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Veranstaltungen
Mit
»Israelkritik« gegen Antizionismus.
Vortrag
und Diskussion mit Tjark Kunstreich (Berlin).
Was seit dem Bestehen der Bundesrepublik zur offiziellen Politik des guten
Gewissens gehörte — die Freundschaft zu Israel, die allerdings
immer schon mit der »berechtigten Kritik
« und dem Brechen vermeintlicher Tabus verbunden war —, ist
heute nicht mehr nur ein diplomatischer Kniff oder bloßer Bestandteil
einer politischen Taktik, sondern gesellschaftlicher Konsens: Man sei
— neben dem Erteilen von gut gemeinten Ratschlägen —
auch dazu verpflichtet, den Feinden der »einzigen Demokratie im
Nahen Osten« entschlossen entgegenzutreten.
Dass das Verhältnis der Deutschen zu Israel sich darin als das des
Fürsten zum Schutzjuden auf globaler Ebene darbietet, wird von vielen
Kritikern des Antizionismus nicht erkannt.
Die antiisraelische, sich israelfreundlich gebende Politik Deutschlands
gründet aber nicht im persönlichen Antisemitismus einiger weniger
Politiker und auch nicht in der mangelnden Informationslage über
die Gefahren, die von einer iranischen Atombombe ausgehen, sondern in
der antisemitischen Verfasstheit der postnazistischen Demokratie bzw.
der Welt.
Der Antisemitismus ist unauflösbar mit der falschen Gesellschaft
verknüpft, seine Kritik hat deshalb stets aufs Ganze zu gehen: Während
der Israelfreund stets positives über Israel zu berichten weiß,
aber sich zugleich rühmt, den »Rassismus in Israel« oder
»die Frauenverachtung der Ultraorthodoxen« aus eigener Anschauung
zu kennen, richtet der Kritiker den Blick auf all jene, die Israel vernichten
wollen. Ob Israel schöne Strände, ein gutes Sozialversicherungssystem
oder eine Schwulenszene vorzuweisen hat, ist ihm zwar nicht egal, er würde
es aber niemals zum Argument für die Existenz Israels erheben. Solidarität
mit Israel ist entweder bedingungslos oder sie ist keine.
Schon längst ist der jüdische Staat postzionistisch in dem Sinne,
dass sein Zweck nicht mehr die Verwirklichung des zionistischen Traums
von einer Sache ist, sondern einzig der Verteidigung jüdischen Lebens
auf diesem Planeten dient. Die Ghettoisierung, die als Selbst-Ghettoisierung
durch Mauerbau und Abschottung erscheint und die in einer, von angeblichen
jüdischen Rassisten wie Avigdor Lieberman propagierten Ausweisung
der arabisch-israelischen Bevölkerung gipfeln könnte, widert
auch eingefleischte Freunde Israels an. Sie erliegen dem immer wieder
folgenschweren Irrtum, der Jude, sei es als einzelner, als Gruppe oder
als Staat, könne auch nur einen Jota am Ziel des Antisemitismus ändern;
am Ende wird lediglich stehen, dass die Juden selbst schuld an ihrem Schicksal
sind oder nicht alles getan hätten, um ihm zu entrinnen. Die Alternativlosigkeit
der Abschottung aber beweist nicht etwa den Rassismus israelischer Regierungsangehöriger,
sondern den Stand der antisemitischen Dinge.
Der Vortrag wird deshalb noch einmal bei A wie Antisemitismus anfangen
und unter Rekurs auf Sartre erläutern, warum der Antisemitismus nichts
mit den Juden, sondern einzig mit der Wahnwelt der Antisemiten zu tun
hat und welche Forderungen sich für die politische Praxis daraus
ergeben.
Tjark Kunstreich (Berlin) ist Autor und Publizist und schreibt u. a. für
Bahamas und Jungle World.
8.
Februar, 19.00 Uhr, Halle
Dresden, 13. Februar. Kontinuität und Wandel der deutschen
Erinnerungskultur
Vortrag und Diskussion mit Hannes Junker
18.
Januar, 20.30 Uhr, Kino Zazie (Kleine Ulrichstraße)
Filmvorführung mit Einleitungsvortrag
WARUM ISRAEL
Claude
Lanzmann, Frankreich 1973, 195 min
Im
Oktober 2009 verhinderten linke Antiimperialisten in Hamburg die Aufführung
des Filmdebüts Claude Lanzmanns („SHOAH“, „TSAHAL“).
Der Grund: Lanzmanns Dokumentation ist ein Plädoyer für Israel.
Der erste Film des engagierten Publizisten und Sartre-Weggefährten
ist eines der bemerkenswertesten Zeitdokumente über den Staat Israel
und sein Selbstverständnis, seine religiösen und politischen
Fundamente und vor allem: seine Bürger. Sie sind es, die im Film
zu Wort kommen – Angehörige der ersten Siedlergeneration, Neueinwanderer
aus der Sowjetunion, Arbeiter, Intellektuelle, junge Israelis. Lanzmann
spürt den Errungenschaften und Widersprüchen einer entstehenden
israelischen Nation mit großer persönlicher Anteilnahme und
viel Humor nach. So ergibt sich ein lebendiges Panorama der einzigartigen
Vielfalt dieses Landes, seiner Paradoxien, Spannungen – und seiner
schwierigen „Normalität“. Wir zeigen den Film aus gegebenem
Anlass. „Dieser Film hat einen roten Faden, nämlich: Was ist
das: Normalität? Was ist das: Ein Land, in dem jeder Jude ist? Das
ist das Entscheidende vom Standpunkt eines Juden aus der Diaspora –
und das waren sie ja letztlich alle. Der ganze Film spielt damit, mit
der Normalität und der A-Normalität. Ich zeige in WARUM ISRAEL,
dass die Normalität das eigentlich Anormale ist.“ Claude Lanzmann
Mit
einem Einleitungsvortrag der AG Antifaschismus im Stura.
11.
und 12. Dezember 2009
Was ist „deutsche Ideologie“?
Wochenendseminar
mit Philipp Lenhard in Halle
In
den gegenwärtigen Debatten, die in den einschlägigen Zeitschriften,
Büchern und auf politischen Veranstaltungen geführt werden,
ist der Ausdruck „deutsche Ideologie“ allgegenwärtig.
Doch was dieser Terminus genau bezeichnet, wird selten expliziert. Er
ist zum Schlagwort geworden, das immer dann eingesetzt wird, wenn es (ganz
richtig) darum geht, Ideologiekritik von einem gegen Deutschland gewendeten
Antiimperialismus abzugrenzen. Doch Ideologiekritik muss stets auf ihre
eigenen Begrifflichkeiten reflektieren, um einer jargonhaften Verselbständigung
der Sprache vorzubeugen. Deshalb wollen wir uns in dem Seminar mit dem
für eine kritische Theorie der Gesellschaft weiterhin zentralen Begriff
der „deutschen Ideologie“ auseinandersetzen. Infrage steht
dabei nicht nur, was der Inhalt dieser Ideologie ist, sondern auch, was
an dieser Ideologie spezifisch deutsch ist. Zudem muss thematisiert werden,
ob das, was deutsch ist, tatsächlich als „Ideologie“
zu charakterisieren ist oder ob andere Kategorien – insbesondere
solche der Psychoanalyse – nicht treffender sind.
Um Antworten auf diese Fragen zu finden, soll in einem ersten Schritt
der Begriff „Ideologie“ expliziert werden und mit anderen
Termini (Weltanschauung, Wahn, Fetischismus, Bewußtsein etc.) konfrontiert
werden. Danach soll der Geschichte des Begriffs „deutsche Ideologie“
anhand von Primärtexten (sowohl „deutsche Ideologen“
als auch deren Kritiker kommen zu Wort) nachgegangen werden. In einem
dritten Schritt sollen klassisch gewordene „antideutsche“
Texte zum Verhältnis von Besonderem und Allgemeinem diskutiert werden.
Als vierter und letzter Schritt wird zu erörtern sein, ob gegenwärtige
Phänomene wie der radikale Islam und seine postmodernen Apologeten
mit dem Begriff „deutsche Ideologie“ adäquat zu fassen
sind oder ob – wie von Kritikern behauptet – die von antideutscher
Seite postulierte Kontinuitätslinie vom „wahren Sozialismus“
über den National- bis zum islamischen „Ummasozialismus“
nichts weiter als ein theoretisches Konstrukt ist.
Philipp
Lenhard lebt in Köln und schreibt unter anderem für die Zeitschriften
„Prodomo“ und „Bahamas“.
Anmeldung
erforderlich (per Mail agantifa[at]googlemail.com). Reader wird rechtzeitig
ausgegeben.
4./5.
Dezember, Halle
Weiterbildungsseminar
zum Thema Rechtsextreme Strategien
Im Seminar
wird über aktuelle rechtsextreme Strategien (auch an deutschen Universitäten)
berichtet. Mit verschiedenen Fallbeispielen wird dann die Problematik
veranschaulicht und vertieft, bevor in anschließenden Diskussionsrunden
Handlungsoptionen zum zukünftigen Umgang mit rechtsextremen Strategien
entwickelt werden sollen.
Anmeldung
erforderlich (bitte per Mail)!
Der
Vortrag mit Clemens Nachtmann muss wegen Krankheit verschoben werden.
Die Veranstaltung wird im Februar oder März 2010 nachgeholt. Der
Termin wird rechtzeitig bekannt gegeben.
Beethoven
Strauss Schönberg
Dialektik der Aufklärung in der Musik
Vortrag von Clemens
Nachtmann
Im Rahmen des Vortrages wird versucht, durch weit vorangetriebene immanent-musikalische
Analyse begrifflich den gesellschaftlichen Gehalt einer Kunst zu dechiffrieren,
deren Existenzform gerade das Ungegenständlich-Unbegriffliche ist:
der Musik. Dabei wird immanente Analyse ideologiekritisch gegen die kurrenten
Methoden der Betrachtung von Musik pointiert: gegen an Gesellschaftlichem
desinteressierte musiktheoretische Handwerkelei, soziologische Zuordnungen
von Gesellschaft und Musik sowie biographische Kurzschlüsse von Werk
und Person. Anhand von Beethovens »Eroica«, Richard Strauss’
»Heldenleben« und Schönbergs »Ode an Napoleon«
soll eine Geschichte bürgerlicher Subjektivität entworfen werden,
und zwar anhand der in der Figur Napoleon Bonapartes verkörperten
Idee des ›Heldischen‹. Dem Gegenstand entsprechend geht es
dabei ums Zuhören — nicht nur der Worte, sondern gerade der
besprochenen Musik. Thema des Vortrages, der demonstrieren möchte,
dass die Dialektik der Aufklärung sich nicht nur begrifflich erschließen,
sondern hörend erkunden lässt, wird also die Frage sein, welche
Rückschlüsse das Schicksal ästhetischer Subjektivität
auf die Geschichte der realen zulässt.
Der Vortrag, der auf das gesprochene Wort ebenso vertraut wie auf Hörbeispiele
am Flügel und vom Band, wird etwa vier Stunden dauern.
Clemens Nachtmann ist Lehrbeauftragter für Komposition, Musiktheorie,
Musikgeschichte und Dirigieren an der Universität für Musik
und darstellende Kunst in Graz (Österreich). Er war Mitglied der
Meisterklassen von Friedrich Goldmann und Beat Furrer. Kompositionsauftrag
des Berliner Senats für das Ensemblestück »battery park/NY«
und der Ensembleakademie »Impuls« (Graz) für ein Ensemblewerk
mit dem Klangforum Wien. Zahlreiche Preise (u. a. 3. Preis beim Hanns-Eisler-Wettbewerb
für Komposition und Interpretation 2001, 2. Preis bei den »Weimarer
Frühjahrstagen für zeitgenössische Musik« 2004, Boris-Blacher-Preis
für Komposition der Neuen Musik 2004, 2. Preis beim Gustav-Mahler-Kompositionspreis
2008). Clemens Nachtmann ist Redakteur der Zeitschrift »Bahamas«.
Eine Veranstaltung in Zusammenarbeit mit dem Initiativkreis»Materialien
zur Aufklärung und Kritik« (www.materialien-kritik.de).
Antifaschistische
Hochschultage 2009
Mittwoch,
21. Oktober 2009, 19:30 Uhr
Melanchthonianum, Universitätsplatz, Halle (Saale)
Über das Verhältnis von Theorie und Praxis
Vortrag und Diskussion
mit Lars Quadfasel
Ohne „kreative Aktionen“ scheint aktuell kein politischer
Protest mehr auszukommen. Studenten tragen bundesweit symbolisch die Bildung
zu Grabe. Europäische Milchbauern versprühen öffentlichkeitswirksam
ihr Haupterzeugnis, um dem Staat höhere Subventionen abzuringen.
Ökobewegte Heimatschützer überbieten sich jährlich
mit infantilen Protestaktionen gegen Truppenübungsplätze, Atommüllendlager
und Autobahnerweiterungen. Und nicht zuletzt wollen linke Aktivisten ihre
vermeintliche Opposition gegen die Verhältnisse damit zum Ausdruck
bringen, indem sie beispielsweise – wie unlängst im Berliner
Stadtteil Friedrichshain-Kreuzberg geschehen – als „Teenage
Mutant Ninja Turtles“ gegen die Sanierung maroder Stadtbezirke auf
die Straße gehen.
So unterschiedlich die Motive der hier Genannten auf den ersten Blick
auch seien mögen, so eint sie doch ein wesentlicher Punkt. Sie alle
betreiben eine Fetischisierung politischer Praxis und üben sich in
blindem Aktionismus. Wer nicht mitmacht, noch zögert oder gar Kritik
übt, die über taktische und verbessernde Vorschläge hinausgeht,
wird reflexhaft als Nestbeschmutzer und Spalter denunziert. Theorie wird
entweder sofort verworfen, indem lautstark „Taten statt Worte“
gefordert werden. Oder ihr wird die Aufgabe zuteil, konkrete Handlungsanleitungen
für die politische Praxis zu liefern. Das äußert sich
nicht zuletzt darin, dass jeder Kritik die fast schon obligatorische Frage
nach dem „Was tun?“ folgt. Statt zu versuchen, den kritischen
Gedanken nachzuvollziehen, degradiert man Theorie zur autoritären
Gebrauchsanweisung der jeweiligen politischen Betätigung.
Der weit verbreiteten Theoriefeindschaft ist die Theorie als Kritik entgegenzustellen:
Eine der Wahrheit verpflichtete Kritik, die sich nicht, wie im Wissenschaftsbetrieb
üblich, auf einen praktischen Nutzeffekt reduzieren lässt und
damit die bestehenden Verhältnisse affirmativ verlängert. Eine
Kritik, die sich durch ein Denken auszeichnet, welches sich weigert, das
jeweils Gegebene passiv hinzunehmen und allein deshalb bereits eine Form
von Praxis darstellt. In Gegnerschaft zum blinden Aktionismus gilt es
mit Theodor W. Adorno darauf zu beharren, „daß das Falsche,
einmal bestimmt erkannt und präzisiert, bereits Index des Richtigen,
Besseren ist“.
Lars Quadfasel ist Mitglied der Hamburger Studienbibliothek und Autor
u.a. für „Jungle World“ und „extrablatt“.
Mittwoch,
28. Oktober 2009, 19:30 Uhr
Melanchthonianum, Universitätsplatz, Halle (Saale)
Vortrag
zur Neonazi-Szene in Halle
Am
17. Juni 2009 demonstrierten knapp 200 Neonazis in der Nähe des hallischen
Hauptbahnhofs. Aufgerufen hatten die „Jungen Nationaldemokraten
Sachsen-Anhalt“, die mit dem Mauerfall wiederum einen historischen
Bezug nutzen, um am 7. November zum zweiten Mal in diesem Jahr aufzumarschieren.
Die Veranstalter sind jedoch nicht die einzigen aktiven Neonazis in der
Saalestadt. Während die Jugendorganisation der NPD unter der Führung
von Michael Schäfer nicht nur durch Demonstrationen die Jugendlichen
für einen Systemumsturz zu mobilisieren will, versucht deren „Mutterpartei“
kommunalpolitisch Fuß zu fassen. Mit Schulungen und gemeinsamen
Wanderfahrten soll die Szene gefestigt werden. Der Erfolg ist derzeit
jedoch eher mäßig. Die sogenannte „Volksfront“,
mit der die Neonazi-Szene ihre Streitigkeiten untereinander für das
gemeinsame Ziel beilegen sollte, existiert nicht mehr. Die Szene ist zersplittert
und in Abgrenzung zum parlamentarischen Weg der NPD versuchen sich auch
in Halle sogenannte „freien Kräfte“ vor allem aktionistisch
in autonomer Systemopposition. Und auch lifestyle-orientierte Strukturen
wie „Thor-Steinar“-Geschäfte oder Tattoo-Studios spielen
organisationsübergreifend eine Rolle bei der Rekrutierung des rechten
Potentials.
Mittwoch,
4. November 2009, 19:30 Uhr
Melanchthonianum, Universitätsplatz, Halle (Saale)
What’s left? Zu Geschichte und Verfall der
Linken
Vortrag und Diskussion
mit Jan Gerber
Die Zumutungen, die heute in der Jungen Welt stehen oder bei den Vereinstreffen
der einschlägigen Linksparteien geboten werden, sind von Anfang an,
seit sich Robespierre und Co. in der französischen Nationalversammlung
auf der linken Seite des Kammerpräsidenten niederließen, im
Konzept der Linken angelegt. Insofern ist es möglich, die Geschichte
der Linken als eine Entfaltung seiner reaktionären Tendenzen zu lesen.
Insbesondere die Ingredienzien Egalitarismus, Antiimperialismus und Etatismus
sind heute charakteristisch für das, was links ist. Zugleich aber
ist der historische Materialist angehalten, die Geschichte „gegen
den Strich zu bürsten“ (Benjamin). Daher gilt es, die Ambivalenz
dieser Geschichte aufzuzeigen und darauf zu beharren, dass es in der Linken
immer auch heterologe Elemente gab, die auf die Befreiung des Individuums
von Herrschaft und Ausbeutung abzielten: die gar nicht parteiförmige,
sich leider vorerst aus vereinzelten Individuen zusammensetzende Partei
des Glücks.
Jan Gerber, Mitherausgeber der Bücher „Rote Armee Fiktion“
und „Fight for Freedom. Die Legende vom anderen Deutschland“,
schreibt u.a. für die Zeitschriften Bahamas, Prodomo und Phase 2.
Er wird erläutern, inwiefern die Linke zugleich die Aufklärung
verraten und sie auf die Spitze getrieben hat.
Für
alle Veranstaltungen gilt: Die Veranstaltenden behalten sich vor, von
ihrem Hausrecht Gebrauch zu machen und Personen, die rechtsextremen Organisationen
angehören, der rechtsextremen Szene zuzuordnen sind oder bereits
in der Vergangenheit durch rassistische, antisemitische oder sonstige
menschenverachtende Äußerungen in Erscheinung getreten sind,
den Zutritt zur Veranstaltung zu verwehren oder von dieser auszuschließen.
Ebenso zum Ausschluss von der Veranstaltung führt das Tragen von
eindeutig rechtsextremen Symbolen und Bekleidungsmarken einschließlich
„Thor Steinar“.
Montag, 13. Juli 2009, 20.30 Uhr
Kino Zazie, Kleine
Ulrichstraße 22
Yol
(Der Weg)
Wiederholung
der Filmvorführung
Nach dem Militärputsch in der Türkei im Herbst 1980 schaffte
es ein Film, das Interesse ganz Europas auf die Zustände in diesem
Land zu lenken. Es war der 1982 fertig gestellte und im gleichen Jahr
mit der goldenen Palme von Cannes ausgezeichnete Film „Yol“
von Yilmaz Güney (1937 – 1984), ein Film der erstmals 1994
legal in der Türkei gezeigt werden durfte. Güney – aus
politischen Gründen mehrfach in Haft und 1981 unter abenteuerlichen
Bedingungen aus der Türkei geflüchtet – konzipierte den
Film im Gefängnis und hat ihn später im französischen Exil
aus Material zusammengestellt, das Freunde nach seinen Anweisungen teilweise
klandestin in der Türkei gedreht hatten.
Yol wurde von der Linken sehr freundlich aufgenommen, jedoch mit dem Lob
auch seiner Brisanz beraubt. Er wurde von der türkischen, kurdischen
und europäischen linken und liberalen Öffentlichkeit in erster
Linie als ein Film der Anklage gegen die Militärherrschaft gefeiert,
obwohl er genau das nur zum Teil war. Die fünf Protagonisten, denen
ein Hafturlaub gewährt wird und die sich in ihre im mehrheitlich
kurdischen Südosten des Landes gelegenen Heimatorte aufmachen, um
dort persönliche Angelegenheiten zu regeln, sind keine politischen
sondern kriminelle Gefangene. Auch ihre Erlebnisse außerhalb der
Gefängnismauern haben mit politischem Widerstand gegen die Militärjunta
nichts zu tun, umso mehr mit jener anderen Unterdrückung, über
die Freunde des Volkes gerne hinwegsehen oder als Begleiterscheinung der
Armut rechtfertigen: dem ganz normalen islamischen Alltag.
Es geht um Ehebruch, Ehrenmord, Zwangsverheiratung und Frauenunterdrückung.
Die Protagonisten stehen scheinbar unüberwindbaren Zwängen letztlich
machtlos gegenüber und zerbrechen daran. Nicht das Gefängnis,
dem sie kurzfristig entkommen sind und das sie bei einer der in der Türkei
häufigen Amnestien in absehbarer Zeit als freie Männern würden
verlassen können, ist ihr größtes Problem. Als das wahre
Gefängnis stellt sich ihnen eine Gesellschaft dar, in der Clanstrukturen
und religiös geprägte Moral jeden Versuch vereiteln, ein individuelles,
in Grenzen gar sinnlich erfüllteres Leben zu entfalten.
Yilmaz Güney hat „Yol“ wie seine anderen Filme als Künstler
und Revolutionär noch ganz selbstverständlich aus dem Blickwinkel
des Westens gedreht. Seine Liebe zu den Menschen und der (kurdischen)
Landschaft ist keine primitive Komplizenschaft mit dem Volk auf angestammtem
Boden. Die Landschaft wie die Menschen erscheinen fremd und feindselig
solange ein übermächtiger, durch den Islam und die Verwandtschaftsherrschaft
vermittelter Naturzwang, nicht nur jede freundliche Regung erstickt, sondern
die dortigen Verhältnisse als immer auswegloser erscheinen läßt.
„Yol“ ist ein kurdischer Film, der viel eindrucksvoller die
notwendige und vernichtende Kritik an kurdischem Nationalismus vollzieht,
als jede noch so kluge Streitschrift gegen die PKK. Yol ist die Denunziation
jeden Kulturrelativismus im Namen unterdrückter Völker. Yol
ist ein revolutionärer Film, weil er eine dezidiert „westliche“,
sprich: universale Sehnsucht nach ein bißchen Freiheit und Glück
auch für ein Land einfordert, das heute von einer islamistischen
Regierung in einen noch trostloseren Zustand zurückversetzt werden
soll, als Güney im Entstehungsjahr des Filmes ahnen konnte und ist
schon dadurch unbedingt aktuell und sehenswert.
(Justus
Wertmüller, ist Redakteur der Quartalszeitschrift „Bahamas“).
Mittwoch,
3. Juni 2009, 19 Uhr
Melanchthonianum, Universitätsplatz, Halle (Saale)
Was
ist Wahrheit? Einführung in die materialistische Kritik.
Vortrag und Diskussion mit Manfred Dahlmann
Um
die Frage, »Was ist Wahrheit?«, zu beantworten, ist es hilfreich,
sich zunächst eine andere Frage zu stellen. Denn die Frage, »Was
ist Philosophie?«, gibt dem Problem der Wahrheit erst die Grundlage
zu deren Antwort. Mit dieser Umformulierung wird eine zentrale Differenz
zu gängigen Vorstellungen von Wahrheit benannt: nicht die Wissenschaft,
nicht der Wissenschaftler fragen nach Wahrheit: sie interessieren sich
allein für die Bedingungen, die das Funktionieren eines gegebenen
Zusammenhangs sicherstellen; für sie ist die praktische Verwertbarkeit
entscheidend. Dahingegen sind die, die den gegebenen Funktionszusammenhang
selbst thematisieren, die also nach einer Wahrheit fragen, die nicht empirisch
zutage tritt, sondern die empirischen Tatsachen ihrer Möglichkeit
nach erst bedingt, von vornherein als Philosophen definiert.
Umgangssprachlich ist Philosophie heutzutage gleichbedeutend mit Weltanschauung,
Ideologie etc. Wer heute »philosophiert« setzt sich dem »Totalitarismusverdacht«
aus, ihm wird unwillkürlich »Fundamentalismus « unterstellt.
Positiv gebraucht wird der Begriff meist nur, wenn er praktische Banalitäten
idealistisch adeln soll: Etwa wenn ein Pressesprecher von der »Philosophie
seines Unternehmens« spricht. Fast alle Universitäten leisten
sich zwar weiterhin ihre philosophischen Fakultäten bzw. Fachbereiche.
Was sie aber unter dieser Firmierung anbieten, hat mit Philosophie bestenfalls
nur insofern etwas zu tun, als hier, oft sehr beredt, über Philosophen
und Philosophien schwadroniert wird. Philosophen als solche wird man an
den Universitäten nur selten finden und wenn, dann nennen sie sich
nicht so: aus berechtigter Angst, sonst ihre Reputation einzubüßen.
Diese aktuelle Geringschätzung der Philosophie zieht sich nicht konstant
durch die theoretischen Auseinandersetzungen in der Geschichte der bürgerlichen
Gesellschaft. Denn die Philosophie steht nicht nur am historischen Beginn
der kapitalistischen Akkumulation an zentraler Stelle, sondern wurde immer
wieder zu einer regelrechten Mode, der sich die Zeitgenossen kaum entziehen
konnten, zu einer Modeströmung, die, wie es Moden vom Begriff her
an sich haben, aber ebenso schnell verschwanden, wie sie aufgekommen waren,
um dann eine Zeit später eine Renaissance zu erleben, in der allerdings
nur alter Wein in neue Schläuche gegossen wurde. Diejenigen, die,
was aktuell in Mode ist, die Nicht-Befassung mit philosophischen Fragestellungen
propagieren, die also im Kern die Frage nach der Wahrheit beiseite schieben,
verstehen sich allerdings nicht als bloße Repräsentanten eines
gerade vorherrschenden Zeitgeistes. Philosophie hat sich für sie,
und das ist historisch neu, von der Sache her erledigt: sei es, weil sich,
für sie, Wahrheit als perspektivisch herausgestellt hat, die Wahrheit
also die sei, dass es keine eindeutige, allgemeingültige Wahrheit
gebe, sei es, dass sich für sie die Frage nach der Wahrheit auf die
Frage nach der Praxis reduziert, also zu recht in den Wissenschaftsbetrieb
verschoben worden ist. Zuzugestehen ist, dass, wenn die Wahrheit denn
offen zutage läge, wenn also zwischen Wahrheit und (realem) Schein,
oder wenn zwischen Wesen und Erscheinung – so die gängige philosophische
Terminologie – nicht mehr unterschieden werden kann, dann die Frage
nach der Wahrheit, und somit die Philosophie als solche, tatsächlich
obsolet wäre. Ideologiekritik weist hingegen nach, dass die kapitalistische
Gesellschaft so verfasst ist, dass das Erscheinende, dasjenige also, was
von den Wissenschaften als Problem erfasst wird, das Resultat einer notwendigen
Verkehrung der Wirklichkeit im allgemeinen Bewusstsein darstellt. Die
materialistisch gestellte Frage nach der Wahrheit ist somit zu aller erst
die Frage nach der historischen Grundlage, aufgrund der diese Verkehrung
möglich geworden ist.
Manfred Dahlmann ist Mitarbeiter des ça ira Verlages und der
Initiative Sozialistisches Forum in Freiburg assoziiert. Er ist Mitherausgeber
der Bücher »Geduld und Ironie. Johannes Agnoli zum 70. Geburtstag«
(Freiburg 1995) und »Kritik der Politik. Johannes Agnoli zum 75.
Geburtstag« (Freiburg 2000).
Donnerstag, 07. Mai 2009, 19 Uhr
Melanchthonianum, Universitätsplatz, Halle
German
Gedenken. Zur Verwandlung von Geschichte in Geschichten
Vortrag
und Diskussion Jan Singer ([a:ka] Göttingen)
Die
klassische Leugnung der Shoa und der anderen Verbrechen des Nationalsozialismus
ist in Deutschland spätestens seit den 70er Jahren nicht mehr in
Mode. Das Gedenken an, ja sogar die Bekenntnis zur deutschen Schuld gehört
mittlerweile zum Standardrepertoire jedes ernst zu nehmenden deutschen
Politikers. Doch folgt hieraus noch lange nicht die einzig richtige Konsequenz,
mit Deutschland und der deutschen Geschichte zu brechen. Stattdessen wird
das Gedenken an Auschwitz eingebettet in eine ganze Reihe von Gedenken
– gedacht wird eigentlich allem und jedem: des bei der Zerschlagung
Nazideutschlands gestorbenen alliierten Soldaten, des deutschen Soldaten,
der deutschen Vertriebenen und Bombenopfer, und natürlich auch der
ermordeten Juden. Das spezifisch deutsche Verbrechen Auschwitz verschwindet
dabei unter einer Welle von Emotionen und vergangenem, kulturindustriell
aufbereitetem Leid. Aus dieser Gleichsetzung ist dann auch eine Versöhnung
mit den ehemaligen Kriegsgegnern möglich, und die Erkenntnis, dass
man 1945 doch eigentlich befreit und nicht besiegt wurde. Was vor 20 Jahren
in der CDU noch für Aufregung sorgte, gilt heutzutage als selbstverständlich
– die Rede von der Befreiung ermöglicht es den Deutschen, sich
selber auch als Opfer der Nazis darzustellen.
Auf der Basis der auf sich geladenen Schuld und der nach der „Befreiung“
erfolgten Aufarbeitung kann jetzt ein neues deutsches Nationalbewusstsein
entstehen – die deutsche Ideologie kehrt zurück, wenn auch
in veränderter Form. So konnte Joseph Fischer Auschwitz als Legitimation
für den Angriffskrieg gegen Serbien bemühen, während Gerhard
Schröder aufgrund der „Lehren der Vergangenheit“ den
Krieg gegen den Antisemiten Hussein ablehnte. Der Inhalt der deutschen
Ideologie bleibt derselbe – nationale Interessen werden, im Gegensatz
zu „normalen“ bürgerlichen Nationen – gerade dadurch
durchgesetzt, dass sie geleugnet werden. Deutschland schwingt sich wieder
zur moralischen Großmacht auf, die auf der Seite der unterdrückten
Völker dieser Welt gegen die „kulturlose“ Hegemonialmacht
USA kämpft.
Es gilt ein Gedenken an Auschwitz zu finden, ohne in die Falle der deutschen
Gedenkkultur zu tappen. Dies ist nur dadurch möglich, das eigentliche
Unbegreifliche, also den Verfall in die kollektive antisemitische Raserei,
irgendwie begreifbar zu machen.
Eine Veranstaltung in Kooperation mit der Antifaschistischen Jugendinitiative
Halle.
Der
Vortrag findet im Im Rahmen der Veranstaltungsreihe „8. Mai 1945
- danke!“ der Antifaschistische Jugendinitiative Halle statt. Weitere
Veranstaltungen:
Montag, 04. Mai, 19 Uhr
Lux Puschkino, Kardinal-Albrecht-Straße 6
„Ich war neunzehn“ (Konrad Wolf)
Filmvorführung mit Einleitungsvortrag und Diskussion
Die DEFA-Produktion Ich war neunzehn erzählt die Geschichte eines
jungen Deutschen, Gregor Hecker (Jaecki Schwarz), der mit seinen Eltern
vor den Nazis nach Moskau geflüchtet war und nun, im Frühjahr
1945, als Leutnant der Roten Armee nach Deutschland zurückkehrt.
Der Film verarbeitet dabei die persönlichen Erlebnisse des Regisseurs
Konrad Wolf und seines Freundes Wladimir Gall in fiktiver Form.
April 1945. In der Uniform eines sowjetischen Leutnants kommt der 19-jährige
Gregor Hecker in seine Heimat zurück. Er war acht als seine Eltern
mit ihm nach Moskau emigrierten. Auf dem Weg der 48. Armee kommt er an
Berlin vorbei und fordert noch vereinzelt kämpfende deutsche Soldaten
zum Überlaufen auf. Einige kommen, andere antworten mit Schüssen.
Bei seinen russischen Freunden fühlt er sich zu Hause, viele der
Deutschen geben ihm Rätsel auf. Langsam begreift er, dass es "die
Deutschen" nicht gibt. Er trifft Mitläufer, Rückversicherer,
Überläufer, Durchhaltefanatiker, eingefleischte Nationalsozialisten.
Die erste Begegnung mit aus dem Konzentrationslager befreiten Antifaschisten
wird für ihn zu einem bewegenden Erlebnis.
Der nach Erinnerungen Konrad Wolfs facettenreich in Episoden gestaltete
Antikriegsfilm beschreibt ohne Pathos und Larmoyanz die Schrecken des
Krieges und macht die Schuld der Deutschen deutlich. Dabei bemüht
er sich um ein Höchstmaß an Authentizität, verzichtet
auf Idealisierungen und stellt Menschen mit ihren Eigenheiten und Schwächen
dar. Trotz der parteilichen Emotionalität bleibt genügend Raum
für eigene Assoziationen.
Dienstag, 05. Mai, 19 Uhr
VL, Ludwigstraße 37
Halle im Nationalsozialismus
Vortrag
und Diskussion mit Michael Fiebig
Am
17. April 1945 kapitulierte die Stadt Halle/Saale vor den alliierten Truppen
der 104. US – Infanteriedivision Timberwolf. Somit konnte eine Bombardierung
durch bereitstehende Fliegerstaffeln der Alliierten abgewandt werden.
Ein glücklicher Umstand, der es anscheinend dem kollektiven Gedächtnis
der Stadt leicht macht, sich jeglicher Schuld oder Beteiligung an der
nationalsozialistischen Barbarei zu entledigen. Unsere vermeintlich friedliebende
und unschuldige Stadt blieb verschont. Vergessen ist die Bücherverbrennung
auf dem Unicampus. Vergessen sind die antisemitischen Pogrome. Vergessen
sind die Verfolgung und die Vernichtung des politischen Gegners und vergessen
ist auch die Bedeutung Halles und seiner Umgebung für den Vernichtungskrieg
als Verkehrsknotenpunkt und Produktionsstätte für Giftgas, Kautschuk
und Waffen.
So ist es auch nicht weiter verwunderlich, dass der hallischen Bevölkerung
der Rote Ochse aus dieser Zeit nur als NS-Gefängnis in Erinnerung
geblieben ist. Niemand will etwas von den Hinrichtungen von über
500 Gefangenen mitbekommen haben. Lieber wird sich an die Heldensaga des
„Antifaschisten“ Felix Graf von Luckner, dem „Retter
der Stadt“ geklammert.
Mit diesen und anderen Mythen wird Michael Fiebig, Historiker der Gedenkstätte
Roter Ochse, am 5. Mai im Rahmen der Veranstaltungswoche „08. Mai
1945 – Danke!“ aufräumen. Auf der Grundlage von vorhandenem
Aktenmaterial wird er Verbindungen zwischen dem Roten Ochsen, dem Verwaltungsapparat
der Stadt Halle/S., der Martin-Luther-Universität und anderen Institutionen
herstellen und damit die angebliche Unwissenheit der hallischen Bevölkerung
dieser Zeit historisch widerlegen.
Freitag,
08. Mai
VL, Ludwigstraße 37
Party anlässlich des 8. Mai
Konzert mit Endearment (Indie/Postpunk, Köln), Koljah, NMSZ &
Panik Panzer, Juri Gagarin (Elektro/Trash/Punk, Hamburg)
Dienstag,
14. April 2009, 19 Uhr
Melanchthonianum, Universitätsplatz, Halle
Zurück
zur Religion.
Durban II als Generalangriff auf den Säkularismus.
Vortrag und Diskussion mit Thomas von der Osten-Sacken
Konzentrierten sich islamische Länder und obskure NGO in Durban noch
ganz darauf die Konferenz zu einem antisemitischen Großereignis
umzugestalten, soll es jetzt in Genf zusätzlich noch den bürgerlichen
Freiheitsrechten an den Kragen gehen. Seit Jahren arbeitet etwa die Organisation
islamischer Staaten daran, die so genannte Islamophobie international
als DEN Sündenfall des Rassismus zu verankern. Wer sich abfällig
oder kritisch gegenüber dem Islam, seinem Propheten oder dem Koran
äußere übe nicht etwa eine berechtigte Kritik, sondern
beleidige religiöse Gefühle und diffamiere Millionen von Menschen.
Deshalb seien international Gesetze zu verankern, die solche Kritik unter
Strafe stellen sollen. Erst kürzlich hat die UN-Vollversammlung eine
entsprechende Resolution verabschiedet. Kommen die islamischen Staaten
– fast alle von ihnen sind Diktaturen, in denen das Recht des Einzelnen
nichts zählt – mit diesem Vorstoß durch, entscheiden
fortan irgendwelche Ulema Mullahs, was Kritik ist und was Beleidigung.
Das Recht auf free speech soll so ausgehebelt werden im Namen eines Antirassismus,
der inzwischen als Ideologie nur noch gegen die Errungenschaften der bürgerlichen
Revolution ins Feld geführt wird.
Durban II
soll nicht nur da anschließen, wo Durban I endete, in der partikularen
Verurteilung Israels als Apartheidstaat, der Relativierung des Holocaust
und der Aufwertung von Suicide Terror zu legitimen Widerstand, diesmal
sollen grundlegende Errungenschaften der Aufklärung selbst rückgängig
gemacht werden. Vor allem richtet sich Durban II gegen die Idee einer
säkular verfassten Gesellschaft. Über die UN soll die „Re-religiösisierung“
von Gesellschaft und Politik ihre Weihen erhalten.
Thomas
von der Osten-Sacken ist Mitarbeiter der Hilfsorganisation Wadi e.V. Er
schreibt u.a. Artikel für „Die Welt“ und „Jungle
World“ und ist Mitherausgeber der Bücher „Sadams letztes
Gefecht? Der lange Weg in den III. Golfkrieg“ (Hamburg 2002) und
„Amerika. Der 'War on Terror' und der Aufstand der Alten Welt“
(Freiburg 2003).
23.
und 24. Januar 2009
Kritik der Kulturindustrie. Eine Einführung
Wochenendseminar
mit Karsten Ulbricht
Um
kaum einen Text der Kritischen Theorie ranken sich mehr Missverständnisse
als um das Kulturindustriekapitel aus der „Dialektik der Aufklärung“
von Theodor W. Adorno und Max Horkheimer. Die Autoren hätten –
so kann man in zahlreichen Rezeptionen immer wieder lesen – vor
allen Dingen die Kommerzialisierung und den Ausverkauf von Kultur beklagt.
Im Duktus einer konservativen Kulturkritik hätten die Autoren, so
ihre Kritiker, eine Manipulationstheorie entworfen, welche die Massen
für zu dumm erklärt, das Angebot der modernen Unterhaltungsindustrie
zu durchschauen. Mit diesen und ähnlichen Einwänden wird die
von Adorno und Horkheimer formulierte Kritik als „versnobt“
und „elitär“, als „übertrieben“ und
„undifferenziert“ von sich gewiesen.
Dieser Lesart möchte das Seminar entgegenarbeiten. Anhand des 1947
erstmals erschienenen Textes soll mittels gemeinsamer Lektüre diskutiert
werden, inwieweit der Begriff der Kulturindustrie als ein zentraler Punkt
einer kritischen Theorie der Gesellschaft verstanden werden muss. Herausgearbeitet
werden soll dabei vor allem, wie Kulturindustrie zum Inbegriff einer Gesellschaft
wird, die sich längst den Bereich des Privaten, der zwischenmenschlichen
Beziehungen, ja des Denkens überhaupt einverleibt hat.
German Images
Filme zum postfaschistischen Alltag
Als
Theodor W. Adorno und andere Vertreter der Kritischen Theorie in den 1950er
Jahren vor einem Fortleben des Nationalsozialismus warnten, ging es ihnen
mitnichten darum, auf ordinäre Nazis hinzuweisen, die fahnenschwenkend
vom Dritten Reich träumten und dieses wieder neu zu errichten trachteten.
Vor dem Hintergrund der Erfahrungen des Nationalsozialismus und der Erkenntnis,
dass mit der militärischen Zerschlagung Nazideutschlands keineswegs
die Vorraussetzungen für einen erneuten Rückfall in die Barbarei
zerstört werden konnten, wussten sie, dass „das Nachleben des
Nationalsozialismus in der Demokratie als potentiell bedrohlicher“
zu betrachten sei, „als das Nachleben faschistischer Tendenzen gegen
die Demokratie“. Hinter der Warnung vor dem Weiterleben des Nationalsozialismus
steckt zum einen das Bewusstsein davon, das dieser durchaus demokratische
Elemente besaß und ohne die massenhafte Begeisterung nahezu aller
Deutschen keinerlei Legitimation gehabt hätte. Zum anderen verweist
sie noch auf etwas anderes. Darauf nämlich, dass die nationalsozialistische
Ideologie keineswegs mit der vielbeschworenen „Stunde Null“
sang- und klanglos aus den Köpfen der Menschen verschwand. Vielmehr
leben die Versatzstücke dieser Ideologie in den Menschen fort.
Man
muss kein allzu aufmerksamer Beobachter seiner Umgebung sein, um jene
Fragmente der deutschen Ideologie und die aus ihnen resultierenden Widerwärtigkeiten
zu erkennen. Beispiele hierfür gibt es viele. Allgegenwärtig
scheint der Ruf nach überschaubaren, einfachen Verhältnissen
zu sein: ob Eso-Kitsch, Dalai-Lama-Hype oder der romantisierende Blick
auf das Mittelalter oder das Landleben. Die gefühlsmäßige
Aversion gegen die Moderne, also gegen Luxus und Individualismus, zeugt
nicht von der Kritik eines Glücksversprechens, das nicht eingehalten
werden kann, sondern ist der Ausdruck einer Ideologie, die den anderen
das neidet, was man sich selbst nicht zu wünschen vermag. Das Bedürfnis
nach Einfachheit bedeutet hier auch stets die Überwindung der Vermittlung
von Herrschaft. Nicht über die Verhältnisse – und letztlich
den Staat und seine Organe – soll die Gewalt vermittelt und exekutiert
werden, sondern direkt vom Volk selber. Hinter dem Ruf nach der Todesstrafe
für „Kinderschänder“ zum Beispiel verbirgt sich
letztlich der Wunsch nach direkter Herrschaft des Volkes über den
Einzelnen, das diese Forderung am liebsten selbst umsetzen möchte.
Dass solcher Art Herrschaft nicht in Form von Rechtsstaatlichkeit, also
zumindest der Möglichkeit nach in einem fairen Prozess für den
Einzelnen, stattfinden soll, sondern als vom Mob ausgeübte Gewalt,
ist diesem Wunsch inhärent. Während der Staat allerdings auf
seiner Souveränität beharrt und Recht durchsetzt, findet diese
kollektive Rohheit und Brutalität in deutschen Gärten, Kneipen
und auf den Straßen statt. Ob das Drangsalieren der eigenen Familienmitglieder
oder brutale Gewalt gegen Andere – am Besten gegen Ausländer
und Juden, zur Not tut es aber auch der Obdachlose vom Dorf oder jemand
ganz ohne „Makel“ –, die atomisierte Volksgemeinschaft
ist 60 Jahre nach dem Ende des NS noch immer zum Losschlagen bereit. Während
die einfachen unter den Deutschen diese Gewalt tagtäglich exekutieren,
projizieren die Sozialisierten und Gebildeteren ihre Vernichtungswünsche
auf die Palästinenser, die Tibeter oder andere Völker, die für
ebenjene Authentizität oder Direktheit stehen, die man sich für
das eigene Volk auch ersehnt.
Zuständen
dieser Art widmet sich die Filmreihe. In ihr soll es aber keineswegs darum
gehen, die hundertste Dokumentation über Stiefelnazis zu zeigen,
um in mahnendem Duktus die Gefahr des sogenannten Rechtsextremismus für
die Demokratie anzuprangern. Vielmehr soll der Frage nachgegangen werden,
wie der Alltag jener Menschen aussieht, die nicht nur sich, sondern auch
anderen regelmäßig das Leben zur Hölle machen. Die Filmreihe
zeigt Dokumentationen, die (oftmals unfreiwillig und in alles anderer
als kritischer Absicht) nicht nur die Widerwärtigkeiten eines Alltags
entlarven, in dem Stumpfsinn, Langeweile und Tristesse auf der Tagesordnung
stehen. Es werden Menschen gezeigt, die die Schuld am Elend nicht in den
Verhältnissen suchen, die es tagtäglich hervorbringen. Es geht
um Jene, die sich stattdessen im Elend häuslich eingerichtet und
mit der vermeintlichen Unüberwindbarkeit dieser Verhältnisse
schon längst abgefunden haben.
Kino
LaBim (Töpferplan 3)
Vorführung jeweils um 20 Uhr
Vortrag um 19.30 Uhr
„Herr
Wichmann von der CDU“
vom 14. bis zum 19. November zu sehen,
Einleitungsreferat
von Sören Pünjer (Redaktion Bahamas, Berlin) am 18. November
Die Uckermark 2002. Henryk Wichmann ist mit 25 Jahren Bundestagsdirektkandidat
der CDU im nördlichsten Landkreis Brandenburgs. Dort, wo die „Proletarisierung“
(Jörg Schönbohm) durch den Wegzug insbesondere junger Frauen,
aber auch gut ausgebildeter Männer, ein Stadium der „Verödung
und Verblödung“ (Brandenburgs Finanzminister Rainer Speer)
erreicht hat, das für den Osten bis auf wenige Ausnahmen repräsentativ
ist, führt Wichmann einen fast schon Mitleid heischenden Wahlkampf
in einer SPD-Hochburg. Da seine CDU im Gegensatz zu PDS oder NPD kaum
über eine lokale Basis verfügt, bekommt die Einsamkeit, die
Wichmann bei seinen Wahl-Touren umgibt, etwas Tragikomisches: statt für
sich und seine Partei zu werben, kämpft er mit Zweckoptimismus gegen
die Unbilden des Wetters oder gegen die gähnende Leere am Infostand.
In dem Regisseur Andreas Dresen dem Protagonisten des Films seine eigenen
Aktivitäten quasi moderieren
lässt und ihn dabei ausschließlich mit der Stativkamera begleitetet,
ist ein erschütterndes Dokument ostdeutscher Verhältnisse entstanden:
blühende Landschaften voller sanierter Straßenzüge und
Plätze, in bzw. auf denen vor sich hin welkende Menschen ihren Alltag
verrichten. Unfreiwillig spiegelt das junge dynamische Wesen Wichmanns
die Trostlosigkeit Uckermärker Zustände in besonderer Art und
Weise. Ganz von der „Freiheit statt Sozialismus“-Programmatik
der CDU erfüllt, sieht sich Wichmann mit der Tatsache konfrontiert,
die durch etliche empirische Studien belegt ist: die absolute Mehrheit
der Ostdeutschen würde gut und gerne weniger Freiheit in Kauf nehmen,
wenn es nur ein bisschen mehr Sozialismus einbrächte, an und in dem
ja
nicht alles schlecht gewesen ist. Gerade also in der Stadt des Peter Sodann,
dem ideellen Gesamtostdeutschen, ein hochaktueller Stoff.
„Bellaria
- So lange wir leben!“
läuft vom 28. November bis zum 3. Dezember,
Einleitungsreferat
von Tobias Ofenbauer (Cafe Critique, Wien) am 2. Dezember
Learning
Bergdeutsch – Lesson 1
Bereits
am 27. April 1945 – das KZ Mauthausen in Oberösterreich war
noch nicht befreit – formulierte die provisorische, österreichische
Bundesregierung die für die 2. Republik entscheidende Lüge,
die das weitere Verhältnis der österreichischen Gesellschaft
zu ihrer nationalsozialistischen Geschichte definieren sollte. Die Staatsgründer
formulierten, „daß die nationalsozialistische Reichsregierung
Adolf Hitlers kraft dieser völligen politischen, wirtschaftlichen
und kulturellen Annexion des Landes das macht- und willenlos gemachte
Volk Österreichs in einen sinn- und aussichtslosen Eroberungskrieg
geführt hat, den
kein Österreicher jemals gewollt hat, jemals vorauszusehen oder gutzuheißen
instand gesetzt war, zur Bekriegung von Völkern, gegen die kein wahrer
Österreicher jemals Gefühle der Feindschaft oder des Hasses
gehegt hat.“
Adorno hat einmal bemerkt, dass ein Deutscher ein Mensch ist, der keine
Lüge aussprechen kann, ohne sie zu glauben. Österreicherinnen
und Österreicher sind da nicht viel anders. Der kleine Unterschied
ist vielleicht, dass man in Österreich in dieser Barbarei noch etwas
gemütlicher und dazu noch etwas perfider ist. Der Film „Bellaria“
porträtiert in wohl etwas zu anheimelnden Bildern die verschiedensten
Ausformungen österreichischer, postfaschistischer Ideologie.
„Neustadt
Stau - Stand der Dinge“
anzuschauen vom 12. bis zum 17. Dezember,
Einleitungsreferat
von Christian Uhrheimer (Materialien zur Aufklärung und Kritik, Halle)
am 16. Dezember
Der Regisseur Thomas Heise hatte im Jahr 2000 im zweiten Teil seiner Dokumentation
jene hallischen Nazis wieder vor die Kamera geholt, die er bereits acht
Jahre zuvor in „Stau – Jetzt geht’s los“ beim
Saufen, Grölen und Pöbeln gefilmt hatte. Heise wollte mit der
Fortsetzung zeigen, wie es um seine ehemaligen Protagonisten zu dieser
Zeit stand. Unfreiwillig gelang ihm damit allerdings eine Bestandsaufnahme
von Verhältnissen, in denen die Unterschiede von organisierten Nazis
und ihren ganz normalen Nachbarn verschwimmen. Es sind Verhältnisse,
in denen die Gewalt roh und unvermittelt zutage tritt. Der Film zeigt
den tristen Alltag in Halle- Neustadt. Mittlerweile sind die Nazis von
gestern älter und auch äußerlich kaum noch von anderen
Neustädtern zu unterscheiden. Zu reden sein wird also über ganz
alltägliche Gewalt, die sich gegen die eigene Frau, die eigenen Kinder,
den Ausländer an der Ecke oder gegen den Nachbarn, der zu laut Musik
hört, richtet. „Stau“ bietet Einblicke in eine Gesellschaft,
in der ärmliche Gestalten ihr aussichtsloses Leben leben. Sie haben
kaum eine Chance auf Verbesserung. Trotz dieser zutiefst menschenunwürdigen
Umstände ist Mitleid allerdings nicht angebracht. Denn diese Menschen
reflektieren nicht auf ihre Situation. Sie bemühen sich nicht um
Einsicht in die irrationalen Verhältnisse. Sie machen dagegen Juden
und Ausländer für ihr Unglück verantwortlich. Für
sie gilt das Recht des Stärkeren, das sie stets brutal umzusetzen
bereit sind. Ein NPD-Parteiausweis ist dabei ebenso irrelevant wie das
Bekennen zum „Nazisein“. Dass die Situation hier in der Zone
so unangenehm ist, liegt vor allem an jenen ganz normalen Jugendlichen,
die so reden, denken und manchmal auch so handeln wie
Nazis.
Donnerstag,
27.November 2008, 19Uhr
Radio Corax (Veranstaltungsraum),
Am Unterberg, (Nähe
Universitätsplatz), Halle(Saale)
Im Zeichen der Krise—Massenwahn und gewaltförmige
Vergleichung in der Warengesellschaft.
Vortrag von Martin Dornis
Die aktuelle Finanzkrise ließ nicht nur Politikern und Ökonomen
das Blut in den Adern stocken. Der krisenhafte und von Anbeginn ideologische
Charakter der kapitalistischen Gesellschaft wird offenkundig. Unter Linken
wird plötzlich wieder Marx gelesen. Man hat sogar von einer »Lesebewegung«
gehört. Aber mit Marx ist nicht nur kein Staat, sondern schon gar
keine Bewegung zu machen. Es geht vielmehr um eine rücksichtslose
Kritik der bestehenden Verhältnisse. Vor diesem Hintergrund soll
im Vortrag über grundlegende Zusammenhänge von kapitalistischer
Gesellschaft, politisch-ökonomischer Krisen, Staat und ideologischer
Verarbeitung diskutiert werden. Was sagt die aktuelle Finanzkrise über
die kapitalistische Gesellschaft?
Martin Dornis ist freier Autor/Referent und wohnt in Leipzig. Er versteht
sich als materialistischer Gesellschaftskritiker.
Montag,
27. Oktober 08, 19 Uhr
Melanchthonianum, Uni Halle
Becketts
Endspiel und King of Queens – Versuch, die Kulturindustrie zu verstehen
Vortrag von Gerhard
Scheit
Bei
Beckett sind die Eltern von Hamm gut in den Haushalt integriert, sie leben
in den Mülltonnen, und hebt Hamm den Deckel ab, sagt er nur: »Seid
ihr noch nicht zu Ende? Kommt ihr nie zu Ende?«
Die Kulturindustrie macht immer weiter: Der Vater von Carrie aus der US-Sitcom
King of Queens haust im Keller, aus dem er wie von einer Mülldeponie
vergangener Moden seine Pullover holt. Der Unterschied ist nur, dass jeder
Mann, jede Frau, mit Doug und Carrie sich identifizieren kann, nicht aber
mit Hamm und Clov. Für ständige Abwechslung im Immergleichen
ist gesorgt, beim Pullover-Muster wie in den Beziehungskonflikten. Während
das Endspiel die Deformationen vorführt, »die den Menschen
von der Form ihrer Gesellschaft angetan werden« (Adorno), üben
die US-Sitcoms durch die Deformationen hindurch, die sie affirmieren,
zivilisatorische Standards ein, wie sie auf einer bestimmten Entwicklungsstufe
kapitalistischer Warenproduktion jeweils möglich sind.
Diese Dialektik der Aufklärung kommt bei Adorno und Horkheimer merkwürdigerweise
zu kurz. Dabei ist kein Jota ihrer Kritik an der Kulturindustrie zurückzunehmen
und jede Deformation als solche zu denunzieren. Nur wäre zu fragen,
ob nicht schon in der Formulierung des Begriffs der Frage des Staats zugunsten
einer diffusen Vorstellung von Macht ausgewichen wird, und dadurch ungeklärt
bleibt, auf welche Weise die Konsumenten der Kulturindustrie sich jeweils
mit politischen Instanzen identifizieren; ob also nicht die Kritik des
Staats auf dem Gebiet der Kulturindustrie erst noch zu eröffnen wäre.
Für die postnazistische Situation könnte das etwa heißen,
Doug und Carrie aus Queens den deutschen Paaren gegenüberzustellen,
die als Tatort-Ermittler in den Nachfolgestaaten des Dritten Reichs ihr
Unwesen treiben.
Gerhard
Scheit lebt als Autor und Publizist in Wien. Zuletzt erschien: »Suicide
Attack. Zur Kritik der politischen Gewalt« (Freiburg 2004) und »Jargon
der Demokratie. Über den neuen Behemoth« (Freiburg 2006). Mitherausgeber
der neuen Werkausgabe von Jean Améry (Stuttgart 2002ff.) und Mitautor
des von Karin Lederer herausgegebenen Buches »Zum aktuellen Stand
des Immergleichen. Dialektik der Kulturindustrie – vom
Tatort zur Matrix« (Berlin 2008), das bei gleicher Gelegenheit vorgestellt
werden soll.
German
Images.
Filme zum postfaschistischen Alltag
Als
Theodor W. Adorno und andere Vertreter der Kritischen Theorie in den 1950er
Jahren vor einem Fortleben des Nationalsozialismus warnten, ging es ihnen
mitnichten darum, auf ordinäre Nazis hinzuweisen, die fahnenschwenkend
vom Dritten Reich träumten und dieses wieder neu zu errichten trachteten.
Vor dem Hintergrund der Erfahrungen des Nationalsozialismus und der Erkenntnis,
dass mit der militärischen Zerschlagung Nazideutschlands keineswegs
die Vorraussetzungen für einen erneuten Rückfall in die Barbarei
zerstört werden konnten, wussten sie, dass „das Nachleben des
Nationalsozialismus in der Demokratie als potentiell bedrohlicher“
zu betrachten sei, „als das Nachleben faschistischer Tendenzen gegen
die Demokratie“. Hinter der Warnung vor dem Weiterleben des Nationalsozialismus
steckt zum einen das Bewusstsein davon, das dieser durchaus demokratische
Elemente besaß und ohne die massenhafte Begeisterung nahezu aller
Deutschen keinerlei Legitimation gehabt hätte. Zum anderen verweist
sie noch auf etwas anderes. Darauf nämlich, dass die nationalsozialistische
Ideologie keineswegs mit der vielbeschworenen „Stunde Null“
sang- und klanglos aus den Köpfen der Menschen verschwand. Vielmehr
leben die Versatzstücke dieser Ideologie in den Menschen fort.
Man
muss kein allzu aufmerksamer Beobachter seiner Umgebung sein, um jene
Fragmente der deutschen Ideologie und die aus ihnen resultierenden Widerwärtigkeiten
zu erkennen. Beispiele hierfür gibt es viele. Allgegenwärtig
scheint der Ruf nach überschaubaren, einfachen Verhältnissen
zu sein: ob Eso-Kitsch, Dalai-Lama-Hype oder der romantisierende Blick
auf das Mittelalter oder das Landleben. Die gefühlsmäßige
Aversion gegen die Moderne, also gegen Luxus und Individualismus, zeugt
nicht von der Kritik eines Glücksversprechens, das nicht eingehalten
werden kann, sondern ist der Ausdruck einer Ideologie, die den anderen
das neidet, was man sich selbst nicht zu wünschen vermag. Das Bedürfnis
nach Einfachheit bedeutet hier auch stets die Überwindung der Vermittlung
von Herrschaft. Nicht über die Verhältnisse – und letztlich
den Staat und seine Organe – soll die Gewalt vermittelt und exekutiert
werden, sondern direkt vom Volk selber. Hinter dem Ruf nach der Todesstrafe
für „Kinderschänder“ zum Beispiel verbirgt sich
letztlich der Wunsch nach direkter Herrschaft des Volkes über den
Einzelnen, das diese Forderung am liebsten selbst umsetzen möchte.
Dass solcher Art Herrschaft nicht in Form von Rechtsstaatlichkeit, also
zumindest der Möglichkeit nach in einem fairen Prozess für den
Einzelnen, stattfinden soll, sondern als vom Mob ausgeübte Gewalt,
ist diesem Wunsch inhärent. Während der Staat allerdings auf
seiner Souveränität beharrt und Recht durchsetzt, findet diese
kollektive Rohheit und Brutalität in deutschen Gärten, Kneipen
und auf den Straßen statt. Ob das Drangsalieren der eigenen Familienmitglieder
oder brutale Gewalt gegen Andere – am Besten gegen Ausländer
und Juden, zur Not tut es aber auch der Obdachlose vom Dorf oder jemand
ganz ohne „Makel“ –, die atomisierte Volksgemeinschaft
ist 60 Jahre nach dem Ende des NS noch immer zum Losschlagen bereit. Während
die einfachen unter den Deutschen diese Gewalt tagtäglich exekutieren,
projizieren die Sozialisierten und Gebildeteren ihre Vernichtungswünsche
auf die Palästinenser, die Tibeter oder andere Völker, die für
ebenjene Authentizität oder Direktheit stehen, die man sich für
das eigene Volk auch ersehnt.
Zuständen dieser Art widmet sich die Filmreihe. In ihr soll es aber
keineswegs darum gehen, die hundertste Dokumentation über Stiefelnazis
zu zeigen, um in mahnendem Duktus die Gefahr des sogenannten Rechtsextremismus
für die Demokratie anzuprangern. Vielmehr soll der Frage nachgegangen
werden, wie der Alltag jener Menschen aussieht, die nicht nur sich, sondern
auch anderen regelmäßig das Leben zur Hölle machen. Die
Filmreihe zeigt Dokumentationen, die (oftmals unfreiwillig und in alles
anderer als kritischer Absicht) nicht nur die Widerwärtigkeiten eines
Alltags entlarven, in dem Stumpfsinn, Langeweile und Tristesse auf der
Tagesordnung stehen. Es werden Menschen gezeigt, die die Schuld am Elend
nicht in den Verhältnissen suchen, die es tagtäglich hervorbringen.
Es geht um Jene, die sich stattdessen im Elend häuslich eingerichtet
und mit der vermeintlichen Unüberwindbarkeit dieser Verhältnisse
schon längst abgefunden haben.
Wochendseminar
am 5. und 6. September
Über
die Psychopathologie des Islam
Die Aggressivität des Islam, erwachsen aus der eigenen Versagung,
dem begehrten Verbotenen und dem verbotenen Begehrten, konzentriert sich
auf das Sinnbild der westlichen Dekadenz: die Juden, von denen, wie der
Begründer der Muslimbrüderschaft
sagt, die ganze Welt gelernt habe, "die sinnlichen Bedürfnisse
zu befreien" und so die gläubigen Muslime in den Schmutz zu
stoßen, auf die Israelis, deren Staat gewordene Gesellschaft den
Menschen den Menschen der arabischen Gemeinschaft permanent eine widersprüchliche,
auf Fortschritt bedachte Kultur vor Augen führt, deren Mitglieder
nach individuellem Glück streben. Da sie die westliche, in Israel
konkretisierte Welt, nicht so verdrängen können wie die eigenen
Triebansprüche, bleibt nur, das Begehrte zu zerstören. Die Destruktion
wird zur einzig noch möglichen Annäherung ans Objekt; so werden
sie nicht lassen können, nicht von Israel, nicht von der dekadenten
Welt überhaupt. Daß aber in erster Linie die Juden in die reinigenden
Fluten des Meeres getrieben werden müssen -- das ist die Quintessenz
der "islamischen Erneuerung", die dabei ist, das größte
psychopathologische Kollektiv zu formen, das die Welt seit langem gesehen
hat.
Mit Natascha Wilting (Redaktion Bahamas)
Eine Anmeldung ist erforderlich, da die Teilnehmerzahl begrenzt ist.
Dienstag,
12. August 08, 19 Uhr
Radio Corax: Veranstaltungsraum
Unterberg 11 (Nähe Universitätsplatz), Halle (Saale)
„Wir
sind Dalai Lama."
Ein Mönch und die Bedürfnisse seiner deutschen Anhänger
Vortrag von
Horst Pankow
Mitte
Juni berichtete die „Berliner Zeitung" von Anstrengungen deutscher
Diplomaten ihren chinesischen Kollegen zu erklären, „dass Merkels
Dalai-Lama-Empfang weniger eine außen- als eine innenpolitische
Botschaft enthielt, weil der Friedensnobelpreisträger in Deutschland
nun mal so populär ist". Und das ist er in der Tat. Schon als
der politisierende Mönch im vergangenen Jahr durch Deutschland tourte,
bescherte ihm der allgemeine Zuspruch nicht nur prominente Plätze
in den Massenmedien, bei seinen öffentlichen Auftritten erreichte
er Besucherzahlen, wie sie sonst nur Pop-Stars beschieden sind.
Antwort
auf die Frage nach den Voraussetzungen dieses, nicht nur in Deutschland,
sondern nahezu in der gesamten westlichen Welt zu verzeichnenden Erfolgs
ist freilich nicht leicht zu erlangen. In den Veröffentlichungen
des Lamas findet man kaum mehr als diffuse Lebensweisheiten, die gestressten
Zivilisationsmenschen nahelegen, nicht zu sehr am Materiellen zu kleben,
Geduld, Gelassenheit und vor allem „Loslassenkönnen" zu
üben, Weisheiten mithin, die auf dem Esoterik-Markt stets wohlfeil
zu haben sind. Auch macht der Lama selbst wenig Aufhebens von seinem tibetisch-buddhistischen
Firlefanz. Bei manchen Gelegenheiten hat er Konvertierungswillige gar
mit der Aufforderung brüskiert, sich doch zunächst einmal mit
ihrer „angestammten" religiösen Tradition zu beschäftigen.
Mehr
noch als „spiritueller Führer" hat das „geistliche
Oberhaupt" der Tibeter als Separatistenchef einen Namen. Ob aus dem
indischen Exil oder während seiner Welt-Tourneen, niemals wird er
müde, den „kulturellen Genozid", den „Ethnozid"
am „tibetischen Volk" mittels „Überfremdung der
Heimat" anzuprangern. Wenn solcherlei Aufforderungen zur ethnischen
Säuberung aber von tibetischen Nationalisten handfest umgesetzt werden,
wie anlässlich des „Volksaufstandes" im März, als
ein fanatisierter Mob chinesische Händler und ihre Angestellten lebendig
verbrannte, winkt der Lama ab und droht sogar, angesichts der Gräueltaten
das Handtuch zu werfen. Nicht die staatliche Unabhängigkeit Tibets
ist sein Ziel, mit einer „Autonomie" innerhalb des chinesischen
Staatverbandes würde er sich durchaus begnügen. Das Tibet vor
der chinesischen Besetzung zu verklären, ist sein Anliegen offenbar
nicht; er selbst hat schon auf das Barbarische der seinerzeitigen klerikal-feudalen
Herrschaft hingewiesen.
Scheint
der Dalai Lama eine widersprüchliche Figur zu sein, ohne übertriebene
Kohärenz in der Weltsicht, so zeigen sich seine deutschen Anhänger
entschlossener. Die blutigen antichinesischen Ausschreitungen im März
wurden nicht nur in Deutschland als legitimer Kampf gegen eine fiese Besatzungsmacht
glorifiziert, der fanatische Mob und die verbrannten Leichen seiner Opfer
aus den Videoaufnahmen der Nachrichtensender weitgehend entfernt. Entschlossen
agierende Schlägertypen, die den Transport des sog. „Olympischen
Feuers" gewaltsam zu verhindern versuchten, wurden zu Helden stilisiert,
nicht etwa weil sie vielleicht dem irrational-autoritären Feuerzauber
ein Ende hätten machen wollen, sondern weil die weltweite Fangemeinde
das mythische Feuer schlicht von falschen, sprich chinesischen, Händen
getragen sah.
Sowenig
die westliche Tibetbegeisterung etwas mit den realen Verhältnissen,
Möglichkeiten und Perspektiven der kargen Hochland-Region zu tun
hat, so wenig bezieht sie sich auf ein reales China. Auch wer annimmt,
das Tibet-Bild der westlichen Tibet-Freunde sei ebenso eine Projektion
wie die Heiligkeit des „geistlichen Oberhauptes", liegt wohl
nicht falsch. Bezeichnenderweise ist gerade die zum „Dach der Welt"
erhobene Himalaja-Region seit langem Projektionsfläche obskurer Bedürfnisse:
Ein geheimnisvolles „Shangri-La", bewohnt von Menschen mit
gleichermaßen intellektueller wie erotischer Weisheit, wähnten
dort Schwärmer in der Zeit nach dem 1. Weltkrieg, später versuchten
nazideutsche Expeditionen in dem Hochland die „Wiege der arischen
Rasse" zu finden (noch heute geniert man sich nicht bei dem Hinweis,
der Dalai Lama habe seine ersten Unterweisungen in Weltläufigkeit
durch den SS-Mann Heinrich Harrer erhalten), und während des chinesischen
Realsozialismus war Tibet ein Focus pseudomessianischen, fanatisch antikommunistischen
Welterlösungswahns.
Obgleich
die historischen und mentalen Bedingungen solcher Projektionen heute nicht
mehr existieren, wird dennoch ungehemmt weiter projiziert. Termini wie
autochthon, gewachsene Kultur, Fremdherrschaft und Überfremdung bestimmen
die aktuellen Tibet-Fantasien. Was es damit auf sich hat, was daraus folgen
kann und ob möglicherweise bei einem guten oder auch schlechten „Medaillenspiegel"
deutscher Sportler bei der Olympiade in China ein Boulevardblatt „Wir
sind Dalai Lama" verkündet, soll im Vortrag erläutert werden.
Horst
Pankow lebt in Berlin und veröffentlicht Einwände gegen den
Irrationalismus dieser Zeit u.a. in „konkret“, „Bahamas“
und „Prodomo“.
Wochenendseminar
am 25. und 26. Juli 08
Einführung in die Kritik der politischen Ökonomie
mit Philipp Lenhard
Antikapitalismus
ist in Deutschland en vogue. Sozial- und Christdemokraten sind sich mit
Linkspartei und NPD einig, dass der „Raubtierkapitalismus“
(Helmut Schmidt) vom Staat gezähmt und in eine Marktwirtschaft mit
menschlichem Antlitz, d.h. staatlicher Regulation und Drangsalierung,
verwandelt werden müsse. Das alte deutsche Ressentiment gegen die
abstrakte Gleichheit und Freiheit der bürgerlichen Gesellschaft,
das sich in den Reden und Pamphleten von Politikern, Pfaffen und NGOs
austobt, zielt darauf ab, die Welt wieder zu einem überschaubaren
und natürlich eingerichteten Ort zu machen, an dem niemand mit der
Freiheit zu denken konfrontiert wird und ganz darin aufgehen kann, Exemplar
einer urwüchsigen Gemeinschaft zu sein.
Mit solchem Antikapitalismus hat Marx’ Kritik der politischen Ökonomie
nichts gemein – sie ist sein gerades Gegenteil. Marx kritisiert
das Kapital als ein automatisches Subjekt, das sich – obgleich dem
Handeln von Menschen entsprungen – durch sie hindurch reproduziert
und ihnen seine eigentümliche Logik aufherrscht. Das Kapital ist
damit eine Verkehrung von Subjekt und Objekt, insofern es die unter es
subsumierten Individuen als aus freiem Willen entscheidende nur simuliert,
während in Wahrheit das Kapitals selbst das Subjekt der Geschichte
ist. Um diesen Skandal zu beenden und die Menschen im Geiste der Aufklärung
zu Herren ihrer eigenen Geschicke zu machen, hat Karl Marx vor etwa 150
Jahren ein Buch geschrieben, das noch heute die beste Kritik der kapitalistischen
Gesellschaft in ihren Grundzügen darstellt. Aus diesem Grund lohnt
es sich nach wie vor, es zu lesen und zu diskutieren.
Im Seminar sollen Struktur und Begrifflichkeiten des ersten Kapitels des
ersten Bandes des Kapitals erklärt und gemeinsam erarbeitet werden,
um – mit den Grundbegriffen ausgerüstet – das Studium
des Kapitals und die Kritik des Kapitals in Eigenregie fortführen
zu können. Dabei liegt die Betonung auf der Textlektüre, weil
erst ein gewisses Maß an genauer Textkenntnis den Raum für
verschiedene Lesarten öffnet.
Philipp Lenhard, freier Autor aus Köln u.a. für Bahamas und
Prodomo, wird das Seminar leiten und dabei darauf achten, dass der Gesamtkontext
des Werkes nicht aus den Augen verloren wird. Er hat zwar nicht auf jede
Frage eine Antwort, meint aber, dass es wichtiger ist, die entscheidenden
Fragen zu stellen. Das Ziel des Seminars ist es also nicht, am Ende „Bescheid
zu wissen“, sondern kritisch gedacht zu haben. Denn nur die Kritik
– und das ist der keineswegs zufällig im Untertitel des Kapitals
auftauchende zentrale Marx’sche Begriff – geht aufs Ganze:
sie fordert die Abschaffung jeglicher Herrschaft und Ausbeutung.
Eine
Anmeldung ist erforderlich, da die Teilnehmerzahl begrenzt ist (agantifa[at]googlemail.com).
Ein Reader wird rechtzeitig vor der Veranstaltung ausgegeben.
Mittwoch,
2. Juli 2008
Beginn bereits 18.00 Uhr!!!
Melanchthonianum, Uni Halle
Der Geist
als Beute.
Über die bandenmäßige Reorganisation der deutschen Universitäten.
Vortrag und Diskussion
mit Magnus Klaue.
Die Universität, heißt es, drohe sich dem kapitalistischen
Markt auszuliefern, zum Job-Center zu werden und soziale Ungleichheiten
stärker als je zu perpetuieren. So abstrakt gesprochen ist das alles
nicht falsch, betrachtet man aber die konkreten Formen, in denen sich
solcher Protest artikuliert, und vergleicht sie mit den Arbeitsweisen,
die sich innerhalb der Uni als „Cluster", Graduiertenkollegs
usw. herausbilden, stellt man bald fest, daß die universitäre
Verwaltung
und der studentische Protest sich gar nicht so feindlich gegenüberstehen,
wie es den Anschein hat. Tatsächlich fürchten sie
alle nichts mehr als das, was unter dem Namen des freien Marktes wahrhaft
verstanden werden könnte: die Konkurrenz der Gleichen, bei der sich
tatsächlich diejenigen mit dem differenziertesten geistigen Profil
durchsetzen könnten. Ersehnt wird statt dessen: Protektion, autoritäre
Herzenswärme, universitärer Gemeinschaftsgeist – kurz,
der böse Vater soll nicht überwunden, sondern durch den guten
Papa ersetzt werden, als den Studierende wie Lehrende sich ihre Alma Mater
wünschen. Die Massenuniversität, in der jeder sich gegen einen
anonymen Verwaltungsapparat behaupten muß, wird dabei transformiert
zum Racket, das zwar noch grausamer gegen den Einzelnen ist, dafür
aber umso mehr gütigen Gemeinschaftsgeist aufbringt. Wie das sich
im Alltag reflektiert, soll der Vortrag anhand so unappetitlicher Dinge
wie Examensfeiern und Uni-T-Shirts, vor allem aber anhand der Protestformen
einer ‚jungen' Generation studentischer Aktivisten untersuchen,
denen die Uni vor allem eines zu sein scheint: ein a priori feindlicher
Raum, den man besetzen und verschandeln muß, um sich wohl zu fühlen.
Magnus
Klaue lebt und arbeitet in Berlin. Er veröffentlicht regelmäßig
in der Zeitschrift „konkret".
Montag,
16. Juni 08, 19 Uhr
Melanchthonianum, Uni Halle
Kritik
versus Realpolitik?
Die Zukunft der Israelsolidarität
Podiumsdiskussion
mit Stephan Grigat und Justus Wertmüller.
Die
materialistische Kritik an der Volks- und Staatsbegeisterung der deutschen
Linken, die seit dem Ende der achtziger Jahre formuliert wurde, war stets
mehr als eine allgemeine Staatskritik. Im Unterschied zur autonomen Linken,
die „Feuer und Flamme für jeden Staat“ forderte und dabei
zuallererst an Israel dachte, betonte sie den Unterschied. Denn auch wenn
der Staat stets der „Staat des Kapitals“ (Johannes Agnoli)
ist, ist Staat eben nicht gleich Staat. Während Israel als Reaktion
auf die Barbarei einer in Staaten eingeteilten Welt gegründet wurde,
wurde Deutschland spätestens mit Auschwitz zur Avantgarde dieser
Barbarei. Angesichts dieser Erkenntnis fielen die Solidarität mit
Israel, die Kritik am Kapitalismus, an Deutschland und seinen geistig-moralischen
Verbündeten in eins.
Inzwischen ist Israel nicht mehr „nur“ durch die konventionellen
Armeen seiner Nachbarstaaten, den Terror der diversen islamischen Gangs
und die Ungunst der „internationalen Staatengemeinschaft“
bedroht. Der Iran, dessen Führung die Vernichtung Israels zum Staatsziel
erhoben hat, ist auf dem besten Weg zur Atommacht. Europa übt sich
gegenüber dem Mullah-Regime derweilen in Appeasement. Vor diesem
Hintergrund greift ein Teil der Israelsolidarität auf die lange Zeit
verpönte Kampagnen- und Kongresspolitik zurück und sucht seine
Bündnis- und Ansprechpartner in der vielbeschworenen Mitte der Gesellschaft:
Bei mehreren israelsolidarischen Konferenzen, bei denen die iranische
Bedrohung thematisiert wurde, wurde gefordert, endlich auf das Theoretisieren
zu verzichten und zu „knallharter Realpolitik“überzugehen.
Vor diesem Hintergrund diskutieren Stephan Grigat und Justus Wertmüller
über die Zukunft der Israelsolidarität. Sie fragen: Ist die
Kampagnenpolitik Ausdruck des Niedergangs der Israelsolidarität oder
ihre Reproduktion auf einer höheren Stufe? Löst sich die Israelsolidarität
im Rahmen der aktuellen Kampagnenpolitik von der Kritik? Verwandelt sich
Deutsch-Europa also vom Gegenstand der Kritik in einen positiven Ansprechpartner?
Ist die israelsolidarische Politikberatung nach dem Liberalismus das nächste
Ticket für den Marsch in die ?Mitte der Gesellschaft“? Oder
wird es angesichts der existenzbedrohenden Situation, in der sich Israel
befindet, nicht tatsächlich Zeit, Kompromisse zu machen und sich
in die Realpolitik einzumischen?
Stephan
Grigat (Wien) ist Mitbegründer der Kampagne „Stop the Bomb“,
Mitherausgeber des Buches „Der Iran – Analyse einer islamischen
Diktatur und ihrer europäischen Förderer (Studienverlag 2008)
und gehört zur Gruppe „Café Critique“; Justus
Wertmüller (Berlin) ist Redakteur der Quartalszeitschrift „Bahamas“.
01.
April 08, 19 Uhr
Radio Corax, Veranstaltungsraum
Unterberg 11 (Nähe Universitätsplatz)
Schwulenhaß
und Männerbund
Die autoritäre Sehnsucht im deutschen Sprechgesang
Vortrag von Tjark
Kunstreich
Als der Sänger G-Hot aufgrund seiner schwulenfeindlichen Texte
Ende letzten Jahres von einem großen Rap-Konzert in der Easy Schorre
ausgeladen wurde, zeigte die hallische Hip-Hop-Szene, was in ihr steckt:
Im besten Fall wurden die homophoben Äußerungen G-Hots verharmlost,
im Normalfall bekannten sich Szeneangehörige offen zu ihrem Hass
auf Schwule und verbreiteten in Internetforen Gewaltaufrufe und Vernichtungsphantasien.
Als G-Hot entgegen der Ankündigung doch für einen kurzen »Gastauftritt«
in der Easy Schorre erschien, war das Publikum begeistert. Auf der Bühne
wurde dazu aufgerufen, dem Vertreter einer schwul-lesbischen Arbeitsgruppe
an der Universität Halle, die sich gegen den Auftritt G-Hots ausgesprochen
hatte, einen »Hausbesuch« abzustatten; im Publikum wurde gejubelt.
Das ist für die AG Antifa mehr als Grund genug, sich – nicht
nur anhand der Hip-Hop-Szene – mit dem Zusammenhang von Homophobie
und Männerbund auseinanderzusetzen.
Wenn
sich niemand mehr wundert, dann stimmt etwas nicht: An der Musik kann
es nicht liegen, daß deutscher Sprechgesang zur beliebtesten Stilrichtung
unter männlichen Jugendlichen geworden ist. Die Einfallslosigkeit
der Samples, die Stereotypie der Pose, der immergleiche Sprechrhythmus,
mit dem sich deutsche Rapper gegen den Flow und den Sprachwitz amerikanischer
Rapper abgrenzen wollen, indem sie noch männlicher, d.h. unmusikalischer
daherkommen, leben schon längst mehr von Street-credibility, also
der Beschränktheit der Instrumente wie des eigenen Geistes, sondern
von scheinbarer Provokation.
Die Inhalte dieser Provokation der deutschen Bürgerwelt sind hinlänglich
bekannt: Schwulenhaß und Frauenverachtung, Rassismus und Antisemitismus,
Antiamerikanismus und eine merkwürdige Affinität zum Islam.
Allerdings sind gerade letztere zu Provokation in Deutschland kaum geeignet,
weil das Ressentiment den allgemeinen Geisteszustand kennzeichnet. Gegen
Schwulenhaß und Frauenverachtung im deutschen Sprechgesang protestieren
jedoch viele, von Claudia Roth bis zum Lesben- und Schwulenverband in
Deutschland: Das will man doch lieber dem Iran und anderen Ländern
überlassen, bei denen man sich damit beruhigen kann, daß es
sich bei Gepflogenheiten wie Steinigungen um kulturelle Eigenheiten handele.
Weil das eine Ressentiment geteilt wird und das andere nicht etwa verurteilt
würde, weil es menschenverachtend und antizivilisatorisch ist, sondern
schlicht, weil man zwar so denken, aber nicht so sprechen dürfe,
also weil es nicht politisch korrekt formuliert wird, erscheint es in
der öffentlichen Debatte so, als seien die schwulen- und frauenfeindlichen
Texte deutscher Rapper Ausfälle einer ansonsten kommoden Subkultur.
Die zur Eingrenzung dieser Ausfälle unternommenen Bemühungen
erinnern nicht zufällig an die akzeptierende Sozialarbeit mit Nazis,
deren Erfolg darin bestand, das Nazitum zur Alltagskultur zu machen.
Was aber, wenn es sich, ähnlich wie bei den Zonen-Nazis der neunziger
Jahre, nicht um Irregeleitete handelt, sondern um Überzeugungstäter?
Wenn es tatsächlich nicht um die Musik, sondern um die Botschaft
geht? Der Schwulenhaß und die Frauenverachtung sind nicht zufällig
mit zivilisationsfeindlicher Ideologie verbunden: die Frauen- und Schwulenemanzipation
sind ja nicht zuletzt ein Resultat der Zivilisation. Und an die, die der
Zivilisation etwas zu danken haben, heftet sich der Haß derer, die
von sich meinen, zu kurz gekommen zu sein und immer übers Ohr gehauen
zu werden. Kurzum: Deutscher Hiphop ist wegen der Haß-Texte erfolgreich
und nicht wegen der Musik. Auf den Konzerten treffen sich männliche
Jugendliche mit der Sehnsucht nach dem Männerbund, die auch ansonsten
für klare Verhältnisse sind. Die Männlichkeit, mit der
sie imponieren wollen, ist so hohl, daß sie Schwule und Frauen,
die für eine unbekannte Verheißung stehen, hassen müssen.
Und sie glauben dem, der ihnen das erzählt.
Der Männerbund, das wußten schon die Vertreter der Kritischen
Theorie nach ihrer Studie über Autorität und Familie, ist die
Keimzelle autoritärer Herrschaft. Das Bedürfnis nach einfachen
Herrschaftsverhältnissen, wie sie in Banden und Gangs vorherrschen,
korrespondiert mit einer Homophobie, die das gleichgeschlechtliche Verlangen
im eingeschlechtlichen Zusammenhang leugnen und nach außen projizieren
muß.
Tjark Kunstreich (Berlin) ist Autor und Publizist. Er hat u. a. für
den von Renate Göllner und Ljiljana Radonic herausgegebenen Sammelband
„Mit Freud. Gesellschaftskritik und Psychoanalyse“ (Freiburg:
ça ira-Verlag) einen Beitrag über den Zusammenhang von Männerbund
und Homophobie verfasst.
Linke
Leute von rechts, rechte Leute von links.
Die Aufhebung der politischen Gegensätze
Ankündigungstext
zur Reihe Linke Leute von rechts, rechte Leute von links. Die
Aufhebung der politischen Gegensätze weiter...
25. April 08, 18.30 Uhr
Melanchthonianum,
Uni Halle
Vortrag 8: Wenn die Partei das Volk entdeckt.
Ein kritischer Beitrag zur Volksfrontideologie und ihrer Literatur
Vortrag von Birgit Schmidt
Volksfront
– Mit diesem Begriff verbinden die meisten Menschen ein lange erwartetes
und für dringend notwendig erachtetes, gemeinsames Vorgehen gegen
den Nationalsozialismus und sehen ihn von daher ausschließlich positiv.
Tatsächlich aber forderte die Volksfrontideologie, die für alle
organisierten Kommunisten ab 1935 obligatorisch zu befolgende Parteilinie
war, unverbrüchliche Treue gegenüber der jeweiligen Außenpolitik
der UdSSR, was unter anderem bedeutete, dass deutsche Kommunisten nach
dem Spätsommer 1939 nicht mehr gegen den Nationalsozialismus –
durchgängig Faschismus genannt – agitieren durften, und dass
die in Moskau exilierte KPD-Spitze 1940 von den angeblich weniger gefährdeten
„einfachen“ Kommunisten in Frankreich verlangte, nach Deutschland
zurückzugehen bzw. sich der Gestapo zu stellen. Erst mit dem deutschen
Überfall auf die Sowjetunion rückte der Nationalsozialismus
wieder in den Focus kommunistischer Aufmerksamkeit.
Deutsche Volksfront – das bedeutete auch die ständig wiederholte
Behauptung, dass das gesamte deutsche Volk als Gesamtheit – mit
Ausnahme des „Monopolkapitals“ - unter der „Hitler-Diktatur“
leide und sie bekämpfe. Wer mit diesen inhaltlichen Vorgaben seine
Schwierigkeiten hatte, sie gar bezweifelte und/oder kritisierte, geriet
nach 1949, ganz besonders während der frühen fünfziger
Jahre, in Widerspruch zu Partei- und Staatsapparaten, denen nicht an der
Debatte, sondern an fügsamen Staatsdienern gelegen war. Die Verfolgungswelle
gegen die sogenannten (ehemaligen) Westemigranten, bei denen es sich tatsächlich
um kritischere Kommunisten handelte – so hatte sich die in Mexiko
exilierte KPD-Gruppe von der deutschen Bevölkerung wegen ihrer antijüdischen
Verbrechen losgesagt – hatte ihren Ursprung in der Volksfront.
Dass Schriftsteller/innen wie Anna Seghers, Bodo Uhse und Ludwig Renn
trotz ihrer KPD- und späteren SED-Mitgliedschaft mit der Staatsideologie
der DDR zwangsläufig kollidieren mussten, hat Birgit Schmidt in ihrer
Dissertation Wenn die Partei das Volk entdeckt aufgezeigt. Heute
Abend wird sie erneut die Frage nach dem Zusammenhang zwischen (deutsch)nationaler
Volksfrontideologie und der Verfolgung von Menschen stellen, die jüdisch
und/oder homosexuell waren, auf jeden Fall mehrsprachig, weitgereist und
kritisch, - kosmopolitisch also, wie der Vorwurf letztlich lautete.
Birgit
Schmidt veröffentlichte zuletzt „Freundliche Frauen. Eine Kritik
an der Juden- und Frauenfeindlichkeit des esoterischen Feminismus“
und „Kein Licht auf dem Galgen. Ein Beitrag zur Diskussion um KPD/SED
und Antisemitismus“.
Antifaschistische Hochschultage
an der Uni Halle
Linke Leute von rechts, rechte Leute von links. Die Aufhebung der politischen
Gegensätze.
In den dreißiger Jahren des 20. Jahrhunderts stellten sich konservative,
liberale und sozialdemokratische Intellektuelle, die vor dem Nationalsozialismus
geflohen waren, die Frage, wer oder was sie zur Emigration gezwungen hatte.
Da sie nicht verstanden, warum sie, ausgewiesene Feinde des Kommunismus,
von den antikommunistischen Nazis vertrieben wurden, bastelten sie sich,
wie Hermann L. Gremliza vor einigen Jahren erklärte, eine Lehre zusammen,
»in der sich das, was sie hassten, mit dem, was sie hasste, zu ein
und demselben Übel verband«. Sie erfanden die Totalitarismustheorie.
Faschismus und Kommunismus galten von nun an als identisch.
Gegen diese Rot-gleich-braun-Formel ist seither viel Richtiges eingewandt
worden: Die Gleichsetzung des »Dritten Reiches« mit den Staaten
des »real existierenden Sozialismus« verharmlost den Nationalsozialismus
und Auschwitz, die Totalitarismustheorie unterschlägt den Anteil,
den konservative wie liberale Kräfte an der Machtergreifung der Faschisten
und Nationalsozialisten hatten, und sie entkoppelt das Verhältnis
von Faschismus und Kapitalismus.
Gerade die Linke, die verbal am vehementesten gegen die Gleichsetzung
von links und rechts anging, schien sich auf praktischer Ebene jedoch
immer wieder bemühen zu wollen, die Totalitarismustheorie zu bestätigen.
Als Kurt Hiller die Angehörigen des Strasser-Flügels der NSDAP
1932 in der Weltbühne als »linke Leute von rechts« bezeichnete,
hatten die Mitglieder der KPD nichts Besseres zu tun, als sich als »rechte
Leute von links« zu präsentieren, ihre »Programmerklärung
zur nationalen und sozialen Befreiung des deutschen Volkes« zu verabschieden
und sich dort als die besseren Freunde von Volk und Vaterland darzustellen.
Bereits zwei Jahrzehnte zuvor hatte der greise »Arbeiterführer«
– so ließen sich die Wortführer der Arbeiterbewegung
tatsächlich gern nennen – August Bebel im Reichstag erklärt,
dass er, wenn es gegen Russland gehe, selbst die »Flinte auf den
Buckel« nehmen würde. 1923 hatte sich der Komintern-Funktionär
Karl Radek schließlich positiv auf Albert Leo Schlageter bezogen,
ein Freikorps-Mitglied, das während der Ruhrbesetzung Anschläge
auf die französischen Besatzungstruppen verübt hatte. Und im
gleichen Jahr machte Ruth Fischer, damals Mitglied des Zentralkomitees
der KPD, Konzessionen an den Antisemitismus der NSDAP und erklärte
vor Nationalsozialisten: »Wer gegen das Judenkapital aufruft, meine
Herren, ist schon Klassenkämpfer, auch wenn er es noch nicht weiß.
Sie sind gegen das Judenkapital und wollen die Börsenjobber niederkämpfen.
Recht so. Tretet die Judenkapitalisten nieder, hängt sie an die Laterne,
zertrampelt sie. Aber meine Herren, wie stehen sie zu den Großkapitalisten,
den Stinnes, Klöckner...?«
An diese Traditionen knüpft die heutige Linke an. Linkspartei-Chef
Lafontaine hetzt im NS-Jargon gegen »Fremdarbeiter«, linke
Antiimperialisten sammeln unter der Parole »Zehn Euro für den
irakischen Widerstand« für faschistische Organisationen im
Irak, und Mitglieder einer ominösen »Gruppe Internationale
Solidarität« greifen, um ein Beispiel aus der Region zu bringen,
am Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz in Magdeburg
Menschen an, die aus Solidarität mit den Befreiten die Fahne Israels
tragen – des Staates, der gegründet wurde, um den Überlebenden
des Holocaust eine Heimstätte zu bieten und sie vor erneuter Verfolgung
zu schützen.
Es gibt allerdings mindestens einen zentralen Unterschied zwischen den
Kommunistischen Parteien der dreißiger Jahre und der heutigen Linken:
Der damalige Flirt mit Volk, Staat und Nation war – was ihn freilich
nur wenig besser macht – häufig von taktischen Erwägungen
getrieben. Er stand in krassem Widerspruch zu den Aussagen derjenigen,
auf die sich die jeweiligen Parteien immer wieder beriefen. Die Texte
von Marx, Engels und bis zu einem gewissen Grad auch Lenin, die in Deutschland
vom selben Parteivorstand herausgegeben wurden, der auch für die
»Programmerklärung zur nationalen und sozialen Befreiung des
deutschen Volkes« verantwortlich zeichnete, waren der permanente
Einspruch gegen die offizielle Parteilinie. Einen solchen Einspruch gibt
es inzwischen nicht mehr. Die heutige Linke bezieht sich in ihrer Mehrheit
nicht mehr auf Marx und Engels, und selbst die Reste des organisierten
Leninismus scheinen, wenn sie von Lenin sprechen, eher Pol Pot vor Augen
zu haben. Die zentralen Ikonen des linken Mainstreams sind Michael Hardt,
Antonio Negri, Pierre Bourdieu, Michel Foucault und Gilles Deleuze –
und damit der NS-Philosoph Martin Heidegger und der Gemeinschaftsverehrer
Ferdinand Tönnies. Der früher bestehende Widerspruch zwischen
Traditionsbildung und offizieller Politik, zwischen postuliertem Anspruch
und Realität also, ist damit aufgehoben. Die Linke hat sich, um eine
beliebte Formel, mit der die Freunde des Proletkults das Desinteresse
der Arbeiterklasse an ihrer historischen Mission lange Zeit zu erklären
versuchten, nicht nur »an sich«, sondern auch »für
sich« in eine Agentur der Gegenaufklärung verwandelt. Das heißt:
Die Idee der Emanzipation, die sich die Linke einst auf ihre Fahnen geschrieben
hatte, kann nicht mehr mit ihr, durch »kritische« Interventionen
in die Anti-Globalisierungsbewegung, »kritische« Solidarität
mit hiesigen Sozialprotesten oder, noch besser, die Gründung »kritischer«
Plattformen in der PDS, wach gehalten werden, sondern, wenn überhaupt,
nur noch im stetigen Widerspruch zu ihr. Das soll die Vortragsreihe zeigen.
29. Mai 2007
19.00 Uhr
Melanchthonianum, Universitätsplatz Halle
Vortrag 1: Antikapitalistisches Kameradschaftstreffen
in Heiligendamm. Ein Beitrag zur Demobilisierung
Die (radikale) Linke ist hässlich. In ihren Händen verkehrt
sich Kritik ins Bekenntnis trivialer Seelen, jede schriftliche Äußerung
in Propaganda aus dritter Hand und Sprache in einen fiesen Jargon. Sie
weiß von sich selbst kaum mehr, als dass man sich irgendwie im Widerstand
gegen Systeme, Strukturen und Herrschaftsverhältnisse befände,
die sie nicht bestimmen kann. Ihre Elendsumzüge im Zeichen von Antifa
und Noglobal, Antirassismus und irgendetwas mit Gender, auf denen schreckliche
Wursthaarträger ihre beispiellose Kreativität zur Schau stellen,
androgyne Antifaburschen oder -mädchen die neueste Turnschuh- und
Kapuzenpullikreation auftragen, und Quotenmigranten ein Herz für
fiese Kulturen und Religionen einfordern, vermögen noch nicht einmal
die Teilnehmer zu begeistern, geschweige denn irgendwelche Passanten.
Und doch bleibt sie gefährlich und ist zurecht auch weiterhin Objekt
ständiger Beobachtung durch den Kritiker. Nicht weil das »Who
is who?« von Belang wäre, die Protagonisten sind austauschbar
und banal, sondern weil die je verkündete Losung, strategische Orientierung
und praktische Mobilisierung manchen Aufschluss darüber geben, wohin
die Mehrheit in diesem Land treibt. In diesem Jahr geht es gegen den G8-Gipfel
in Heiligendamm. Die Mobilisierung wird wenig erfolgreich sein, die Mecklenburger
Einöde lädt nicht so recht zum Protest ein. Wer aber warum ausgerechnet
gegen dieses harmlose und belanglose Stelldichein von Staats- und Wirtschaftsfunktionären
aufruft, ist dennoch von Belang. Auf die Straße oder besser auf
die nicht nur wegen Regenmangels braune Wiese lädt ein breites Bündnis
nationaler Sozialisten, das von der PDS bis zur NPD von den globalisierungskritischen
Gemeinschaften bis zu den originalen Kameradschaften, von der Jungen Freiheit
bis zur Jungen Welt reicht.
Dabei wird es zu keiner Vereinigung in Freundschaft und Toleranz von Nazis
und Linken kommen. Die Linken werden die Nazis im Gegenteil in dem Maße
wie sie ihnen immer gleicher werden, nur umso mehr hassen, und auch eine
wirkliche Stärkung der Massenbasis von NPD und Kameradschaften steht
nicht zu befürchten. Auf dem Feld, wo Linke und Nazis um den gleichen
Kuchen streiten, die angemaßte Führerschaft über vom Kapitalismus
»betrogene« und »enttäuschte« Massen, wird
für beide Avantgardebewegungen wenig zu gewinnen sein, für die
Globalisierungskritiker in Amt und Würden dafür desto mehr.
Das politische und publizistische Establishment hat schon lange gelernt,
von den hässlichen Struppis aus der Protestbewegung zu lernen, woher
der Wind weht, und sie setzen Segel. Für aus dem Herzen kommenden
Antisemitismus braucht man nicht die Junge Welt, das machen Rupert Neudeck
oder Peter Gauweiler viel effizienter. Der Hass auf Amerika und Israel
wird vom Auswärtigen Amt diskret aber beständig bedient, und
für die offene Propaganda gegen beide Länder sind Deutschlands
bildende Künstler, die Filmschaffenden und das Feuilleton zuständig.
Sie alle lernen von den Mobilisierungen auf Mecklenburgs braune Wiesen,
wo noch Nachholbedarf ist, welche Radikalisierung der öffentlichen
Meinung und der praktischen Politik zur Befriedigung der Bedürfnisse
von Deutschlands Antikapitalisten gefragt ist.
Die Linke ist genauso hässlich wie Schicksalsgemeinschaften, deren
tiefster Wunsch eine große nationale Aussprache aller Deutschen
ist, eben sein müssen: abgrundtief.
Es referiert Justus Wertmüller, Redaktion Bahamas (Berlin).
19. Juni 2007
19.00
Uhr
Melanchthonianum, Universitätsplatz Halle
Vortrag 2: Für Volk und Vaterland. Die Linkspartei/PDS
als national verlässliche Partei neuen Typs
Einer der schönsten Sätze des Kommunistischen Manifests
lautet: »Die Arbeiter haben kein Vaterland.« Die Linkspartei/PDS,
die sich am Rande ihres Programms immer noch auf Marx beruft, hat sich
nicht nur vom Proletariat verabschiedet – was angesichts der Dinge,
die auf deutschen Baustellen, in Betriebskantinen und auf den Fluren der
Arbeitsämter zu hören sind, nicht weiter zu bedauern ist. Sie
hat darüber hinaus seit Jahren nichts Besseres zu tun, als dem Verdacht
entgegenzutreten, sie sei ein Sammelbecken für »vaterlandslose
Gesellen«. Als der Bismarck-Nachfolger Heinrich Graf Einsiedel 1994
für die PDS für den Bundestag kandidierte, ging die Partei mit
Blut-und-Boden-Rhetorik auf Stimmenfang, die frühere Parteivorsitzende
Gabi Zimmer erklärte regelmäßig ungefragt, dass sie Deutschland
liebe und wurde dafür auch noch auf dem Parteitag bejubelt, und Oskar
Lafontaine reaktivierte 2005 die nationalsozialistische Rhetorik und warnte
bei einer Wahlkampfveranstaltung vor »Fremdarbeitern, die Familienvätern
und Frauen zu Billiglöhnen die Arbeitsplätze wegnehmen«.
Der Unterschied zwischen rechts und links, der einmal einer ums ganze
war, wurde damit in der Linkspartei nivelliert; die Partei hat sich in
eine »Partei neuen Typs« verwandelt.
Es spricht Thomas Ebermann (Hamburg).
3. Juli 2007
19.00 Uhr
Melanchthonianum, Universitätsplatz Halle
Vortrag 3: Links trifft rechts. Zur Entstehung der faschistischen
Ideologie
Okkupieren Nazis linke Inhalte? Werden sie dadurch wirklich verfremdet
und entstellt? Aber selbst wenn ja, warum gelingt das überhaupt?
Was prädestiniert denn eigentlich vorgeblich genuin »fortschrittliche«
Themenfelder wie den »Befreiungskampf der Völker«, die
»soziale Verantwortung des Staates« oder die »Globalisierung
der Heuschrecken-Multis« zum Gebrauch durch Nazis?
Es ist einfach so, dass Linke und Faschisten schon seit jeher nicht nur
dieselben ideologischen Felder beackern, sondern dass der organisierte
Faschismus der Arbeiterbewegung selbst entsprang. Als soziale Bewegung
konstituierte er sich in Italien inmitten der Sozialistischen Partei,
genauer auf ihrem radikalen aktivistisch-etatistischen Flügel (also
frühen Globalisierungsgegnern, wenn man so will): Mussolini beispielsweise
war Chef der Parteizeitung »Avanti«. In den deutschen Nationalsozialismus
wiederum gehen die staatssozialistischen und antiimperialistischen Vorstellungen
der sogenannten »Konservativen Revolution« mit ein, die ebenso
in der KPD Widerhall fanden. Der Widerwillen der antisemitischen Esoteriker
an der Spitze der NSDAP galt so nicht dem Sozialismus oder gar dem Antikapitalismus
– den teilten sie von ganzem Herzen –, sondern dem Marxismus,
der ihnen als liberal und zersetzend galt. Darin wiederum waren sie sich
nur allzu einig mit der sozialdemokratischen Ideologie, die ihren autoritären
Staatskultus schon im späten Kaiserreich nur aus historischen Gründen
noch ab und an mit dem Namen Marx garniert hatte.
Über die Linken Wurzeln des Faschismus spricht Uli Krug, Redaktion
Bahamas (Berlin).
10. Juli 2007
19.00
Uhr
Melanchthonianum, Universitätsplatz Halle
Vortrag 4: Islamische Apokalyptiker und ihre linken Bewunderer.
Der antisemitische Antiimperialismus von Teheran bis Caracas
Max Horkheimer wusste bereits 1960: »Die Souveränitat eines
Landes ist etwas anderes als die Freiheit derer, die in ihm leben.«
Diese lapidare Feststellung richtet sich gegen jede Form des Antiimperialismus,
die keine Unterscheidung trifft zwischen nationaler und sozialer Befreiung.
Hinsichtlich der antiimperialistischen und antikolonialistischen Bewegungen
der fünfziger, sechziger und siebziger Jahre ist diese Differenzierung
allerdings notwendig. Nicht, dass es am Vietcong und den Sandinisten,
an Che Guevara und Salvador Allende nichts zu kritisieren gäbe. Aber
man kann Ho Chi Min und Pol Pot, Fidel Castro und Idi Amin nicht in einen
Topf schmeißen. Jede Form des Antiimperialismus ist allein durch
den positiven Bezug auf Staat und Nation wesenhaft antiemanzipatorisch.
Dennoch lohnt es sich in Erinnerung zu rufen, dass dieser Antiimperialismus
das eine mal zur partiellen Emanzipation der Frauen, zu Alphabetisierung,
sozialer Absicherung und humanistischer Gesinnung geführt hat, während
er ein anderes mal in Völkermord, Intellektuellenverfolgung, Rassismus
und Antisemitismus seine Erfüllung fand. Im 20. Jahrhundert existierte
noch eine wahrnehmbare Differenz zwischen dem traditionalistischen Antiimperialismus
Leninscher Prägung mit seinem positiven Bezug auf die Russische Revolution
und dem djihadistischen Antiimperialismus der Islamisten, mit dem die
Sowjetunion im Afghanistan der 80er Jahre in einen blutigen Konflikt geraten
ist. Bei all seiner staatssozialistischen Borniertheit beinhaltete der
traditionelle Antiimperialismus immer auch ein Element der Befreiung,
dass in den trikontinentalen Entwicklungsdiktaturen, die sich an der Sowjetunion
orientierten, Ansätze jener emanzipativen Entwicklungen hervorgebracht
hat, gegen die sich der djihadistische Antiimperialismus wendet.
Mit dem Wegfall des zweiten Weltmarktes der RGW-Staaten ist es allerdings
vorbei mit diesen überschießenden Elementen, und die nationale
Befreiung offenbart überall dort, wo sie in Erscheinung tritt, ihr
barbarisches Wesen. Die Unterscheidung zwischen einem leninistischen und
einem djihadistischen Antiimperialismus ist heute nahezu obsolet. Das
zeigt sich unter anderem in den weltweiten Solidaritätserklärungen
linker Gruppierungen und Bewegungen mit den islamistischen und panarabistisch-faschistischen
Massenmördern im postbaathistischen Irak. Besonders deutlich wird
es in der Fraternisierung des castristischen Kubas oder der venezuelanischen
Regierung unter Hugo Chavez mit dem islamistischen Klerikalfaschismus
im Iran.
Woher kommt es, dass die Führer des lateinamerikanischen Völkerfrühlings,
von Chavez über Castro bis zum wieder an die Macht gelangten Daniel
Ortega, in Ahmadinejad ihren »Bruder« erblicken? Zeigt sich
irgendjemand in der Linken in Venezuela, Kuba, Nicaragua oder Bolivien
entsetzt über den offenen Antisemitismus der iranischen Verbündeten?
Oder ist es gerade das antisemitische Ressentiment, das die Antiimperialisten
jeglicher Couleur heute zu quasi natürlichen Verbündeten macht?
Diese Fragen beantwortet Stephan Grigat, Café Critique (Wien, Tel
Aviv).
17.10.07,
19.00 Uhr
Melanchthonianum
Vortrag
5: Rote
Armee Fiktion
Die RAF und ihr Weg vom Protest zum Pogrom
Vortrag und Buchvorstellung
mit Joachim Bruhn und Jan Gerber
Es
ist kein Wunder, dass sich die RAF auf Che Guevara berief, auf Mao-tse-tung,
auf die Tupamaros und andere militante Volkstümler, vor allem auch
auf die bewaffneten Antisemiten vom "Befreiungskampfes des palästinensischen
Volkes", niemals jedoch auf Johann Georg Elser. Denn an Elser, der
1938 versucht hatte, die Volksgemeinschaft mit Hitler zu liquidieren,
hätte sie nicht nur lernen müssen, was es bedeutet, in absoluter
Einsamkeit das objektiv Vernünftige zu erkennen und daraus praktische
Konsequenz zu ziehen, d.h. materialistisch zu reflektieren und zu agieren.
An Elsers Tat hätte sie zugleich erkennen müssen, dass die Identität
von Souveränität und Staatsapparat in der Figur Hitler nur im
System der nazifaschistischen Barbarei möglich war und ist. Da sie
das alles, in verstockter Renitenz gegen die materialistische Aufklärung,
keineswegs lernen wollte, fälschte die RAF den Begriff des NS-Faschismus
zur deutschen Gemeinverträglichkeit um und machte die Kühnls,
Gossweilers und Dimitroffs glücklich. Als von ?Israels Nazi-Faschismus?
die Rede war, als dann behauptet wurde, der Hass auf die Juden sei ?ins
Volk reinmanipuliert worden? und eigentlich ein Zeichen der ?Sehnsucht
nach dem Kommunismus?, als es schließlich hieß: ?Ohne dass
wir das deutsche Volk vom Faschismus freisprechen ? denn die Leute haben
ja wirklich nicht gewusst, was in den Konzentrationslagern vor sich ging
? können wir es nicht für unseren revolutionären Kampf
mobilisieren?, da war die RAF, indem sie auf die Charaktermasken von Kapital
und Staat anlegte, tatsächlich, wenn auch im Untergrund, ein ideologischer
Staatsapparat geworden: Lüge in Waffen. Auch darum war die RAF niemals
eine, wenn auch hoffnungslos verspätete, Fraktion jener Roten Armee,
die die letzten Überlebenden von Auschwitz befreite.
Joachim
Bruhn (ISF Freiburg) und Jan Gerber haben das Buch „Rote Armee Fiktion"
(ça ira Verlag, Freiburg) herausgegeben.
12.12.07,
19.00 Uhr
Melanchthonianum, Universitätsplatz Halle
Vortrag 6: Totale Mobilmachung als Globalisierungskritik
Bejahung und Verneinung des Kapitals bei Ernst Jünger und Carl Schmitt
Vortrag von Gerhard
Scheit
Was
die Avantgardisten unter den Faschisten und Bolschewisten einmal einte,
war die Bejahung des Zerstörungspotentials, das in der Industrialisierung
lag. Während aber die einen, wie Walter Benjamin schrieb, die „hemmungslose
Übertragung der Thesen des l’art pour l’art auf den Krieg“
betrieben, machten die anderen mit dem Staat selber l’art pour l’art
– wie um zu kaschieren, daß sie an ihn ihren Kommunismusbegriff
längst verloren hatten. Während der Krieg für die Faschisten
intensivierter und darum schrecklich schön gewordener Kapitalismus
war, schmückten die Bolschewisten den Staat als Sterbezimmer des
Kapitalismus aus.
Was aber nun die Nationalsozialisten von diesen Sozialisten und Nationalisten
unterschied, läßt sich am besten an Ernst Jünger und Carl
Schmitt studieren: die Übertragung der Thesen des l’art pour
l’art auf eine Vernichtung, für die selbst der Krieg zum Mittel
wird. Das beinhaltet zweierlei: Erstens, daß „eine vorherbestehende,
unabänderliche, echte und totale Feindschaft zu dem Gottesurteil
eines totalen Krieges führt“ (Schmitt). An den Führer
kann nur tätig geglaubt werden – als praktische, täglich
vorangetriebene Vernichtung derer, die als totaler Feind gekennzeichnet
werden oder mit diesem kooperieren. Der Feind wird erst dadurch total,
daß er für immer ein ganz bestimmter, nicht austauschbarer
ist: die Feindschaft muß „vorherbestehend“ und „unabänderlich“
sein, egal wie der Feind sich auch verhalten mag: er wird vernichtet.
Das ist die Logik des antisemitischen Wahns. Zweitens: „totale Mobilmachung“
(Jünger) als Bereitschaft jedes einzelnen zum Selbstopfer. So war
das Dritte Reich kein totaler Staat (wie im Faschismus oder Stalinismus
angestrebt), sondern totaler „Unstaat“ (Neumann). Die Vernichtung
war das Einheitsstiftende im Chaos der Banden von SS und SA, Staats- und
Parteiinstanzen. Alles andere: Rasse, Kopfmessung, Siegfried etc. diente
bloß dazu, diese „Gier nach dem Tod“ (Jünger) zu
illustrieren.
Solche „Heldentodgeilheit“ (Karl Kraus) heißt jedoch
heute, im Zeitalter der zweiten totalen Mobilmachung, die auf Industrialisierung
verzichten kann, entweder Djihad oder Verzweiflungstat; der totale Feind
entweder großer oder kleiner Teufel.
Gerhard
Scheit lebt als freier Autor in Wien. Arbeit u.a. für Konkret und
Jungle World, zahlreiche Publikationen zu kulturwissenschaftlichen Themen,
zum Holocaust sowie zur Theorie und (Kultur)Geschichte des Antisemitismus.
Letzte Buchveröffentlichungen: Jargon der Demokratie. Über den
neuen Behemoth.
30.
Januar 08, 19.00 Uhr
Melanchthonianum, Universitätsplatz Halle
Vortrag 7: Der Prophet des schlechten Lebens.
Über Gandhi und die Bedürfnisse seiner deutschen Anhänger.
Vortrag
von Peter Siemionek
Am 30. Januar 1948 starb Gandhi bei einem Attentat in Delhi. Von seinen
Anhängern als Mahatma (dt. „große Seele“) gefeiert,
gilt der greise Friedensstifter auch 60 Jahre nach seinem Tod als fraglose
moralische Autorität und wird als einer der Urväter des Pazifismus
gehandelt. Mit den Schüssen des Attentäters segnete Gandhi zwar
für immer das Zeitliche, seine Ideologie hingegen erlebt in jüngster
Zeit nicht nur unter dem Label der No-Globals eine bemerkenswerte Renaissance.
In
der Bundesrepublik ist es vor allem das zweifelhafte Verdienst der Neuen
Linken, Gandhis Weltanschauung ins neue Jahrhundert gerettet zu haben.
Die Tradition des von Gandhi vertretenen zivilen Ungehorsams, bei der
man sich direkt auf den „Prediger der Gewaltlosigkeit“ (Oskar
Lafontaine) bezieht, reicht dabei in Deutschland von den 68er Sit-ins
bis zu den 2007er Blockaden des G8-Gipfels. Doch Gandhi ist keinesfalls
ausschließlich das Vorbild linker Gipfelstürmer und ihrer sozialdemokratischen
Sympathisanten. Wenn die Bildzeitung eine groß angelegte Plakatkampagne
mit einem Gandhi-Foto und dem Slogan „Jede Wahrheit braucht einen
Mutigen, der sie ausspricht!“ einleitet, lässt sich daran vor
allem auch eines ablesen: In dem Maße, in dem sich die deutsche
Bevölkerung in ihrer Gesamtheit zunehmend friedensbewegt und antiimperialistisch
geriert, gewinnt auch Gandhis Ideologie an steigender Attraktivität.
Es
ist nicht verwunderlich, dass sich auch in der Neuen Rechten immer häufiger
positive Bezugnamen auf Gandhi finden lassen, und Horst Mahler beispielsweise
von seinen Kameraden fordert: „Von Mahatma Gandhi lernen!“
Was die Gandhi-Freunde von rechts bis links eint, ist der Traum vom „einfachen
Leben“, den auch ihr Vorbild träumte. Gandhi bietet dabei alles,
was das zivilisationsfeindliche Herz höher schlagen lässt. Seine
Ideologie bedient die Sehnsucht nach der regressiven Wärme des Kollektivs
ebenso, wie den Wunsch, sich für eben dieses Kollektiv mit dem Leben
zu opfern. Sie offenbart ein organisches Gesellschaftsverständnis
und bietet mehr als genügend Anknüpfungspunkte für rechte
Völkerfreunde und linke Kulturrelativisten. Dass Gandhi zu keinem
Zeitpunkt etwas Emanzipatorisches anhaftete – dass sein ganzes Leben
und Wirken also ein konsequenter Abgesang auf Freiheit, Glück und
Lust war –, und dass es weder Zufall, noch Strategie zur Vereinnahmung
linker Ideen ist, wenn sich auch Nazis positiv auf ihn beziehen, soll
der Vortrag erläutern.
Peter
Siemionek ist im Diskussionskreis „Materialien zur Aufklärung
und Kritik“ assoziiert und hat einen Artikel über Gandhi in
der Zeitschrift Bahamas veröffentlicht.
Dienstag,
14. August, 21 Uhr.
Zazie-Kino, Kleine Ulrichstraße, Halle (Saale)
Kopftuch als System — Machen Haare verrückt?
Ein Film von Fathiyeh Naghibzadeh, Shina Erlewein, Bettina
Hohaus und Meral El. (Deutschland 2004, 60 Min.)
Am Beispiel von vier im Exil lebenden Frauen schildert der Film »Kopftuch
als System« das Schicksal vieler Iranerinnen, die seit der islamischen
Revolution 1979 einer strikten Geschlechterapartheid, Diskriminierung
und der Durchsetzung der Zwangsverschleierung unterworfen sind. Das Kopftuch
stellt dabei nicht nur Symbol und Mittel islamischpatriarchaler Herrschaft
dar, sondern dient zugleich als Machtinstrument der Kontrolle und der
Bekämpfung von Widerstand gegen die
islamische Herrschaft im Iran. Dargestellt nicht als bloße Opfer
sondern als Individuen mit ihren je eigenen Formen des Widerstandes gegen
die Unterdrückung im Iran, porträtiert der Film vier Frauen,
die im Exil in Deutschland leben und dabei ihre eigenen Lebenswege und
- erfahrungen wider den Kulturrelativismus zum Ausdruck bringen.
Zu Beginn der Veranstaltung wird es ein einleitendes Referat der Filmemacherin
Fathiyeh Naghibzadeh geben. Vor über 20 Jahren aus dem
Iran ins Exil nach Deutschland gegangen, studiert sie Gender Studies
und Erziehungswissenschaften an der Humboldt-Universität Berlin.
Eintritt: frei
.
Freitag,
27. Juli, 19 Uhr
Kapital
und Souveränität. Karl Marx und der Begriff des Politischen
Vortrag und Diskussion
Joachim
Bruhn (Initiative Sozialistisches Forum, Freiburg)
Samstag,
28. Juli
Einführung
in die materialistische Staatskritik
Tagesseminar
Joachim Bruhn (Initiative Sozialistisches Forum, Freiburg)
Die
Ideologie sagt: Die Wirtschaft ist unser Schicksal. Sie sagt aber auch:
Die Politik ist das Reich unserer Freiheit. Beides ist falsch, liefert
sich aber gegenseitig den Wahrheitsbeweis und legitimiert sich so. Ideologie
jedoch ist kein »Diskurs«, wie die Postmoderne zu wissen beliebt,
sie ist das Spiegelspiel aus Markt und Despotie der Fabrik einerseits,
»one woman, one vote« und staatlichem Gewaltmonopol andrerseits;
Spaltungen, die ihre falsche Einheit so suchen wie die des Individuums
in Bourgeois und Citoyen. Die Gedankenformen dieses Spiegelspiels sind
zwar verkehrt, aber objektiv. Sie sind dinglich, sie
sind gesellschaftlich gültig. Sie kreisen um den gesellschaftlich
erzeugten Wahn des freien Willens. Denn die Ideologie der Politik zieht
ihre Ratio aus dem Vertrag zwischen Freien und Gleichen als der zentralen
Institution der Vergesellschaftung durch den Tausch. Wenn das, was in
Deutschland als links auftrumpft, die Auffassung vertritt, es gelte, so
Oskar Lafontaine, eine
»Politik für alle« zu erkämpfen, d. h. das, was
seit den Tagen der Agitation Ferdinand Lassalles für den »Volksstaat«
oder auch Lenins Revolution für den »Staat des ganzen Volkes«
als Demokratisierung sattsam bekannt ist, dann kommt
die Ideologie der Politik an ihr Ende: die Einheit von Bürger und
Staat — die Volksgemeinschaft — bekennt sich in der Idee,
die Souveränität sei das Instrument der gesellschaftlichen Selbstbestimmung
und das System des Befehlens
und Gehorchens wäre, nur recht auf Gemeinwohl getrimmt, die Freiheit
schon selbst. Die marxsche »Kritik der politischen Ökonomie«
dagegen tritt auf als Kritik der politischen Ökonomie, die von Anfang
an die Einheit von Ökonomie und
Politik, von Basis und Überbau, von Kapital und Souveränität
darstellt: in der Form der Kritik. Alle Kategorien dieser Kritik sind
ökonomisch und politisch zugleich. Insofern sie aus der vermittelten
Identität von Ausbeutung und Herrschaft entspringen, gilt die Souveränität
als nur eine, wenn auch die gegenwärtige Form der Knechtschaft. Als
Kritik, die dem kategorischen Imperativ
folgt, die Spaltung der Gattung in die wesentliche und in die überflüssige
Menschheit aufzuheben, zielt sie nicht auf die Aufhebung, sondern auf
die Abschaffung des Staates.
Das Tagesseminar am Samstag wird mit einer begrenzten Teilnehmerzahl
durchgeführt. Erforderlich ist daher eine vorherige Anmeldung unter
agantifa[at]freenet.de. Desweiteren wird es einen Reader mit einem Texteumfang
von ca. 80 Seiten geben, der vor dem Seminar gelesen werden sollte. Für
diesen entsteht ein Materialkostenbeitrag von 4 Euro.
18.
April 2007
Beginn: 20 Uhr
Hühnermanhattan (Am Steintor), Halle
The
Return:
German Rap-Jihad –
HipHop gegen den american way of life
Vortrag
von Thomas Sayinski und Jakob Baruck (Berlin)
Nachdem
die Veranstaltung Ende Februar aus Krankheitsgründen abgesagt werden
musste, wird sie nun wie versprochen nachgeholt.
Paradox, die Deutschrapszene hasst einerseits die amerikanische Kultur,
anderseits liebt sie den HipHop. Konsumenten wie auch Interpreten des
Genres überbieten sich in Hasstiraden gegen den auf der anderen Seite
des großen Teiches angesiedelten „großen Satan“
und rufen dazu auf, jegliche Feinde des american way of life zu unterstützen.
Und das mittels einer Jugendsubkultur, die in Amerika das Licht der Welt
erblickte.
Die linken Kritiker der neuen deutschen Härte im Rapgame polemisieren
zwar gegen die Homophobie und Frauenverachtung der deutsprachigen Szene,
wollen aber beim besten Willen keinen Antiamerikanismus bei „ihren
Jungs“ entdecken. Und dies, obwohl Deutschrap inhaltlich maßgeblich
aus antiamerikanischen Ressentiments besteht und den Hass auf die Moderne
als Leitmotiv ausgibt, statt einfach nur auf gute Punchlines zu bouncen:
zu feiern also.
Die Kränkung, den Amis auf allen Gebieten weit unterlegen zu sein,
obwohl man doch eigentlich viel besser sei, drückt sich im Deutschrapgenre
explizit über die antiamerikanischen Texte aus. Dazu kommen von Wagner
inspirierte Streichereinlagen und elektronisch angehauchte Beats mit eingebauter
Untergangsstimmung.
Deutschrap – die „Alte europäische Volksmusik“
– ist die wichtigste und vor allem die zukunftsträchtigste
Komponente der seit einigen Jahren anrollenden Neuen Deutschen Popwelle
(NDP). Doch „den real German G’s“ gefällt es nicht
an der Skyline. So nah an der Sonne schmilzt ihre Authentizität wie
ein Vanilleeis im Solarium. Ebenso wie ihre weicheren Konterparts aus
dem Mittelstand müssen die Aggroberliner darauf achten, dass sie
in den Augen ihrer deutschsprachigen Kunden real bleiben.
Und ein echter Deutscher ist nun mal ein echter Antiamerikaner, egal ob
er rappt oder nicht.
9.
März 2007
ab 11 Uhr
Voranmeldung erforderlich!
„Antisemitismus und Nationalsozialismus"
Tagesseminar zum Text von Moishe Postone mit David Goldner
Der
1979 erschienene Aufsatz »Antisemitismus und Nationalsozialismus«
von Moishe Postone wird in der Linken der BRD seit Beginn der neunziger
Jahre wieder verstärkt gelesen. Im Zentrum der neuen Aufmerksamkeit
stand dabei zunächst seine Erklärung von Nationalsozialismus
und Antisemitismus, die beide ernst nimmt, statt sie im Gefüge einer
allgemeinen Kapitalismuskritik unter ferner liefen zu behandeln. Mit seinem
spezifischen Erklärungsansatz, der eine Analyse des Antisemitismus
mit der Marxschen Theorie zu verbinden sucht, ist »Antisemitismus
und Nationalsozialismus« in der wertkritischen Linken bis heute
prägend.
Folgende Fragen sollen zu dem Text diskutiert werden: Welche Frage(n)
will der Text beantworten? Was sind die Besonderheiten des Antisemitismus
im nationalsozialistischen Deutschland? Was versteht man unter dem marxschen
Begriff des Fetisch? Und: Was hat Fetischismus mit Antisemitismus zu tun?
30.
Januar 2007, 20 Uhr
Veranstaltungsraum Radio Corax
Who
killed Bambi – die Rückkehr
Vortrag über das regressive Bedürfnis deutscher
Tierfreunde.
Im Sommer des letzten Jahres sollte in der Reilstrasse
78 ein Vortrag über das „regressive Bedürfnis der veganen
Tierrechtsszene“ stattfinden. Das Zentralkomitee des Hauses konnte
es allerdings nicht ertragen, in seinen heiligen und garantiert fleischlosen
Hallen Kritisches über seine Religion, den Zusammenhang von Tierliebe
und Menschenhass sowie die Frage, warum sich auch Nazis regelmäßig
mit „Go-vegan“-T-Shirts schmücken, zu hören. Der
Vortrag wurde kurzerhand verboten. Die Veranstaltung wird nun, wie versprochen,
nachgeholt. Und zwar definitiv nicht im Mief der Reilstrasse 78.
Als sich ein Bär, der schnell auf den Namen Bruno getauft wurde,
im Sommer in die bayrisch-österreichische Grenzregion verirrte, mutierten
die Deutschen parteiübergreifend zum ideellen Gesamtwildhüter.
Zeitungen und Nachrichtensendungen berichteten über fast zwei Monate
hinweg fast täglich über den „Problembären“,
Kinder beteten und zeichneten
für ihn, und eine Homepage, die ein kostenloses Bruno-Computerspiel
anbot, wurde zu einer der beliebtesten deutschen Internetseiten. Die Hysterie
steigerte sich schließlich zum offenen Wahnsinn, als der Bär
Ende Juni erlegt wurde. Ganze Schulklassen hielten Schweige- und Gedenkminuten
ab, die regionale Tourismusbranche beklagte sich darüber, dass tausende
Feriengäste aus Empörung über den Abschuss Abstand von
einem Urlaub in der Region genommen hätten, und im Internet wurde
ein Kondolenzbuch eingerichtet, dessen Server aufgrund der Überlastung
– nach Angaben der Betreiber gab es zeitweise mehr als zehntausend
Anfragen pro Sekunde – kurzfristig abgeschaltet werden musste. Auf
dieser Homepage erklärten die Tierfreunde nicht nur, dass Bruno „einer
von uns“ gewesen sei. Sie brachten vielmehr regelmäßig
ihre Vernichtungsphantasien zum Ausdruck: Die Jäger, die den Bären
erlegt hatten, „sollte man ebenso abschlachten wie Bruno“,
sie sollten „hingerichtet“ und „abgeknallt“ werden,
und die Verantwortlichen für den Tod des Bären sollten „selbst
mal erfahren, was es bedeutet, immer nur gehetzt zu werden“. Die
Verfolgungs- und Vernichtungsphantasien beschränkten sich aber nicht
nur auf diejenigen, die im Fall des Bären tätig geworden waren.
Innerhalb kürzester Zeit warteten die Tierfreunde vielmehr mit weiteren
Vorschlägen auf, wer noch alles an Stelle des Tieres hätte getötet
werden sollen. Während der Bär, der nur „mal zu Besuch
kommt“, „ermordet“
worden sei, so beschwerte sich ein Naturliebhaber, bekämen Vergewaltiger
und Kindermörder „auf Staatskosten“ lediglich „eine
Tätschel-Tätschel-Therapie“, Kinderschänder „laufen
frei rum und sind gefährlicher als ein Bär“ usw. Aus diesen
Aussagen sprechen nicht nur Verfolgungs- und Vernichtungsbedürfnisse.
Sie signalisieren zugleich, dass die Naturfreunde längst nicht mehr
bereit sind, einen Unterschied zwischen Mensch und Tier zu machen. Sie
geben damit wieder, was vegane
Tierrechtler, die derzeitigen Vorreiter der deutschen Tierliebe, seit
Jahren propagieren: Tiere sind die besseren Menschen. Während sich
ein Teil dieser Szene noch um eine Gleichsetzung von Mensch und Tier bemüht
und beispielsweise den Holocaust mit Massentierhaltung vergleicht, predigt
ihre Avantgarde bereits das „sanfte Verschwinden der Menschheit
von der
Erde“. Die Welt der Tierfreunde ist dabei sauber in Gut und Böse
unterteilt: Auf der einen Seite stehen die veganen Weltretter und ihre
vier- und mehrbeinigen Freunde; auf der anderen Seite befinden sich fiese
Tierfeinde, die von Profitgier, Blutrausch und Genusssucht angetrieben
werden. Die Mehrheit der heutigen Tierrechtler zögert zwar, diese
Personifikation der gesellschaftlichen Verhältnisse weiter zu konkretisieren
und die „Mächte des Bösen“, von denen eine Veganer-Crew
aus Essen vor einigen Jahren sprach, mit Name und Anschrift zu benennen.
Die inoffiziellen Urväter der Bewegung – das völkische
Milieu
des 19. Jahrhunderts – waren hier allerdings weniger zimperlich;
Richard Wagner und seine Freunde hatten auf die Frage „Who killed
Bambi“ eine eindeutige Antwort parat: die Juden. Im Rahmen des Vortrags
soll nicht nur gezeigt werden, warum die Tierfreunde mit ihrer Forderung
nach der Gleichsetzung von Mensch und Tier lediglich exekutieren, was
ohnehin auf der Tagesordnung steht. Es sollen zugleich die Fragen gestellt
werden: In welcher Tradition steht die deutsche Tierliebe? Welcher Zusammenhang
besteht zwischen Tierliebe und Menschenhass? Und: Woher stammt das obsessive
Verhältnis veganer Tierrechtler zu Splattervideos aus Schlachthöfen
und Fotos von zerstückelten Tieren, ohne die offenbar
keine ihrer Kampagnen auskommt?
veranstaltet in Zusammenarbeit mit der ag no tears
for krauts halle
8.
November
20 Uhr,
Hörsaal
B, Melanchthonianum,
Universitätsplatz
Suicide
Bombing. Zur Logik des Selbstmordattentats
Vortrag von Gerhard Scheit
Das
Selbstmord-Attentat gilt als Verzweiflungstat – als Mittel der Verzweifelten
in einem Kampf für durchaus legitime politische Zwecke. In Wahrheit
ist es ein Mittel, das den Zweck vollständig in sich trägt:
Vernichtung um der Vernichtung willen. Suicide Attack bedeutet also einen
neuen Begriff des Politischen im alten Sinne Carl Schmitts: Politik als
„Bereitschaft zum Nichts“ – oder wie es Karl Löwith,
1934 gegen den Nazi-Staatstheoretiker Schmitt gerichtet, formulierte:
„Bereitschaft zum Tod und zum Töten“ als „oberste
Instanz“ – „Opfer des Lebens an einen Staat, dessen
eigene ‚Voraussetzung‘ schon das Entscheidend-Politische ist“.
Der Staat, für den die neueren Selbstmordattentäter sich opfern,
zerfällt einerseits in islamistische Bandenkollektive wie Hamas und
Hisbollah, verwandelt sich andererseits mittels Massenvernichtungswaffen
selber in einen einzigen großen Sucide Bomber, wie die Islamische
Republik des Iran. In beiden Fällen kann eine Logik der Abschreckung,
ein diplomatisch hergestelltes Gleichgewicht des Schreckens, nicht mehr
wirken.
Ist es aber Zufall, daß Selbstmordattentate in bestimmten Kreisen
als eine Form der Mitbestimmung in der internationalen Politik verstanden
werden; daß die EU nicht aufhört, Verhandlungsbereitschaft
mit Hamas und Hizbollah zu signalisieren oder im sogenannten Atomstreit
mit dem Iran zu vermitteln, wo es nichts mehr zu vermitteln gibt; oder
daß es gerade Jürgen Habermas war, der Ted Honderichs Apologie
des Selbstmord-Attentats dem Suhrkamp-Verlag empfahl? Die Rechtfertigung
jenes Vernichtungswahns aus der Peripherie des „Großraums“
Europa, der auf Israel und dessen Schutzmacht zielt, geht erstaunlicherweise
mit der Forderung nach „Verrechtlichung der internationalen Beziehungen“
einher, wie sie in „Kerneuropa“ im Namen der UNO formuliert
wird. Diesen Zusammenhang zwischen der „Verdrängung des Souveräns“
und der Eskalierung politischer Gewalt, also die internationale Arbeitsteilung
zwischen postnazistischer Demokratie und islamistischer Vernichtung, wäre
offenzulegen.
Gerhard
Scheit lebt als freier Autor in Wien. Arbeit u.a. für Konkret und
Jungle World, zahlreiche Publikationen zu kulturwissenschaftlichen Themen,
zum Holocaust sowie zur Theorie und (Kultur)Geschichte des Antisemitismus.
Letzte Buchveröffentlichungen: Suicide Attack. Zur Kritik der politischen
Gewalt. Freiburg: ca ira 2004.
1.
und 2. Dezember
Faschismustheorien:
Waffe der Kritik oder Verschwörungstheorie?
Eine Einführung
(Anmeldung erforderlich)
„Es
gibt in unserem politischen Vokabular nur wenige Begriffe, die sich einer
solch umfassenden Beliebtheit wie das Wort Faschismus erfreuen, ebenso
aber gibt es nicht viele Konzepte im politischen Vokabular der Gegenwart,
die gleichzeitig derart verschwommen und unpräzise umrissen sind.“
Mit diesen Worten beginnt Zeev Sternhells Essay über „Faschistische
Ideologie“ von 1976. Seine Aussage kann bis heute Gültigkeit
für sich beanspruchen. Dennoch gibt es einen Unterschied zwischen
den damaligen politischen und wissenschaftlichen Auseinandersetzungen
und den heutigen Diskussionen. Unter dem Einfluss der Protestbewegung
bemühte man sich in den späten 1960er und 1970er Jahren selbst
im Wissenschaftsbetrieb, der hierzulande bekanntlich noch nie eine Bastion
kritischen Denkens war, um eine Erklärung der Ursachen von Faschismus
und Nationalsozialismus. Man nahm sich Max Horkheimers Diktum zu Herzen,
dass, wer vom Faschismus rede, vom Kapitalismus nicht schweigen dürfe,
und versuchte – nicht zuletzt in Auseinandersetzung mit den Faschismustheorien
der Arbeiterbewegung –, die sozioökonomischen Ursachen von
Faschismus und Nationalsozialismus zu benennen.
Diese Zeit ist vorbei. An die Stelle des Versuchs, Faschismus und Nationalsozialismus
theoretisch oder besser noch: kritisch zu durchdringen, ist wieder die
positivistisch-historizistische Beschreibung getreten. Und so reiht man
akribisch und detailversessen Quelle an Quelle, Feldzug an Feldzug und
Weisheiten über Hitlers Verhältnis zu Frauen an Banalitäten
über die Inneneinrichtung deutscher Offizierskasinos. Analog zur
als naturgegeben begriffenen Selbstverwertung des Werts erscheinen Faschismus
und Nationalsozialismus in diesem Zusammenhang als Urgewalten, die quasi
naturgesetzlich über die Menschen hereingebrochen sind.
Vor diesem Hintergrund wird auch die Auseinandersetzung mit den immer
wieder – und oftmals zu Recht – kritisierten Faschismustheorien
der Arbeiterbewegung und des „kritischen Marxismus“ zur intellektuellen
Selbstverteidigung. Im Wochenendseminar soll anhand von richtungsweisenden
Primärtexten zunächst ein Überblick über die bedeutendsten
faschismustheoretischen Erklärungsmuster, ihre Entstehung und Entwicklung
gegeben werden. Dabei soll u.a. gefragt werden: Sind Faschismustheorien
Waffe der Kritik, oder lediglich, wie kürzlich in der Zeitschrift
Phase 2 erklärt wurde, „der Linken liebsten Verschwörungstheorie“?
Kann das Phänomen Faschismus mit Hilfe von Faschismustheorien erklärt
werden, oder dienen die Verweise auf den Zusammenhang von Großindustrie
und Faschismus, ohne die kaum eine linke Faschismustheorie auskommt, nur
dem Zweck, nicht über die Integration der Arbeiterklasse in den Faschismus
sprechen zu müssen? Und: Erlauben es die Unterschiede zwischen Nationalsozialismus
und italienischem Faschismus überhaupt, einen allgemeinen Faschismusbegriff
anzuwenden?
Da
im Vorfeld der Veranstaltung ein Reader verschickt werden soll und die
Veranstaltung nur mit einer begrenzten Teilnehmerzahl durchgeführt
werden kann, ist eine rechtzeitige Anmeldung (per Email) nötig. Auf
Anfrage verschicken wir auch das Programm. Das Seminar beginnt am 1. Dezember
(Freitag) um 17.00 und wird am 2. Dezember (Samstag) ab Mittag fortgesetzt.
Kino
und Vortrag:
13.-18.
Oktober, 20 Uhr:
Zur falschen Zeit Am falschen Ort
Filmvorführung im Kino La Bim (Töpferstraße 3)
17. Oktober, 20 Uhr:
Einführungsvortrag
zum Film
Vortrag von
Tjark Kunstreich
Im Kino La Bim
Termin
verschoben Wochenendseminar
29./30. September 06
Philosophie
und Kritik. Zum Verhältnis von Philosophie und Kritik
Seminar mit Christian Thein
11.
Juli 06
20 Uhr, Melanchthonianum
Buchpräsentation: Feindaufklärung und
Reeducation. Kritische Theorie gegen Postnazismus und Islamismus.
Vortrag
von Stephan Grigat
Die
Radikalität der besten Arbeiten der Kritischen Theorie resultiert
daraus, in der Kritik der kapitalistischen Gesellschaft sich dessen bewußt
zu werden, daß allererst die ebenso zwanghafte wie selbstgewählte
Reaktion auf diese Gesellschaft abzuwehren ist: der Vernichtungswahn der
regressiven Antikapitalisten. Darin ist die Erfahrung der nationalsozialistischen
Verfolgung bei Adorno und Horkheimer zur Grundlage einer Kritik geworden,
die den Marxismus hinter sich lassen mußte, um die Befreiung mit
der kritischen Theorie von Marx noch denken zu können. Was bedeutet
das Denken von Adorno, Horkheimer und Marcuse heute vor dem Hintergrund
der Diskussionen über Israel und Zionismus, über Islamismus
und den amerikanischen 'War on Terror', über postnazistische Gesellschaft
und die Position der Kritik?
Stephan
Grigat, Mitglied von Café Critique, Lehrbeauftragter am Institut
für Politikwissenschaft in Wien, Research Fellow in Tel Aviv, Autor
u. a. in Konkret und Jungle World.
16.
Mai 06
20 .00 Uhr, HS B Melanchthonianum
Politische Ökonomie des Elends
Die
Antiglobalisierungsbewegung und ihre Sehnsucht nach der Barbarei
Vortrag
von Philipp Lenhard
Vieles
ist mit dem Untergang des „real existierenden Sozialismus“
in der Versenkung verschwunden, doch eine Ideologie hält sich bis
heute hartnäckig am Leben: die Verelendungstheorie, also die Ansicht,
die Unterdrückten kämpften automatisch auf der richtigen Seite.
Hatte das „Kommunistische Manifest“ einst festgestellt, das
Proletariat habe nichts zu verlieren außer seinen Ketten, und damit
in revolutionärer Absicht auf den Verstand der Arbeiter gesetzt,
so weitete der Leninismus diese historische Einsicht zu einer Theorie
aus, die einen gesetzmäßigen Kampf der „unterdrückten
Völker“ gegen die „Imperialisten“ auszumachen glaubte.
Weil sich die „Gesetzmäßigkeit“ nicht recht durch
die Realität beweisen lassen wollte, unterstützte die Sowjetunion
alle vermeintlich „progressiven antiimperialistischen Kräfte“,
d.h. „nationale Befreiunsgbewegungen“. Während jedoch
im Rahmen der Blockkonkurrenz die Unterstützung der „unterdrückten
Völker“ immer noch mit dem Anspruch auf Gleichheit und Wohlstand
verknüpft war und deshalb bisweilen zivilisatorische Nebeneffekte
zutage förderte, ist der Antiimperialismus heute – nach dem
Zusammenbruch – völlig zu sich selbst gekommen: Er ist nichts
weiter als ein barbarischer Rachefeldzug der Zukurzgekommenen gegen individuelles
Glück, Schönheit und Emanzipation.
Warum
die entrechteten und unterdrückten Massen nicht gegen die gesellschaftlichen
Bedingungen ihres Elends kämpfen, sondern „Elend für alle!“
fordern, und warum die Linke, speziell die Antiglobalisierungsbewegung,
nicht für ein besseres Leben streitet, sondern sich stattdessen immer
tiefer in Barbarei verstrickt, erläutert Philipp Lenhard, freier
Autor aus Köln u.a. für Konkret, Bahamas und
Prodomo.
60
Jahre Erinnerung - Zur Selbstfindung der deutschen Nation
Antifaschistische
Hochschultage 2005
(in Zusammenarbeit mit ag no tears for krauts und
afa Halle)
Veranstaltungen:
7.
Juli 05
Zur
Kontinuitäten und Wandel der deutschen Erinnerungskultur weiterlesen
12. Juli 05
Der Iran und die Bombe weiterlesen
31.
Mai
Screening Hitler - Eine Filmkarriere zwischen ... weiterlesen
17. Mai
capitulation party weiterlesen
9. Mai
Zur Aktualität der negativen Aufhebung des Kapitals weiterlesen
Aufruftext:
60
Jahre Erinnerung - Zur Selbstfindung der deutschen Nation
Glaubt
man Theodor W. Adorno, ist „ein Deutscher […] ein Mensch,
der keine Lüge aussprechen kann, ohne sie selbst zu glauben“.
In diesem Sinne schafft es die deutsche Erinnerungskultur à la
oral history multimedial darzustellen, was schon seit sechs Jahrzehnten
der großväterlichen Argumentation inhärent ist: Deutsches
Leid ist schlimmstes Leid.
So wird „Hitlers willigen Vollstreckern“, den ganz normalen
Deutschen, die Gelegenheit gegeben über ihr beschädigtes Leben
zu sinnieren ohne Auschwitz zu erwähnen. Von „unmenschlich
antideutscher Vertreibung“, „aufopferungsvollen Trümmerfrauen“,
die „die Heimat wieder aufbauten“, „dem alliierten Bombenterror“
nach Jörg Friedrich oder der radikaleren Variante „des Bombenholocaust“
nach Holger Apfel ist dann die Rede. Letzteres kam scheinbar ohne Vorwarnung
aus dem Nichts, im wahrsten Sinne „aus heiterem Himmel“ und
traf natürlich nur „unschuldige“ Deutsche.
Dass sich deutsch-nationale Identität aus den Erfahrungen der letzten
Kriegsjahre speist, wird besonders bei Eichingers „Der Untergang“
deutlich. Traudl Junge, des Führers Sekretärin, spricht ungeniert
im Abspann des Films von Juden und Andersrassigen, SS- Ärzte heilen
Volksgenossen, nachdem sie zuvor, und das bleibt unerwähnt, in Konzentrationslagern
Menschenversuche durchführten. Während im Film der einzige gezeigte
Rotarmist die „asiatischen Horden“ personifiziert, spiegelt
der Führer als kultivierter Mensch deutsche Prinzipientreue wieder.
Wie sehr die deutsche Barbarei von gestern auch heute gemeinschaftsstiftend
sein kann, konstatiert kein geringerer als Gerhard Schröder: „Die
Erinnerung an die Zeit des Nationalsozialismus, an Krieg, Völkermord
und Verbrechen ist Teil unserer nationalen Identität geworden.“
Wer dann auch noch gegen Heuschrecken, wie jüngst Franz Müntefering,
mobil macht, hat nicht nur ein gespaltenes Verhältnis zum Tierschutz,
ihm können auch noch antisemitische Argumentationsketten diagnostiziert
werden. Dass diese Form der Kapitalismuskritik nicht ohne die Begriffe
vom „raffenden und schaffenden Kapital“ auskommt, beweist
die gute deutsche Tradition in der der Generalsekretär der SPD steht.
Dem deutschen Volk, das den Weg von der Couch auf die Straße sucht,
wird dabei aus dem Herzen gesprochen, was wiederum die Forderungen der
Anti-Hartz- und Sozialproteste beweisen: Hauptsache gegen die „blutsaugenden,
parasitären“ Unternehmer und für Arbeit!
Veranstaltungen:
7.
Juli 05
19 Uhr, HS B Melanchthonianum
Erinnerung
im Wandel?
Elemente und Parameter der deutschen Gedenkkultur
Vortrag von Lars Rensmann
Im
Jahr des Gedenkmarathons beweist die rot-grüne Bundesregierung ihren
deutschen Antifaschismus: 1945 sei durch die Alliierten Deut¬sch¬land
von den Nazis befreit worden. Dabei werden die „ganz normalen Deutschen“
den Nazis gegenübergestellt. Und auch die Holocaustopfer erhalten
bei Schröder & Co. einen Sinn: „Der Tod der Millionen,
das Leid der Überlebenden, die Qualen der Opfer - sie begründen
unseren Auftrag, eine bessere Zukunft zu schaffen“. Doch nicht immer
wird heute von einer Befreiung gesprochen und Auschwitz als Teil der nationalen
Identität verstanden. Zum Beispiel leiden die Deutschen in populär¬wissen¬schaftlichen
Fernsehsendungen immer noch unter der „Besatzung“ von 1945.
Wie sind diese unterschiedlichen Ideologien zu erklären? Was für
Kontinuitäten und Unterschiede gibt es zwischen der alten und der
neuen rot-grünen Erinnerungspolitik? Und: Ändert sich das offizielle
Gedenken mit einer Unionsregierung?
Lars Rensmann lehrt am Otto-Suhr-Institut der FU Berlin.
12. Juli 05
19 Uhr, HS B Melanchthonianum
Der
Iran und die Bombe
Europas Appeasement gegenüber der Bedrohung,
die die Vernichtung Israels heraufbeschwört
Vortrag von Thomas Becker
Seit
drei Jahren versuchen Europa und die Vereinten Nationen vergebens, den
Iran mit diplomatischen Mitteln davon abzubringen, sich mit Atomraketen
zu bewaffnen. Doch die religiösen Führer und sich revolutionär
dünkenden Sittenwächter, die den Iran seit drei Jahrzehnten
mit den Regeln der Sharia beherrschen und entschlossen sind, die Bombe
zu bauen, haben die durch Verhandlungen verschwendete Zeit für sich
zu nutzen gewußt: Die Arbeiten an den Anlagen zur Anreicherung von
Uran und Separation von Plutonium sowie die Produktion von Raketen, mit
denen die nuklearen Sprengsätze verschossen werden sollen, sind inzwischen
so weit fortgeschritten, daß den Iran jetzt nicht mehr Jahre, sondern
nur noch Monate vom Status einer Atommacht trennen – sofern ihn
niemand an der Verwirklichung seiner Pläne hindert.
Bei
den alljährlichen Militärparaden zur Feier der „islamischen
Revolution“ pflegt der Iran seine Shahab-3 Raketen, die zur Bestückung
mit Atomsprengköpfen vorgesehen sind, mit Aufschriften wie „Wir
werden Amerika unter unseren Füßen zertreten“ und „Wir
werden Israel von der Landkarte wischen“ der Öffentlichkeit
zu präsentieren. Über die Absichten des Regimes der Mullahs
und Ayatollahs bestehen keine Zweifel. Während es der europäischen
Diplomatie somit gelungen ist, den Iran vor einer Anklage vor dem Sicherheitsrat
der Vereinten Nationen zu schützen, sehen sich Amerika und Israel
einer nur noch schwer zu kalkulierenden Bedrohung ausgesetzt: Für
Amerika bedeutete eine Atommacht Iran einen kaum zu korrigierenden Rückschlag
im Krieg gegen den Terror, für Israel die unmittelbare Gefahr seiner
Vernichtung.
Es
sind ausgerechnet die Deutschen, welche die Politik des Appeasement gegenüber
dem Iran anführen. Deshalb: Nicht an der Zahl von Denkmälern
und selbstgerechter Lippenbekenntnisse, sondern daran, wie sie 60 Jahre
nach Auschwitz mit der sich anbahnenden Möglichkeit eines „atomaren
Holocaust“ praktisch umgehen, möge man den Erfolg von Umerziehung
und Vergangenheitsbewältigung der Deutschen messen.
31.
Mai 05
20 Uhr, Hörsaal B, Melanchthonianum
(Uni Halle)
Screening Hitler - Eine Filmkarriere zwischen Dämonisierung,
Verleugnung und Versöhnung
Ein
Vortrag von Tobias Ebbrecht
Sechzig
Jahre nach Ende des Zweiten Weltkrieges erobert der Führer die Leinwände.
Ähnlich den gesellschaftlichen Debatten über die nationalsozialistische
Vergangenheit verlagert sich der Blick zunehmend von den Opfern auf die
Täter. Stand zunächst das Bedürfnis im Vordergrund, sich
in der Einfühlung mit den Opfern auf der Leinwand der eigenen Schuld
zu entledigen, ist nun der Weg frei zur versöhnenden Einfühlung
in die deutschen Täter als Opfer.
Wie erinnert und erinnerte sich der deutsche Film an Nationalsozialismus
und Holocaust? Formen der Abwehr und Umdeutung werden anhand der Darstellung
der Figur Hitlers im Film analysiert. Von der Ästhetisierung über
die Derealisierung zur neuen Faszination reichen die Stationen von Hitlers
„Filmkarriere“ und kommentieren dabei immer auch die geschichtspolitischen
Debatten in Deutschland und Europa über Nationalsozialismus und Holocaust
der letzten 60 Jahre.
Tobias Ebbrecht lehrt an der Hochschule für Film und Fernsehen
„Konrad Wolf“ in Potsdam. Er ist Mitherausgeber von „The
Final Insult - Das Diktat gegen die Überlebenden“ und schreibt
u.a. für „Die Jüdische“ und „Phase 2“.
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17.
Mai 05
21 Uhr, Chaiselongue (Reilstraße 78)
ag antifa & chaiselongue presents
I'm
too sexy for the führerbunker
- capitulation party
Konzert und Party mit egotronic (electro64
pop punk),
kissing link (electro pop punk) und
den DJs jay&kay und nino (drum'n'bass, breakbeat funk).
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9.
Mai 05
Die Aktualität der negativen Aufhebung des Kapitals
Zur Kritik der postnazistischen Gesellschaft
Vortrag
von Stephan Grigat
Die
Begriffe „Postfaschismus“ und „Postnazismus“ versuchen
die Tatsache zu fassen, dass 1945 zwar das Morden geendet hat, aber nicht
die viel beschworene „Stunde Null“ stattfand. Die nachfaschistischen
und nachnationalsozialistischen Demokratien haben Struktur- und Ideologieelemente
des Faschismus und des NS in sich aufgenommen. Als Begriffe der Kritik
zielen Postfaschismus und Postnazismus auf die modifizierte Fortsetzung
faschistischer und nationalsozialistischer Ideen in der und durch die
Demokratie. Sie beabsichtigen die Denunziation des aktuellen politischen
Souveräns mittels des Hinweises, dass jeder Staat auf den Erfahrungen
seines Vorgängers aufbaut und rücken das Bewusstsein einer Gesellschaft
in das Zentrum der Kritik, die sich heute mittels Gedenken an die vergangenen
Verbrechen auf neue Untaten vorbereitet.
Der Nationalsozialismus hat gezeigt, wie Erfolg versprechend die Mobilisierung
einer antikapitalistischen Revolte zur Rettung des Kapitals sein kann.
Zum Zwecke der Krisenlösung schwang sich der NS zu einer groß
angelegten, von Ressentiment und Hass getriebenen Verteidigung des vermeintlich
Konkreten und Natürlichen vor dem Abstrakt-Künstlichen in der
kapitalistischen Gesellschaft auf. Im Vernichtungsantisemitismus vollzog
sich die negative Aufhebung des Kapitals – eine fetischistische
Revolte gegen das Kapital auf seiner eigenen Grundlage.
Das sich in dieser konformistischen Revolte artikulierende regressive
Bedürfnis artikuliert sich heute unter anderem in jenem moralischen
Antikapitalismus, wie er mit unterschiedlichen Ausprägungen für
linke Globalisierungskritiker und rechte Kulturkämpfer, christliche
Moralisten und islamische Faschisten, Nazis und andere Antiimperialisten
typisch ist. Die zeitgemäße Erscheinungsform postnazistischer
Normalität ist die kriegslüsterne Friedensvolksgemeinschaft
deutsch-europäischer Provenienz samt ihrer suizidalen Komplettierung
im arabischen Raum. Die zeitgemäße Kritik dieser Normalität
äußert sich in der Solidarität mit dem Staat der Shoahüberlebenden
und in der Ablehnung des deutsch-europäischen Appeacements gegenüber
jenen Gruppierungen und Regierungen, welche die negative Aufhebung des
Kapitals mittels Massenmord versuchen voranzutreiben.
Stephan
Grigat ist Lehrbeauftragter für Politikwissenschaft an der Universität
Wien, gehört zu der Gruppierung „Café Critique“
(www.cafecritique.priv.at ) und arbeitet als freier Autor in Tel Aviv.
Er ist Herausgeber des Bandes „Transformation des Postnazismus.
Der deutsch-österreichische Weg zum demokratischen Faschismus“
(2003) und von „Feindaufklärung und Reeducation. Kritische
Theorie gegen Postnazismus und Islamismus“, der 2005 im Freiburger
ça ira-Verlag erscheinen wird.
1.
Dezember 04
Schwundgeld,
Menschenzucht und Antisemitismus
Tauschringe und die Lehre des Silvio Gesells
Ob
auf Anti-Hartz-Demonstrationen, bundesweiten Attac-Treffen oder in Veröffentlichungen
von Tauschringen: der Wunsch nach einem krisenfreien Kapitalismus ist
groß. Wie dieser zustande kommen soll, wird mit Geld- und Tauschutopien
von Silvio Gesell beantwortet. Besonders Gruppen wie lokale Tauschringe
verbreiten seine Vorstellung einer "natürlichen Wirtschaftsordnung",
eine vulgärökonomische Ideologie, die eine Marktwirtschaft ohne
Ausbeutung anstrebt. Das gute "schaffende" wird dem bösen
"raffenden" Kapital gegenübergestellt, die "Brechung
der Zinsknechtschaft" soll verwirklicht werden. Die Gesellschaft
soll durch Einführung von Freigeld, Freiland und durch einen radikal
freien Wettbewerb von finanzkapitalistischen "Parasiten" und
"dekadenten Elementen" gereinigt und den "Tüchtigen
und Tauschenden" überlassen werden. In Gesells sozialdarwinistischer
Sichtweise soll durch die Arbeit eine „Auslese“ der Menschen
stattfinden. Die völkische Theorie wurde zum Teil im Wortlaut in
das NSDAP-Parteiprogramm mit aufgenommen.
Peter Bierl, freier Journalist aus München, wird in seinem Vortrag
die Ideologie von Silvio Gesell erläutern und auf Tauschringe, Verfechter
dieser Lehre, eingehen.
festival
contre le racisme 2004
Das festival contre le racisme wird jährlich vom Freien Zusammenschluss
der StudentInnenschaften (fzs) organisiert.
9. Juni 04
Hoch die internationale
... Opfergemeinschaft?
Über den Antirasismus der No-Globals und sein Verhältnis zum
Antisemitismus
Die
Antiglobalisierungsbewegung will nur „das Beste“ für
die Weltbevölkerung: eine „sozial gerechte Umverteilung zwischen
oben und unten“, das „Zurückdrängen des Westens
aus den Entwicklungsländern“ und den „Ausbau nationaler
Souveränitäten“, um die „Abhängigkeit der Völker
vom Weltmarkt“ abzubauen. Ein scheinbar einfaches Rezept, um sich
eine „bessere Welt“ zu backen. Doch wird der Kuchen nie fertig
werden, denn eines scheinen die No-Globals zu vergessen: Kapitalismus
basiert nicht auf Verteilungsungerechtigkeit oder der Hinterlist böser
Kapitalisten bzw. Multis; Kapitalismus ist vielmehr ein gesellschaftliches
Verhältnis.
Die selbsternannten Weltverbesserer präsentieren hingegen die Beziehung
zwischen dem Westen und den Entwicklungsländern als neuen Hauptwiderspruch.
Ausbeutung und Unterdrückung – nichts anderes würden die
westlichen Staaten, insbesondere die USA, betreiben. Die USA, so wird
von globalisierungskritischer Seite erklärt, würden ihren „Dollar-Imperialismus“
durch den IWF und die Weltbank ausüben, kulturelle Hegemonie anstreben
und die „indigenen Völker und Kulturen“ unterdrücken.
Sollen die Probleme der Welt gelöst werden, so wird weiter argumentiert,
müsse der Einfluß der USA zu Gunsten des „Selbstbestimmungsrechts
der Völker“ zurückgedrängt werden.
Bei dieser Argumentation arbeiten die Globalisierungskritiker mit antisemitischen
Versatzstücken – die Gegenüberstellung unproduktiver,
heimatloser Institutionen (IWF, Weltbank usw.) und ausgebeuteter, heimatverbundener
„Völker“ basiert beispielsweise auf dem, aus der antisemitischen
Propaganda hinlänglich bekannten Dualismus von „raffendem“
und „schaffendem“ Kapital.
Gleichzeitig begreifen sich die No-Globals auch als Antirassisten; sie
fordern Verbundenheit mit den „Opfern der Globalisierung“
bzw. „Solidarität der Völker“. Der Begriff „Volk“
ist dabei zentral: ein Kollektiv, dessen Identität durch eine gemeinsame
Kultur und ein Territorium gegeben sei. Menschen werden über die
Gemeinschaft definiert, Individualinteressen scheinen nicht zu existieren.
So bedient sich der Antirassismus selbst rassistischer Zuschreibungen.
Im Rahmen der Vortragsveranstaltung sollen u.a. folgende Fragen diskutiert
werden: Ist die Unterscheidung zwischen rechten und linken Globalisierungsgegnern
obsolet geworden? In welchem Verhältnis steht (Anti)rasissmus zu
Antisemitismus? In welcher ideengeschichtlichen Tradition steht Antirassismus?
Clemens
Nachtmann referiert am Beispiel der No-Global-Bewegung über Antirassismus
und sein Verhältnis zum Antisemitismus. Nachtmann ist Autor der Zeitschrift
„Bahamas“ und Mitherausgeber der Bücher „Geduld
und Ironie – Johannes Agnoli zum 70. Geburtstag“ und „Kritik
der Politik – Johannes Agnoli zum 75. Geburtstag“.
festival
contre le racisme 2004
10. Juni 04
Filmabend LaBim
Der Wind von Majdanek hat meine Träume verweht
Ein Film des AJZ Dessau, 90 min., 20 Uhr
Die 90-minütige Dokumentation erzählt die Lebensgeschichte der
Polin Ewa Kozlowska, die als 20-Jährige von Deutschen in das Konzentrations-
und Vernichtungslager Majdanek verschleppt wurde. Wenige Wochen vor der
Befreiung des Lagers wurde Ewa Kozlowska nach Ravensbrück deportiert,
wo sie ein Jahr später vom Schwedischen Roten Kreuz befreit wurde.
Der Film wurde vom Alternativen Jugendzentrum Dessau produziert.
kurz
und schmerzlos
D’98, R.: F. Akin, 100min, 22 Uhr
Als der Türke Gabriel (Mehmet Kurtulus) aus dem Gefängnis entlassen
wird, erwartet ihn nicht nur seine Familie: auch der Serbe Bobby (Aleksander
Jovanovic) und der Grieche Costa (Adam Bousdoukos), Gabriels Freunde aus
Jugendtagen in Hamburg-Altona, freuen sich über seine Rückkehr.
Aber alles ist anders geworden: Gabriel will keine krummen Dinger mehr
drehen, mit Taxifahren Geld verdienen und später in die Türkei
auswandern. Doch die Rechnung hat Gabriel ohne seine Freunde gemacht…
„kurz und schmerzlos“ ist das Spielfilm-Debüt Fatih Akins
(„Im Juli“, „Gegen die Wand“), das die gelungene
Balance zwischen Komödie und Thriller, Drama und Tragödie hält
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