisch die Genese der politischen Gesellschaft als »Gehäuse der Hörigkeit« vorführt.

Prof. Dr. Gerhard Stapelfeldt lehrte von 1979 bis 2009 am Institut für Soziologie der Universität Hamburg.

 

Mittwoch, 6. Juni, 19 Uhr
Phantasie als Kompetenz. Zur Ideologie der Kreativität in der neueren Pädagogik..
Vortrag und Diskussion mit Magnus Klaue

»Stell Dir vor, es ist Schule … und jeder will hin!« Unter dieser Maxime skizzierte jüngst eine »Gründungsinitiative Unbedingte Schule« nicht etwa eine pädagogische Dystopie, deren Verwirklichung unbedingt zu verhindern wäre, sondern das Ideal einer »guten Schule«, die »selbstbestimmtes, eigenverantwortliches Lernen« ermöglicht und in der, wie gedroht wird, »Inklusion selbstverständlich ist«. Das gute Leben ist da, wenn niemand mehr ausgeschlossen werden muss, weil alle sich widerstandslos einschließen lassen. Entsprechend versteht sich die »Unbedingte Schule«, in Übereinstimmung mit Jacques Derridas »Unbedingter Universität«, als zivilgesellschaftlicher Gegen-Staat »ohne Menschenbild« und mit flachen Hierarchien, einem eigenen »Ethikrat«, einer »Schulversammlung« und einem »Schulgericht«. Ihre pädagogischen Prinzipien sind das Streben nach »Weltwissen« statt nach banalem Schulwissen sowie die Ermöglichung maximaler »Bewegungsfreiheit«. Der pädagogische Schlüsselbegriff lautet statt »Erziehung« oder »Bildung« nicht zufällig »Spiel«: Aller ehemalige Ernst des Lebens soll spielerisch aufgefasst, aber auch alles Spiel pädagogisiert werden. Ausgehend von dieser einstweilen imaginären Institution, die erahnen lässt, wie die Zukunft der Kindheit aussehen könnte, soll gezeigt werden, wie die neuere Pädagogik Phantasie und Imagination der werdenden Individuen in ihrem Triebgrund liquidiert, indem sie sie in »Kreativität« überführt.

Magnus Klaue ist freier Autor und schreibt u.a. für Bahamas und Jungle World.

Mittwoch, 20. Juni, 19 Uhr
»That politics may be reduced to a science«. Die politikwissenschaftliche Ersetzung von Herrschaft durch Psychologie der Herrschenden.
Vortrag und Diskussion mit Alex Gruber

In Anschluss an das von Gramsci et al. herrührende Hegemoniekonzept hat sich eine Seinslehre der Macht durchgesetzt, die den Staat als jene Arena hypostasiert, in welcher der für das Feld des Politischen grundlegende Kampf stattfindet. »Der Staat ist die materielle Verdichtung von Kräfteverhältnissen«: Dies ist die an Nicos Poulantzas geschulte Fassung einer Ontologie des Politischen, die in ihrem Versuch, »Politische Theorie als erste Philosophie« (Oliver Marchart) zu betreiben, alles andere als zufällig – mal verdruckster, mal offener – eine Renaissance von Politischer Theologie vorantreibt und darin der Ranküne gegen Rechtsstaatlichkeit und repräsentative Demokratie zuarbeitet.

»Ist unsere Demokratie noch zeitgemäß« ist die Frage, die in solch scheinkritischen Diskussionen gestellt wird, und die wenig überraschende, weil in der Frage schon angelegte Antwort lautet: Nein – ?weil die »etablierte Politik« im Dienste der »Vermögensbesitzer« und gegen die »leidende Bevölkerung« regiere (Ulrich Brand). Die am Beginn der Moderne stehende Erkenntnis, dass es auf die gesellschaftliche Einrichtung und nicht auf die subjektiven Dispositionen des Herrschaftspersonals ankommt, ist liquidiert zugunsten einer Psychologie, welche Herrschaft und Krise auf mangelnde Solidarität der regierenden Politiker reduziert wissen, und diese durch einfühlsamere und ›bürgernähere‹ ersetzt sehen möchte. Darin ist zugleich die Gewalt verdrängt? – jene Gewalt, von der ein bürgerlicher Denker wie Hume noch jederzeit einen Begriff besaß, und die er durch einen »representative body« und ein System von »checks and balances« eingehegt wissen wollte.

Alex Gruber ist Mitherausgeber des Buches »Gegenaufklärung. Der postmoderne Beitrag zur Barbarisierung der Gesellschaft« (ça ira, 2011).

Montag, 25. Juni, 19 Uhr
Der Aberglaube des Positivismus.

Vortrag und Diskussion mit Jörg Huber

Auf messbare Fakten gestützte, positivistische Modelle breiten sich wie selbstverständlich als bevorzugte Instrumente zur Welterklärung aus. Traditionell religiöse oder metaphysische Vorstellungen verfallen der Entmythologisierung. In positiver Gestalt erweisen sie sich eine nach der anderen als dogmatisch und widerlegbar. Doch der unaufhaltsame Siegeszug des Positivismus wird begleitet von phantastischen Spekulationen, absurden Prognosen und offenkundig nutzlosen Erklärungsmodellen: Astrophysik und Astrobiologie stellen Vermutungen über neue fremde Welten in anderen Sternensystemen und deren mögliche Bewohner an – die mythischen Aliens. Die Klimaforschung rechnet uns ständig neue beunruhigende Varianten der Wettervorhersage für die nächsten hundert Jahre vor und möchte mit ihren Warnungen die aktuelle Politik unter Zugzwang setzen.

Fraktale Statistik und Ökonophysik möchten das Auf und Ab der Finanzmärkte modellieren und auch dort etwas mathematisch oder quasiphysikalisch erklären, wo es offenkundig rational nichts zu erklären gibt und nicht einmal die traditionell dafür zuständigen Wissenschaftszweige noch durchblicken.

Passen solche wissenschaftlichen Projekte noch mit dem nüchtern-rationalen Anspruch der Aufklärung zusammen? Oder dienen sie eher der beruhigenden Selbstvergewisserung der Bürger im Spätkapitalismus, die den Glauben an eine vernünftigere Zukunft längst aufgegeben haben und nur noch den status quo sichern möchte?

Jörg Huber (Physiker) ist Autor für die Zeitschriften Bahamas und Jungle World.

 

Dienstag, 17. April 2012, 19:00 Uhr
Melanchthonianum, Universitätsplatz Halle

Vorsprung durch Technik. Über die Piratenpartei.
Vortrag und Diskussion mit Sören Pünjer

Die Piratenpartei Halle ist gegen die Schließung des Kinder- und Jugendtheaters Thalia. Wissen denn die Hallenser Piraten nicht, dass dort seit Jahren bereits Kinder darauf getrimmt werden, ihre vermeintliche oder wirkliche Kreativität als ihr geistiges Eigentum zu betrachten? Wissen sie nicht, dass dort jede Kulisse, jede Dramaturgie, jede Regie und jedes Textbuch dem Schutze des Urheberrechtes unterliegen? Man kann wohl annehmen: Sie wissen es, doch es ist ihnen egal. Denn Urheberrecht und geistiges Eigentum werden für die Piraten nur in der digitalen Welt zum Problem. Tauchte dort das Original-Skript einer Thalia-Inszenierung auf, dann würde sich in der Logik der Piraten jeder zum Feind der Freiheit und zum Freund von Big Brother machen, der darauf beharrt, dass auch in der digitalen Welt Text und Idee als geistiges Eigentum zu schützen sind.

Auf dieser Logik, besser: Unlogik gründet nicht nur der Erfolg der Piratenpartei, sondern auch der massenhafte Protest gegen das Anti-Produktpiraterie-Abkommen Acta. Mit der Behauptung, das Netz wäre ein exterritoriales Medium, nur weil es eine neue – natürlich „revolutionäre“, denn drunter macht man es nicht – Technologie sei, an die man obsessiv und kritiklos zu glauben habe, rennt die Piratenpartei allerorts offene Türen ein. Ihr Transparenz-Fetisch korrespondiert dabei hervorragend mit dem Phänomen des Wutbürgers, dessen bösartige Faktenresistenz sich nicht nur in Stuttgart in der kollektiven Schmährede vom „Lügenpack“ ausdrückt.

Kein Wort wird man von den Piraten darüber vernehmen, dass die digitale Welt jeden kritischen Gedanken in Blogger- und Foren-Meinung auflöst, längst mehr ist als der Vorbote einer zunehmend autistisch sich gebärdenden Gesellschaft und als einzig zulässige Denkform des Menschen die der Powerpointpräsention und des Twitterns zum Ideal macht.

Vortrag und Diskussion mit Sören Pünjer (Redaktion Bahamas, Berlin)

 

Freitag/Samstag 23.-24. März 2012
Halle (Saale)

Kontinuität und Wandel. Zur deutschen Erinnerungskultur.
Wochenendseminar mit Hannes Junker

Wandel und Kontinuität der deutschen Erinnerungskultur lassen sich exemplarisch am 13. Februar zeigen. In einem zweitägigen Lektüreseminar soll das Gedenken am Beispiel von Dresden diskutiert werden.

Die Lektüre wird nach der Anmeldung verschickt. Eine Anmeldung per E-Mail ist erforderlich.

 

 

Freitag, 17. Februar 2012
Beginn des Vortrags: 20:00 Uhr
VL Ludwigstraße 37

Time to say Goodbye.
Die Bonjour Tristesse sagt au revoir.
Vortrag mit anschließender Party.

Fünf Jahre sind genug. Über die Provinz ist alles gesagt und alles geschrieben. Aus Anlass des Erscheinens der dreizehnten und letzten Ausgabe sollen fünf Jahre Bonjour Tristesse gefeiert werden. In einem Vortrag soll allen Freunden und Gegnern der Bonjour Tristesse erklärt werden, warum sie von nun an wieder selber denken müssen. Vor allem
aber soll gezeigt werden, was passiert, wenn sich eine Zeitschrift nicht rechtzeitig von ihrem Publikum verabschiedet. Anhand des Leipziger Antifa- und Jungakademiker-Blattes »Phase 2« soll deshalb ausgeführt werden, wie es um linke Medien in Deutschland bestellt ist und wie ausgerechnet ein schrulliger Außerirdischer es schaffen
konnte, zum inoffiziellen Ehrenbürger der Heldenstadt zu werden.

Es referiert u.a. Julia Reiter (Stanford, USA).

Eine Veranstaltung der AG Antifa, der AG »No Tears for Krauts« Halle und der Redaktion Bonjour Tristesse.

 

10 Years After. 9/11 und die Folgen.
Antifaschistische Hochschultage 2011.

Als am 11. September 2001 zwei von Islamisten gesteuerte Passagierflugzeuge die Türme des World Trade Centers zum Einsturz brachten, hieß es in Politiker- und Fernsehkommentaren, dass von nun an nichts mehr so sei wie bisher. Die Bundesregierung stellte für den Krieg in Afghanistan einige Einheiten zur Verfügung; ein Teil der Linken ergriff auf Demonstrationen mit Amerika- und Israelflaggen Partei für den »War on Terror«; und es schien sich ein Problembewusstsein gegenüber dem Islam zu entwickeln. Bereits ein Jahr später rettete ein amerikafeindlicher Wahlkampf die Sozialdemokraten vor der Niederlage bei der Bundestagswahl, und 2003 demonstrierten die zahlreichen Friedensfreunde – von der PDS bis zu den Grünen und der SPD – gemeinsam mit Neonazis gegen den Irak-Krieg. Zehn Jahre nach den Anschlägen will von einer Solidarität mit den USA niemand mehr etwas wissen.
Als Ossama bin Laden Anfang Mai 2011 von amerikanischen Eliteeinheiten aufgespürt wurde, hielt die Aufmerksamkeit gerade bis zur nächsten Unwetterwarnung. Für Israel und Amerika scheinen sich jedoch die schlimmsten Befürchtungen bestätigt zu haben. Vor diesem Hintergrund soll sich im Rahmen der Antifaschistischen Hochschultage mit den Folgen des 11. Septembers und seiner Bedeutung für die Gesellschaftskritik auseinandergesetzt werden.


Donnerstag, 13. Oktober, 19:00 Uhr
Melanchthonianum, Universitätsplatz Halle

Das Ende Israels? Israel und die palästinensische Staatsgründung.

Vortrag und Diskussion mit Stephan Grigat.

Der einzige Staat, dessen Existenzzweck es ist, die Juden vor allen möglichen Zugriffen von Antisemiten zu schützen, hat bekanntermaßen viele Feinde. Doch nicht nur seine Nachbarn bzw. das Atomwaffenprogramm des Mullahregimes im Iran stellen eine permanente Gefahr für den jüdischen Staat dar, sondern eine weltweite Allianz, die mal in NGOs organisiert in der Form von »Hilfsflotillen« auftritt und sich mal in der UNO versammelt, delegitimiert beständig die Existenz Israels.
Im September 2011 kamen die Vereinten Nationen nun in eben jener Stadt zusammen, in der zehn Jahre zuvor der antisemitische Wahn im Massenmord an fast 3.000 Menschen im World Trade Center kulminierte, um unter tosendem Beifall der Delegierten den Antrag des PLO-Häuptlings Mahmud Abbas für einen Staat Palästina zu feiern. Gleichzeitig fand ebenfalls in New York die dritte Auflage der sogenannten Antirassismus-Konferenz der UNO statt, deren Premiere im südafrikanischen Durban wenige Tage vor den Anschlägen vom 11. September 2001 zum antisemitischen Spektakel geriet.
Kurzum: Den militanten Feinden Israels im Nahen Osten und überall wurde wieder einmal zu verstehen gegeben, dass die Weltgemeinschaft ihnen nicht nur keinesfalls in den Arm fallen wird, sondern ausdrücklich hinter ihnen steht.
Warum dieser globalen Allianz der Antisemiten nur eine bedingungslose Solidarität mit Israel entgegenzusetzen ist, wird Stephan Grigat in seinem Vortrag ausführen.



Mittwoch, 26. Oktober, 19 Uhr
Melanchthonianum, Universitätsplatz Halle

Von New York bis Kairo. Amerika und seine Feinde.
Vortrag und Diskussion mit Bernd Volkert und Justus Wertmüller.

Als im libyschen Bengasi anlässlich der NATO-Angriffe auf die Schergen Muhammar al-Gaddafis amerikanische Fahnen geschwenkt wurden, wirkte dies fast wie eine nachträgliche Bestätigung George W. Bushs und seiner Greater Middle East Initiative. Dabei ist es jedoch mehr als fraglich, was auf die Aufstände gegen arabische Despoten und deren Sturz folgen wird, ob es sich also um eine verspätete Folge der Befreiung des Irak und um eine freiheitliche Entwicklung handelt, oder ob die Unterdrückung des Individuums in den arabischen Ländern nur demokratisiert werden soll. Nicht zuletzt davon hängt es ab, ob diese Länder ein selbstverständlicher Teil der antiamerikanischen Internationale zwischen Teheran und Caracas bleiben, an deren Wahn auch die Präsidentschaft Barack Obamas nichts zu ändern vermochte. Eine Einschätzung der »Arabellion« und des antiamerikanischen Stand der Dinge in der Welt seit 9 / 11 werden Justus Wertmüller und Bernd Volkert in ihren Vorträgen abgeben.


Donnerstag, 10. November, 19:00 Uhr
Melanchthonianum, Universitätsplatz Halle

Nothing Left to Lose. Die Linke nach 9/11.

Vortrag und Diskussion mit Magnus Klaue und Jan-Georg Gerber

Nach dem 11. September 2001 kam es innerhalb der Linken zu eigenartigen Koalitionen: War es von den traditionellen Freun­den des antiimperialistischen Befreiungskampfes nicht anders zu erwarten, dass sie die Anschläge von New York begrüßten, verwunderte es auf den ersten Blick schon, dass auch poststrukturalistische Feministinnen, Queer- und Gender-Aktivisten plötzlich besonderes Verständnis für den Islam zeigten. Immerhin waren im Kontext der Attentate auch die repressiven Züge des Islam, der Verschleierungszwang, die Herrschaft der Scharia, Ehrenmorde usw. in den Fokus der Aufmerksamkeit gerückt. Freun­de Israels und des amerikanischen Engagements in Afghanistan und im Irak erhielten bei ihren Versuchen, die große antiameri kanische und israelfeindliche Einheitsfront – von Kanzler Schröder über die deutschen Anhänger Judith Butlers bis zur NPD – zu stören, die sich in dieser Zeit Geltung verschaffte, plötzlich Unterstützung von Bewegungslinken, die wenige Monate zuvor noch Neonaziaufmärsche verhindert und zu den Antiglobalisierungsprotesten nach Prag, Genua oder Kopenhagen mobilisiert hatten. Während die antideutschen Antifagruppen, die im Nachgang von 9/11 und im Zuge des Irakkrieges entstanden, inzwischen schon wieder Geschichte sind, ist sowohl der antiisraelische Furor der Mehrheitslinken als auch die Faszination, die der Islam auf poststrukturalistische Genderaktivisten ausübt, noch immer ungebrochen. Die Referenten werden einerseits ausführen, warum gerade Judith Butler und Co. eine solche Begeisterung für den Islam entfalten. Andererseits soll der Frage nach den Ursachen des schnellen Aufstiegs und des ebenso schnellen Verschwindens »antideutscher Bewegungspolitik« nachgegangen werden.

Freitag, 18. November, 19:00 Uhr
Melanchthonianum, Universitätsplatz Halle

Koran und Kapital. Zum Stand der Islamkritik.
Podiumsdiskussion mit Thomas Maul, Niklaas Machunsky und einem Vertreter der Gruppe Morgenthau

In den 1840er Jahren schrieben Marx und Engels, dass die Bourgeoisie, die von ihnen damals noch synonym mit dem Kapitalverhältnis gesetzt wurde, an jedem Ort der Welt für die Zerstörung der Traditionen, der Herrschaft der Religion sowie der Bindungen an Blut, Boden, Sippe und Scholle sorge. Ohne diesen Prozess zu verklären, wurde er von beiden doch als Voraussetzung der Herausbildung einer Gesellschaft begriffen, in der, wie es an gleicher Stelle heißt, die freie Entwicklung der Einzelnen zur Voraussetzung der freien Entwicklung aller geworden ist. Insbesondere (aber nicht nur) mit Blick auf die sogenannte islamische Welt, wo die Anschläge vom 11. September mit Freudenfeiern begrüßt wurden, stellt sich die Frage nach der traditionssprengenden Kraft des Weltmarktes neu. Wenn Marx und Engels recht hatten und das Kapital an jedem Ort der Welt für die Zertrümmerung des Althergebrachten sorgt, welcher Art sind dann die Zustände in weiten Teilen des Maghreb, des Nahen und Mittleren Ostens, wo man sich, mehr als hundert Jahre nach der Durchsetzung des Weltmarktes, scheinbar ungebrochen auf die Geltung von Tradition und Sippe beruft? Wenn sie Unrecht hatten, von welchen falschen Voraussetzungen gingen sie dann aus? Warum scheint sich insbesondere der historische Einflussbereich des Islam dem Prozess von Individuation und Säkularisierung zu entziehen?

 

Mittwoch, 31. August 2011, 19:00 Uhr
Radio Corax, Unterberg 11, Halle (Saale)

Der große Hedonismus-Schwindel.
Über die Rebellion der Angepassten.

Vortrag und Diskussion.

»Ich will Spaß, ich will Spaß«, sang der »Neue-Deutsche-Welle«-Star Markus Anfang der achtziger Jahre. Dreißig Jahre später ist diese Formel – »Ich will Spaß, ich will Spaß, ich geb’ Gas, ich geb’ Gas!« – erneut zur Parole einer Generation geworden. Der VW-Golf-Proll aus dem Saalekreis, die Friseur-Azubine aus Delitzsch, der Kulturarbeiter mit Antifa-Vergangenheit und die SozPäd-Studentin mit Eso-Fimmel: sie alle zieht es Wochenende für Wochenende zu den einschlägigen Clubs, Diskotheken und unangemeldeten Freiluftpartys, wo sie sich nicht mehr zu stumpfer Gitarrenmusik, sondern zu monotonem Elektrobeat bewegen. Der hippe Mittelstandsnachwuchs legt gegenüber dem Prekariat zwar ein großes Abgrenzungsbedürfnis an den Tag: Im Unterschied zu den Mandys, Kevins und Jacquelines, die bis zum großen Unglück von 2010 zur Loveparade fuhren, bevorzugen die Sandros und Janinas das »Fusion-Festival«, das »Nation of Gondwana« im märkischen Sand oder, für die ganz Hippen, die illegalen Zusammenkünfte an Seeufern und Waldlichtungen. Wenn sie eine Politvergangenheit haben, Soziologie oder Gender-Studies studieren, versuchen sie darüber hinaus, ihrem Wochenendspaß einen subversiven Gehalt überzuhelfen: Weil sie nicht mehr in Sackleinen und schwarzen Kapuzenpullovern herumlaufen, sprechen sie von Individualismus; weil sie sich gelegentlich mit Koks statt mit Korn betäuben, rhabarbern sie von Hedonismus. Spätestens wenn ihre illegalen Partys, wie jüngst in Leipzig und Halle, von der Polizei gesprengt werden und sie daraufhin mit konstruktiven Vorschlägen an die einschlägigen Stadtverwaltungen herantreten, wird jedoch deutlich, was bereits durch ihre musikalischen Vorlieben angedeutet wird: Von der Autotuning-Fraktion unterscheidet sie nichts außer ihrem Standesdünkel. Die Spontaneität, von der sie sprechen, ist geplant; die unkommerziellen Partys (bei denen, nebenbei, mehr Geld abfällt, als sie zugeben würden) sind die Testballons für den Einstieg ihrer Organisatoren ins professionelle Veranstaltungsmanagement; und ihr Hedonismus ist die Verlängerung des Leistungsprinzips in die Freizeit: Wer nicht lange genug durchhält, ist »out«. Wenn sie vor diesem Hintergrund, wie gerade in Halle und Leipzig, gegen die Prinzipientreue der einschlägigen Ordnungsämter protestieren, dann ist also nichts anderes zu erwarten als eine Rebellion der Angepassten.

Eine Veranstaltung der AG Antifa im Stura und der AG »No Tears for Krauts« Halle.

 

Samstag, 27. August 2011
Halle (Saale)

Neonazistrukturen in Sachsen-Anhalt.
Die NPD und die Kameradschaftsszene nach der Landtagswahl.

Tagesseminar

Nach dem knappen Scheitern der NPD bei den Landtagswahlen im März ist es still geworden um die Partei. Der Landesvorstand wurde nahezu komplett ausgetauscht – nach den „jungen Wilden“ um Matthias Heyder, Michael Schäfer und Co, übernimmt nun vorerst wieder eine Riege älterer Herrschaften die Leitung der Partei und konzentriert sich (vorerst) offensichtlich auf Regionen mit starker lokaler Verankerung (z. B. Burgenlandkreis). Bedeutet das für die nicht in Parteien organisierten Neonazis der sogenannten „Freien Kräfte“ einen neuen Aufschwung? Der Seminartag beschäftigt sich mit den regionalen Organisationsstrukturen von Neonazis in Sachsen-Anhalt, den Zielsetzungen und Aktivitäten. Dabei soll einerseits die Frage beleuchtet werden, welche personelle und strukturelle Kontinuität in der Szene besteht. Andererseits werden die zentralen Themen, Veranstaltungsformen, und szenespezifischen Höhepunkte der regionalen Neonaziszene analysiert.

Achtung: Anmeldung per Mail erforderlich!

 

Mittwoch, 15. Juni 2011, 19:00 Uhr
Melanchthonianum, Universitätsplatz Halle

Der gefesselte Odysseus.
Über die Dialektik der Aufklärung im Islam.

Vortrag und Diskussion mit Thomas Maul

Seit dem 11. September 2001 wird in der westlichen Öffentlichkeit die Frage diskutiert, was der Islam mit dem weltweit agierenden Suizid- und Tugendterror zu tun hat, der in seinem Namen zuvörderst gegen Juden, Frauen und Homosexuelle sich richtet.
In Thomas Mauls kritischer Analyse des klassisch-schariatischen Geschlechterverhältnisses und der ihm entsprechenden Sexualpolitik im Spannungsfeld von Religion (Eschatologie, Ritualpraxis) und Gesellschaft (Patriarchalismus, orientalische Despotie, Djihad-Doktrin) erweist sich die Gemeinschaft der Gläubigen (Umma) als wesenhaft durch einen Phallozentrismus konstituiert, der in der Moderne notwendig in die Krise gerät. Die gegenwärtige barbarische Gewalt des Kollektivs ist damit nichts anderes denn eine anachronistisch-pathologische Verteidigung der im Verfall begriffenen Tradition und gilt in letzter Instanz immer dem (sexuell) selbstbestimmten Individuum.

Thomas Maul ist Autor der Bücher »Die Macht der Mullahs. Schmähreden gegen die islamische Alltagskultur und den Aufklärungsverrat ihrer linken Verteidiger« (2006) und »Sex, Djihad und Despotie. Zur Kritik des Phallozentrismus« (2010).

 


Donnerstag, 28. April 2011, 20:00 Uhr
Löwengebäude, Universitätsplatz Halle
Neonazis in Halle und Umgebung
Eine Informationsveranstaltung

Am 1. Mai wollen Neonazis aus dem Spektrum der „Freien Kameradschaften“ durch Halle marschieren. Es ist damit zu rechnen, dass zu dieser zentralen Demonstration im Osten der Republik hunderte Neonazis anreisen werden. Die lokale hallesche Naziszene ist aufgrund interner Streitereien, ihrer Strukturschwäche und Unfähigkeit zwar kaum in die Organisation dieses Aufmarschs eingebunden. Das wird ihrer Beteiligung allerdings kaum Abbruch tun. Vor dem Hintergrund der Demonstration am 1. Mai soll der Vortrag über die regionale Neonaziszene, ihre Anmelder und Hintergründe informieren.

Für die Veranstaltung gilt wie immer: Die Veranstaltenden behalten sich vor, von ihrem Hausrecht Gebrauch zu machen und Personen, die rechtsextremen Organisationen angehören, der rechtsextremen Szene zuzuordnen sind oder bereits in der Vergangenheit durch rassistische, antisemitische oder sonstige menschenverachtende Äußerungen in Erscheinung getreten sind, den Zutritt zur Veranstaltung zu verwehren oder von dieser auszuschließen. Ebenso zum Ausschluss von der Veranstaltung führt das Tragen von eindeutig rechtsextremen Symbolen und Bekleidungsmarken einschließlich „Thor Steinar“.


Antifaschistische Hochschultage 2011
:
Hab mich gerne, Postmoderne.
Zur Kritik des Poststrukturalismus.

Ort für alle Veranstaltungen:
Melanchthonianum Universitätsplatz Halle (Saale)

Mittwoch, 20. April 2011, 19 Uhr

Der Diskurs zum Tode.
Poststrukturalismus als deutsche Ideologie.
Vortrag und Diskussion mit Martin Dornis.

Dass Geschlecht, Rasse und Nation Konstrukte sind, die durch nationalistische, sexistische, rassistische oder antisemitische Diskurse erzeugt werden und denen durch die Methode der Dekonstruktion entgegengearbeitet werden könne und müsse, ist in der heutigen radikalen Linken ideeller Gemeinplatz. Poststrukturalistische Autoren wie Judith Butler und Michel Foucault, aber auch Gilles Deleuze und Jacque Derrida sind en vogue.Vielfach werden sie mit Marx und Ansätzen der kritischen Theorie Horkheimers und Adornos gemixt, hätten sie alle doch angeblich ein gemeinsames Bestreben, nämlich dem Besonderen und Unterdrückten eine Stimme zu verleihen und es zu befreien. Der Vortrag will Herkunft und Wirkung des postmodernen und poststrukturalistischen Denkens darlegen und es der Kritik unterziehen. Anhand ausgewählter linksradikaler Publikationen werden die teilweise verheerenden Folgen dieser Art von Theorie für linksradikales Denken und ihre gegensätzliche Stellung zu einer materialistischen Gesellschaftskritik aufgezeigt.

Martin Dornis ist freier Autor/Referent und wohnt in Leipzig. Er versteht sich als materialistischer Gesellschaftskritiker.


Mittwoch, 4. Mai 2011, 19 Uhr

Michel Foucault: Das Rätsel der Macht.
Vortrag und Diskussion mit Manfred Dahlmann.

Foucaults originäre Leistung besteht darin, den im Selbsthass auf die Voraussetzungen ihrer eigenen Existenz befindlichen westlichen Intellektuellen, die spätestens seit Mitte der 1970er Jahre jeden Wirklichkeitsbezug verloren hatten, sein äußerst traditionelles Wissenschaftsverständnis verkauft zu haben, als könnten seine „nomadischen Untersuchungen“ Wirklichkeit erfassen, ohne ihnen einen universalistischen Wahrheitsanspruch zugrundelegen zu müssen. Darauf hatte die Linke (und mit ihnen alle Geistes-, Kultur- und Sozialwissenschaftler) lange gewartet: sich kritisch geben zu können, ohne sich der äußerst mühsamen Anstrengung einer Arbeit am Begriff unterziehen zu müssen.
Im Rätsel der Macht: überall zu sein, ohne eine substantielle, allgemeine Wirklichkeit „an und für sich“ zu haben, und doch – wenn auch ›nur‹ lokal – allüberall zu erscheinen, reproduziert Foucault in krud-banaler Weise die gängigen, von der Aufklärung und der Kritischen Theorie längst enttarnten Mysterien bürgerlichen Selbstverständnisses und ›modernisiert‹ dabei nichts Anderes als die Nazi-Philosophie des Ziehvaters auch aller ihm nachfolgenden Postmodernen: die von Martin Heidegger.

Manfred Dahlmann ist assoziiert in der Initiative Sozialistisches Forum Freiburg. Er ist Mitherausgeber der Bücher „Geduld und Ironie. Johannes Agnoli zum 70. Geburtstag“ (Freiburg 1995) und „Kritik der Politik. Johannes Agnoli zum 75. Geburtstag“ (Freiburg 2000).


Mittwoch, 18. Mai 2011, 19 Uhr

Die Antiquiertheit des Sexus.
Zur Kritik der postmodernen Körpertechnologie.

Vortrag und Diskussion mit Magnus Klaue.

Zur neuesten Tendenz postmoderner Genderpolitik gehört der Versuch, die geschlechtertheoretischen Prämissen der Arbeiten von Judith Butler et al. in einer Weise praktisch werden zu lassen, die die altlinke Formel vom Privaten, das politisch sei, in denkbar bedrohlichster Weise zu verwirklichen verspricht. Beatriz Preciados „Kontrasexuelles Manifest“, das den Hass auf Sexus und Trieb selbstbewusst im Titel führt, sowie die „gendertechnologischen“ Schriften Donna Haraways sind die Referenztexte einer gender- und queerlinken Bewegung, die jeden Einzelnen auffordert, die Abschaffung des Leibes zugunsten des „Körpers“ und den Rückbau des Ich zum bewusstlosen Knotenpunkt blinder „Konstitutionsprozesse“ mit Haut und Haaren an sich selbst zu exekutieren. Der anti-humanistische „neue Mensch“, der dabei entstehen soll und wahlweise als „Mensch-Maschine“ oder „Cyborg“ figuriert, hat kein Unbewusstes und kein Triebschicksal, keine Geschichte und kein Begehren mehr. Seine Symbolwelt steht Preciado gemäß nicht mehr im Banne des „Phallus“, sondern des „Dildos“, des puren Konstrukts, das die reale Erfahrung der Verschränkung von Sexualität und Herrschaft liquidiert, indem es Intersubjektivität und Herrschaft konvergieren lässt. In seiner Welt gibt es weder Intimität noch individuelle Liebe, die Impulse der kindlichen Sexualität sind ebenso getilgt wie die Erfahrung der Sterblichkeit des menschlichen Körpers. Sexualität, von jedem Einzelnen als angstbesetzt und rätselhaft empfunden, soll kommensurabel gemacht werden, indem sie zum puren Vollzug eines allgemeinen Gesetzes erniedrigt wird: lästig, aber nötig, frei von jedem Glücksversprechen und damit auch von
der Angst vor Enttäuschung. In Anschluss an Günther Anders’ Theorem von der „Antiquiertheit des Menschen“ möchte der Vortrag zeigen, dass die Postmoderne damit endgültig zur praktischen Ethik individueller Selbstauslöschung wird, wie Anders sie in Heideggers Technikbegriff, den der deutsche Faschismus zu verwirklichen suchte, angelegt sah.

Magnus Klaue ist freier Autor und schreibt unter anderem für „Bahamas“ und „Jungle World“.

 

Freitag und Samstag, 10.-11. Februar 2011
Möglichkeiten und Grenzen regionaler Erinnerungsarbeit
Wochenendseminar


Am Beispiel des Simon-Rau-Zentrums e.V. Weißenfels, einem Verein, der es sich zur Aufgabe gemacht hat, regionale Erinnerungsarbeit zu leisten, soll eruiert werden, inwiefern diese Arbeit durch studentische Organisationen und Einzelpersonen unterstützt werden kann. Weiterhin soll es darum gehen, Interessierten den Rahmen aufzuzeigen, indem die Planung eigener Projekte möglich sein kann. Im einem ersten Teil wird ein Referent die Arbeit des Vereins ausführlich darstellen. Am zweiten Tag sollen die Workshopteilnehmer selbst Ideen entwickeln, Finanzierungsmöglichkeiten diskutieren und konkrete Projekte erarbeiten, die regionale Gegebenheiten erfassen und berücksichtigen.

Anmeldung erforderlich (per Mail)!


Antifaschistische Hochschultage

Mittwoch, 27. Oktober 2010, 19 Uhr
Melanchthonianum, Uni Halle
Der Sarrazin-Komplex. Warum die Kritiker Sarrazins im Unrecht und seine Thesen trotzdem verkehrt sind.
Vortrag und Diskussion von Justus Wertmüller.

So viel ist sicher: Die Leute, die sich in den letzten Wochen in die öffentlichen Veranstaltungen mit Thilo Sarrazin drängeln, sind in ihrer Mehrheit unangenehme Zeitgenossen. Sie wollen einen Volkstribun, der einmal so richtig rauslässt, was »uns kleinen Leuten« verboten ist auch nur anzusprechen. Nämlich das gesamte Ressentiment gegen Ausländer und sogenannte Sozialschmarotzer, wobei letztere gar nicht unbedingt nicht deutscher Herkunft zu sein brauchen. Dass die unerwünschten Ausländer mit Moslems gleichgesetzt werden, hat den einfachen Grund, dass die mit Abstand größte Gruppe aus der Türkei stammt, in dem der Islam die Mehrheitsreligion ist. Man geht davon aus, dass sechzig bis neunzig Prozent der Deutschen sagen: »Sarrazin hat Recht!« Einen Islamkritiker sehen sie in ihm allerdings wohl kaum, denn bekanntlich widersetzt sich durch alle Lager hindurch die ganz überwältigende Mehrheit der Deutschen jeder Beteiligung der Bundeswehr am Afghanistan-Einsatz und will auch die iranische Bombe nicht aktiv, also gegebenenfalls auch durch die Drohung mit einem Militärschlag, verhindern. Und doch zeigt die sogenannte Sarrazin-Debatte überdeutlich, dass etwas verboten werden soll. Die widerwärtige, wissenschaftlich selbstverständlich bestens fundierte Einsicht, dass Intelligenz vererbbar sei, steht nur scheinbar im Fokus der Kritik. Denn die Gleichen, die Sarrazin empört einen Eugeniker nennen, glauben ihrerseits inbrünstig daran, dass über Fortkommen und Scheitern letztlich eben doch ein Gen mitentscheidet. Nein, an einem anderen Punkt hat ausgerechnet der Fall Sarrazin gezeigt, dass ein Bündnis aus Politik und Medien alles unternimmt, Kritik als pathologisch, kriminell und eben rechts oder rechtsradikal zu diskreditieren und damit zu unterbinden. Eine kritische Diskussion über den Islam soll in Deutschland unterbleiben, der Islam, so hört man stattdessen, gehört »zu uns«. Sarrazin wird in der SPD bleiben, der deutsche Geert Wilders muss noch gefunden werden. Der wird kommen und eine sehr deutsche Mischung aus Eugenik, Ausländerfeindlichkeit und Hass auf die Unterklassen feilbieten, die das niederländische Original weit in den Schatten stellen wird. Zu danken ist diese wenig erfreuliche Aussicht jenem Meinungskartell, das aus Türken »Muslim und Muslima« macht, aus den USA einen fundamentalistischen Aggressor, aus Israel eine Bedrohung des Weltfriedens und in jedem islamistisch gestimmten Pogrompöbel den gerechten Zorn der vom Imperialismus Erniedrigten und Beleidigten erkennt.

Justus Wertmüller ist Redakteur der Zeitschrift Bahamas.

Mittwoch, 17. November 2010, 19 Uhr
Melanchthonianum, Uni Halle
Das Ende des Antifaschismus. Über die Linke im Zusammenbruch des »realen Sozialismus«.
Vortrag und Diskussion mit Jan Gerber.

Wenn der Linken nichts mehr einfällt, fällt ihr der Antifaschismus ein. So war es 1977, als nach dem Zerfall der ersten Anti-AKW-Bewegung die große Stunde der Antifakommission des Kommunistischen Bundes, der sich bis dahin um »kritische Intervention« in die Bewegung bemüht hatte, schlug. So war es Ende der 1980er Jahre, als die DKP ihren »Friedenskampf« nach der vorläufigen Vertagung des Atomkrieges zugunsten der so genannten Antifa-Arbeit zurückstellte. Und so ist es letztlich auch seit Anfang der 1990er Jahre, seit sich die radikale Linke ausgerechnet im Bereich des Antifaschismus darum bemüht, ihre vielbeschworene Praxistauglichkeit wiederzuerlangen. Zwar waren die jeweiligen Entdeckungen des Antifaschismus stets auch dem verstärkten Auftreten von Neonazigruppen geschuldet. Der Antifaschismus ist allerdings – und das kann sowohl aus Anlass des 20. Todestages des »antifaschistischen Staates deutscher Nation« als auch angesichts des jüngsten Antifa-Booms gar nicht genug betont werden – nicht allein die Gegnerschaft zu Nazis, das Herumsitzen vor NPD-Aufmärschen oder die gelegentliche Rauferei mit den Mitgliedern bedeutungsloser Kostümvereine. Im Antifaschismus ist vielmehr einer der zentralen Gründe dafür zu suchen, warum die Linke den Unterschied zwischen Adolf Hitler und Franz Josef Strauß, gegen den sich 1980 eine der größten Antifa-Kampagnen der Bundesrepublik richtete (»Stoppt Strauß«), nie begreifen konnte, warum sie der Sowjetunion und der DDR trotz regelmäßiger Kritik am »Realsozialismus« über fast vierzig Jahre hinweg die Treue hielt, und schließlich: warum sie mit dem Untergang der DDR in jenen schockähnlichen Zustand fiel, der immer noch anhält.

Jan Gerber ist Autor des Buches »Nie wieder Deutschland? Die Linke im Zusammenbruch des ›realen Sozialismus‹« (ça ira Verlag), das bei gleicher Gelegenheit vorgestellt werden soll. Er schreibt regelmäßig für die »Bahamas« und ist Herausgeber der Bücher »Fight for Freedom. Die Legende vom ›anderen Deutschland‹« (gemeinsam mit Anja Worm) und »Rote Armee Fiktion« (mit Joachim Bruhn).

Mittwoch, 24. November 2010, 19 Uhr
Melanchthonianum, Uni Halle
»Nichts gelernt und nichts vergessen«. Ein Schema zur Geschichte des Antizionismus in Deutschland.
Vortrag und Diskussion mit Joachim Bruhn.

Irgendwann zwischen der Wannsee-Konferenz und der Gründung Israels verliert der Hass auf die Juden jedwede Geschichte. Danach gab es keine Antisemiten mehr: weil alle es sind. Der Antisemitismus wird zum logischen wie zum historischen Apriori, zur Ontologie des gesellschaftlichen Seins der Deutschen. Was immer sich seitdem auch ereignet hat – es spiegelt den prinzipiellen Stillstand der Geschichte, den Bann, die Angstlust der erpressten Versöhnung. So findet auch der Hass auf die Juden, egal, ob antisemitisch oder antizionistisch ausgebrüllt, keine neuen Worte mehr, sondern gehorcht einem manischen Wiederholungszwang, dessen Vokabular in den Werken Adolf Hitlers gesammelt vorliegt. Es ist sein »Politisches Testament« vom 29. April 1945, das seitdem abgearbeitet wird, sein letzter Wille, dem »internationalen Judentum und seinen Helfern« den totalen Krieg zu erklären und dafür immer wieder aufs Neue im deutschen Staat die so klassenübergreifende wie die Klassen in sich aufhebende Volksgemeinschaft zu verschweißen, d. h. das Mordkollektiv, das in erlogener präventiver Notwehr dagegen sich erheben solle, dass »die Völker Europas wieder nur als Aktienpakete dieser internationalen Geld- und Finanzverschwörer angesehen werden«. 1989, als die Wiedervereinigung der Antisemiten (BRD), die genötigt worden waren, mit Israel sich zu arrangieren, mit den Antizionisten (DDR), denen es nur erlaubt war, die Juden in Form der ›Zionisten‹ zu hassen, unvermeidlich wurde, waren alle formellen Bedingungen der deutschen Souveränität wiederhergestellt, die es möglich machen, Hitlers Testament doch noch zu vollstrecken, d. h. die HaShoah durch ihre Vollendung, Überbietung und restlose Vollstreckung an Israel ungeschehen zu machen: Der Rechtsnachfolger rüstet sich auf, der Gesellschaftsnachfolger zu sein. Denn erst der Tag, an dem es die Juden, außer in Geschichtsbüchern, niemals gegeben haben wird, wird der Tag der vollendeten »Deutschen Revolution« (Goebbels) gewesen sein. So trifft das paradoxe Resümee jetzt erst zu, das Eric Voegelin 1964 aus dem Verhältnis der Deutschen zu Hitler zog: »Nichts gelernt und nichts vergessen.« Es ist diese irrsinnig redundante, penetrante Permanenz des Nullpunkts materialistischer Aufklärung, in dem der Wiederholungszwang sich breitmacht.

Joachim Bruhn (ISF, Freiburg) ist Autor u. a. von »Was deutsch ist. Zur kritischen Theorie der Nation« (ça ira-Verlag, Neuauflage im Frühjahr 2011).


Freitag, 17. Dezember 2010, 20 Uhr
VL, Ludwigstraße 37
Smoke That Cigarette. Ein verrauchter Abend gegen die Gesundheitsreligion.
Mit Leo Elser und Klaus Bittermann

Jean-Paul Sartre hielt ein Leben ohne Zigarette für „ein bisschen weniger lebenswert“, Somerset Maugham bezeichnete das Rauchen als „einzige Erfüllung seines Lebens, in die sich nie die Bitternis der Enttäuschung gemengt habe“ und Mark Twain meinte: „Wenn man es im Himmel nicht tun darf, gehe ich nicht hin.“ Und die göttliche Jeanne Moreau sagte: „Männer, die sich das Rauchen abgewöhnt haben, sind mir unheimlich“, während Marguerite Duras noch einen Schritt weiter ging und fragte: „Wozu Sex haben, wenn man auch so rauchen kann.“
Davon will heute allerdings kaum noch jemand etwas wissen. Im Fernsehen darf nicht mehr geraucht werden, in Kneipen ist das Rauchen ins Hinterzimmer verbannt worden und im Büro werden die wenigen Raucher schief angeschaut, wenn sie ihrem Genuss frönen.
Vor diesem Hintergrund setzt sich Leo Elser, Redakteur der Zeitschrift Pólemos, mit dem grassierenden Gesundheitswahn auseinander. Klaus Bittermann, Mitherausgeber des Buches „Smoke Smoke Smoke That Cigarette“ wird eine Hommage an das Rauchen halten, die mit Musik, Filmschnipseln und viel blauen Qualm untermalt wird.

 

Freitag und Samstag, 8.-9. Oktober 2010
Nazis an der Uni?
Wochenendseminar

Nazis an der Uni? Im intellektuellen Milieu? Unter Akademikern? Gern wird auf den dummen, glatzköpfigen stiefeltragenden Neonazi verwiesen, der sich nur brüllend in kaum verständlichen Sätzen artikulieren kann. Doch damit umgeht man das Problem, dass es – neben Anpassung an subkulturelle Moden – an Aktivitäten von, vor allem organisierten, Nazis an den Universitäten nicht mangelt. Welche Strategien verfolgen eigentlich die Nazis an der Uni? Gibt es überhaupt ein Problem mit Rechtsextremen an der Uni Halle und was kann man gegen den Kommilitonen, der im Geschichtsseminar „fragwürdige“ Beiträge von sich gibt, tun? Im Seminar werden aktuelle Aktivitäten von Nazis an der Universität Halle dargestellt und es soll diskutiert werden, welche Handlungsmöglichkeiten sich jedem einzelnen im Umgang mit Neonazis bieten und wie Aktivitäten gegen rechtsextreme Strategien an der Hochschule in Zukunft aussehen könnten.

Die Lektüre des Readers ist Voraussetzung für die Teilnahme. Anmeldung per E-Mail erforderlich.


Freitag/Samstag, 20.-21. August 2010
Fußball und Nationalismus
Wochenendseminar

Ein alkoholisierter Deutschland-Fan greift in Karlsruhe zwei Polizisten mit Kopf- und Kniestößen an. Mehrere orts- und polizeibekannte Neofaschisten prügeln nach einem WM-Spiel in Bad Freienwalde in einer Polizeiwache auf drei Jugendliche ein. In der Magdeburger Innenstadt randalieren nach der deutschen Niederlage rund 200 Neonazis. Sie skandieren faschistische Parolen, setzen Mülltonnen in Brand und greifen die anrückende Feuerwehr an. In Frankfurt am Main zeigt eine Gruppe offen auftretender Neonazis beim Public Viewing während des Spiels Argentinien gegen Deutschland den Hitlergruß. Die Polizei schreitet nicht ein.
Die Ereignisse während der Fußballweltmeisterschaft 2010 bewiesen wieder einmal: Fußball als kollektives Spektakel fördert in Verbindung mit nationalistischen Einstellungen eine Barbarei zutage, der ansonsten die sogenannte Zivilgesellschaft entgegensteht. Im „friedlichen Partypatriotismus“ hingegen kann der Juso gemeinsam mit dem Neonazi, der Grüne zusammen mit dem Burschi begeistert schwarz-rot-gold schwenken. Die klare Einteilung und Abgrenzung über den Topos Nation weist Angehörige eines Staates Eigenschaften zu und inszeniert nationalen Wettstreit.
Welche Strategien im Umgang mit durch Fussball offensiv auftretendem Nationalismus erfolgversprechend sind, wie den „Partypatrioten“ und damit potentiellen Pogromteilnehmern beim Public-Viewing entgegengetreten werden kann, soll in diesem Seminar diskutiert werden. Das Seminar setzt sich mit der Theorie des Nationalismus auseinander. Es wird auf die neu erweckte Liebe zum deutschen Volk eingegangen und der „Partypatriotismus“ diskutiert.

Anmeldung zum Seminar per E-Mail erforderlich.

Mittwoch, 07. Juli 2010, 19 Uhr
Melanchthonianum, Universitätsplatz, Halle (Saale)

Erziehung zur Barbarei.
Deutsche Pädagogen, ihr Werkzeug und ihre Bibel

Vortrag und Diskussion mit P. Siemionek

Wer in seinem Leben schon einmal das fragwürdige Vergnügen hatte, mit einem Erziehungswissenschaftler über dessen Beruf zu sprechen, der kennt die mantrahaft vorgetragene Behauptung, es gäbe für die pädagogische Arbeit kein allgemeingültiges Konzept, das zum Zwecke einer erfolgreichen Erziehung auf alle anvertrauten Zöglinge gleichermaßen angewendet werden könne. Erklärtes Ziel sei vielmehr, die unterschiedlichen, im jeweiligen Kinde schlummernden Fähigkeiten unter Berücksichtigung der je individuellen Bedürfnisse zum Vorschein zu bringen, um selbstbewusste und mündige Individuen ins Leben zu entlassen.
Ein kurzer Blick auf die vermeintlich so unterschiedlichen pädagogischen Programme entlarvt jene Behauptung jedoch als dreiste Lüge. Egal ob es sich um integrative Ferienreisen für behinderte Kinder, um Sportprojekte und erlebnispädagogische Zwangsmaßnahmen für gewalttätige und kriminelle Jugendliche oder um die vorschulische Erziehung der lieben Kleinen handelt – längst schon propagiert die Erziehungswissenschaft ein vermeintliches Wundermittel für die Lösung aller pädagogischen Probleme, und längst schon sind sich Lehrer, Kindergärtner und Sozialpädagogen, von Stilfragen einmal abgesehen, darüber einig, was ihren Schutzbefohlenen nähergebracht werden soll, damit sie ein glückliches und erfülltes Leben in Angriff nehmen können. Der Name des Wundermittels: Gemeinschaftserziehung. Der allgemeine Tenor: Verantwortlich für die sozialen und psychischen Probleme der Heranwachsenden ist der Mangel an einer authentischen und fürsorglichen Gemeinschaft, die in der modernen Gesellschaft kaum noch anzutreffen sei, die durch Erziehung erst wiederhergestellt werden müsse und in der erst sich das Individuum frei entfalten und seine Anlagen und Potentiale voll ausschöpfen könne.
Warum die allerorts propagierte Gemeinschaftserziehung, aller gegenteiliger Behauptungen zum Trotz, gar nicht anders kann, als dem Individuum und dessen Entfaltung den Krieg zu erklären, soll der Vortrag erläutern. Der Kernpunkt des Abends wird allerdings weniger durch die Analyse pädagogischer Fachtexte gebildet, sondern durch ein Kinderbuch, das seit seinem Erscheinen die Gemeinschaftsphantasien deutscher Pädagogen beflügelt wie kein zweites und das deshalb zu ihrer heimlichen Bibel avancierte. Es wird die Rede von Michael Endes „Momo“ sein, von einem Buch also, das seit den 1980er Jahren zum Werkzeug einer Erziehung gehört, die alles daran setzt, die gesamtgesellschaftliche Regression zu beschleunigen und den Weg in eine neue Barbarei zu ebnen.


Freitag, 25. Juni 2010, 19 Uhr
Händelhaus, Große Nikolaistraße 5, Halle (Saale)

Beethoven Strauss Schönberg
Dialektik der Aufklärung in der Musik

Vortrag von Clemens Nachtmann


Im Rahmen des Vortrages wird versucht, durch weit vorangetriebene immanent-musikalische Analyse begrifflich den gesellschaftlichen Gehalt einer Kunst zu dechiffrieren, deren Existenzform gerade das Ungegenständlich-Unbegriffliche ist: der Musik. Dabei wird immanente Analyse ideologiekritisch gegen die kurrenten Methoden der Betrachtung von Musik pointiert: gegen an Gesellschaftlichem desinteressierte musiktheoretische Handwerkelei, soziologische Zuordnungen von Gesellschaft und Musik sowie biographische Kurzschlüsse von Werk und Person. Anhand von Beethovens »Eroica«, Richard Strauss’ »Heldenleben« und Schönbergs »Ode an Napoleon« soll eine Geschichte bürgerlicher Subjektivität entworfen werden, und zwar anhand der in der Figur Napoleon Bonapartes verkörperten Idee des ›Heldischen‹. Dem Gegenstand entsprechend geht es dabei ums Zuhören — nicht nur der Worte, sondern gerade der besprochenen Musik. Thema des Vortrages, der demonstrieren möchte, dass die Dialektik der Aufklärung sich nicht nur begrifflich erschließen, sondern hörend erkunden lässt, wird also die Frage sein, welche Rückschlüsse das Schicksal ästhetischer Subjektivität auf die Geschichte der realen zulässt.
Der Vortrag, der auf das gesprochene Wort ebenso vertraut wie auf Hörbeispiele am Flügel und vom Band, wird etwa vier Stunden dauern.
Clemens Nachtmann ist Lehrbeauftragter für Komposition, Musiktheorie, Musikgeschichte und Dirigieren an der Universität für Musik und darstellende Kunst in Graz (Österreich). Er war Mitglied der Meisterklassen von Friedrich Goldmann und Beat Furrer. Kompositionsauftrag des Berliner Senats für das Ensemblestück »battery park/NY« und der Ensembleakademie »Impuls« (Graz) für ein Ensemblewerk mit dem Klangforum Wien. Zahlreiche Preise (u. a. 3. Preis beim Hanns-Eisler-Wettbewerb für Komposition und Interpretation 2001, 2. Preis bei den »Weimarer Frühjahrstagen für zeitgenössische Musik« 2004, Boris-Blacher-Preis für Komposition der Neuen Musik 2004, 2. Preis beim Gustav-Mahler-Kompositionspreis 2008). Clemens Nachtmann ist Redakteur der Zeitschrift »Bahamas«.

Eine Veranstaltung in Zusammenarbeit mit dem Initiativkreis »Materialien zur Aufklärung und Kritik« (www.materialien-kritik.de).

 

 

Was nicht passt, wird passend gemacht
Stellungnahme der AG Antifa zum Verbot der Veranstaltung
„Pazifisten sind Mörder“ Über das Elend des Pazifismus durch die Hausversammlung der Ludwigstraße

Was nicht passt, wird passend gemacht. Das ist offenbar das Motto einiger Mitglieder der Hausversammlung der Ludwigstraße.
Vor drei Wochen erklärte die Hausversammlung – für Außenstehende: eine Mischung aus Legislative, Exekutive und Judikative des Projektes –, dass der heutige Vortrag im Veranstaltungsraum des Hauses stattfinden darf. Die Mehrheit der Mitglieder sei, wie erklärt wurde, in Sachen Pazifismus zwar selbstverständlich anderer Meinung als die AG Antifa. (Immerhin ist der Anlass des Vortrags ein pazifistisch begründetes Verbot der Hausversammlung: Sie hatte der „Jugendantifa Halle“ untersagt, am 8. Mai, dem Tag der Befreiung vom Nationalsozialismus, eine Party in der Ludwigstraße zu veranstalten.) Aber, so der Tenor der Anwesenden, man habe gute Argumente und könne ja einen Arbeitskreis ins Leben rufen, der sich argumentativ auf die Veranstaltung und die daran anschließende Diskussion vorbereite.
Zumindest einigen Mitgliedern der Hausversammlung schienen allerdings keine Argumente einfallen zu wollen. Sie waren mit der Entscheidung ihres Gremiums unzufrieden und versuchten sie rückgängig zu machen. Aus diesem Grund diskutierte die Hausversammlung vor zwei Wochen erneut. Die Entscheidung lautete wieder: Die Veranstaltung darf stattfinden. Kurz darauf wurde der Mietvertrag unterschrieben.
Ein Teil der Mitglieder der Hausversammlung wollte sich diesem Beschluss allerdings immer noch nicht beugen und versuchte erneut, die Entscheidung rückgängig zu machen: diesmal, sicher nach unzähligen Debatten und Intrigen am Küchentisch, mit Erfolg. Die Hausversammlung teilte der AG Antifa vier Tage vor der Veranstaltung mit, dass ihr vorletzter Beschluss ungültig, ihre letzte Entscheidung obsolet und auch der Mietvertrag nicht ernst zu nehmen sei.
Die Hausversammlung, so lautete die merkwürdige Begründung, habe den Ankündigungstext des Vortrags nicht gekannt. Wir bezweifeln zwar, dass die Hausversammlung als Ganzes jemals auch nur einen einzigen Ankündigungstext einer der zahlreichen Veranstaltungen zur Kenntnis genommen hat, die in den Räumlichkeiten der Ludwigstraße stattgefunden haben. Darüber hinaus wurde im Ankündigungstext nur das wiedergegeben, was ein Vertreter der AG Antifa der Hausversammlung vor drei Wochen mündlich vorgestellt hatte: Hat sich der Pazifismus angesichts von Auschwitz diskreditiert? Haben sich angesichts der Tatsache, dass das Massenmorden in Auschwitz nur durch das Vorrücken der alliierten Armeen beendet werden konnte, diese Armeen nicht paradoxerweise als die „wahren Sachwalter der Menschlichkeit“ erwiesen? Reiht sich, wer den unterschiedslosen Pazifismus auch nach 1945 noch predigt, nicht in merkwürdige Traditionen ein? Die Hausversammlung wollte trotzdem nicht mehr, wie noch vor drei Wochen erklärt wurde, diskutieren, sondern sie wollte nur noch zensieren.
Da wir an den Argumenten des damals angekündigten Arbeitskreises der Hausversammlung durchaus interessiert waren, bedauern wir diese Entscheidung natürlich sehr. Wer seine eigenen Beschlüsse und Prinzipien – von der basisdemokratischen Entscheidung bis hin zur pazifistischen Toleranz – allerdings selbst so wenig ernst nimmt, kann jedoch auch als Diskussionspartner nicht ernst genommen werden.
Aus diesem Grund haben wir uns entschieden, die Veranstaltung nicht in der geplanten Form stattfinden zu lassen.
Wir laden Euch allerdings ein, jetzt an einem öffentlichen Treffen der AG Antifa in der Kneipe der Ludwigstraße teilzunehmen – ein ungezwungenes Beisammensein an der Bar kann niemand verbieten –, sich unsere Argumente wider den Pazifismus anzuhören und mit uns beim Bier darüber zu diskutieren.
Wir laden Euch darüber hinaus ein, das Geld, das wir der Hausversammlung sonst als Miete gespendet hätten, mit uns gemeinsam zu vertrinken.

AG Antifa, Mai 2010


Montag 3. Mai 2010, 19.30 Uhr
in den Räumlichkeiten der VL Ludwigstraße 37

„Pazifisten sind Mörder“ Über das Elend des Pazifismus
Ein Vortrag von J. Gerber

„Soldaten sind Mörder!“ Diese Parole gab Kurt Tucholsky 1931 vor dem Hintergrund der Erfahrung des Ersten Weltkrieges aus. Tucholsky, der sich 1935 in der Emigration das Leben nahm, konnte nicht ahnen, dass es einmal Schrecklicheres als Krieg geben könnte. Angesichts der alliierten Soldaten, die die letzten Überlebenden von Auschwitz befreiten, erwiesen sich Krieg und Militär, wie Wolfgang Pohrt einmal bemerkte, als die „wahren Sachwalter der Menschlichkeit“. Einige der bekanntesten Pazifisten der zwanziger Jahre hatten bereits angesichts der Appeasement-Politik der Jahre 1937 ff., als die Tschechoslowakei von den Westmächten an die Nazis ausgeliefert wurde, erkannt, dass Krieg die Menschheit manchmal auch vor Schlimmerem bewahren kann. Zahlreiche Mitstreiter Tucholskys aus dem „Friedensbund der Kriegsteilnehmer“ engagierten sich dementsprechend bald, nachdem die Westmächte ihren Fehler erkannt hatten, an der Seite der alliierten Armeen gegen Nazideutschland.

Wenn deutsche Linke, wie kürzlich in Halle geschehen, ausgerechnet angesichts des 8.Mai ihre Liebe zu Pazifismus und Antimilitarismus entdecken, dann fallen sie nicht nur hinter die Erkentnisse der damaligen Pazifisten zurück. Sie solidarisieren sich vielmehr nachträglich mit denen, deren Wüten nur mit militärischen Mitteln aufgehalten werden konnte – und die den Pazifismus ein für alle mal diskreditiert haben.

Eine Veranstaltung gemeinsam mit der „Jugendantifa Halle“ und der 8.Mai-Initative Halle.


Antifaschistische Hochschultage 2010

Kritik und Krise: Der kategorischer Imperativ
Seminarreihe mit Martin Dornis

Ein Imperativ ist eine Handlungsanweisung. Und kategorisch heißt unbedingt. Der kategorische Imperativ meint also eine unbedingt, ohne jeden weiteren Grund gültige Handlungsanweisung. Die Veranstaltung diskutiert vor diesem Hintergrund Aspekte kritischer Theorie im 19., 20. und 21. Jahrhundert. Als kategorischen Imperativ formulierte Marx im 19. Jahrhundert die Befreiung aller Menschen von jedweden Zuständen, in denen sie in irgendeiner Form unterdrückt und beherrscht werden. Nach der Katastrophe des Nationalsozialismus formulierte Adorno einen neuen kategorischen Imperativ, den er explizit als Erweiterung der marxschen Forderung nach Abschaffung von Ausbeutung und Herrschaft an die Seite stellte. Im Mittelpunkt steht jeweils die Verwirklichung von Glück und völliger Freiheit des einzelnen Individuums.

Donnerstag, 22. April 2010, 19 Uhr
Melanchthonianum, Universitätsplatz, Halle (Saale)

Die marxsche Gesellschaftskritik: “…alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch ein erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist … (Marx)
(1. Seminar)

Die kapitalistische Gesellschaft befreite die Menschen aus vormodernen direkten Herrschaftsverhältnissen und propagierte Freiheit und Glück für jeden einzelnen Menschen. Anstellte direkter Knechtungen und Unterwerfungen setzte sie die Herrschaft abstrakter vermittelter Prinzipien: den Wert und den allgemeinen Willen. So ist unterm Schein der Freiheit des Einzelnen die kapitalistische Gesellschaft die Fortsetzung von Ausbeutung und Herrschaft mit anderen Mitteln: Herrschaft und Ausbeutung werden zum Sachzwang und selbst geschaffenen gesellschaftlichen Naturgesetz. Die Marxsche Kritik zielt auf die Brechung jenes selbst geschaffenen Sachzwangs, auf die volle Verwirklichung individueller Freiheit und des Glücks für jeden einzelnen Menschen. Zielt auf kategorische Ablehnung jeder art von Ausbeutung des Menschen durch den Menschen (Wert) und Herrschaft des Menschen über Menschen (Staat).


Mittwoch, 28. April 2010, 19 Uhr

Melanchthonianum, Universitätsplatz, Halle (Saale)

Gesellschaftskritik nach Auschwitz: „…daß… nichts ähnliches geschehe“ (Adorno)
(2. Seminar)

Im 19. und 20. Jahrhundert zwangen die Entwicklungen der kapitalistischen Gesellschaft zu einer Neuformulierung der kritischen Theorie. Im deutschen Nationalsozialismus zeigte sich, dass die kapitalistische Gesellschaft an ihren Krisen nicht zwangsläufig scheitern muss, wie es Marx vermutet und gehofft hatte. Vielmehr hielt sie sich durch antisemitischen Massenwahn und unter Regie eines autoritären Staates gewaltförmig zusammen. Die Ideologie, insbesondere der Antisemitismus, wurde selbst zum Grund, aus dem die Gesellschaft noch existierte: Das nazifaschistische Deutschland muss als ein „Produktionsverhältnis des Todes“ (isf) beschrieben werden. Im Moment des krisenhaften Zerbrechens der kapitalistischen Gesellschaft wurde in Deutschland der gesellschaftliche Zusammenhalt durch Massenmord gestiftet. Dies erzwang eine Gesellschaftskritik mit veränderter Perspektive: Die Gesellschaft sei so einzurichten, dass sich derartiges nicht wiederholt.

Eine Veranstaltung in Kooperation mit der Antifaschistischen Jugendinitiative Halle.

Donnerstag, 6. Mai 2010, 19 Uhr
Melanchthonianum, Universitätsplatz, Halle (Saale)

Solidarität mit Israel
(3. Seminar)

Eine solidarische Haltung zum Staat Israel muss der Drehpunkt gesellschaftskritischen Agierens heute sein. Die ausdrückliche Solidarität mit einem Staat? Wo man als Linker doch den Staat ablehnt? Und zwar kategorisch. Einverstanden sein mit einer Nation, wo man doch als kritischer Geist gegen jede Nation ist, noch dazu mit einer kapitalistischen, wo man doch auch die kapitalistische Gesellschaft ablehnt? Und das auch noch mit einem Staat mit religiöser Begründung, wo man doch die Religion ablehnt… Das alles erscheint vielen radikalen Linken als ein Paradox. Der Vortrag hält fest an der prinzipiellen Kritik an Staat, Nation, kapitalistischer Gesellschaft und Religion. Aber gerade einer prinzipiellen Kritik sind nicht alle Katzen grau. Im Vortrag soll diskutiert werden, dass sich genau aus der Forderung nach der Abschaffung von Staat und Nation eine positive Haltung zum Staat Israel und der israelischen Nation ergeben. Solidarische Haltung zu Israel ist kein Rückfall in der allgemeinen Kritik an Staat, Nation und Kapital. Vielmehr verhält es sich genau anders herum. Eine Kritik an Staat, Nation und Kapital, die sich nicht zu einer solidarische Haltung zu Israel durchringen kann, erweist sich selbst als nicht radikal genug.


Mit »Israelkritik« gegen Antizionismus.
Vortrag und Diskussion mit Tjark Kunstreich (Berlin).

Was seit dem Bestehen der Bundesrepublik zur offiziellen Politik des guten Gewissens gehörte — die Freundschaft zu Israel, die allerdings immer schon mit der »berechtigten Kritik
« und dem Brechen vermeintlicher Tabus verbunden war —, ist heute nicht mehr nur ein diplomatischer Kniff oder bloßer Bestandteil einer politischen Taktik, sondern gesellschaftlicher Konsens: Man sei — neben dem Erteilen von gut gemeinten Ratschlägen — auch dazu verpflichtet, den Feinden der »einzigen Demokratie im Nahen Osten« entschlossen entgegenzutreten.
Dass das Verhältnis der Deutschen zu Israel sich darin als das des Fürsten zum Schutzjuden auf globaler Ebene darbietet, wird von vielen Kritikern des Antizionismus nicht erkannt.
Die antiisraelische, sich israelfreundlich gebende Politik Deutschlands gründet aber nicht im persönlichen Antisemitismus einiger weniger Politiker und auch nicht in der mangelnden Informationslage über die Gefahren, die von einer iranischen Atombombe ausgehen, sondern in der antisemitischen Verfasstheit der postnazistischen Demokratie bzw. der Welt.
Der Antisemitismus ist unauflösbar mit der falschen Gesellschaft verknüpft, seine Kritik hat deshalb stets aufs Ganze zu gehen: Während der Israelfreund stets positives über Israel zu berichten weiß, aber sich zugleich rühmt, den »Rassismus in Israel« oder »die Frauenverachtung der Ultraorthodoxen« aus eigener Anschauung zu kennen, richtet der Kritiker den Blick auf all jene, die Israel vernichten wollen. Ob Israel schöne Strände, ein gutes Sozialversicherungssystem oder eine Schwulenszene vorzuweisen hat, ist ihm zwar nicht egal, er würde es aber niemals zum Argument für die Existenz Israels erheben. Solidarität mit Israel ist entweder bedingungslos oder sie ist keine.
Schon längst ist der jüdische Staat postzionistisch in dem Sinne, dass sein Zweck nicht mehr die Verwirklichung des zionistischen Traums von einer Sache ist, sondern einzig der Verteidigung jüdischen Lebens auf diesem Planeten dient. Die Ghettoisierung, die als Selbst-Ghettoisierung durch Mauerbau und Abschottung erscheint und die in einer, von angeblichen jüdischen Rassisten wie Avigdor Lieberman propagierten Ausweisung der arabisch-israelischen Bevölkerung gipfeln könnte, widert auch eingefleischte Freunde Israels an. Sie erliegen dem immer wieder folgenschweren Irrtum, der Jude, sei es als einzelner, als Gruppe oder als Staat, könne auch nur einen Jota am Ziel des Antisemitismus ändern; am Ende wird lediglich stehen, dass die Juden selbst schuld an ihrem Schicksal sind oder nicht alles getan hätten, um ihm zu entrinnen. Die Alternativlosigkeit der Abschottung aber beweist nicht etwa den Rassismus israelischer Regierungsangehöriger, sondern den Stand der antisemitischen Dinge.
Der Vortrag wird deshalb noch einmal bei A wie Antisemitismus anfangen und unter Rekurs auf Sartre erläutern, warum der Antisemitismus nichts mit den Juden, sondern einzig mit der Wahnwelt der Antisemiten zu tun hat und welche Forderungen sich für die politische Praxis daraus ergeben.

Tjark Kunstreich (Berlin) ist Autor und Publizist und schreibt u. a. für Bahamas und Jungle World.

 

8. Februar, 19.00 Uhr, Halle
Dresden, 13. Februar. Kontinuität und Wandel der deutschen Erinnerungskultur
Vortrag und Diskussion mit Hannes Junker

 

18. Januar, 20.30 Uhr, Kino Zazie (Kleine Ulrichstraße)
Filmvorführung mit Einleitungsvortrag
WARUM ISRAEL
Claude Lanzmann, Frankreich 1973, 195 min

Im Oktober 2009 verhinderten linke Antiimperialisten in Hamburg die Aufführung des Filmdebüts Claude Lanzmanns („SHOAH“, „TSAHAL“). Der Grund: Lanzmanns Dokumentation ist ein Plädoyer für Israel. Der erste Film des engagierten Publizisten und Sartre-Weggefährten ist eines der bemerkenswertesten Zeitdokumente über den Staat Israel und sein Selbstverständnis, seine religiösen und politischen Fundamente und vor allem: seine Bürger. Sie sind es, die im Film zu Wort kommen – Angehörige der ersten Siedlergeneration, Neueinwanderer aus der Sowjetunion, Arbeiter, Intellektuelle, junge Israelis. Lanzmann spürt den Errungenschaften und Widersprüchen einer entstehenden israelischen Nation mit großer persönlicher Anteilnahme und viel Humor nach. So ergibt sich ein lebendiges Panorama der einzigartigen Vielfalt dieses Landes, seiner Paradoxien, Spannungen – und seiner schwierigen „Normalität“. Wir zeigen den Film aus gegebenem Anlass. „Dieser Film hat einen roten Faden, nämlich: Was ist das: Normalität? Was ist das: Ein Land, in dem jeder Jude ist? Das ist das Entscheidende vom Standpunkt eines Juden aus der Diaspora – und das waren sie ja letztlich alle. Der ganze Film spielt damit, mit der Normalität und der A-Normalität. Ich zeige in WARUM ISRAEL, dass die Normalität das eigentlich Anormale ist.“ Claude Lanzmann

Mit einem Einleitungsvortrag der AG Antifaschismus im Stura.

 

 

11. und 12. Dezember 2009
Was ist „deutsche Ideologie“?

Wochenendseminar mit Philipp Lenhard in Halle

In den gegenwärtigen Debatten, die in den einschlägigen Zeitschriften, Büchern und auf politischen Veranstaltungen geführt werden, ist der Ausdruck „deutsche Ideologie“ allgegenwärtig. Doch was dieser Terminus genau bezeichnet, wird selten expliziert. Er ist zum Schlagwort geworden, das immer dann eingesetzt wird, wenn es (ganz richtig) darum geht, Ideologiekritik von einem gegen Deutschland gewendeten Antiimperialismus abzugrenzen. Doch Ideologiekritik muss stets auf ihre eigenen Begrifflichkeiten reflektieren, um einer jargonhaften Verselbständigung der Sprache vorzubeugen. Deshalb wollen wir uns in dem Seminar mit dem für eine kritische Theorie der Gesellschaft weiterhin zentralen Begriff der „deutschen Ideologie“ auseinandersetzen. Infrage steht dabei nicht nur, was der Inhalt dieser Ideologie ist, sondern auch, was an dieser Ideologie spezifisch deutsch ist. Zudem muss thematisiert werden, ob das, was deutsch ist, tatsächlich als „Ideologie“ zu charakterisieren ist oder ob andere Kategorien – insbesondere solche der Psychoanalyse – nicht treffender sind.
Um Antworten auf diese Fragen zu finden, soll in einem ersten Schritt der Begriff „Ideologie“ expliziert werden und mit anderen Termini (Weltanschauung, Wahn, Fetischismus, Bewußtsein etc.) konfrontiert werden. Danach soll der Geschichte des Begriffs „deutsche Ideologie“ anhand von Primärtexten (sowohl „deutsche Ideologen“ als auch deren Kritiker kommen zu Wort) nachgegangen werden. In einem dritten Schritt sollen klassisch gewordene „antideutsche“ Texte zum Verhältnis von Besonderem und Allgemeinem diskutiert werden. Als vierter und letzter Schritt wird zu erörtern sein, ob gegenwärtige Phänomene wie der radikale Islam und seine postmodernen Apologeten mit dem Begriff „deutsche Ideologie“ adäquat zu fassen sind oder ob – wie von Kritikern behauptet – die von antideutscher Seite postulierte Kontinuitätslinie vom „wahren Sozialismus“ über den National- bis zum islamischen „Ummasozialismus“ nichts weiter als ein theoretisches Konstrukt ist.

Philipp Lenhard lebt in Köln und schreibt unter anderem für die Zeitschriften „Prodomo“ und „Bahamas“.

Anmeldung erforderlich (per Mail agantifa[at]googlemail.com). Reader wird rechtzeitig ausgegeben.

 

4./5. Dezember, Halle
Weiterbildungsseminar zum Thema Rechtsextreme Strategien

Im Seminar wird über aktuelle rechtsextreme Strategien (auch an deutschen Universitäten) berichtet. Mit verschiedenen Fallbeispielen wird dann die Problematik veranschaulicht und vertieft, bevor in anschließenden Diskussionsrunden Handlungsoptionen zum zukünftigen Umgang mit rechtsextremen Strategien entwickelt werden sollen.

Anmeldung erforderlich (bitte per Mail)!

 

Antifaschistische Hochschultage 2009

Mittwoch, 21. Oktober 2009, 19:30 Uhr
Melanchthonianum, Universitätsplatz, Halle (Saale)


Über das Verhältnis von Theorie und Praxis
Vortrag und Diskussion mit Lars Quadfasel

Ohne „kreative Aktionen“ scheint aktuell kein politischer Protest mehr auszukommen. Studenten tragen bundesweit symbolisch die Bildung zu Grabe. Europäische Milchbauern versprühen öffentlichkeitswirksam ihr Haupterzeugnis, um dem Staat höhere Subventionen abzuringen. Ökobewegte Heimatschützer überbieten sich jährlich mit infantilen Protestaktionen gegen Truppenübungsplätze, Atommüllendlager und Autobahnerweiterungen. Und nicht zuletzt wollen linke Aktivisten ihre vermeintliche Opposition gegen die Verhältnisse damit zum Ausdruck bringen, indem sie beispielsweise – wie unlängst im Berliner Stadtteil Friedrichshain-Kreuzberg geschehen – als „Teenage Mutant Ninja Turtles“ gegen die Sanierung maroder Stadtbezirke auf die Straße gehen.
So unterschiedlich die Motive der hier Genannten auf den ersten Blick auch seien mögen, so eint sie doch ein wesentlicher Punkt. Sie alle betreiben eine Fetischisierung politischer Praxis und üben sich in blindem Aktionismus. Wer nicht mitmacht, noch zögert oder gar Kritik übt, die über taktische und verbessernde Vorschläge hinausgeht, wird reflexhaft als Nestbeschmutzer und Spalter denunziert. Theorie wird entweder sofort verworfen, indem lautstark „Taten statt Worte“ gefordert werden. Oder ihr wird die Aufgabe zuteil, konkrete Handlungsanleitungen für die politische Praxis zu liefern. Das äußert sich nicht zuletzt darin, dass jeder Kritik die fast schon obligatorische Frage nach dem „Was tun?“ folgt. Statt zu versuchen, den kritischen Gedanken nachzuvollziehen, degradiert man Theorie zur autoritären Gebrauchsanweisung der jeweiligen politischen Betätigung.
Der weit verbreiteten Theoriefeindschaft ist die Theorie als Kritik entgegenzustellen: Eine der Wahrheit verpflichtete Kritik, die sich nicht, wie im Wissenschaftsbetrieb üblich, auf einen praktischen Nutzeffekt reduzieren lässt und damit die bestehenden Verhältnisse affirmativ verlängert. Eine Kritik, die sich durch ein Denken auszeichnet, welches sich weigert, das jeweils Gegebene passiv hinzunehmen und allein deshalb bereits eine Form von Praxis darstellt. In Gegnerschaft zum blinden Aktionismus gilt es mit Theodor W. Adorno darauf zu beharren, „daß das Falsche, einmal bestimmt erkannt und präzisiert, bereits Index des Richtigen, Besseren ist“.
Lars Quadfasel ist Mitglied der Hamburger Studienbibliothek und Autor u.a. für „Jungle World“ und „extrablatt“
.

 

Mittwoch, 28. Oktober 2009, 19:30 Uhr
Melanchthonianum, Universitätsplatz, Halle (Saale)

Vortrag zur Neonazi-Szene in Halle

Am 17. Juni 2009 demonstrierten knapp 200 Neonazis in der Nähe des hallischen Hauptbahnhofs. Aufgerufen hatten die „Jungen Nationaldemokraten Sachsen-Anhalt“, die mit dem Mauerfall wiederum einen historischen Bezug nutzen, um am 7. November zum zweiten Mal in diesem Jahr aufzumarschieren. Die Veranstalter sind jedoch nicht die einzigen aktiven Neonazis in der Saalestadt. Während die Jugendorganisation der NPD unter der Führung von Michael Schäfer nicht nur durch Demonstrationen die Jugendlichen für einen Systemumsturz zu mobilisieren will, versucht deren „Mutterpartei“ kommunalpolitisch Fuß zu fassen. Mit Schulungen und gemeinsamen Wanderfahrten soll die Szene gefestigt werden. Der Erfolg ist derzeit jedoch eher mäßig. Die sogenannte „Volksfront“, mit der die Neonazi-Szene ihre Streitigkeiten untereinander für das gemeinsame Ziel beilegen sollte, existiert nicht mehr. Die Szene ist zersplittert und in Abgrenzung zum parlamentarischen Weg der NPD versuchen sich auch in Halle sogenannte „freien Kräfte“ vor allem aktionistisch in autonomer Systemopposition. Und auch lifestyle-orientierte Strukturen wie „Thor-Steinar“-Geschäfte oder Tattoo-Studios spielen organisationsübergreifend eine Rolle bei der Rekrutierung des rechten Potentials.

Mittwoch, 4. November 2009, 19:30 Uhr
Melanchthonianum, Universitätsplatz, Halle (Saale)


What’s left? Zu Geschichte und Verfall der Linken
Vortrag und Diskussion mit Jan Gerber

Die Zumutungen, die heute in der Jungen Welt stehen oder bei den Vereinstreffen der einschlägigen Linksparteien geboten werden, sind von Anfang an, seit sich Robespierre und Co. in der französischen Nationalversammlung auf der linken Seite des Kammerpräsidenten niederließen, im Konzept der Linken angelegt. Insofern ist es möglich, die Geschichte der Linken als eine Entfaltung seiner reaktionären Tendenzen zu lesen. Insbesondere die Ingredienzien Egalitarismus, Antiimperialismus und Etatismus sind heute charakteristisch für das, was links ist. Zugleich aber ist der historische Materialist angehalten, die Geschichte „gegen den Strich zu bürsten“ (Benjamin). Daher gilt es, die Ambivalenz dieser Geschichte aufzuzeigen und darauf zu beharren, dass es in der Linken immer auch heterologe Elemente gab, die auf die Befreiung des Individuums von Herrschaft und Ausbeutung abzielten: die gar nicht parteiförmige, sich leider vorerst aus vereinzelten Individuen zusammensetzende Partei des Glücks.
Jan Gerber, Mitherausgeber der Bücher „Rote Armee Fiktion“ und „Fight for Freedom. Die Legende vom anderen Deutschland“, schreibt u.a. für die Zeitschriften Bahamas, Prodomo und Phase 2. Er wird erläutern, inwiefern die Linke zugleich die Aufklärung verraten und sie auf die Spitze getrieben hat.

Für alle Veranstaltungen gilt: Die Veranstaltenden behalten sich vor, von ihrem Hausrecht Gebrauch zu machen und Personen, die rechtsextremen Organisationen angehören, der rechtsextremen Szene zuzuordnen sind oder bereits in der Vergangenheit durch rassistische, antisemitische oder sonstige menschenverachtende Äußerungen in Erscheinung getreten sind, den Zutritt zur Veranstaltung zu verwehren oder von dieser auszuschließen. Ebenso zum Ausschluss von der Veranstaltung führt das Tragen von eindeutig rechtsextremen Symbolen und Bekleidungsmarken einschließlich „Thor Steinar“.


Montag, 13. Juli 2009, 20.30 Uhr
Kino Zazie, Kleine Ulrichstraße 22

Yol (Der Weg)
Wiederholung der Filmvorführung

Nach dem Militärputsch in der Türkei im Herbst 1980 schaffte es ein Film, das Interesse ganz Europas auf die Zustände in diesem Land zu lenken. Es war der 1982 fertig gestellte und im gleichen Jahr mit der goldenen Palme von Cannes ausgezeichnete Film „Yol“ von Yilmaz Güney (1937 – 1984), ein Film der erstmals 1994 legal in der Türkei gezeigt werden durfte. Güney – aus politischen Gründen mehrfach in Haft und 1981 unter abenteuerlichen Bedingungen aus der Türkei geflüchtet – konzipierte den Film im Gefängnis und hat ihn später im französischen Exil aus Material zusammengestellt, das Freunde nach seinen Anweisungen teilweise klandestin in der Türkei gedreht hatten.
Yol wurde von der Linken sehr freundlich aufgenommen, jedoch mit dem Lob auch seiner Brisanz beraubt. Er wurde von der türkischen, kurdischen und europäischen linken und liberalen Öffentlichkeit in erster Linie als ein Film der Anklage gegen die Militärherrschaft gefeiert, obwohl er genau das nur zum Teil war. Die fünf Protagonisten, denen ein Hafturlaub gewährt wird und die sich in ihre im mehrheitlich kurdischen Südosten des Landes gelegenen Heimatorte aufmachen, um dort persönliche Angelegenheiten zu regeln, sind keine politischen sondern kriminelle Gefangene. Auch ihre Erlebnisse außerhalb der Gefängnismauern haben mit politischem Widerstand gegen die Militärjunta nichts zu tun, umso mehr mit jener anderen Unterdrückung, über die Freunde des Volkes gerne hinwegsehen oder als Begleiterscheinung der Armut rechtfertigen: dem ganz normalen islamischen Alltag.
Es geht um Ehebruch, Ehrenmord, Zwangsverheiratung und Frauenunterdrückung. Die Protagonisten stehen scheinbar unüberwindbaren Zwängen letztlich machtlos gegenüber und zerbrechen daran. Nicht das Gefängnis, dem sie kurzfristig entkommen sind und das sie bei einer der in der Türkei häufigen Amnestien in absehbarer Zeit als freie Männern würden verlassen können, ist ihr größtes Problem. Als das wahre Gefängnis stellt sich ihnen eine Gesellschaft dar, in der Clanstrukturen und religiös geprägte Moral jeden Versuch vereiteln, ein individuelles, in Grenzen gar sinnlich erfüllteres Leben zu entfalten.
Yilmaz Güney hat „Yol“ wie seine anderen Filme als Künstler und Revolutionär noch ganz selbstverständlich aus dem Blickwinkel des Westens gedreht. Seine Liebe zu den Menschen und der (kurdischen) Landschaft ist keine primitive Komplizenschaft mit dem Volk auf angestammtem Boden. Die Landschaft wie die Menschen erscheinen fremd und feindselig solange ein übermächtiger, durch den Islam und die Verwandtschaftsherrschaft vermittelter Naturzwang, nicht nur jede freundliche Regung erstickt, sondern die dortigen Verhältnisse als immer auswegloser erscheinen läßt.
„Yol“ ist ein kurdischer Film, der viel eindrucksvoller die notwendige und vernichtende Kritik an kurdischem Nationalismus vollzieht, als jede noch so kluge Streitschrift gegen die PKK. Yol ist die Denunziation jeden Kulturrelativismus im Namen unterdrückter Völker. Yol ist ein revolutionärer Film, weil er eine dezidiert „westliche“, sprich: universale Sehnsucht nach ein bißchen Freiheit und Glück auch für ein Land einfordert, das heute von einer islamistischen Regierung in einen noch trostloseren Zustand zurückversetzt werden soll, als Güney im Entstehungsjahr des Filmes ahnen konnte und ist schon dadurch unbedingt aktuell und sehenswert.

(Justus Wertmüller, ist Redakteur der Quartalszeitschrift „Bahamas“).

 

 

Mittwoch, 3. Juni 2009, 19 Uhr
Melanchthonianum, Universitätsplatz, Halle (Saale)

Was ist Wahrheit? Einführung in die materialistische Kritik.
Vortrag und Diskussion mit Manfred Dahlmann

Um die Frage, »Was ist Wahrheit?«, zu beantworten, ist es hilfreich, sich zunächst eine andere Frage zu stellen. Denn die Frage, »Was ist Philosophie?«, gibt dem Problem der Wahrheit erst die Grundlage zu deren Antwort. Mit dieser Umformulierung wird eine zentrale Differenz zu gängigen Vorstellungen von Wahrheit benannt: nicht die Wissenschaft, nicht der Wissenschaftler fragen nach Wahrheit: sie interessieren sich allein für die Bedingungen, die das Funktionieren eines gegebenen Zusammenhangs sicherstellen; für sie ist die praktische Verwertbarkeit entscheidend. Dahingegen sind die, die den gegebenen Funktionszusammenhang selbst thematisieren, die also nach einer Wahrheit fragen, die nicht empirisch zutage tritt, sondern die empirischen Tatsachen ihrer Möglichkeit nach erst bedingt, von vornherein als Philosophen definiert.
Umgangssprachlich ist Philosophie heutzutage gleichbedeutend mit Weltanschauung, Ideologie etc. Wer heute »philosophiert« setzt sich dem »Totalitarismusverdacht« aus, ihm wird unwillkürlich »Fundamentalismus « unterstellt. Positiv gebraucht wird der Begriff meist nur, wenn er praktische Banalitäten idealistisch adeln soll: Etwa wenn ein Pressesprecher von der »Philosophie seines Unternehmens« spricht. Fast alle Universitäten leisten sich zwar weiterhin ihre philosophischen Fakultäten bzw. Fachbereiche.
Was sie aber unter dieser Firmierung anbieten, hat mit Philosophie bestenfalls nur insofern etwas zu tun, als hier, oft sehr beredt, über Philosophen und Philosophien schwadroniert wird. Philosophen als solche wird man an den Universitäten nur selten finden und wenn, dann nennen sie sich nicht so: aus berechtigter Angst, sonst ihre Reputation einzubüßen.
Diese aktuelle Geringschätzung der Philosophie zieht sich nicht konstant durch die theoretischen Auseinandersetzungen in der Geschichte der bürgerlichen Gesellschaft. Denn die Philosophie steht nicht nur am historischen Beginn der kapitalistischen Akkumulation an zentraler Stelle, sondern wurde immer wieder zu einer regelrechten Mode, der sich die Zeitgenossen kaum entziehen konnten, zu einer Modeströmung, die, wie es Moden vom Begriff her an sich haben, aber ebenso schnell verschwanden, wie sie aufgekommen waren, um dann eine Zeit später eine Renaissance zu erleben, in der allerdings nur alter Wein in neue Schläuche gegossen wurde. Diejenigen, die, was aktuell in Mode ist, die Nicht-Befassung mit philosophischen Fragestellungen propagieren, die also im Kern die Frage nach der Wahrheit beiseite schieben, verstehen sich allerdings nicht als bloße Repräsentanten eines gerade vorherrschenden Zeitgeistes. Philosophie hat sich für sie, und das ist historisch neu, von der Sache her erledigt: sei es, weil sich, für sie, Wahrheit als perspektivisch herausgestellt hat, die Wahrheit also die sei, dass es keine eindeutige, allgemeingültige Wahrheit gebe, sei es, dass sich für sie die Frage nach der Wahrheit auf die Frage nach der Praxis reduziert, also zu recht in den Wissenschaftsbetrieb verschoben worden ist. Zuzugestehen ist, dass, wenn die Wahrheit denn offen zutage läge, wenn also zwischen Wahrheit und (realem) Schein, oder wenn zwischen Wesen und Erscheinung – so die gängige philosophische Terminologie – nicht mehr unterschieden werden kann, dann die Frage nach der Wahrheit, und somit die Philosophie als solche, tatsächlich obsolet wäre. Ideologiekritik weist hingegen nach, dass die kapitalistische Gesellschaft so verfasst ist, dass das Erscheinende, dasjenige also, was von den Wissenschaften als Problem erfasst wird, das Resultat einer notwendigen Verkehrung der Wirklichkeit im allgemeinen Bewusstsein darstellt. Die materialistisch gestellte Frage nach der Wahrheit ist somit zu aller erst die Frage nach der historischen Grundlage, aufgrund der diese Verkehrung möglich geworden ist.
Manfred Dahlmann ist Mitarbeiter des ça ira Verlages und der Initiative Sozialistisches Forum in Freiburg assoziiert. Er ist Mitherausgeber der Bücher »Geduld und Ironie. Johannes Agnoli zum 70. Geburtstag« (Freiburg 1995) und »Kritik der Politik. Johannes Agnoli zum 75. Geburtstag« (Freiburg 2000).




Donnerstag, 07. Mai 2009, 19 Uhr
Melanchthonianum, Universitätsplatz, Halle

German Gedenken. Zur Verwandlung von Geschichte in Geschichten
Vortrag und Diskussion Jan Singer ([a:ka] Göttingen)

Die klassische Leugnung der Shoa und der anderen Verbrechen des Nationalsozialismus ist in Deutschland spätestens seit den 70er Jahren nicht mehr in Mode. Das Gedenken an, ja sogar die Bekenntnis zur deutschen Schuld gehört mittlerweile zum Standardrepertoire jedes ernst zu nehmenden deutschen Politikers. Doch folgt hieraus noch lange nicht die einzig richtige Konsequenz, mit Deutschland und der deutschen Geschichte zu brechen. Stattdessen wird das Gedenken an Auschwitz eingebettet in eine ganze Reihe von Gedenken – gedacht wird eigentlich allem und jedem: des bei der Zerschlagung Nazideutschlands gestorbenen alliierten Soldaten, des deutschen Soldaten, der deutschen Vertriebenen und Bombenopfer, und natürlich auch der ermordeten Juden. Das spezifisch deutsche Verbrechen Auschwitz verschwindet dabei unter einer Welle von Emotionen und vergangenem, kulturindustriell aufbereitetem Leid. Aus dieser Gleichsetzung ist dann auch eine Versöhnung mit den ehemaligen Kriegsgegnern möglich, und die Erkenntnis, dass man 1945 doch eigentlich befreit und nicht besiegt wurde. Was vor 20 Jahren in der CDU noch für Aufregung sorgte, gilt heutzutage als selbstverständlich – die Rede von der Befreiung ermöglicht es den Deutschen, sich selber auch als Opfer der Nazis darzustellen.
Auf der Basis der auf sich geladenen Schuld und der nach der „Befreiung“ erfolgten Aufarbeitung kann jetzt ein neues deutsches Nationalbewusstsein entstehen – die deutsche Ideologie kehrt zurück, wenn auch in veränderter Form. So konnte Joseph Fischer Auschwitz als Legitimation für den Angriffskrieg gegen Serbien bemühen, während Gerhard Schröder aufgrund der „Lehren der Vergangenheit“ den Krieg gegen den Antisemiten Hussein ablehnte. Der Inhalt der deutschen Ideologie bleibt derselbe – nationale Interessen werden, im Gegensatz zu „normalen“ bürgerlichen Nationen – gerade dadurch durchgesetzt, dass sie geleugnet werden. Deutschland schwingt sich wieder zur moralischen Großmacht auf, die auf der Seite der unterdrückten Völker dieser Welt gegen die „kulturlose“ Hegemonialmacht USA kämpft.
Es gilt ein Gedenken an Auschwitz zu finden, ohne in die Falle der deutschen Gedenkkultur zu tappen. Dies ist nur dadurch möglich, das eigentliche Unbegreifliche, also den Verfall in die kollektive antisemitische Raserei, irgendwie begreifbar zu machen.

Eine Veranstaltung in Kooperation mit der Antifaschistischen Jugendinitiative Halle.


Der Vortrag findet im Im Rahmen der Veranstaltungsreihe „8. Mai 1945 - danke!“ der Antifaschistische Jugendinitiative Halle statt. Weitere Veranstaltungen:


Montag, 04. Mai, 19 Uhr
Lux Puschkino, Kardinal-Albrecht-Straße 6


„Ich war neunzehn“ (Konrad Wolf)
Filmvorführung mit Einleitungsvortrag und Diskussion

Die DEFA-Produktion Ich war neunzehn erzählt die Geschichte eines jungen Deutschen, Gregor Hecker (Jaecki Schwarz), der mit seinen Eltern vor den Nazis nach Moskau geflüchtet war und nun, im Frühjahr 1945, als Leutnant der Roten Armee nach Deutschland zurückkehrt. Der Film verarbeitet dabei die persönlichen Erlebnisse des Regisseurs Konrad Wolf und seines Freundes Wladimir Gall in fiktiver Form.
April 1945. In der Uniform eines sowjetischen Leutnants kommt der 19-jährige Gregor Hecker in seine Heimat zurück. Er war acht als seine Eltern mit ihm nach Moskau emigrierten. Auf dem Weg der 48. Armee kommt er an Berlin vorbei und fordert noch vereinzelt kämpfende deutsche Soldaten zum Überlaufen auf. Einige kommen, andere antworten mit Schüssen. Bei seinen russischen Freunden fühlt er sich zu Hause, viele der Deutschen geben ihm Rätsel auf. Langsam begreift er, dass es "die Deutschen" nicht gibt. Er trifft Mitläufer, Rückversicherer, Überläufer, Durchhaltefanatiker, eingefleischte Nationalsozialisten. Die erste Begegnung mit aus dem Konzentrationslager befreiten Antifaschisten wird für ihn zu einem bewegenden Erlebnis.
Der nach Erinnerungen Konrad Wolfs facettenreich in Episoden gestaltete Antikriegsfilm beschreibt ohne Pathos und Larmoyanz die Schrecken des Krieges und macht die Schuld der Deutschen deutlich. Dabei bemüht er sich um ein Höchstmaß an Authentizität, verzichtet auf Idealisierungen und stellt Menschen mit ihren Eigenheiten und Schwächen dar. Trotz der parteilichen Emotionalität bleibt genügend Raum für eigene Assoziationen.


Dienstag, 05. Mai, 19 Uhr
VL, Ludwigstraße 37


Halle im Nationalsozialismus
Vortrag und Diskussion mit Michael Fiebig

Am 17. April 1945 kapitulierte die Stadt Halle/Saale vor den alliierten Truppen der 104. US – Infanteriedivision Timberwolf. Somit konnte eine Bombardierung durch bereitstehende Fliegerstaffeln der Alliierten abgewandt werden. Ein glücklicher Umstand, der es anscheinend dem kollektiven Gedächtnis der Stadt leicht macht, sich jeglicher Schuld oder Beteiligung an der nationalsozialistischen Barbarei zu entledigen. Unsere vermeintlich friedliebende und unschuldige Stadt blieb verschont. Vergessen ist die Bücherverbrennung auf dem Unicampus. Vergessen sind die antisemitischen Pogrome. Vergessen sind die Verfolgung und die Vernichtung des politischen Gegners und vergessen ist auch die Bedeutung Halles und seiner Umgebung für den Vernichtungskrieg als Verkehrsknotenpunkt und Produktionsstätte für Giftgas, Kautschuk und Waffen.
So ist es auch nicht weiter verwunderlich, dass der hallischen Bevölkerung der Rote Ochse aus dieser Zeit nur als NS-Gefängnis in Erinnerung geblieben ist. Niemand will etwas von den Hinrichtungen von über 500 Gefangenen mitbekommen haben. Lieber wird sich an die Heldensaga des „Antifaschisten“ Felix Graf von Luckner, dem „Retter der Stadt“ geklammert.
Mit diesen und anderen Mythen wird Michael Fiebig, Historiker der Gedenkstätte Roter Ochse, am 5. Mai im Rahmen der Veranstaltungswoche „08. Mai 1945 – Danke!“ aufräumen. Auf der Grundlage von vorhandenem Aktenmaterial wird er Verbindungen zwischen dem Roten Ochsen, dem Verwaltungsapparat der Stadt Halle/S., der Martin-Luther-Universität und anderen Institutionen herstellen und damit die angebliche Unwissenheit der hallischen Bevölkerung dieser Zeit historisch widerlegen.

Freitag, 08. Mai
VL, Ludwigstraße 37


Party anlässlich des 8. Mai
Konzert mit Endearment (Indie/Postpunk, Köln), Koljah, NMSZ & Panik Panzer, Juri Gagarin (Elektro/Trash/Punk, Hamburg)


 

 

Dienstag, 14. April 2009, 19 Uhr
Melanchthonianum, Universitätsplatz, Halle

Zurück zur Religion.
Durban II als Generalangriff auf den Säkularismus.

Vortrag und Diskussion mit Thomas von der Osten-Sacken


Konzentrierten sich islamische Länder und obskure NGO in Durban noch ganz darauf die Konferenz zu einem antisemitischen Großereignis umzugestalten, soll es jetzt in Genf zusätzlich noch den bürgerlichen Freiheitsrechten an den Kragen gehen. Seit Jahren arbeitet etwa die Organisation islamischer Staaten daran, die so genannte Islamophobie international als DEN Sündenfall des Rassismus zu verankern. Wer sich abfällig oder kritisch gegenüber dem Islam, seinem Propheten oder dem Koran äußere übe nicht etwa eine berechtigte Kritik, sondern beleidige religiöse Gefühle und diffamiere Millionen von Menschen. Deshalb seien international Gesetze zu verankern, die solche Kritik unter Strafe stellen sollen. Erst kürzlich hat die UN-Vollversammlung eine entsprechende Resolution verabschiedet. Kommen die islamischen Staaten – fast alle von ihnen sind Diktaturen, in denen das Recht des Einzelnen nichts zählt – mit diesem Vorstoß durch, entscheiden fortan irgendwelche Ulema Mullahs, was Kritik ist und was Beleidigung. Das Recht auf free speech soll so ausgehebelt werden im Namen eines Antirassismus, der inzwischen als Ideologie nur noch gegen die Errungenschaften der bürgerlichen Revolution ins Feld geführt wird.

Durban II soll nicht nur da anschließen, wo Durban I endete, in der partikularen Verurteilung Israels als Apartheidstaat, der Relativierung des Holocaust und der Aufwertung von Suicide Terror zu legitimen Widerstand, diesmal sollen grundlegende Errungenschaften der Aufklärung selbst rückgängig gemacht werden. Vor allem richtet sich Durban II gegen die Idee einer säkular verfassten Gesellschaft. Über die UN soll die „Re-religiösisierung“ von Gesellschaft und Politik ihre Weihen erhalten.

Thomas von der Osten-Sacken ist Mitarbeiter der Hilfsorganisation Wadi e.V. Er schreibt u.a. Artikel für „Die Welt“ und „Jungle World“ und ist Mitherausgeber der Bücher „Sadams letztes Gefecht? Der lange Weg in den III. Golfkrieg“ (Hamburg 2002) und „Amerika. Der 'War on Terror' und der Aufstand der Alten Welt“ (Freiburg 2003).

 

23. und 24. Januar 2009
Kritik der Kulturindustrie. Eine Einführung

Wochenendseminar mit Karsten Ulbricht

Um kaum einen Text der Kritischen Theorie ranken sich mehr Missverständnisse als um das Kulturindustriekapitel aus der „Dialektik der Aufklärung“ von Theodor W. Adorno und Max Horkheimer. Die Autoren hätten – so kann man in zahlreichen Rezeptionen immer wieder lesen – vor allen Dingen die Kommerzialisierung und den Ausverkauf von Kultur beklagt. Im Duktus einer konservativen Kulturkritik hätten die Autoren, so ihre Kritiker, eine Manipulationstheorie entworfen, welche die Massen für zu dumm erklärt, das Angebot der modernen Unterhaltungsindustrie zu durchschauen. Mit diesen und ähnlichen Einwänden wird die von Adorno und Horkheimer formulierte Kritik als „versnobt“ und „elitär“, als „übertrieben“ und „undifferenziert“ von sich gewiesen.
Dieser Lesart möchte das Seminar entgegenarbeiten. Anhand des 1947 erstmals erschienenen Textes soll mittels gemeinsamer Lektüre diskutiert werden, inwieweit der Begriff der Kulturindustrie als ein zentraler Punkt einer kritischen Theorie der Gesellschaft verstanden werden muss. Herausgearbeitet werden soll dabei vor allem, wie Kulturindustrie zum Inbegriff einer Gesellschaft wird, die sich längst den Bereich des Privaten, der zwischenmenschlichen Beziehungen, ja des Denkens überhaupt einverleibt hat.




German Images

Filme zum postfaschistischen Alltag

Als Theodor W. Adorno und andere Vertreter der Kritischen Theorie in den 1950er Jahren vor einem Fortleben des Nationalsozialismus warnten, ging es ihnen mitnichten darum, auf ordinäre Nazis hinzuweisen, die fahnenschwenkend vom Dritten Reich träumten und dieses wieder neu zu errichten trachteten. Vor dem Hintergrund der Erfahrungen des Nationalsozialismus und der Erkenntnis, dass mit der militärischen Zerschlagung Nazideutschlands keineswegs die Vorraussetzungen für einen erneuten Rückfall in die Barbarei zerstört werden konnten, wussten sie, dass „das Nachleben des Nationalsozialismus in der Demokratie als potentiell bedrohlicher“ zu betrachten sei, „als das Nachleben faschistischer Tendenzen gegen die Demokratie“. Hinter der Warnung vor dem Weiterleben des Nationalsozialismus steckt zum einen das Bewusstsein davon, das dieser durchaus demokratische Elemente besaß und ohne die massenhafte Begeisterung nahezu aller Deutschen keinerlei Legitimation gehabt hätte. Zum anderen verweist sie noch auf etwas anderes. Darauf nämlich, dass die nationalsozialistische Ideologie keineswegs mit der vielbeschworenen „Stunde Null“ sang- und klanglos aus den Köpfen der Menschen verschwand. Vielmehr leben die Versatzstücke dieser Ideologie in den Menschen fort.
Man muss kein allzu aufmerksamer Beobachter seiner Umgebung sein, um jene Fragmente der deutschen Ideologie und die aus ihnen resultierenden Widerwärtigkeiten zu erkennen. Beispiele hierfür gibt es viele. Allgegenwärtig scheint der Ruf nach überschaubaren, einfachen Verhältnissen zu sein: ob Eso-Kitsch, Dalai-Lama-Hype oder der romantisierende Blick auf das Mittelalter oder das Landleben. Die gefühlsmäßige Aversion gegen die Moderne, also gegen Luxus und Individualismus, zeugt nicht von der Kritik eines Glücksversprechens, das nicht eingehalten werden kann, sondern ist der Ausdruck einer Ideologie, die den anderen das neidet, was man sich selbst nicht zu wünschen vermag. Das Bedürfnis nach Einfachheit bedeutet hier auch stets die Überwindung der Vermittlung von Herrschaft. Nicht über die Verhältnisse – und letztlich den Staat und seine Organe – soll die Gewalt vermittelt und exekutiert werden, sondern direkt vom Volk selber. Hinter dem Ruf nach der Todesstrafe für „Kinderschänder“ zum Beispiel verbirgt sich letztlich der Wunsch nach direkter Herrschaft des Volkes über den Einzelnen, das diese Forderung am liebsten selbst umsetzen möchte. Dass solcher Art Herrschaft nicht in Form von Rechtsstaatlichkeit, also zumindest der Möglichkeit nach in einem fairen Prozess für den Einzelnen, stattfinden soll, sondern als vom Mob ausgeübte Gewalt, ist diesem Wunsch inhärent. Während der Staat allerdings auf seiner Souveränität beharrt und Recht durchsetzt, findet diese kollektive Rohheit und Brutalität in deutschen Gärten, Kneipen und auf den Straßen statt. Ob das Drangsalieren der eigenen Familienmitglieder oder brutale Gewalt gegen Andere – am Besten gegen Ausländer und Juden, zur Not tut es aber auch der Obdachlose vom Dorf oder jemand ganz ohne „Makel“ –, die atomisierte Volksgemeinschaft ist 60 Jahre nach dem Ende des NS noch immer zum Losschlagen bereit. Während die einfachen unter den Deutschen diese Gewalt tagtäglich exekutieren, projizieren die Sozialisierten und Gebildeteren ihre Vernichtungswünsche auf die Palästinenser, die Tibeter oder andere Völker, die für ebenjene Authentizität oder Direktheit stehen, die man sich für das eigene Volk auch ersehnt.
Zuständen dieser Art widmet sich die Filmreihe. In ihr soll es aber keineswegs darum gehen, die hundertste Dokumentation über Stiefelnazis zu zeigen, um in mahnendem Duktus die Gefahr des sogenannten Rechtsextremismus für die Demokratie anzuprangern. Vielmehr soll der Frage nachgegangen werden, wie der Alltag jener Menschen aussieht, die nicht nur sich, sondern auch anderen regelmäßig das Leben zur Hölle machen. Die Filmreihe zeigt Dokumentationen, die (oftmals unfreiwillig und in alles anderer als kritischer Absicht) nicht nur die Widerwärtigkeiten eines Alltags entlarven, in dem Stumpfsinn, Langeweile und Tristesse auf der Tagesordnung stehen. Es werden Menschen gezeigt, die die Schuld am Elend nicht in den Verhältnissen suchen, die es tagtäglich hervorbringen. Es geht um Jene, die sich stattdessen im Elend häuslich eingerichtet und mit der vermeintlichen Unüberwindbarkeit dieser Verhältnisse schon längst abgefunden haben.

Kino LaBim (Töpferplan 3)
Vorführung jeweils um 20 Uhr
Vortrag um
19.30 Uhr

„Herr Wichmann von der CDU“
vom 14. bis zum 19. November zu sehen,
Einleitungsreferat von Sören Pünjer (Redaktion Bahamas, Berlin) am 18. November

Die Uckermark 2002. Henryk Wichmann ist mit 25 Jahren Bundestagsdirektkandidat der CDU im nördlichsten Landkreis Brandenburgs. Dort, wo die „Proletarisierung“ (Jörg Schönbohm) durch den Wegzug insbesondere junger Frauen, aber auch gut ausgebildeter Männer, ein Stadium der „Verödung und Verblödung“ (Brandenburgs Finanzminister Rainer Speer) erreicht hat, das für den Osten bis auf wenige Ausnahmen repräsentativ ist, führt Wichmann einen fast schon Mitleid heischenden Wahlkampf in einer SPD-Hochburg. Da seine CDU im Gegensatz zu PDS oder NPD kaum über eine lokale Basis verfügt, bekommt die Einsamkeit, die Wichmann bei seinen Wahl-Touren umgibt, etwas Tragikomisches: statt für sich und seine Partei zu werben, kämpft er mit Zweckoptimismus gegen die Unbilden des Wetters oder gegen die gähnende Leere am Infostand.
In dem Regisseur Andreas Dresen dem Protagonisten des Films seine eigenen Aktivitäten quasi moderieren
lässt und ihn dabei ausschließlich mit der Stativkamera begleitetet, ist ein erschütterndes Dokument ostdeutscher Verhältnisse entstanden: blühende Landschaften voller sanierter Straßenzüge und Plätze, in bzw. auf denen vor sich hin welkende Menschen ihren Alltag verrichten. Unfreiwillig spiegelt das junge dynamische Wesen Wichmanns die Trostlosigkeit Uckermärker Zustände in besonderer Art und Weise. Ganz von der „Freiheit statt Sozialismus“-Programmatik der CDU erfüllt, sieht sich Wichmann mit der Tatsache konfrontiert, die durch etliche empirische Studien belegt ist: die absolute Mehrheit der Ostdeutschen würde gut und gerne weniger Freiheit in Kauf nehmen, wenn es nur ein bisschen mehr Sozialismus einbrächte, an und in dem ja
nicht alles schlecht gewesen ist. Gerade also in der Stadt des Peter Sodann, dem ideellen Gesamtostdeutschen, ein hochaktueller Stoff.


„Bellaria - So lange wir leben!“
läuft vom 28. November bis zum 3. Dezember,
Einleitungsreferat von Tobias Ofenbauer (Cafe Critique, Wien) am 2. Dezember

Learning Bergdeutsch – Lesson 1

Bereits am 27. April 1945 – das KZ Mauthausen in Oberösterreich war noch nicht befreit – formulierte die provisorische, österreichische Bundesregierung die für die 2. Republik entscheidende Lüge, die das weitere Verhältnis der österreichischen Gesellschaft zu ihrer nationalsozialistischen Geschichte definieren sollte. Die Staatsgründer formulierten, „daß die nationalsozialistische Reichsregierung Adolf Hitlers kraft dieser völligen politischen, wirtschaftlichen und kulturellen Annexion des Landes das macht- und willenlos gemachte Volk Österreichs in einen sinn- und aussichtslosen Eroberungskrieg geführt hat, den
kein Österreicher jemals gewollt hat, jemals vorauszusehen oder gutzuheißen instand gesetzt war, zur Bekriegung von Völkern, gegen die kein wahrer Österreicher jemals Gefühle der Feindschaft oder des Hasses gehegt hat.“
Adorno hat einmal bemerkt, dass ein Deutscher ein Mensch ist, der keine Lüge aussprechen kann, ohne sie zu glauben. Österreicherinnen und Österreicher sind da nicht viel anders. Der kleine Unterschied ist vielleicht, dass man in Österreich in dieser Barbarei noch etwas gemütlicher und dazu noch etwas perfider ist. Der Film „Bellaria“ porträtiert in wohl etwas zu anheimelnden Bildern die verschiedensten Ausformungen österreichischer, postfaschistischer Ideologie.


„Neustadt Stau - Stand der Dinge“

anzuschauen vom 12. bis zum 17. Dezember,
Einleitungsreferat von Johannes Alberti (Materialien zur Aufklärung und Kritik, Halle) am 16. Dezember

Der Regisseur Thomas Heise hatte im Jahr 2000 im zweiten Teil seiner Dokumentation jene hallischen Nazis wieder vor die Kamera geholt, die er bereits acht Jahre zuvor in „Stau – Jetzt geht’s los“ beim Saufen, Grölen und Pöbeln gefilmt hatte. Heise wollte mit der Fortsetzung zeigen, wie es um seine ehemaligen Protagonisten zu dieser Zeit stand. Unfreiwillig gelang ihm damit allerdings eine Bestandsaufnahme von Verhältnissen, in denen die Unterschiede von organisierten Nazis und ihren ganz normalen Nachbarn verschwimmen. Es sind Verhältnisse, in denen die Gewalt roh und unvermittelt zutage tritt. Der Film zeigt den tristen Alltag in Halle- Neustadt. Mittlerweile sind die Nazis von gestern älter und auch äußerlich kaum noch von anderen Neustädtern zu unterscheiden. Zu reden sein wird also über ganz alltägliche Gewalt, die sich gegen die eigene Frau, die eigenen Kinder, den Ausländer an der Ecke oder gegen den Nachbarn, der zu laut Musik hört, richtet. „Stau“ bietet Einblicke in eine Gesellschaft, in der ärmliche Gestalten ihr aussichtsloses Leben leben. Sie haben kaum eine Chance auf Verbesserung. Trotz dieser zutiefst menschenunwürdigen Umstände ist Mitleid allerdings nicht angebracht. Denn diese Menschen reflektieren nicht auf ihre Situation. Sie bemühen sich nicht um Einsicht in die irrationalen Verhältnisse. Sie machen dagegen Juden und Ausländer für ihr Unglück verantwortlich. Für sie gilt das Recht des Stärkeren, das sie stets brutal umzusetzen bereit sind. Ein NPD-Parteiausweis ist dabei ebenso irrelevant wie das Bekennen zum „Nazisein“. Dass die Situation hier in der Zone so unangenehm ist, liegt vor allem an jenen ganz normalen Jugendlichen, die so reden, denken und manchmal auch so handeln wie
Nazis.


Donnerstag, 27.November 2008, 19Uhr
Radio Corax (Veranstaltungsraum),
Am Unterberg,
(Nähe Universitätsplatz), Halle(Saale)

Im Zeichen der Krise—Massenwahn und gewaltförmige
Vergleichung in der Warengesellschaft.

Vortrag von Martin Dornis

Die aktuelle Finanzkrise ließ nicht nur Politikern und Ökonomen das Blut in den Adern stocken. Der krisenhafte und von Anbeginn ideologische Charakter der kapitalistischen Gesellschaft wird offenkundig. Unter Linken wird plötzlich wieder Marx gelesen. Man hat sogar von einer »Lesebewegung« gehört. Aber mit Marx ist nicht nur kein Staat, sondern schon gar keine Bewegung zu machen. Es geht vielmehr um eine rücksichtslose Kritik der bestehenden Verhältnisse. Vor diesem Hintergrund soll im Vortrag über grundlegende Zusammenhänge von kapitalistischer Gesellschaft, politisch-ökonomischer Krisen, Staat und ideologischer Verarbeitung diskutiert werden. Was sagt die aktuelle Finanzkrise über die kapitalistische Gesellschaft?

Martin Dornis ist freier Autor/Referent und wohnt in Leipzig. Er versteht sich als materialistischer Gesellschaftskritiker.

 

Montag, 27. Oktober 08, 19 Uhr
Melanchthonianum, Uni Halle

Becketts Endspiel und King of Queens – Versuch, die Kulturindustrie zu verstehen
Vortrag von Gerhard Scheit

Bei Beckett sind die Eltern von Hamm gut in den Haushalt integriert, sie leben in den Mülltonnen, und hebt Hamm den Deckel ab, sagt er nur: »Seid ihr noch nicht zu Ende? Kommt ihr nie zu Ende?«
Die Kulturindustrie macht immer weiter: Der Vater von Carrie aus der US-Sitcom King of Queens haust im Keller, aus dem er wie von einer Mülldeponie vergangener Moden seine Pullover holt. Der Unterschied ist nur, dass jeder Mann, jede Frau, mit Doug und Carrie sich identifizieren kann, nicht aber mit Hamm und Clov. Für ständige Abwechslung im Immergleichen ist gesorgt, beim Pullover-Muster wie in den Beziehungskonflikten. Während das Endspiel die Deformationen vorführt, »die den Menschen von der Form ihrer Gesellschaft angetan werden« (Adorno), üben die US-Sitcoms durch die Deformationen hindurch, die sie affirmieren, zivilisatorische Standards ein, wie sie auf einer bestimmten Entwicklungsstufe kapitalistischer Warenproduktion jeweils möglich sind.
Diese Dialektik der Aufklärung kommt bei Adorno und Horkheimer merkwürdigerweise zu kurz. Dabei ist kein Jota ihrer Kritik an der Kulturindustrie zurückzunehmen und jede Deformation als solche zu denunzieren. Nur wäre zu fragen, ob nicht schon in der Formulierung des Begriffs der Frage des Staats zugunsten einer diffusen Vorstellung von Macht ausgewichen wird, und dadurch ungeklärt bleibt, auf welche Weise die Konsumenten der Kulturindustrie sich jeweils mit politischen Instanzen identifizieren; ob also nicht die Kritik des Staats auf dem Gebiet der Kulturindustrie erst noch zu eröffnen wäre. Für die postnazistische Situation könnte das etwa heißen, Doug und Carrie aus Queens den deutschen Paaren gegenüberzustellen, die als Tatort-Ermittler in den Nachfolgestaaten des Dritten Reichs ihr Unwesen treiben.

Gerhard Scheit lebt als Autor und Publizist in Wien. Zuletzt erschien: »Suicide Attack. Zur Kritik der politischen Gewalt« (Freiburg 2004) und »Jargon der Demokratie. Über den neuen Behemoth« (Freiburg 2006). Mitherausgeber der neuen Werkausgabe von Jean Améry (Stuttgart 2002ff.) und Mitautor des von Karin Lederer herausgegebenen Buches »Zum aktuellen Stand des Immergleichen. Dialektik der Kulturindustrie vom Tatort zur Matrix« (Berlin 2008), das bei gleicher Gelegenheit vorgestellt werden soll.

German Images.
Filme zum postfaschistischen Alltag

Als Theodor W. Adorno und andere Vertreter der Kritischen Theorie in den 1950er Jahren vor einem Fortleben des Nationalsozialismus warnten, ging es ihnen mitnichten darum, auf ordinäre Nazis hinzuweisen, die fahnenschwenkend vom Dritten Reich träumten und dieses wieder neu zu errichten trachteten. Vor dem Hintergrund der Erfahrungen des Nationalsozialismus und der Erkenntnis, dass mit der militärischen Zerschlagung Nazideutschlands keineswegs die Vorraussetzungen für einen erneuten Rückfall in die Barbarei zerstört werden konnten, wussten sie, dass „das Nachleben des Nationalsozialismus in der Demokratie als potentiell bedrohlicher“ zu betrachten sei, „als das Nachleben faschistischer Tendenzen gegen die Demokratie“. Hinter der Warnung vor dem Weiterleben des Nationalsozialismus steckt zum einen das Bewusstsein davon, das dieser durchaus demokratische Elemente besaß und ohne die massenhafte Begeisterung nahezu aller Deutschen keinerlei Legitimation gehabt hätte. Zum anderen verweist sie noch auf etwas anderes. Darauf nämlich, dass die nationalsozialistische Ideologie keineswegs mit der vielbeschworenen „Stunde Null“ sang- und klanglos aus den Köpfen der Menschen verschwand. Vielmehr leben die Versatzstücke dieser Ideologie in den Menschen fort.
Man muss kein allzu aufmerksamer Beobachter seiner Umgebung sein, um jene Fragmente der deutschen Ideologie und die aus ihnen resultierenden Widerwärtigkeiten zu erkennen. Beispiele hierfür gibt es viele. Allgegenwärtig scheint der Ruf nach überschaubaren, einfachen Verhältnissen zu sein: ob Eso-Kitsch, Dalai-Lama-Hype oder der romantisierende Blick auf das Mittelalter oder das Landleben. Die gefühlsmäßige Aversion gegen die Moderne, also gegen Luxus und Individualismus, zeugt nicht von der Kritik eines Glücksversprechens, das nicht eingehalten werden kann, sondern ist der Ausdruck einer Ideologie, die den anderen das neidet, was man sich selbst nicht zu wünschen vermag. Das Bedürfnis nach Einfachheit bedeutet hier auch stets die Überwindung der Vermittlung von Herrschaft. Nicht über die Verhältnisse – und letztlich den Staat und seine Organe – soll die Gewalt vermittelt und exekutiert werden, sondern direkt vom Volk selber. Hinter dem Ruf nach der Todesstrafe für „Kinderschänder“ zum Beispiel verbirgt sich letztlich der Wunsch nach direkter Herrschaft des Volkes über den Einzelnen, das diese Forderung am liebsten selbst umsetzen möchte. Dass solcher Art Herrschaft nicht in Form von Rechtsstaatlichkeit, also zumindest der Möglichkeit nach in einem fairen Prozess für den Einzelnen, stattfinden soll, sondern als vom Mob ausgeübte Gewalt, ist diesem Wunsch inhärent. Während der Staat allerdings auf seiner Souveränität beharrt und Recht durchsetzt, findet diese kollektive Rohheit und Brutalität in deutschen Gärten, Kneipen und auf den Straßen statt. Ob das Drangsalieren der eigenen Familienmitglieder oder brutale Gewalt gegen Andere – am Besten gegen Ausländer und Juden, zur Not tut es aber auch der Obdachlose vom Dorf oder jemand ganz ohne „Makel“ –, die atomisierte Volksgemeinschaft ist 60 Jahre nach dem Ende des NS noch immer zum Losschlagen bereit. Während die einfachen unter den Deutschen diese Gewalt tagtäglich exekutieren, projizieren die Sozialisierten und Gebildeteren ihre Vernichtungswünsche auf die Palästinenser, die Tibeter oder andere Völker, die für ebenjene Authentizität oder Direktheit stehen, die man sich für das eigene Volk auch ersehnt.
Zuständen dieser Art widmet sich die Filmreihe. In ihr soll es aber keineswegs darum gehen, die hundertste Dokumentation über Stiefelnazis zu zeigen, um in mahnendem Duktus die Gefahr des sogenannten Rechtsextremismus für die Demokratie anzuprangern. Vielmehr soll der Frage nachgegangen werden, wie der Alltag jener Menschen aussieht, die nicht nur sich, sondern auch anderen regelmäßig das Leben zur Hölle machen. Die Filmreihe zeigt Dokumentationen, die (oftmals unfreiwillig und in alles anderer als kritischer Absicht) nicht nur die Widerwärtigkeiten eines Alltags entlarven, in dem Stumpfsinn, Langeweile und Tristesse auf der Tagesordnung stehen. Es werden Menschen gezeigt, die die Schuld am Elend nicht in den Verhältnissen suchen, die es tagtäglich hervorbringen. Es geht um Jene, die sich stattdessen im Elend häuslich eingerichtet und mit der vermeintlichen Unüberwindbarkeit dieser Verhältnisse schon längst abgefunden haben.

Wochendseminar am 5. und 6. September
Über die Psychopathologie des Islam

Die Aggressivität des Islam, erwachsen aus der eigenen Versagung, dem begehrten Verbotenen und dem verbotenen Begehrten, konzentriert sich auf das Sinnbild der westlichen Dekadenz: die Juden, von denen, wie der Begründer der Muslimbrüderschaft
sagt, die ganze Welt gelernt habe, "die sinnlichen Bedürfnisse zu befreien" und so die gläubigen Muslime in den Schmutz zu stoßen, auf die Israelis, deren Staat gewordene Gesellschaft den Menschen den Menschen der arabischen Gemeinschaft permanent eine widersprüchliche, auf Fortschritt bedachte Kultur vor Augen führt, deren Mitglieder nach individuellem Glück streben. Da sie die westliche, in Israel konkretisierte Welt, nicht so verdrängen können wie die eigenen Triebansprüche, bleibt nur, das Begehrte zu zerstören. Die Destruktion wird zur einzig noch möglichen Annäherung ans Objekt; so werden sie nicht lassen können, nicht von Israel, nicht von der dekadenten Welt überhaupt. Daß aber in erster Linie die Juden in die reinigenden Fluten des Meeres getrieben werden müssen -- das ist die Quintessenz der "islamischen Erneuerung", die dabei ist, das größte psychopathologische Kollektiv zu formen, das die Welt seit langem gesehen hat.
Mit Natascha Wilting (Redaktion Bahamas)

Eine Anmeldung ist erforderlich, da die Teilnehmerzahl begrenzt ist.

 


Dienstag, 12. August 08, 19 Uhr
Radio Corax: Veranstaltungsraum
Unterberg 11 (Nähe Universitätsplatz), Halle (Saale)
„Wir sind Dalai Lama."
Ein Mönch und die Bedürfnisse seiner deutschen Anhänger
Vortrag von Horst Pankow

Mitte Juni berichtete die „Berliner Zeitung" von Anstrengungen deutscher Diplomaten ihren chinesischen Kollegen zu erklären, „dass Merkels Dalai-Lama-Empfang weniger eine außen- als eine innenpolitische Botschaft enthielt, weil der Friedensnobelpreisträger in Deutschland nun mal so populär ist". Und das ist er in der Tat. Schon als der politisierende Mönch im vergangenen Jahr durch Deutschland tourte, bescherte ihm der allgemeine Zuspruch nicht nur prominente Plätze in den Massenmedien, bei seinen öffentlichen Auftritten erreichte er Besucherzahlen, wie sie sonst nur Pop-Stars beschieden sind.
Antwort auf die Frage nach den Voraussetzungen dieses, nicht nur in Deutschland, sondern nahezu in der gesamten westlichen Welt zu verzeichnenden Erfolgs ist freilich nicht leicht zu erlangen. In den Veröffentlichungen des Lamas findet man kaum mehr als diffuse Lebensweisheiten, die gestressten Zivilisationsmenschen nahelegen, nicht zu sehr am Materiellen zu kleben, Geduld, Gelassenheit und vor allem „Loslassenkönnen" zu üben, Weisheiten mithin, die auf dem Esoterik-Markt stets wohlfeil zu haben sind. Auch macht der Lama selbst wenig Aufhebens von seinem tibetisch-buddhistischen Firlefanz. Bei manchen Gelegenheiten hat er Konvertierungswillige gar mit der Aufforderung brüskiert, sich doch zunächst einmal mit ihrer „angestammten" religiösen Tradition zu beschäftigen.
Mehr noch als „spiritueller Führer" hat das „geistliche Oberhaupt" der Tibeter als Separatistenchef einen Namen. Ob aus dem indischen Exil oder während seiner Welt-Tourneen, niemals wird er müde, den „kulturellen Genozid", den „Ethnozid" am „tibetischen Volk" mittels „Überfremdung der Heimat" anzuprangern. Wenn solcherlei Aufforderungen zur ethnischen Säuberung aber von tibetischen Nationalisten handfest umgesetzt werden, wie anlässlich des „Volksaufstandes" im März, als ein fanatisierter Mob chinesische Händler und ihre Angestellten lebendig verbrannte, winkt der Lama ab und droht sogar, angesichts der Gräueltaten das Handtuch zu werfen. Nicht die staatliche Unabhängigkeit Tibets ist sein Ziel, mit einer „Autonomie" innerhalb des chinesischen Staatverbandes würde er sich durchaus begnügen. Das Tibet vor der chinesischen Besetzung zu verklären, ist sein Anliegen offenbar nicht; er selbst hat schon auf das Barbarische der seinerzeitigen klerikal-feudalen Herrschaft hingewiesen.
Scheint der Dalai Lama eine widersprüchliche Figur zu sein, ohne übertriebene Kohärenz in der Weltsicht, so zeigen sich seine deutschen Anhänger entschlossener. Die blutigen antichinesischen Ausschreitungen im März wurden nicht nur in Deutschland als legitimer Kampf gegen eine fiese Besatzungsmacht glorifiziert, der fanatische Mob und die verbrannten Leichen seiner Opfer aus den Videoaufnahmen der Nachrichtensender weitgehend entfernt. Entschlossen agierende Schlägertypen, die den Transport des sog. „Olympischen Feuers" gewaltsam zu verhindern versuchten, wurden zu Helden stilisiert, nicht etwa weil sie vielleicht dem irrational-autoritären Feuerzauber ein Ende hätten machen wollen, sondern weil die weltweite Fangemeinde das mythische Feuer schlicht von falschen, sprich chinesischen, Händen getragen sah.
Sowenig die westliche Tibetbegeisterung etwas mit den realen Verhältnissen, Möglichkeiten und Perspektiven der kargen Hochland-Region zu tun hat, so wenig bezieht sie sich auf ein reales China. Auch wer annimmt, das Tibet-Bild der westlichen Tibet-Freunde sei ebenso eine Projektion wie die Heiligkeit des „geistlichen Oberhauptes", liegt wohl nicht falsch. Bezeichnenderweise ist gerade die zum „Dach der Welt" erhobene Himalaja-Region seit langem Projektionsfläche obskurer Bedürfnisse: Ein geheimnisvolles „Shangri-La", bewohnt von Menschen mit gleichermaßen intellektueller wie erotischer Weisheit, wähnten dort Schwärmer in der Zeit nach dem 1. Weltkrieg, später versuchten nazideutsche Expeditionen in dem Hochland die „Wiege der arischen Rasse" zu finden (noch heute geniert man sich nicht bei dem Hinweis, der Dalai Lama habe seine ersten Unterweisungen in Weltläufigkeit durch den SS-Mann Heinrich Harrer erhalten), und während des chinesischen Realsozialismus war Tibet ein Focus pseudomessianischen, fanatisch antikommunistischen Welterlösungswahns.
Obgleich die historischen und mentalen Bedingungen solcher Projektionen heute nicht mehr existieren, wird dennoch ungehemmt weiter projiziert. Termini wie autochthon, gewachsene Kultur, Fremdherrschaft und Überfremdung bestimmen die aktuellen Tibet-Fantasien. Was es damit auf sich hat, was daraus folgen kann und ob möglicherweise bei einem guten oder auch schlechten „Medaillenspiegel" deutscher Sportler bei der Olympiade in China ein Boulevardblatt „Wir sind Dalai Lama" verkündet, soll im Vortrag erläutert werden.

Horst Pankow lebt in Berlin und veröffentlicht Einwände gegen den Irrationalismus dieser Zeit u.a. in „konkret“, „Bahamas“ und „Prodomo“.


Wochenendseminar am 25. und 26. Juli 08
Einführung in die Kritik der politischen Ökonomie

mit Philipp Lenhard

Antikapitalismus ist in Deutschland en vogue. Sozial- und Christdemokraten sind sich mit Linkspartei und NPD einig, dass der „Raubtierkapitalismus“ (Helmut Schmidt) vom Staat gezähmt und in eine Marktwirtschaft mit menschlichem Antlitz, d.h. staatlicher Regulation und Drangsalierung, verwandelt werden müsse. Das alte deutsche Ressentiment gegen die abstrakte Gleichheit und Freiheit der bürgerlichen Gesellschaft, das sich in den Reden und Pamphleten von Politikern, Pfaffen und NGOs austobt, zielt darauf ab, die Welt wieder zu einem überschaubaren und natürlich eingerichteten Ort zu machen, an dem niemand mit der Freiheit zu denken konfrontiert wird und ganz darin aufgehen kann, Exemplar einer urwüchsigen Gemeinschaft zu sein.
Mit solchem Antikapitalismus hat Marx’ Kritik der politischen Ökonomie nichts gemein – sie ist sein gerades Gegenteil. Marx kritisiert das Kapital als ein automatisches Subjekt, das sich – obgleich dem Handeln von Menschen entsprungen – durch sie hindurch reproduziert und ihnen seine eigentümliche Logik aufherrscht. Das Kapital ist damit eine Verkehrung von Subjekt und Objekt, insofern es die unter es subsumierten Individuen als aus freiem Willen entscheidende nur simuliert, während in Wahrheit das Kapitals selbst das Subjekt der Geschichte ist. Um diesen Skandal zu beenden und die Menschen im Geiste der Aufklärung zu Herren ihrer eigenen Geschicke zu machen, hat Karl Marx vor etwa 150 Jahren ein Buch geschrieben, das noch heute die beste Kritik der kapitalistischen Gesellschaft in ihren Grundzügen darstellt. Aus diesem Grund lohnt es sich nach wie vor, es zu lesen und zu diskutieren.
Im Seminar sollen Struktur und Begrifflichkeiten des ersten Kapitels des ersten Bandes des Kapitals erklärt und gemeinsam erarbeitet werden, um – mit den Grundbegriffen ausgerüstet – das Studium des Kapitals und die Kritik des Kapitals in Eigenregie fortführen zu können. Dabei liegt die Betonung auf der Textlektüre, weil erst ein gewisses Maß an genauer Textkenntnis den Raum für verschiedene Lesarten öffnet.
Philipp Lenhard, freier Autor aus Köln u.a. für Bahamas und Prodomo, wird das Seminar leiten und dabei darauf achten, dass der Gesamtkontext des Werkes nicht aus den Augen verloren wird. Er hat zwar nicht auf jede Frage eine Antwort, meint aber, dass es wichtiger ist, die entscheidenden Fragen zu stellen. Das Ziel des Seminars ist es also nicht, am Ende „Bescheid zu wissen“, sondern kritisch gedacht zu haben. Denn nur die Kritik – und das ist der keineswegs zufällig im Untertitel des Kapitals auftauchende zentrale Marx’sche Begriff – geht aufs Ganze: sie fordert die Abschaffung jeglicher Herrschaft und Ausbeutung.

Eine Anmeldung ist erforderlich, da die Teilnehmerzahl begrenzt ist (agantifa[at]googlemail.com). Ein Reader wird rechtzeitig vor der Veranstaltung ausgegeben.

 

Mittwoch, 2. Juli 2008
Beginn bereits 18.00 Uhr!!!
Melanchthonianum, Uni Halle

Der Geist als Beute.
Über die bandenmäßige Reorganisation der deutschen Universitäten.

Vortrag und Diskussion mit Magnus Klaue.


Die Universität, heißt es, drohe sich dem kapitalistischen Markt auszuliefern, zum Job-Center zu werden und soziale Ungleichheiten stärker als je zu perpetuieren. So abstrakt gesprochen ist das alles nicht falsch, betrachtet man aber die konkreten Formen, in denen sich solcher Protest artikuliert, und vergleicht sie mit den Arbeitsweisen, die sich innerhalb der Uni als „Cluster", Graduiertenkollegs usw. herausbilden, stellt man bald fest, daß die universitäre Verwaltung
und der studentische Protest sich gar nicht so feindlich gegenüberstehen, wie es den Anschein hat. Tatsächlich fürchten sie
alle nichts mehr als das, was unter dem Namen des freien Marktes wahrhaft verstanden werden könnte: die Konkurrenz der Gleichen, bei der sich tatsächlich diejenigen mit dem differenziertesten geistigen Profil durchsetzen könnten. Ersehnt wird statt dessen: Protektion, autoritäre Herzenswärme, universitärer Gemeinschaftsgeist – kurz, der böse Vater soll nicht überwunden, sondern durch den guten Papa ersetzt werden, als den Studierende wie Lehrende sich ihre Alma Mater
wünschen. Die Massenuniversität, in der jeder sich gegen einen anonymen Verwaltungsapparat behaupten muß, wird dabei transformiert zum Racket, das zwar noch grausamer gegen den Einzelnen ist, dafür aber umso mehr gütigen Gemeinschaftsgeist aufbringt. Wie das sich im Alltag reflektiert, soll der Vortrag anhand so unappetitlicher Dinge wie Examensfeiern und Uni-T-Shirts, vor allem aber anhand der Protestformen einer ‚jungen' Generation studentischer Aktivisten untersuchen, denen die Uni vor allem eines zu sein scheint: ein a priori feindlicher Raum, den man besetzen und verschandeln muß, um sich wohl zu fühlen.

Magnus Klaue lebt und arbeitet in Berlin. Er veröffentlicht regelmäßig in der Zeitschrift „konkret".

 

Montag, 16. Juni 08, 19 Uhr
Melanchthonianum, Uni Halle
Kritik versus Realpolitik?
Die Zukunft der Israelsolidarität
Podiumsdiskussion mit Stephan Grigat und Justus Wertmüller.

Die materialistische Kritik an der Volks- und Staatsbegeisterung der deutschen Linken, die seit dem Ende der achtziger Jahre formuliert wurde, war stets mehr als eine allgemeine Staatskritik. Im Unterschied zur autonomen Linken, die „Feuer und Flamme für jeden Staat“ forderte und dabei zuallererst an Israel dachte, betonte sie den Unterschied. Denn auch wenn der Staat stets der „Staat des Kapitals“ (Johannes Agnoli) ist, ist Staat eben nicht gleich Staat. Während Israel als Reaktion auf die Barbarei einer in Staaten eingeteilten Welt gegründet wurde, wurde Deutschland spätestens mit Auschwitz zur Avantgarde dieser Barbarei. Angesichts dieser Erkenntnis fielen die Solidarität mit Israel, die Kritik am Kapitalismus, an Deutschland und seinen geistig-moralischen Verbündeten in eins.
Inzwischen ist Israel nicht mehr „nur“ durch die konventionellen Armeen seiner Nachbarstaaten, den Terror der diversen islamischen Gangs und die Ungunst der „internationalen Staatengemeinschaft“ bedroht. Der Iran, dessen Führung die Vernichtung Israels zum Staatsziel erhoben hat, ist auf dem besten Weg zur Atommacht. Europa übt sich gegenüber dem Mullah-Regime derweilen in Appeasement. Vor diesem Hintergrund greift ein Teil der Israelsolidarität auf die lange Zeit verpönte Kampagnen- und Kongresspolitik zurück und sucht seine Bündnis- und Ansprechpartner in der vielbeschworenen Mitte der Gesellschaft: Bei mehreren israelsolidarischen Konferenzen, bei denen die iranische Bedrohung thematisiert wurde, wurde gefordert, endlich auf das Theoretisieren zu verzichten und zu „knallharter Realpolitik“überzugehen.
Vor diesem Hintergrund diskutieren Stephan Grigat und Justus Wertmüller über die Zukunft der Israelsolidarität. Sie fragen: Ist die Kampagnenpolitik Ausdruck des Niedergangs der Israelsolidarität oder ihre Reproduktion auf einer höheren Stufe? Löst sich die Israelsolidarität im Rahmen der aktuellen Kampagnenpolitik von der Kritik? Verwandelt sich Deutsch-Europa also vom Gegenstand der Kritik in einen positiven Ansprechpartner? Ist die israelsolidarische Politikberatung nach dem Liberalismus das nächste Ticket für den Marsch in die ?Mitte der Gesellschaft“? Oder wird es angesichts der existenzbedrohenden Situation, in der sich Israel befindet, nicht tatsächlich Zeit, Kompromisse zu machen und sich in die Realpolitik einzumischen?

Stephan Grigat (Wien) ist Mitbegründer der Kampagne „Stop the Bomb“, Mitherausgeber des Buches „Der Iran – Analyse einer islamischen Diktatur und ihrer europäischen Förderer (Studienverlag 2008) und gehört zur Gruppe „Café Critique“; Justus Wertmüller (Berlin) ist Redakteur der Quartalszeitschrift „Bahamas“.

 

01. April 08, 19 Uhr
Radio Corax, Veranstaltungsraum
Unterberg 11 (Nähe Universitätsplatz)
Schwulenhaß und Männerbund
Die autoritäre Sehnsucht im deutschen Sprechgesang
Vortrag von Tjark Kunstreich

Als der Sänger G-Hot aufgrund seiner schwulenfeindlichen Texte Ende letzten Jahres von einem großen Rap-Konzert in der Easy Schorre ausgeladen wurde, zeigte die hallische Hip-Hop-Szene, was in ihr steckt: Im besten Fall wurden die homophoben Äußerungen G-Hots verharmlost, im Normalfall bekannten sich Szeneangehörige offen zu ihrem Hass auf Schwule und verbreiteten in Internetforen Gewaltaufrufe und Vernichtungsphantasien. Als G-Hot entgegen der Ankündigung doch für einen kurzen »Gastauftritt« in der Easy Schorre erschien, war das Publikum begeistert. Auf der Bühne wurde dazu aufgerufen, dem Vertreter einer schwul-lesbischen Arbeitsgruppe an der Universität Halle, die sich gegen den Auftritt G-Hots ausgesprochen hatte, einen »Hausbesuch« abzustatten; im Publikum wurde gejubelt. Das ist für die AG Antifa mehr als Grund genug, sich – nicht nur anhand der Hip-Hop-Szene – mit dem Zusammenhang von Homophobie und Männerbund auseinanderzusetzen.

Wenn sich niemand mehr wundert, dann stimmt etwas nicht: An der Musik kann es nicht liegen, daß deutscher Sprechgesang zur beliebtesten Stilrichtung unter männlichen Jugendlichen geworden ist. Die Einfallslosigkeit der Samples, die Stereotypie der Pose, der immergleiche Sprechrhythmus, mit dem sich deutsche Rapper gegen den Flow und den Sprachwitz amerikanischer Rapper abgrenzen wollen, indem sie noch männlicher, d.h. unmusikalischer daherkommen, leben schon längst mehr von Street-credibility, also der Beschränktheit der Instrumente wie des eigenen Geistes, sondern von scheinbarer Provokation.
Die Inhalte dieser Provokation der deutschen Bürgerwelt sind hinlänglich bekannt: Schwulenhaß und Frauenverachtung, Rassismus und Antisemitismus, Antiamerikanismus und eine merkwürdige Affinität zum Islam. Allerdings sind gerade letztere zu Provokation in Deutschland kaum geeignet, weil das Ressentiment den allgemeinen Geisteszustand kennzeichnet. Gegen Schwulenhaß und Frauenverachtung im deutschen Sprechgesang protestieren jedoch viele, von Claudia Roth bis zum Lesben- und Schwulenverband in Deutschland: Das will man doch lieber dem Iran und anderen Ländern überlassen, bei denen man sich damit beruhigen kann, daß es sich bei Gepflogenheiten wie Steinigungen um kulturelle Eigenheiten handele.
Weil das eine Ressentiment geteilt wird und das andere nicht etwa verurteilt würde, weil es menschenverachtend und antizivilisatorisch ist, sondern schlicht, weil man zwar so denken, aber nicht so sprechen dürfe, also weil es nicht politisch korrekt formuliert wird, erscheint es in der öffentlichen Debatte so, als seien die schwulen- und frauenfeindlichen Texte deutscher Rapper Ausfälle einer ansonsten kommoden Subkultur. Die zur Eingrenzung dieser Ausfälle unternommenen Bemühungen erinnern nicht zufällig an die akzeptierende Sozialarbeit mit Nazis, deren Erfolg darin bestand, das Nazitum zur Alltagskultur zu machen.
Was aber, wenn es sich, ähnlich wie bei den Zonen-Nazis der neunziger Jahre, nicht um Irregeleitete handelt, sondern um Überzeugungstäter? Wenn es tatsächlich nicht um die Musik, sondern um die Botschaft geht? Der Schwulenhaß und die Frauenverachtung sind nicht zufällig mit zivilisationsfeindlicher Ideologie verbunden: die Frauen- und Schwulenemanzipation sind ja nicht zuletzt ein Resultat der Zivilisation. Und an die, die der Zivilisation etwas zu danken haben, heftet sich der Haß derer, die von sich meinen, zu kurz gekommen zu sein und immer übers Ohr gehauen zu werden. Kurzum: Deutscher Hiphop ist wegen der Haß-Texte erfolgreich und nicht wegen der Musik. Auf den Konzerten treffen sich männliche Jugendliche mit der Sehnsucht nach dem Männerbund, die auch ansonsten für klare Verhältnisse sind. Die Männlichkeit, mit der sie imponieren wollen, ist so hohl, daß sie Schwule und Frauen, die für eine unbekannte Verheißung stehen, hassen müssen. Und sie glauben dem, der ihnen das erzählt.
Der Männerbund, das wußten schon die Vertreter der Kritischen Theorie nach ihrer Studie über Autorität und Familie, ist die Keimzelle autoritärer Herrschaft. Das Bedürfnis nach einfachen Herrschaftsverhältnissen, wie sie in Banden und Gangs vorherrschen, korrespondiert mit einer Homophobie, die das gleichgeschlechtliche Verlangen im eingeschlechtlichen Zusammenhang leugnen und nach außen projizieren muß.

Tjark Kunstreich (Berlin) ist Autor und Publizist. Er hat u. a. für den von Renate Göllner und Ljiljana Radonic herausgegebenen Sammelband „Mit Freud. Gesellschaftskritik und Psychoanalyse“ (Freiburg: ça ira-Verlag) einen Beitrag über den Zusammenhang von Männerbund und Homophobie verfasst.

 

Linke Leute von rechts, rechte Leute von links.
Die Aufhebung der politischen Gegensätze

Ankündigungstext zur Reihe Linke Leute von rechts, rechte Leute von links. Die Aufhebung der politischen Gegensätze weiter...


25. April 08, 18.30 Uhr
Melanchthonianum, Uni Halle

Vortrag 8: Wenn die Partei das Volk entdeckt.
Ein kritischer Beitrag zur Volksfrontideologie und ihrer Literatur
Vortrag von Birgit Schmidt

Volksfront – Mit diesem Begriff verbinden die meisten Menschen ein lange erwartetes und für dringend notwendig erachtetes, gemeinsames Vorgehen gegen den Nationalsozialismus und sehen ihn von daher ausschließlich positiv. Tatsächlich aber forderte die Volksfrontideologie, die für alle organisierten Kommunisten ab 1935 obligatorisch zu befolgende Parteilinie war, unverbrüchliche Treue gegenüber der jeweiligen Außenpolitik der UdSSR, was unter anderem bedeutete, dass deutsche Kommunisten nach dem Spätsommer 1939 nicht mehr gegen den Nationalsozialismus – durchgängig Faschismus genannt – agitieren durften, und dass die in Moskau exilierte KPD-Spitze 1940 von den angeblich weniger gefährdeten „einfachen“ Kommunisten in Frankreich verlangte, nach Deutschland zurückzugehen bzw. sich der Gestapo zu stellen. Erst mit dem deutschen Überfall auf die Sowjetunion rückte der Nationalsozialismus wieder in den Focus kommunistischer Aufmerksamkeit.
Deutsche Volksfront – das bedeutete auch die ständig wiederholte Behauptung, dass das gesamte deutsche Volk als Gesamtheit – mit Ausnahme des „Monopolkapitals“ - unter der „Hitler-Diktatur“ leide und sie bekämpfe. Wer mit diesen inhaltlichen Vorgaben seine Schwierigkeiten hatte, sie gar bezweifelte und/oder kritisierte, geriet nach 1949, ganz besonders während der frühen fünfziger Jahre, in Widerspruch zu Partei- und Staatsapparaten, denen nicht an der Debatte, sondern an fügsamen Staatsdienern gelegen war. Die Verfolgungswelle gegen die sogenannten (ehemaligen) Westemigranten, bei denen es sich tatsächlich um kritischere Kommunisten handelte – so hatte sich die in Mexiko exilierte KPD-Gruppe von der deutschen Bevölkerung wegen ihrer antijüdischen Verbrechen losgesagt – hatte ihren Ursprung in der Volksfront.
Dass Schriftsteller/innen wie Anna Seghers, Bodo Uhse und Ludwig Renn trotz ihrer KPD- und späteren SED-Mitgliedschaft mit der Staatsideologie der DDR zwangsläufig kollidieren mussten, hat Birgit Schmidt in ihrer Dissertation Wenn die Partei das Volk entdeckt aufgezeigt. Heute Abend wird sie erneut die Frage nach dem Zusammenhang zwischen (deutsch)nationaler Volksfrontideologie und der Verfolgung von Menschen stellen, die jüdisch und/oder homosexuell waren, auf jeden Fall mehrsprachig, weitgereist und kritisch, - kosmopolitisch also, wie der Vorwurf letztlich lautete.


Birgit Schmidt veröffentlichte zuletzt „Freundliche Frauen. Eine Kritik an der Juden- und Frauenfeindlichkeit des esoterischen Feminismus“ und „Kein Licht auf dem Galgen. Ein Beitrag zur Diskussion um KPD/SED und Antisemitismus“.

 


Antifaschistische Hochschultage an der Uni Halle

Linke Leute von rechts, rechte Leute von links. Die Aufhebung der politischen Gegensätze.

In den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts stellten sich konservative, liberale und sozialdemokratische Intellektuelle, die vor dem Nationalsozialismus geflohen waren, die Frage, wer oder was sie zur Emigration gezwungen hatte. Da sie nicht verstanden, warum sie, ausgewiesene Feinde des Kommunismus, von den antikommunistischen Nazis vertrieben wurden, bastelten sie sich, wie Hermann L. Gremliza vor einigen Jahren erklärte, eine Lehre zusammen, »in der sich das, was sie hassten, mit dem, was sie hasste, zu ein und demselben Übel verband«. Sie erfanden die Totalitarismustheorie. Faschismus und Kommunismus galten von nun an als identisch.
Gegen diese Rot-gleich-braun-Formel ist seither viel Richtiges eingewandt worden: Die Gleichsetzung des »Dritten Reiches« mit den Staaten des »real existierenden Sozialismus« verharmlost den Nationalsozialismus und Auschwitz, die Totalitarismustheorie unterschlägt den Anteil, den konservative wie liberale Kräfte an der Machtergreifung der Faschisten und Nationalsozialisten hatten, und sie entkoppelt das Verhältnis von Faschismus und Kapitalismus.
Gerade die Linke, die verbal am vehementesten gegen die Gleichsetzung von links und rechts anging, schien sich auf praktischer Ebene jedoch immer wieder bemühen zu wollen, die Totalitarismustheorie zu bestätigen. Als Kurt Hiller die Angehörigen des Strasser-Flügels der NSDAP 1932 in der Weltbühne als »linke Leute von rechts« bezeichnete, hatten die Mitglieder der KPD nichts Besseres zu tun, als sich als »rechte Leute von links« zu präsentieren, ihre »Programmerklärung zur nationalen und sozialen Befreiung des deutschen Volkes« zu verabschieden und sich dort als die besseren Freunde von Volk und Vaterland darzustellen. Bereits zwei Jahrzehnte zuvor hatte der greise »Arbeiterführer« – so ließen sich die Wortführer der Arbeiterbewegung tatsächlich gern nennen – August Bebel im Reichstag erklärt, dass er, wenn es gegen Russland gehe, selbst die »Flinte auf den Buckel« nehmen würde. 1923 hatte sich der Komintern-Funktionär Karl Radek schließlich positiv auf Albert Leo Schlageter bezogen, ein Freikorps-Mitglied, das während der Ruhrbesetzung Anschläge auf die französischen Besatzungstruppen verübt hatte. Und im gleichen Jahr machte Ruth Fischer, damals Mitglied des Zentralkomitees der KPD, Konzessionen an den Antisemitismus der NSDAP und erklärte vor Nationalsozialisten: »Wer gegen das Judenkapital aufruft, meine Herren, ist schon Klassenkämpfer, auch wenn er es noch nicht weiß. Sie sind gegen das Judenkapital und wollen die Börsenjobber niederkämpfen. Recht so. Tretet die Judenkapitalisten nieder, hängt sie an die Laterne, zertrampelt sie. Aber meine Herren, wie stehen sie zu den Großkapitalisten, den Stinnes, Klöckner...?«
An diese Traditionen knüpft die heutige Linke an. Linkspartei-Chef Lafontaine hetzt im NS-Jargon gegen »Fremdarbeiter«, linke Antiimperialisten sammeln unter der Parole »Zehn Euro für den irakischen Widerstand« für faschistische Organisationen im Irak, und Mitglieder einer ominösen »Gruppe Internationale Solidarität« greifen, um ein Beispiel aus der Region zu bringen, am Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz in Magdeburg Menschen an, die aus Solidarität mit den Befreiten die Fahne Israels tragen – des Staates, der gegründet wurde, um den Überlebenden des Holocaust eine Heimstätte zu bieten und sie vor erneuter Verfolgung zu schützen.
Es gibt allerdings mindestens einen zentralen Unterschied zwischen den Kommunistischen Parteien der dreißiger Jahre und der heutigen Linken: Der damalige Flirt mit Volk, Staat und Nation war – was ihn freilich nur wenig besser macht – häufig von taktischen Erwägungen getrieben. Er stand in krassem Widerspruch zu den Aussagen derjenigen, auf die sich die jeweiligen Parteien immer wieder beriefen. Die Texte von Marx, Engels und bis zu einem gewissen Grad auch Lenin, die in Deutschland vom selben Parteivorstand herausgegeben wurden, der auch für die »Programmerklärung zur nationalen und sozialen Befreiung des deutschen Volkes« verantwortlich zeichnete, waren der permanente Einspruch gegen die offizielle Parteilinie. Einen solchen Einspruch gibt es inzwischen nicht mehr. Die heutige Linke bezieht sich in ihrer Mehrheit nicht mehr auf Marx und Engels, und selbst die Reste des organisierten Leninismus scheinen, wenn sie von Lenin sprechen, eher Pol Pot vor Augen zu haben. Die zentralen Ikonen des linken Mainstreams sind Michael Hardt, Antonio Negri, Pierre Bourdieu, Michel Foucault und Gilles Deleuze – und damit der NS-Philosoph Martin Heidegger und der Gemeinschaftsverehrer Ferdinand Tönnies. Der früher bestehende Widerspruch zwischen Traditionsbildung und offizieller Politik, zwischen postuliertem Anspruch und Realität also, ist damit aufgehoben. Die Linke hat sich, um eine beliebte Formel, mit der die Freunde des Proletkults das Desinteresse der Arbeiterklasse an ihrer historischen Mission lange Zeit zu erklären versuchten, nicht nur »an sich«, sondern auch »für sich« in eine Agentur der Gegenaufklärung verwandelt. Das heißt: Die Idee der Emanzipation, die sich die Linke einst auf ihre Fahnen geschrieben hatte, kann nicht mehr mit ihr, durch »kritische« Interventionen in die Anti-Globalisierungsbewegung, »kritische« Solidarität mit hiesigen Sozialprotesten oder, noch besser, die Gründung »kritischer« Plattformen in der PDS, wach gehalten werden, sondern, wenn überhaupt, nur noch im stetigen Widerspruch zu ihr. Das soll die Vortragsreihe zeigen.


29. Mai 2007
19.00 Uhr
Melanchthonianum, Universitätsplatz Halle

Vortrag 1: Antikapitalistisches Kameradschaftstreffen in Heiligendamm. Ein Beitrag zur Demobilisierung
Die (radikale) Linke ist hässlich. In ihren Händen verkehrt sich Kritik ins Bekenntnis trivialer Seelen, jede schriftliche Äußerung in Propaganda aus dritter Hand und Sprache in einen fiesen Jargon. Sie weiß von sich selbst kaum mehr, als dass man sich irgendwie im Widerstand gegen Systeme, Strukturen und Herrschaftsverhältnisse befände, die sie nicht bestimmen kann. Ihre Elendsumzüge im Zeichen von Antifa und Noglobal, Antirassismus und irgendetwas mit Gender, auf denen schreckliche Wursthaarträger ihre beispiellose Kreativität zur Schau stellen, androgyne Antifaburschen oder -mädchen die neueste Turnschuh- und Kapuzenpullikreation auftragen, und Quotenmigranten ein Herz für fiese Kulturen und Religionen einfordern, vermögen noch nicht einmal die Teilnehmer zu begeistern, geschweige denn irgendwelche Passanten.
Und doch bleibt sie gefährlich und ist zurecht auch weiterhin Objekt ständiger Beobachtung durch den Kritiker. Nicht weil das »Who is who?« von Belang wäre, die Protagonisten sind austauschbar und banal, sondern weil die je verkündete Losung, strategische Orientierung und praktische Mobilisierung manchen Aufschluss darüber geben, wohin die Mehrheit in diesem Land treibt. In diesem Jahr geht es gegen den G8-Gipfel in Heiligendamm. Die Mobilisierung wird wenig erfolgreich sein, die Mecklenburger Einöde lädt nicht so recht zum Protest ein. Wer aber warum ausgerechnet gegen dieses harmlose und belanglose Stelldichein von Staats- und Wirtschaftsfunktionären aufruft, ist dennoch von Belang. Auf die Straße oder besser auf die nicht nur wegen Regenmangels braune Wiese lädt ein breites Bündnis nationaler Sozialisten, das von der PDS bis zur NPD von den globalisierungskritischen Gemeinschaften bis zu den originalen Kameradschaften, von der Jungen Freiheit bis zur Jungen Welt reicht.
Dabei wird es zu keiner Vereinigung in Freundschaft und Toleranz von Nazis und Linken kommen. Die Linken werden die Nazis im Gegenteil in dem Maße wie sie ihnen immer gleicher werden, nur umso mehr hassen, und auch eine wirkliche Stärkung der Massenbasis von NPD und Kameradschaften steht nicht zu befürchten. Auf dem Feld, wo Linke und Nazis um den gleichen Kuchen streiten, die angemaßte Führerschaft über vom Kapitalismus »betrogene« und »enttäuschte« Massen, wird für beide Avantgardebewegungen wenig zu gewinnen sein, für die Globalisierungskritiker in Amt und Würden dafür desto mehr. Das politische und publizistische Establishment hat schon lange gelernt, von den hässlichen Struppis aus der Protestbewegung zu lernen, woher der Wind weht, und sie setzen Segel. Für aus dem Herzen kommenden Antisemitismus braucht man nicht die Junge Welt, das machen Rupert Neudeck oder Peter Gauweiler viel effizienter. Der Hass auf Amerika und Israel wird vom Auswärtigen Amt diskret aber beständig bedient, und für die offene Propaganda gegen beide Länder sind Deutschlands bildende Künstler, die Filmschaffenden und das Feuilleton zuständig. Sie alle lernen von den Mobilisierungen auf Mecklenburgs braune Wiesen, wo noch Nachholbedarf ist, welche Radikalisierung der öffentlichen Meinung und der praktischen Politik zur Befriedigung der Bedürfnisse von Deutschlands Antikapitalisten gefragt ist.
Die Linke ist genauso hässlich wie Schicksalsgemeinschaften, deren tiefster Wunsch eine große nationale Aussprache aller Deutschen ist, eben sein müssen: abgrundtief.
Es referiert Justus Wertmüller, Redaktion Bahamas (Berlin).


19. Juni 2007
19.00 Uhr
Melanchthonianum, Universitätsplatz Halle

Vortrag 2: Für Volk und Vaterland. Die Linkspartei/PDS als national verlässliche Partei neuen Typs
Einer der schönsten Sätze des Kommunistischen Manifests lautet: »Die Arbeiter haben kein Vaterland.« Die Linkspartei/PDS, die sich am Rande ihres Programms immer noch auf Marx beruft, hat sich nicht nur vom Proletariat verabschiedet – was angesichts der Dinge, die auf deutschen Baustellen, in Betriebskantinen und auf den Fluren der Arbeitsämter zu hören sind, nicht weiter zu bedauern ist. Sie hat darüber hinaus seit Jahren nichts Besseres zu tun, als dem Verdacht entgegenzutreten, sie sei ein Sammelbecken für »vaterlandslose Gesellen«. Als der Bismarck-Nachfolger Heinrich Graf Einsiedel 1994 für die PDS für den Bundestag kandidierte, ging die Partei mit Blut-und-Boden-Rhetorik auf Stimmenfang, die frühere Parteivorsitzende Gabi Zimmer erklärte regelmäßig ungefragt, dass sie Deutschland liebe und wurde dafür auch noch auf dem Parteitag bejubelt, und Oskar Lafontaine reaktivierte 2005 die nationalsozialistische Rhetorik und warnte bei einer Wahlkampfveranstaltung vor »Fremdarbeitern, die Familienvätern und Frauen zu Billiglöhnen die Arbeitsplätze wegnehmen«. Der Unterschied zwischen rechts und links, der einmal einer ums ganze war, wurde damit in der Linkspartei nivelliert; die Partei hat sich in eine »Partei neuen Typs« verwandelt.
Es spricht Thomas Ebermann (Hamburg).


3. Juli 2007
19.00 Uhr
Melanchthonianum, Universitätsplatz Halle

Vortrag 3: Links trifft rechts. Zur Entstehung der faschistischen Ideologie
Okkupieren Nazis linke Inhalte? Werden sie dadurch wirklich verfremdet und entstellt? Aber selbst wenn ja, warum gelingt das überhaupt? Was prädestiniert denn eigentlich vorgeblich genuin »fortschrittliche« Themenfelder wie den »Befreiungskampf der Völker«, die »soziale Verantwortung des Staates« oder die »Globalisierung der Heuschrecken-Multis« zum Gebrauch durch Nazis?
Es ist einfach so, dass Linke und Faschisten schon seit jeher nicht nur dieselben ideologischen Felder beackern, sondern dass der organisierte Faschismus der Arbeiterbewegung selbst entsprang. Als soziale Bewegung konstituierte er sich in Italien inmitten der Sozialistischen Partei, genauer auf ihrem radikalen aktivistisch-etatistischen Flügel (also frühen Globalisierungsgegnern, wenn man so will): Mussolini beispielsweise war Chef der Parteizeitung »Avanti«. In den deutschen Nationalsozialismus wiederum gehen die staatssozialistischen und antiimperialistischen Vorstellungen der sogenannten »Konservativen Revolution« mit ein, die ebenso in der KPD Widerhall fanden. Der Widerwillen der antisemitischen Esoteriker an der Spitze der NSDAP galt so nicht dem Sozialismus oder gar dem Antikapitalismus – den teilten sie von ganzem Herzen –, sondern dem Marxismus, der ihnen als liberal und zersetzend galt. Darin wiederum waren sie sich nur allzu einig mit der sozialdemokratischen Ideologie, die ihren autoritären Staatskultus schon im späten Kaiserreich nur aus historischen Gründen noch ab und an mit dem Namen Marx garniert hatte.
Über die Linken Wurzeln des Faschismus spricht Uli Krug, Redaktion Bahamas (Berlin).


10. Juli 2007
19.00 Uhr
Melanchthonianum, Universitätsplatz Halle

Vortrag 4: Islamische Apokalyptiker und ihre linken Bewunderer. Der antisemitische Antiimperialismus von Teheran bis Caracas
Max Horkheimer wusste bereits 1960: »Die Souveränitat eines Landes ist etwas anderes als die Freiheit derer, die in ihm leben.« Diese lapidare Feststellung richtet sich gegen jede Form des Antiimperialismus, die keine Unterscheidung trifft zwischen nationaler und sozialer Befreiung. Hinsichtlich der antiimperialistischen und antikolonialistischen Bewegungen der fünfziger, sechziger und siebziger Jahre ist diese Differenzierung allerdings notwendig. Nicht, dass es am Vietcong und den Sandinisten, an Che Guevara und Salvador Allende nichts zu kritisieren gäbe. Aber man kann Ho Chi Min und Pol Pot, Fidel Castro und Idi Amin nicht in einen Topf schmeißen. Jede Form des Antiimperialismus ist allein durch den positiven Bezug auf Staat und Nation wesenhaft antiemanzipatorisch. Dennoch lohnt es sich in Erinnerung zu rufen, dass dieser Antiimperialismus das eine mal zur partiellen Emanzipation der Frauen, zu Alphabetisierung, sozialer Absicherung und humanistischer Gesinnung geführt hat, während er ein anderes mal in Völkermord, Intellektuellenverfolgung, Rassismus und Antisemitismus seine Erfüllung fand. Im 20. Jahrhundert existierte noch eine wahrnehmbare Differenz zwischen dem traditionalistischen Antiimperialismus Leninscher Prägung mit seinem positiven Bezug auf die Russische Revolution und dem djihadistischen Antiimperialismus der Islamisten, mit dem die Sowjetunion im Afghanistan der 80er Jahre in einen blutigen Konflikt geraten ist. Bei all seiner staatssozialistischen Borniertheit beinhaltete der traditionelle Antiimperialismus immer auch ein Element der Befreiung, dass in den trikontinentalen Entwicklungsdiktaturen, die sich an der Sowjetunion orientierten, Ansätze jener emanzipativen Entwicklungen hervorgebracht hat, gegen die sich der djihadistische Antiimperialismus wendet.
Mit dem Wegfall des zweiten Weltmarktes der RGW-Staaten ist es allerdings vorbei mit diesen überschießenden Elementen, und die nationale Befreiung offenbart überall dort, wo sie in Erscheinung tritt, ihr barbarisches Wesen. Die Unterscheidung zwischen einem leninistischen und einem djihadistischen Antiimperialismus ist heute nahezu obsolet. Das zeigt sich unter anderem in den weltweiten Solidaritätserklärungen linker Gruppierungen und Bewegungen mit den islamistischen und panarabistisch-faschistischen Massenmördern im postbaathistischen Irak. Besonders deutlich wird es in der Fraternisierung des castristischen Kubas oder der venezuelanischen Regierung unter Hugo Chavez mit dem islamistischen Klerikalfaschismus im Iran.
Woher kommt es, dass die Führer des lateinamerikanischen Völkerfrühlings, von Chavez über Castro bis zum wieder an die Macht gelangten Daniel Ortega, in Ahmadinejad ihren »Bruder« erblicken? Zeigt sich irgendjemand in der Linken in Venezuela, Kuba, Nicaragua oder Bolivien entsetzt über den offenen Antisemitismus der iranischen Verbündeten? Oder ist es gerade das antisemitische Ressentiment, das die Antiimperialisten jeglicher Couleur heute zu quasi natürlichen Verbündeten macht?
Diese Fragen beantwortet Stephan Grigat, Café Critique (Wien, Tel Aviv).

 

17.10.07, 19.00 Uhr
Melanchthonianum
Vortrag 5: Rote Armee Fiktion
Die RAF und ihr Weg vom Protest zum Pogrom

Vortrag und Buchvorstellung
mit Joachim Bruhn und Jan Gerber

Es ist kein Wunder, dass sich die RAF auf Che Guevara berief, auf Mao-tse-tung, auf die Tupamaros und andere militante Volkstümler, vor allem auch auf die bewaffneten Antisemiten vom "Befreiungskampfes des palästinensischen Volkes", niemals jedoch auf Johann Georg Elser. Denn an Elser, der 1938 versucht hatte, die Volksgemeinschaft mit Hitler zu liquidieren, hätte sie nicht nur lernen müssen, was es bedeutet, in absoluter Einsamkeit das objektiv Vernünftige zu erkennen und daraus praktische Konsequenz zu ziehen, d.h. materialistisch zu reflektieren und zu agieren. An Elsers Tat hätte sie zugleich erkennen müssen, dass die Identität von Souveränität und Staatsapparat in der Figur Hitler nur im System der nazifaschistischen Barbarei möglich war und ist. Da sie das alles, in verstockter Renitenz gegen die materialistische Aufklärung, keineswegs lernen wollte, fälschte die RAF den Begriff des NS-Faschismus zur deutschen Gemeinverträglichkeit um und machte die Kühnls, Gossweilers und Dimitroffs glücklich. Als von ?Israels Nazi-Faschismus? die Rede war, als dann behauptet wurde, der Hass auf die Juden sei ?ins Volk reinmanipuliert worden? und eigentlich ein Zeichen der ?Sehnsucht nach dem Kommunismus?, als es schließlich hieß: ?Ohne dass wir das deutsche Volk vom Faschismus freisprechen ? denn die Leute haben ja wirklich nicht gewusst, was in den Konzentrationslagern vor sich ging ? können wir es nicht für unseren revolutionären Kampf mobilisieren?, da war die RAF, indem sie auf die Charaktermasken von Kapital und Staat anlegte, tatsächlich, wenn auch im Untergrund, ein ideologischer Staatsapparat geworden: Lüge in Waffen. Auch darum war die RAF niemals eine, wenn auch hoffnungslos verspätete, Fraktion jener Roten Armee, die die letzten Überlebenden von Auschwitz befreite.
Joachim Bruhn (ISF Freiburg) und Jan Gerber haben das Buch „Rote Armee Fiktion" (ça ira Verlag, Freiburg) herausgegeben.

12.12.07, 19.00 Uhr
Melanchthonianum
, Universitätsplatz Halle
Vortrag 6: Totale Mobilmachung als Globalisierungskritik
Bejahung und Verneinung des Kapitals bei Ernst Jünger und Carl Schmitt

Vortrag von Gerhard Scheit

Was die Avantgardisten unter den Faschisten und Bolschewisten einmal einte, war die Bejahung des Zerstörungspotentials, das in der Industrialisierung lag. Während aber die einen, wie Walter Benjamin schrieb, die „hemmungslose Übertragung der Thesen des l’art pour l’art auf den Krieg“ betrieben, machten die anderen mit dem Staat selber l’art pour l’art – wie um zu kaschieren, daß sie an ihn ihren Kommunismusbegriff längst verloren hatten. Während der Krieg für die Faschisten intensivierter und darum schrecklich schön gewordener Kapitalismus war, schmückten die Bolschewisten den Staat als Sterbezimmer des Kapitalismus aus.
Was aber nun die Nationalsozialisten von diesen Sozialisten und Nationalisten unterschied, läßt sich am besten an Ernst Jünger und Carl Schmitt studieren: die Übertragung der Thesen des l’art pour l’art auf eine Vernichtung, für die selbst der Krieg zum Mittel wird. Das beinhaltet zweierlei: Erstens, daß „eine vorherbestehende, unabänderliche, echte und totale Feindschaft zu dem Gottesurteil eines totalen Krieges führt“ (Schmitt). An den Führer kann nur tätig geglaubt werden – als praktische, täglich vorangetriebene Vernichtung derer, die als totaler Feind gekennzeichnet werden oder mit diesem kooperieren. Der Feind wird erst dadurch total, daß er für immer ein ganz bestimmter, nicht austauschbarer ist: die Feindschaft muß „vorherbestehend“ und „unabänderlich“ sein, egal wie der Feind sich auch verhalten mag: er wird vernichtet. Das ist die Logik des antisemitischen Wahns. Zweitens: „totale Mobilmachung“ (Jünger) als Bereitschaft jedes einzelnen zum Selbstopfer. So war das Dritte Reich kein totaler Staat (wie im Faschismus oder Stalinismus angestrebt), sondern totaler „Unstaat“ (Neumann). Die Vernichtung war das Einheitsstiftende im Chaos der Banden von SS und SA, Staats- und Parteiinstanzen. Alles andere: Rasse, Kopfmessung, Siegfried etc. diente bloß dazu, diese „Gier nach dem Tod“ (Jünger) zu illustrieren.
Solche „Heldentodgeilheit“ (Karl Kraus) heißt jedoch heute, im Zeitalter der zweiten totalen Mobilmachung, die auf Industrialisierung verzichten kann, entweder Djihad oder Verzweiflungstat; der totale Feind entweder großer oder kleiner Teufel.

Gerhard Scheit lebt als freier Autor in Wien. Arbeit u.a. für Konkret und Jungle World, zahlreiche Publikationen zu kulturwissenschaftlichen Themen, zum Holocaust sowie zur Theorie und (Kultur)Geschichte des Antisemitismus. Letzte Buchveröffentlichungen: Jargon der Demokratie. Über den neuen Behemoth.

30. Januar 08, 19.00 Uhr
Melanchthonianum
, Universitätsplatz Halle
Vortrag 7: Der Prophet des schlechten Lebens.
Über Gandhi und die Bedürfnisse seiner deutschen Anhänger.
Vortrag von Peter Siemionek

Am 30. Januar 1948 starb Gandhi bei einem Attentat in Delhi. Von seinen Anhängern als Mahatma (dt. „große Seele“) gefeiert, gilt der greise Friedensstifter auch 60 Jahre nach seinem Tod als fraglose moralische Autorität und wird als einer der Urväter des Pazifismus gehandelt. Mit den Schüssen des Attentäters segnete Gandhi zwar für immer das Zeitliche, seine Ideologie hingegen erlebt in jüngster Zeit nicht nur unter dem Label der No-Globals eine bemerkenswerte Renaissance.
In der Bundesrepublik ist es vor allem das zweifelhafte Verdienst der Neuen Linken, Gandhis Weltanschauung ins neue Jahrhundert gerettet zu haben. Die Tradition des von Gandhi vertretenen zivilen Ungehorsams, bei der man sich direkt auf den „Prediger der Gewaltlosigkeit“ (Oskar Lafontaine) bezieht, reicht dabei in Deutschland von den 68er Sit-ins bis zu den 2007er Blockaden des G8-Gipfels. Doch Gandhi ist keinesfalls ausschließlich das Vorbild linker Gipfelstürmer und ihrer sozialdemokratischen Sympathisanten. Wenn die Bildzeitung eine groß angelegte Plakatkampagne mit einem Gandhi-Foto und dem Slogan „Jede Wahrheit braucht einen Mutigen, der sie ausspricht!“ einleitet, lässt sich daran vor allem auch eines ablesen: In dem Maße, in dem sich die deutsche Bevölkerung in ihrer Gesamtheit zunehmend friedensbewegt und antiimperialistisch geriert, gewinnt auch Gandhis Ideologie an steigender Attraktivität.
Es ist nicht verwunderlich, dass sich auch in der Neuen Rechten immer häufiger positive Bezugnamen auf Gandhi finden lassen, und Horst Mahler beispielsweise von seinen Kameraden fordert: „Von Mahatma Gandhi lernen!“ Was die Gandhi-Freunde von rechts bis links eint, ist der Traum vom „einfachen Leben“, den auch ihr Vorbild träumte. Gandhi bietet dabei alles, was das zivilisationsfeindliche Herz höher schlagen lässt. Seine Ideologie bedient die Sehnsucht nach der regressiven Wärme des Kollektivs ebenso, wie den Wunsch, sich für eben dieses Kollektiv mit dem Leben zu opfern. Sie offenbart ein organisches Gesellschaftsverständnis und bietet mehr als genügend Anknüpfungspunkte für rechte Völkerfreunde und linke Kulturrelativisten. Dass Gandhi zu keinem Zeitpunkt etwas Emanzipatorisches anhaftete – dass sein ganzes Leben und Wirken also ein konsequenter Abgesang auf Freiheit, Glück und Lust war –, und dass es weder Zufall, noch Strategie zur Vereinnahmung linker Ideen ist, wenn sich auch Nazis positiv auf ihn beziehen, soll der Vortrag erläutern.

Peter Siemionek ist im Diskussionskreis „Materialien zur Aufklärung und Kritik“ assoziiert und hat einen Artikel über Gandhi in der Zeitschrift Bahamas veröffentlicht.

 

Dienstag, 14. August, 21 Uhr.
Zazie-Kino, Kleine Ulrichstraße, Halle (Saale)

Kopftuch als System — Machen Haare verrückt?
Ein Film von Fathiyeh Naghibzadeh, Shina Erlewein, Bettina
Hohaus und Meral El. (Deutschland 2004, 60 Min.)

Am Beispiel von vier im Exil lebenden Frauen schildert der Film »Kopftuch als System« das Schicksal vieler Iranerinnen, die seit der islamischen Revolution 1979 einer strikten Geschlechterapartheid, Diskriminierung und der Durchsetzung der Zwangsverschleierung unterworfen sind. Das Kopftuch stellt dabei nicht nur Symbol und Mittel islamischpatriarchaler Herrschaft dar, sondern dient zugleich als Machtinstrument der Kontrolle und der Bekämpfung von Widerstand gegen die
islamische Herrschaft im Iran. Dargestellt nicht als bloße Opfer sondern als Individuen mit ihren je eigenen Formen des Widerstandes gegen die Unterdrückung im Iran, porträtiert der Film vier Frauen, die im Exil in Deutschland leben und dabei ihre eigenen Lebenswege und - erfahrungen wider den Kulturrelativismus zum Ausdruck bringen.

Zu Beginn der Veranstaltung wird es ein einleitendes Referat der Filmemacherin
Fathiyeh Naghibzadeh geben. Vor über 20 Jahren aus dem
Iran ins Exil nach Deutschland gegangen, studiert sie Gender Studies
und Erziehungswissenschaften an der Humboldt-Universität Berlin.

Eintritt: frei

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Freitag, 27. Juli, 19 Uhr
Kapital und Souveränität. Karl Marx und der Begriff des Politischen
Vortrag und Diskussion
Joachim Bruhn (Initiative Sozialistisches Forum, Freiburg)

Samstag, 28. Juli
Einführung in die materialistische Staatskritik
Tagesseminar

Joachim Bruhn (Initiative Sozialistisches Forum, Freiburg)

Die Ideologie sagt: Die Wirtschaft ist unser Schicksal. Sie sagt aber auch: Die Politik ist das Reich unserer Freiheit. Beides ist falsch, liefert sich aber gegenseitig den Wahrheitsbeweis und legitimiert sich so. Ideologie jedoch ist kein »Diskurs«, wie die Postmoderne zu wissen beliebt, sie ist das Spiegelspiel aus Markt und Despotie der Fabrik einerseits, »one woman, one vote« und staatlichem Gewaltmonopol andrerseits; Spaltungen, die ihre falsche Einheit so suchen wie die des Individuums in Bourgeois und Citoyen. Die Gedankenformen dieses Spiegelspiels sind zwar verkehrt, aber objektiv. Sie sind dinglich, sie
sind gesellschaftlich gültig. Sie kreisen um den gesellschaftlich erzeugten Wahn des freien Willens. Denn die Ideologie der Politik zieht ihre Ratio aus dem Vertrag zwischen Freien und Gleichen als der zentralen Institution der Vergesellschaftung durch den Tausch. Wenn das, was in Deutschland als links auftrumpft, die Auffassung vertritt, es gelte, so Oskar Lafontaine, eine
»Politik für alle« zu erkämpfen, d. h. das, was seit den Tagen der Agitation Ferdinand Lassalles für den »Volksstaat« oder auch Lenins Revolution für den »Staat des ganzen Volkes« als Demokratisierung sattsam bekannt ist, dann kommt
die Ideologie der Politik an ihr Ende: die Einheit von Bürger und Staat — die Volksgemeinschaft — bekennt sich in der Idee, die Souveränität sei das Instrument der gesellschaftlichen Selbstbestimmung und das System des Befehlens
und Gehorchens wäre, nur recht auf Gemeinwohl getrimmt, die Freiheit schon selbst. Die marxsche »Kritik der politischen Ökonomie« dagegen tritt auf als Kritik der politischen Ökonomie, die von Anfang an die Einheit von Ökonomie und
Politik, von Basis und Überbau, von Kapital und Souveränität darstellt: in der Form der Kritik. Alle Kategorien dieser Kritik sind ökonomisch und politisch zugleich. Insofern sie aus der vermittelten Identität von Ausbeutung und Herrschaft entspringen, gilt die Souveränität als nur eine, wenn auch die gegenwärtige Form der Knechtschaft. Als Kritik, die dem kategorischen Imperativ
folgt, die Spaltung der Gattung in die wesentliche und in die überflüssige Menschheit aufzuheben, zielt sie nicht auf die Aufhebung, sondern auf die Abschaffung des Staates.

Das Tagesseminar am Samstag wird mit einer begrenzten Teilnehmerzahl durchgeführt. Erforderlich ist daher eine vorherige Anmeldung unter agantifa[at]freenet.de. Desweiteren wird es einen Reader mit einem Texteumfang von ca. 80 Seiten geben, der vor dem Seminar gelesen werden sollte. Für diesen entsteht ein Materialkostenbeitrag von 4 Euro.

 

18. April 2007
Beginn: 20 Uhr
Hühnermanhattan (Am Steintor), Halle

The Return:
German Rap-Jihad –
HipHop gegen den american way of life

Vortrag von Thomas Sayinski und Jakob Baruck (Berlin)

Nachdem die Veranstaltung Ende Februar aus Krankheitsgründen abgesagt werden musste, wird sie nun wie versprochen nachgeholt.

Paradox, die Deutschrapszene hasst einerseits die amerikanische Kultur, anderseits liebt sie den HipHop. Konsumenten wie auch Interpreten des Genres überbieten sich in Hasstiraden gegen den auf der anderen Seite des großen Teiches angesiedelten „großen Satan“ und rufen dazu auf, jegliche Feinde des american way of life zu unterstützen. Und das mittels einer Jugendsubkultur, die in Amerika das Licht der Welt erblickte.
Die linken Kritiker der neuen deutschen Härte im Rapgame polemisieren zwar gegen die Homophobie und Frauenverachtung der deutsprachigen Szene, wollen aber beim besten Willen keinen Antiamerikanismus bei „ihren Jungs“ entdecken. Und dies, obwohl Deutschrap inhaltlich maßgeblich aus antiamerikanischen Ressentiments besteht und den Hass auf die Moderne als Leitmotiv ausgibt, statt einfach nur auf gute Punchlines zu bouncen: zu feiern also.
Die Kränkung, den Amis auf allen Gebieten weit unterlegen zu sein, obwohl man doch eigentlich viel besser sei, drückt sich im Deutschrapgenre explizit über die antiamerikanischen Texte aus. Dazu kommen von Wagner inspirierte Streichereinlagen und elektronisch angehauchte Beats mit eingebauter Untergangsstimmung.
Deutschrap – die „Alte europäische Volksmusik“ – ist die wichtigste und vor allem die zukunftsträchtigste Komponente der seit einigen Jahren anrollenden Neuen Deutschen Popwelle (NDP). Doch „den real German G’s“ gefällt es nicht an der Skyline. So nah an der Sonne schmilzt ihre Authentizität wie ein Vanilleeis im Solarium. Ebenso wie ihre weicheren Konterparts aus dem Mittelstand müssen die Aggroberliner darauf achten, dass sie in den Augen ihrer deutschsprachigen Kunden real bleiben.
Und ein echter Deutscher ist nun mal ein echter Antiamerikaner, egal ob er rappt oder nicht.

 

9. März 2007
ab 11 Uhr

Voranmeldung erforderlich!


„Antisemitismus und Nationalsozialismus"

Tagesseminar zum Text von Moishe Postone mit David Goldner

Der 1979 erschienene Aufsatz »Antisemitismus und Nationalsozialismus« von Moishe Postone wird in der Linken der BRD seit Beginn der neunziger Jahre wieder verstärkt gelesen. Im Zentrum der neuen Aufmerksamkeit stand dabei zunächst seine Erklärung von Nationalsozialismus und Antisemitismus, die beide ernst nimmt, statt sie im Gefüge einer allgemeinen Kapitalismuskritik unter ferner liefen zu behandeln. Mit seinem spezifischen Erklärungsansatz, der eine Analyse des Antisemitismus mit der Marxschen Theorie zu verbinden sucht, ist »Antisemitismus und Nationalsozialismus« in der wertkritischen Linken bis heute prägend.
Folgende Fragen sollen zu dem Text diskutiert werden: Welche Frage(n) will der Text beantworten? Was sind die Besonderheiten des Antisemitismus im nationalsozialistischen Deutschland? Was versteht man unter dem marxschen Begriff des Fetisch? Und: Was hat Fetischismus mit Antisemitismus zu tun?

 

30. Januar 2007, 20 Uhr
Veranstaltungsraum Radio Corax

Who killed Bambi – die Rückkehr
Vortrag über das regressive Bedürfnis deutscher Tierfreunde.

Im Sommer des letzten Jahres sollte in der Reilstrasse 78 ein Vortrag über das „regressive Bedürfnis der veganen Tierrechtsszene“ stattfinden. Das Zentralkomitee des Hauses konnte es allerdings nicht ertragen, in seinen heiligen und garantiert fleischlosen Hallen Kritisches über seine Religion, den Zusammenhang von Tierliebe und Menschenhass sowie die Frage, warum sich auch Nazis regelmäßig mit „Go-vegan“-T-Shirts schmücken, zu hören. Der Vortrag wurde kurzerhand verboten. Die Veranstaltung wird nun, wie versprochen, nachgeholt. Und zwar definitiv nicht im Mief der Reilstrasse 78.
Als sich ein Bär, der schnell auf den Namen Bruno getauft wurde, im Sommer in die bayrisch-österreichische Grenzregion verirrte, mutierten die Deutschen parteiübergreifend zum ideellen Gesamtwildhüter. Zeitungen und Nachrichtensendungen berichteten über fast zwei Monate hinweg fast täglich über den „Problembären“, Kinder beteten und zeichneten
für ihn, und eine Homepage, die ein kostenloses Bruno-Computerspiel anbot, wurde zu einer der beliebtesten deutschen Internetseiten. Die Hysterie steigerte sich schließlich zum offenen Wahnsinn, als der Bär Ende Juni erlegt wurde. Ganze Schulklassen hielten Schweige- und Gedenkminuten ab, die regionale Tourismusbranche beklagte sich darüber, dass tausende
Feriengäste aus Empörung über den Abschuss Abstand von einem Urlaub in der Region genommen hätten, und im Internet wurde ein Kondolenzbuch eingerichtet, dessen Server aufgrund der Überlastung – nach Angaben der Betreiber gab es zeitweise mehr als zehntausend Anfragen pro Sekunde – kurzfristig abgeschaltet werden musste. Auf dieser Homepage erklärten die Tierfreunde nicht nur, dass Bruno „einer von uns“ gewesen sei. Sie brachten vielmehr regelmäßig ihre Vernichtungsphantasien zum Ausdruck: Die Jäger, die den Bären erlegt hatten, „sollte man ebenso abschlachten wie Bruno“, sie sollten „hingerichtet“ und „abgeknallt“ werden, und die Verantwortlichen für den Tod des Bären sollten „selbst mal erfahren, was es bedeutet, immer nur gehetzt zu werden“. Die Verfolgungs- und Vernichtungsphantasien beschränkten sich aber nicht nur auf diejenigen, die im Fall des Bären tätig geworden waren. Innerhalb kürzester Zeit warteten die Tierfreunde vielmehr mit weiteren Vorschlägen auf, wer noch alles an Stelle des Tieres hätte getötet werden sollen. Während der Bär, der nur „mal zu Besuch kommt“, „ermordet“
worden sei, so beschwerte sich ein Naturliebhaber, bekämen Vergewaltiger und Kindermörder „auf Staatskosten“ lediglich „eine Tätschel-Tätschel-Therapie“, Kinderschänder „laufen frei rum und sind gefährlicher als ein Bär“ usw. Aus diesen Aussagen sprechen nicht nur Verfolgungs- und Vernichtungsbedürfnisse. Sie signalisieren zugleich, dass die Naturfreunde längst nicht mehr bereit sind, einen Unterschied zwischen Mensch und Tier zu machen. Sie geben damit wieder, was vegane
Tierrechtler, die derzeitigen Vorreiter der deutschen Tierliebe, seit Jahren propagieren: Tiere sind die besseren Menschen. Während sich ein Teil dieser Szene noch um eine Gleichsetzung von Mensch und Tier bemüht und beispielsweise den Holocaust mit Massentierhaltung vergleicht, predigt ihre Avantgarde bereits das „sanfte Verschwinden der Menschheit von der
Erde“. Die Welt der Tierfreunde ist dabei sauber in Gut und Böse unterteilt: Auf der einen Seite stehen die veganen Weltretter und ihre vier- und mehrbeinigen Freunde; auf der anderen Seite befinden sich fiese Tierfeinde, die von Profitgier, Blutrausch und Genusssucht angetrieben werden. Die Mehrheit der heutigen Tierrechtler zögert zwar, diese Personifikation der gesellschaftlichen Verhältnisse weiter zu konkretisieren und die „Mächte des Bösen“, von denen eine Veganer-Crew aus Essen vor einigen Jahren sprach, mit Name und Anschrift zu benennen. Die inoffiziellen Urväter der Bewegung – das völkische Milieu
des 19. Jahrhunderts – waren hier allerdings weniger zimperlich; Richard Wagner und seine Freunde hatten auf die Frage „Who killed Bambi“ eine eindeutige Antwort parat: die Juden. Im Rahmen des Vortrags soll nicht nur gezeigt werden, warum die Tierfreunde mit ihrer Forderung nach der Gleichsetzung von Mensch und Tier lediglich exekutieren, was ohnehin auf der Tagesordnung steht. Es sollen zugleich die Fragen gestellt werden: In welcher Tradition steht die deutsche Tierliebe? Welcher Zusammenhang besteht zwischen Tierliebe und Menschenhass? Und: Woher stammt das obsessive Verhältnis veganer Tierrechtler zu Splattervideos aus Schlachthöfen und Fotos von zerstückelten Tieren, ohne die offenbar
keine ihrer Kampagnen auskommt?

veranstaltet in Zusammenarbeit mit der ag no tears for krauts halle

 

8. November
20 Uhr,
Hörsaal B, Melanchthonianum, Universitätsplatz

Suicide Bombing. Zur Logik des Selbstmordattentats
Vortrag von Gerhard Scheit

Das Selbstmord-Attentat gilt als Verzweiflungstat – als Mittel der Verzweifelten in einem Kampf für durchaus legitime politische Zwecke. In Wahrheit ist es ein Mittel, das den Zweck vollständig in sich trägt: Vernichtung um der Vernichtung willen. Suicide Attack bedeutet also einen neuen Begriff des Politischen im alten Sinne Carl Schmitts: Politik als „Bereitschaft zum Nichts“ – oder wie es Karl Löwith, 1934 gegen den Nazi-Staatstheoretiker Schmitt gerichtet, formulierte: „Bereitschaft zum Tod und zum Töten“ als „oberste Instanz“ – „Opfer des Lebens an einen Staat, dessen eigene ‚Voraussetzung‘ schon das Entscheidend-Politische ist“.
Der Staat, für den die neueren Selbstmordattentäter sich opfern, zerfällt einerseits in islamistische Bandenkollektive wie Hamas und Hisbollah, verwandelt sich andererseits mittels Massenvernichtungswaffen selber in einen einzigen großen Sucide Bomber, wie die Islamische Republik des Iran. In beiden Fällen kann eine Logik der Abschreckung, ein diplomatisch hergestelltes Gleichgewicht des Schreckens, nicht mehr wirken.
Ist es aber Zufall, daß Selbstmordattentate in bestimmten Kreisen als eine Form der Mitbestimmung in der internationalen Politik verstanden werden; daß die EU nicht aufhört, Verhandlungsbereitschaft mit Hamas und Hizbollah zu signalisieren oder im sogenannten Atomstreit mit dem Iran zu vermitteln, wo es nichts mehr zu vermitteln gibt; oder daß es gerade Jürgen Habermas war, der Ted Honderichs Apologie des Selbstmord-Attentats dem Suhrkamp-Verlag empfahl? Die Rechtfertigung jenes Vernichtungswahns aus der Peripherie des „Großraums“ Europa, der auf Israel und dessen Schutzmacht zielt, geht erstaunlicherweise mit der Forderung nach „Verrechtlichung der internationalen Beziehungen“ einher, wie sie in „Kerneuropa“ im Namen der UNO formuliert wird. Diesen Zusammenhang zwischen der „Verdrängung des Souveräns“ und der Eskalierung politischer Gewalt, also die internationale Arbeitsteilung zwischen postnazistischer Demokratie und islamistischer Vernichtung, wäre offenzulegen.

Gerhard Scheit lebt als freier Autor in Wien. Arbeit u.a. für Konkret und Jungle World, zahlreiche Publikationen zu kulturwissenschaftlichen Themen, zum Holocaust sowie zur Theorie und (Kultur)Geschichte des Antisemitismus. Letzte Buchveröffentlichungen: Suicide Attack. Zur Kritik der politischen Gewalt. Freiburg: ca ira 2004.

 

1. und 2. Dezember

Faschismustheorien: Waffe der Kritik oder Verschwörungstheorie?
Eine Einführung
(Anmeldung erforderlich)

„Es gibt in unserem politischen Vokabular nur wenige Begriffe, die sich einer solch umfassenden Beliebtheit wie das Wort Faschismus erfreuen, ebenso aber gibt es nicht viele Konzepte im politischen Vokabular der Gegenwart, die gleichzeitig derart verschwommen und unpräzise umrissen sind.“ Mit diesen Worten beginnt Zeev Sternhells Essay über „Faschistische Ideologie“ von 1976. Seine Aussage kann bis heute Gültigkeit für sich beanspruchen. Dennoch gibt es einen Unterschied zwischen den damaligen politischen und wissenschaftlichen Auseinandersetzungen und den heutigen Diskussionen. Unter dem Einfluss der Protestbewegung bemühte man sich in den späten 1960er und 1970er Jahren selbst im Wissenschaftsbetrieb, der hierzulande bekanntlich noch nie eine Bastion kritischen Denkens war, um eine Erklärung der Ursachen von Faschismus und Nationalsozialismus. Man nahm sich Max Horkheimers Diktum zu Herzen, dass, wer vom Faschismus rede, vom Kapitalismus nicht schweigen dürfe, und versuchte – nicht zuletzt in Auseinandersetzung mit den Faschismustheorien der Arbeiterbewegung –, die sozioökonomischen Ursachen von Faschismus und Nationalsozialismus zu benennen.
Diese Zeit ist vorbei. An die Stelle des Versuchs, Faschismus und Nationalsozialismus theoretisch oder besser noch: kritisch zu durchdringen, ist wieder die positivistisch-historizistische Beschreibung getreten. Und so reiht man akribisch und detailversessen Quelle an Quelle, Feldzug an Feldzug und Weisheiten über Hitlers Verhältnis zu Frauen an Banalitäten über die Inneneinrichtung deutscher Offizierskasinos. Analog zur als naturgegeben begriffenen Selbstverwertung des Werts erscheinen Faschismus und Nationalsozialismus in diesem Zusammenhang als Urgewalten, die quasi naturgesetzlich über die Menschen hereingebrochen sind.
Vor diesem Hintergrund wird auch die Auseinandersetzung mit den immer wieder – und oftmals zu Recht – kritisierten Faschismustheorien der Arbeiterbewegung und des „kritischen Marxismus“ zur intellektuellen Selbstverteidigung. Im Wochenendseminar soll anhand von richtungsweisenden Primärtexten zunächst ein Überblick über die bedeutendsten faschismustheoretischen Erklärungsmuster, ihre Entstehung und Entwicklung gegeben werden. Dabei soll u.a. gefragt werden: Sind Faschismustheorien Waffe der Kritik, oder lediglich, wie kürzlich in der Zeitschrift Phase 2 erklärt wurde, „der Linken liebsten Verschwörungstheorie“? Kann das Phänomen Faschismus mit Hilfe von Faschismustheorien erklärt werden, oder dienen die Verweise auf den Zusammenhang von Großindustrie und Faschismus, ohne die kaum eine linke Faschismustheorie auskommt, nur dem Zweck, nicht über die Integration der Arbeiterklasse in den Faschismus sprechen zu müssen? Und: Erlauben es die Unterschiede zwischen Nationalsozialismus und italienischem Faschismus überhaupt, einen allgemeinen Faschismusbegriff anzuwenden?

Da im Vorfeld der Veranstaltung ein Reader verschickt werden soll und die Veranstaltung nur mit einer begrenzten Teilnehmerzahl durchgeführt werden kann, ist eine rechtzeitige Anmeldung (per Email) nötig. Auf Anfrage verschicken wir auch das Programm. Das Seminar beginnt am 1. Dezember (Freitag) um 17.00 und wird am 2. Dezember (Samstag) ab Mittag fortgesetzt.

 

Kino und Vortrag:

13.-18. Oktober, 20 Uhr:
Zur falschen Zeit Am falschen Ort
Filmvorführung im Kino La Bim (Töpferstraße 3)

17. Oktober, 20 Uhr:
Einführungsvortrag zum Film
Vortrag von Tjark Kunstreich
Im Kino La Bim

 

Termin verschoben Wochenendseminar
29./30. September 06

Philosophie und Kritik. Zum Verhältnis von Philosophie und Kritik
Seminar mit Christian Thein


 

 

11. Juli 06
20 Uhr, Melanchthonianum

Buchpräsentation: Feindaufklärung und Reeducation. Kritische Theorie gegen Postnazismus und Islamismus.

Vortrag von Stephan Grigat

Die Radikalität der besten Arbeiten der Kritischen Theorie resultiert daraus, in der Kritik der kapitalistischen Gesellschaft sich dessen bewußt zu werden, daß allererst die ebenso zwanghafte wie selbstgewählte Reaktion auf diese Gesellschaft abzuwehren ist: der Vernichtungswahn der regressiven Antikapitalisten. Darin ist die Erfahrung der nationalsozialistischen Verfolgung bei Adorno und Horkheimer zur Grundlage einer Kritik geworden, die den Marxismus hinter sich lassen mußte, um die Befreiung mit der kritischen Theorie von Marx noch denken zu können. Was bedeutet das Denken von Adorno, Horkheimer und Marcuse heute vor dem Hintergrund der Diskussionen über Israel und Zionismus, über Islamismus und den amerikanischen 'War on Terror', über postnazistische Gesellschaft und die Position der Kritik?

Stephan Grigat, Mitglied von Café Critique, Lehrbeauftragter am Institut für Politikwissenschaft in Wien, Research Fellow in Tel Aviv, Autor u. a. in Konkret und Jungle World.

 

 

16. Mai 06
20 .00 Uhr, HS B Melanchthonianum

Politische Ökonomie des Elends
Die Antiglobalisierungsbewegung und ihre Sehnsucht nach der Barbarei

Vortrag von Philipp Lenhard

Vieles ist mit dem Untergang des „real existierenden Sozialismus“ in der Versenkung verschwunden, doch eine Ideologie hält sich bis heute hartnäckig am Leben: die Verelendungstheorie, also die Ansicht, die Unterdrückten kämpften automatisch auf der richtigen Seite. Hatte das „Kommunistische Manifest“ einst festgestellt, das Proletariat habe nichts zu verlieren außer seinen Ketten, und damit in revolutionärer Absicht auf den Verstand der Arbeiter gesetzt, so weitete der Leninismus diese historische Einsicht zu einer Theorie aus, die einen gesetzmäßigen Kampf der „unterdrückten Völker“ gegen die „Imperialisten“ auszumachen glaubte. Weil sich die „Gesetzmäßigkeit“ nicht recht durch die Realität beweisen lassen wollte, unterstützte die Sowjetunion alle vermeintlich „progressiven antiimperialistischen Kräfte“, d.h. „nationale Befreiunsgbewegungen“. Während jedoch im Rahmen der Blockkonkurrenz die Unterstützung der „unterdrückten Völker“ immer noch mit dem Anspruch auf Gleichheit und Wohlstand verknüpft war und deshalb bisweilen zivilisatorische Nebeneffekte zutage förderte, ist der Antiimperialismus heute – nach dem Zusammenbruch – völlig zu sich selbst gekommen: Er ist nichts weiter als ein barbarischer Rachefeldzug der Zukurzgekommenen gegen individuelles Glück, Schönheit und Emanzipation.

Warum die entrechteten und unterdrückten Massen nicht gegen die gesellschaftlichen Bedingungen ihres Elends kämpfen, sondern „Elend für alle!“ fordern, und warum die Linke, speziell die Antiglobalisierungsbewegung, nicht für ein besseres Leben streitet, sondern sich stattdessen immer tiefer in Barbarei verstrickt, erläutert Philipp Lenhard, freier Autor aus Köln u.a. für Konkret, Bahamas und Prodomo.

 

 

 

60 Jahre Erinnerung - Zur Selbstfindung der deutschen Nation
Antifaschistische Hochschultage 2005
(in Zusammenarbeit mit ag no tears for krauts und afa Halle)

Veranstaltungen:
7. Juli 05
Zur Kontinuitäten und Wandel der deutschen Erinnerungskultur weiterlesen
12. Juli 05
Der Iran und die Bombe weiterlesen
31. Mai
Screening Hitler - Eine Filmkarriere zwischen ... weiterlesen
17. Mai
capitulation party weiterlesen
9. Mai
Zur Aktualität der negativen Aufhebung des Kapitals weiterlesen

Aufruftext:
60 Jahre Erinnerung - Zur Selbstfindung der deutschen Nation

Glaubt man Theodor W. Adorno, ist „ein Deutscher […] ein Mensch, der keine Lüge aussprechen kann, ohne sie selbst zu glauben“. In diesem Sinne schafft es die deutsche Erinnerungskultur à la oral history multimedial darzustellen, was schon seit sechs Jahrzehnten der großväterlichen Argumentation inhärent ist: Deutsches Leid ist schlimmstes Leid.
So wird „Hitlers willigen Vollstreckern“, den ganz normalen Deutschen, die Gelegenheit gegeben über ihr beschädigtes Leben zu sinnieren ohne Auschwitz zu erwähnen. Von „unmenschlich antideutscher Vertreibung“, „aufopferungsvollen Trümmerfrauen“, die „die Heimat wieder aufbauten“, „dem alliierten Bombenterror“ nach Jörg Friedrich oder der radikaleren Variante „des Bombenholocaust“ nach Holger Apfel ist dann die Rede. Letzteres kam scheinbar ohne Vorwarnung aus dem Nichts, im wahrsten Sinne „aus heiterem Himmel“ und traf natürlich nur „unschuldige“ Deutsche.
Dass sich deutsch-nationale Identität aus den Erfahrungen der letzten Kriegsjahre speist, wird besonders bei Eichingers „Der Untergang“ deutlich. Traudl Junge, des Führers Sekretärin, spricht ungeniert im Abspann des Films von Juden und Andersrassigen, SS- Ärzte heilen Volksgenossen, nachdem sie zuvor, und das bleibt unerwähnt, in Konzentrationslagern Menschenversuche durchführten. Während im Film der einzige gezeigte Rotarmist die „asiatischen Horden“ personifiziert, spiegelt der Führer als kultivierter Mensch deutsche Prinzipientreue wieder.
Wie sehr die deutsche Barbarei von gestern auch heute gemeinschaftsstiftend sein kann, konstatiert kein geringerer als Gerhard Schröder: „Die Erinnerung an die Zeit des Nationalsozialismus, an Krieg, Völkermord und Verbrechen ist Teil unserer nationalen Identität geworden.“ Wer dann auch noch gegen Heuschrecken, wie jüngst Franz Müntefering, mobil macht, hat nicht nur ein gespaltenes Verhältnis zum Tierschutz, ihm können auch noch antisemitische Argumentationsketten diagnostiziert werden. Dass diese Form der Kapitalismuskritik nicht ohne die Begriffe vom „raffenden und schaffenden Kapital“ auskommt, beweist die gute deutsche Tradition in der der Generalsekretär der SPD steht.
Dem deutschen Volk, das den Weg von der Couch auf die Straße sucht, wird dabei aus dem Herzen gesprochen, was wiederum die Forderungen der Anti-Hartz- und Sozialproteste beweisen: Hauptsache gegen die „blutsaugenden, parasitären“ Unternehmer und für Arbeit!


Veranstaltungen:
7. Juli 05
19 Uhr, HS B Melanchthonianum
Erinnerung im Wandel?
Elemente und Parameter der deutschen Gedenkkultur

Vortrag von Lars Rensmann

Im Jahr des Gedenkmarathons beweist die rot-grüne Bundesregierung ihren deutschen Antifaschismus: 1945 sei durch die Alliierten Deut¬sch¬land von den Nazis befreit worden. Dabei werden die „ganz normalen Deutschen“ den Nazis gegenübergestellt. Und auch die Holocaustopfer erhalten bei Schröder & Co. einen Sinn: „Der Tod der Millionen, das Leid der Überlebenden, die Qualen der Opfer - sie begründen unseren Auftrag, eine bessere Zukunft zu schaffen“. Doch nicht immer wird heute von einer Befreiung gesprochen und Auschwitz als Teil der nationalen Identität verstanden. Zum Beispiel leiden die Deutschen in populär¬wissen¬schaftlichen Fernsehsendungen immer noch unter der „Besatzung“ von 1945.
Wie sind diese unterschiedlichen Ideologien zu erklären? Was für Kontinuitäten und Unterschiede gibt es zwischen der alten und der neuen rot-grünen Erinnerungspolitik? Und: Ändert sich das offizielle Gedenken mit einer Unionsregierung?

Lars Rensmann lehrt am Otto-Suhr-Institut der FU Berlin.



12. Juli 05
19 Uhr, HS B Melanchthonianum

Der Iran und die Bombe
Europas Appeasement gegenüber der Bedrohung, die die Vernichtung Israels heraufbeschwört

Vortrag von Thomas Becker

Seit drei Jahren versuchen Europa und die Vereinten Nationen vergebens, den Iran mit diplomatischen Mitteln davon abzubringen, sich mit Atomraketen zu bewaffnen. Doch die religiösen Führer und sich revolutionär dünkenden Sittenwächter, die den Iran seit drei Jahrzehnten mit den Regeln der Sharia beherrschen und entschlossen sind, die Bombe zu bauen, haben die durch Verhandlungen verschwendete Zeit für sich zu nutzen gewußt: Die Arbeiten an den Anlagen zur Anreicherung von Uran und Separation von Plutonium sowie die Produktion von Raketen, mit denen die nuklearen Sprengsätze verschossen werden sollen, sind inzwischen so weit fortgeschritten, daß den Iran jetzt nicht mehr Jahre, sondern nur noch Monate vom Status einer Atommacht trennen – sofern ihn niemand an der Verwirklichung seiner Pläne hindert.

Bei den alljährlichen Militärparaden zur Feier der „islamischen Revolution“ pflegt der Iran seine Shahab-3 Raketen, die zur Bestückung mit Atomsprengköpfen vorgesehen sind, mit Aufschriften wie „Wir werden Amerika unter unseren Füßen zertreten“ und „Wir werden Israel von der Landkarte wischen“ der Öffentlichkeit zu präsentieren. Über die Absichten des Regimes der Mullahs und Ayatollahs bestehen keine Zweifel. Während es der europäischen Diplomatie somit gelungen ist, den Iran vor einer Anklage vor dem Sicherheitsrat der Vereinten Nationen zu schützen, sehen sich Amerika und Israel einer nur noch schwer zu kalkulierenden Bedrohung ausgesetzt: Für Amerika bedeutete eine Atommacht Iran einen kaum zu korrigierenden Rückschlag im Krieg gegen den Terror, für Israel die unmittelbare Gefahr seiner Vernichtung.

Es sind ausgerechnet die Deutschen, welche die Politik des Appeasement gegenüber dem Iran anführen. Deshalb: Nicht an der Zahl von Denkmälern und selbstgerechter Lippenbekenntnisse, sondern daran, wie sie 60 Jahre nach Auschwitz mit der sich anbahnenden Möglichkeit eines „atomaren Holocaust“ praktisch umgehen, möge man den Erfolg von Umerziehung und Vergangenheitsbewältigung der Deutschen messen.




31. Mai 05
20 Uhr, Hörsaal B, Melanchthonianum (Uni Halle)
Screening Hitler - Eine Filmkarriere zwischen Dämonisierung, Verleugnung und Versöhnung

Ein Vortrag von Tobias Ebbrecht

Sechzig Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges erobert der Führer die Leinwände. Ähnlich den gesellschaftlichen Debatten über die nationalsozialistische Vergangenheit verlagert sich der Blick zunehmend von den Opfern auf die Täter. Stand zunächst das Bedürfnis im Vordergrund, sich in der Einfühlung mit den Opfern auf der Leinwand der eigenen Schuld zu entledigen, ist nun der Weg frei zur versöhnenden Einfühlung in die deutschen Täter als Opfer.
Wie erinnert und erinnerte sich der deutsche Film an Nationalsozialismus und Holocaust? Formen der Abwehr und Umdeutung werden anhand der Darstellung der Figur Hitlers im Film analysiert. Von der Ästhetisierung über die Derealisierung zur neuen Faszination reichen die Stationen von Hitlers „Filmkarriere“ und kommentieren dabei immer auch die geschichtspolitischen Debatten in Deutschland und Europa über Nationalsozialismus und Holocaust der letzten 60 Jahre.

Tobias Ebbrecht lehrt an der Hochschule für Film und Fernsehen „Konrad Wolf“ in Potsdam. Er ist Mitherausgeber von „The Final Insult - Das Diktat gegen die Überlebenden“ und schreibt u.a. für „Die Jüdische“ und „Phase 2“.

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17. Mai 05
21 Uhr, Chaiselongue (Reilstraße 78)
ag antifa & chaiselongue presents

I'm too sexy for the führerbunker
- capitulation party
Konzert und Party mit egotronic (electro64 pop punk),
kissing link
(electro pop punk) und
den DJs jay&kay und nino (drum'n'bass, breakbeat funk).



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9. Mai 05
Die Aktualität der negativen Aufhebung des Kapitals
Zur Kritik der postnazistischen Gesellschaft

Vortrag von Stephan Grigat

Die Begriffe „Postfaschismus“ und „Postnazismus“ versuchen die Tatsache zu fassen, dass 1945 zwar das Morden geendet hat, aber nicht die viel beschworene „Stunde Null“ stattfand. Die nachfaschistischen und nachnationalsozialistischen Demokratien haben Struktur- und Ideologieelemente des Faschismus und des NS in sich aufgenommen. Als Begriffe der Kritik zielen Postfaschismus und Postnazismus auf die modifizierte Fortsetzung faschistischer und nationalsozialistischer Ideen in der und durch die Demokratie. Sie beabsichtigen die Denunziation des aktuellen politischen Souveräns mittels des Hinweises, dass jeder Staat auf den Erfahrungen seines Vorgängers aufbaut und rücken das Bewusstsein einer Gesellschaft in das Zentrum der Kritik, die sich heute mittels Gedenken an die vergangenen Verbrechen auf neue Untaten vorbereitet.
Der Nationalsozialismus hat gezeigt, wie Erfolg versprechend die Mobilisierung einer antikapitalistischen Revolte zur Rettung des Kapitals sein kann. Zum Zwecke der Krisenlösung schwang sich der NS zu einer groß angelegten, von Ressentiment und Hass getriebenen Verteidigung des vermeintlich Konkreten und Natürlichen vor dem Abstrakt-Künstlichen in der kapitalistischen Gesellschaft auf. Im Vernichtungsantisemitismus vollzog sich die negative Aufhebung des Kapitals – eine fetischistische Revolte gegen das Kapital auf seiner eigenen Grundlage.
Das sich in dieser konformistischen Revolte artikulierende regressive Bedürfnis artikuliert sich heute unter anderem in jenem moralischen Antikapitalismus, wie er mit unterschiedlichen Ausprägungen für linke Globalisierungskritiker und rechte Kulturkämpfer, christliche Moralisten und islamische Faschisten, Nazis und andere Antiimperialisten typisch ist. Die zeitgemäße Erscheinungsform postnazistischer Normalität ist die kriegslüsterne Friedensvolksgemeinschaft deutsch-europäischer Provenienz samt ihrer suizidalen Komplettierung im arabischen Raum. Die zeitgemäße Kritik dieser Normalität äußert sich in der Solidarität mit dem Staat der Shoahüberlebenden und in der Ablehnung des deutsch-europäischen Appeacements gegenüber jenen Gruppierungen und Regierungen, welche die negative Aufhebung des Kapitals mittels Massenmord versuchen voranzutreiben.

Stephan Grigat ist Lehrbeauftragter für Politikwissenschaft an der Universität Wien, gehört zu der Gruppierung „Café Critique“ (www.cafecritique.priv.at ) und arbeitet als freier Autor in Tel Aviv. Er ist Herausgeber des Bandes „Transformation des Postnazismus. Der deutsch-österreichische Weg zum demokratischen Faschismus“ (2003) und von „Feindaufklärung und Reeducation. Kritische Theorie gegen Postnazismus und Islamismus“, der 2005 im Freiburger ça ira-Verlag erscheinen wird.

 

 

1. Dezember 04
Schwundgeld, Menschenzucht und Antisemitismus
Tauschringe und die Lehre des Silvio Gesells

Ob auf Anti-Hartz-Demonstrationen, bundesweiten Attac-Treffen oder in Veröffentlichungen von Tauschringen: der Wunsch nach einem krisenfreien Kapitalismus ist groß. Wie dieser zustande kommen soll, wird mit Geld- und Tauschutopien von Silvio Gesell beantwortet. Besonders Gruppen wie lokale Tauschringe verbreiten seine Vorstellung einer "natürlichen Wirtschaftsordnung", eine vulgärökonomische Ideologie, die eine Marktwirtschaft ohne Ausbeutung anstrebt. Das gute "schaffende" wird dem bösen "raffenden" Kapital gegenübergestellt, die "Brechung der Zinsknechtschaft" soll verwirklicht werden. Die Gesellschaft soll durch Einführung von Freigeld, Freiland und durch einen radikal freien Wettbewerb von finanzkapitalistischen "Parasiten" und "dekadenten Elementen" gereinigt und den "Tüchtigen und Tauschenden" überlassen werden. In Gesells sozialdarwinistischer Sichtweise soll durch die Arbeit eine „Auslese“ der Menschen stattfinden. Die völkische Theorie wurde zum Teil im Wortlaut in das NSDAP-Parteiprogramm mit aufgenommen.

Peter Bierl, freier Journalist aus München, wird in seinem Vortrag die Ideologie von Silvio Gesell erläutern und auf Tauschringe, Verfechter dieser Lehre, eingehen.

 

festival contre le racisme 2004
Das festival contre le racisme wird jährlich vom Freien Zusammenschluss der StudentInnenschaften (fzs) organisiert.

9. Juni 04

Hoch die internationale ... Opfergemeinschaft?
Über den Antirasismus der No-Globals und sein Verhältnis zum Antisemitismus

Die Antiglobalisierungsbewegung will nur „das Beste“ für die Weltbevölkerung: eine „sozial gerechte Umverteilung zwischen oben und unten“, das „Zurückdrängen des Westens aus den Entwicklungsländern“ und den „Ausbau nationaler Souveränitäten“, um die „Abhängigkeit der Völker vom Weltmarkt“ abzubauen. Ein scheinbar einfaches Rezept, um sich eine „bessere Welt“ zu backen. Doch wird der Kuchen nie fertig werden, denn eines scheinen die No-Globals zu vergessen: Kapitalismus basiert nicht auf Verteilungsungerechtigkeit oder der Hinterlist böser Kapitalisten bzw. Multis; Kapitalismus ist vielmehr ein gesellschaftliches Verhältnis.
Die selbsternannten Weltverbesserer präsentieren hingegen die Beziehung zwischen dem Westen und den Entwicklungsländern als neuen Hauptwiderspruch. Ausbeutung und Unterdrückung – nichts anderes würden die westlichen Staaten, insbesondere die USA, betreiben. Die USA, so wird von globalisierungskritischer Seite erklärt, würden ihren „Dollar-Imperialismus“ durch den IWF und die Weltbank ausüben, kulturelle Hegemonie anstreben und die „indigenen Völker und Kulturen“ unterdrücken. Sollen die Probleme der Welt gelöst werden, so wird weiter argumentiert, müsse der Einfluß der USA zu Gunsten des „Selbstbestimmungsrechts der Völker“ zurückgedrängt werden.
Bei dieser Argumentation arbeiten die Globalisierungskritiker mit antisemitischen Versatzstücken – die Gegenüberstellung unproduktiver, heimatloser Institutionen (IWF, Weltbank usw.) und ausgebeuteter, heimatverbundener „Völker“ basiert beispielsweise auf dem, aus der antisemitischen Propaganda hinlänglich bekannten Dualismus von „raffendem“ und „schaffendem“ Kapital.
Gleichzeitig begreifen sich die No-Globals auch als Antirassisten; sie fordern Verbundenheit mit den „Opfern der Globalisierung“ bzw. „Solidarität der Völker“. Der Begriff „Volk“ ist dabei zentral: ein Kollektiv, dessen Identität durch eine gemeinsame Kultur und ein Territorium gegeben sei. Menschen werden über die Gemeinschaft definiert, Individualinteressen scheinen nicht zu existieren. So bedient sich der Antirassismus selbst rassistischer Zuschreibungen.
Im Rahmen der Vortragsveranstaltung sollen u.a. folgende Fragen diskutiert werden: Ist die Unterscheidung zwischen rechten und linken Globalisierungsgegnern obsolet geworden? In welchem Verhältnis steht (Anti)rasissmus zu Antisemitismus? In welcher ideengeschichtlichen Tradition steht Antirassismus?

Clemens Nachtmann referiert am Beispiel der No-Global-Bewegung über Antirassismus und sein Verhältnis zum Antisemitismus. Nachtmann ist Autor der Zeitschrift „Bahamas“ und Mitherausgeber der Bücher „Geduld und Ironie – Johannes Agnoli zum 70. Geburtstag“ und „Kritik der Politik – Johannes Agnoli zum 75. Geburtstag“.

 

festival contre le racisme 2004

10. Juni 04

Filmabend LaBim

Der Wind von Majdanek hat meine Träume verweht
Ein Film des AJZ Dessau, 90 min., 20 Uhr
Die 90-minütige Dokumentation erzählt die Lebensgeschichte der Polin Ewa Kozlowska, die als 20-Jährige von Deutschen in das Konzentrations- und Vernichtungslager Majdanek verschleppt wurde. Wenige Wochen vor der Befreiung des Lagers wurde Ewa Kozlowska nach Ravensbrück deportiert, wo sie ein Jahr später vom Schwedischen Roten Kreuz befreit wurde.
Der Film wurde vom Alternativen Jugendzentrum Dessau produziert.

kurz und schmerzlos
D’98, R.: F. Akin, 100min, 22 Uhr
Als der Türke Gabriel (Mehmet Kurtulus) aus dem Gefängnis entlassen wird, erwartet ihn nicht nur seine Familie: auch der Serbe Bobby (Aleksander Jovanovic) und der Grieche Costa (Adam Bousdoukos), Gabriels Freunde aus Jugendtagen in Hamburg-Altona, freuen sich über seine Rückkehr. Aber alles ist anders geworden: Gabriel will keine krummen Dinger mehr drehen, mit Taxifahren Geld verdienen und später in die Türkei auswandern. Doch die Rechnung hat Gabriel ohne seine Freunde gemacht…
„kurz und schmerzlos“ ist das Spielfilm-Debüt Fatih Akins („Im Juli“, „Gegen die Wand“), das die gelungene Balance zwischen Komödie und Thriller, Drama und Tragödie hält