Broschüre

AG Antifa (Hrsg.)
Gegen die deutsche Normalität – Interventionen hallischer Antifa-Gruppen (2000-2014)
In dieser Broschüre werden Texte hallischer Antifa-Gruppen aus den Jahren 2000 bis 2014 dokumentiert. Damit wird eine doppelte Zielstellung verfolgt: Zum einen wird die Vorgeschichte aktueller Diskussionen dargestellt, zum anderen soll gezeigt werden, dass der Irrsinn, der kritischen Antifaschisten auch heute noch aus den einschlägigen Parteizentralen, dem Kulturbetrieb, vom linken Stammtisch oder von der Straße entgegenschlägt, schon vor vielen Jahren seziert wurde. Möglicherweise kann damit ein kleiner Beitrag zur Herausbildung des historischen Bewusstseins geleistet werden, das der Linken fehlt.

Die Broschüre kann per E-Mail (agantifa[at]gmail.com) bestellt werden.

Inhaltsverzeichnis: (PDF)

Vorwort:
Ein paar Worte zuvor

Die linken Bewegungen des frühen 20. Jahrhunderts waren fest in einem bestimmten Milieu verankert. Wer in den 1920er Jahren am Hamburger Hafen, im Berliner Wedding oder im hallischen Glauchaviertel aufwuchs, konnte in der Regel auf eine linke Großmutter, kommunistische oder sozialdemokratische Eltern und eine langjährige Karriere in einer der diversen Vorfeldorganisationen der Arbeiterparteien verweisen. Wer es sich mit seinen Eltern und den Nachbarn verderben wollte, wurde später Sozialdemokrat statt Kommunist, trat der KPD statt der SPD bei oder besorgte sich als Affront gegen beide die Schriften Otto Rühles. Spätestens seit Ende der 1920er Jahre wurde in den entsprechenden Milieus auch die NSDAP attraktiv, aber das ist eine andere Geschichte.
Im Unterschied zum goldenen Zeitalter der Arbeiterbewegung ist die radikale Linke inzwischen eine Jugendbewegung; das Milieu und die Klasse haben sich in eine Szene verwandelt. Wer früher noch gute Chancen auf einen Funktionärsposten im kommunistischen Jugendverband gehabt hätte, gilt inzwischen als überaltertes Kuriosum und sorgt mit seinen Geschichten über die Zeit von Hoyerswerda und selbst den Irakkrieg nicht selten für Spott.
Als sich der Verfassungsschutz noch ernsthaft, sprich: nicht nur aus Traditionalismus für die Linke interessierte, errechnete er, dass das durchschnittliche Ausstiegsalter aus der Szene 28 Jahre beträgt. Spätestens hier fängt der Ernst des Lebens an. In diesem Alter bereitet sich die durchschnittliche deutsche Frau geistig-moralisch auf ihr erstes Kind vor. Auch die eigenen Erzeuger können so kurz vor dem 30. Geburtstag ihres Nachwuchses nur noch schwer davon überzeugt werden, dass ihre monatlichen Überweisungen Investitionen in die Zukunft sind. In dieser Zeit beginnt auch für die Letzten der Einstieg ins Berufsleben, der durch FSJ und Bafög noch hinausgezögert werden konnte. Wer seinen Lebensunterhalt nun, wie bei vielen Jungakademikern – das »Proletariat« gehört in den einschlägigen Gruppen zur Mangelware – üblich, mit zwei schlecht bezahlten Jobs bestreiten muss, sich mehr als acht Stunden pro Tag das unerträgliche Geplapper seiner minderbemittelten Kollegen anhören darf und danach noch sein Kind aus den Klauen boshafter Kindergärtnerinnen befreien muss, kann in der Regel keine große Begeisterung für linke Gruppentreffen mehr aufbieten.
Diese Entwicklung ist eine der Ursachen dafür, dass die im Zweijahrestakt geführten linken Debatten – über Militanz, die »Definitionsmacht der Frau«, Solidarität mit Israel usw. – an die Zeitschleifen erinnern, mit denen Jean-Luc Picard und seine Mannschaft regelmäßig in Star Trek zu kämpfen haben: Gruppen bestehen meist nicht länger als drei Jahre; bereits gemachte Erfahrungen können nicht weitergegeben werden; jüngere Antifaschisten müssen sich immer wieder aufs Neue aus dem Sumpf von Antiimperialismus, veganer VoKü und Gemeinschaftskitsch herausziehen.
Um dieser Geschichtslosigkeit zumindest im Rahmen unserer bescheidenen Möglichkeiten entgegenzuwirken, haben wir uns aus Anlass des 20jährigen Bestehens der AG Antifa entschlossen, antifaschistische Texte, Flugblätter und Aufrufe zu dokumentieren, die seit 2000 in Halle kursierten. Dieser Zeitraum ist nicht willkürlich gewählt. So steht das Jahr 2000 gleich mehrfach für einen Einschnitt: Während die Aktivitäten von Neonazis, offene Ausländerfeindlichkeit und Geschichtsrevisionismus in den 1990ern von Politik und Medien regelmäßig verharmlost wurden, verkündete der damalige Bundeskanzler Gerhard Schröder (SPD) im Sommer 2000 den sogenannten »Aufstand der Anständigen« und erklärte die Bekämpfung von Neonazis zur Chefsache. Mit staatlicher Unterstützung wurden überall in der Republik Beratungs- und Informationsstellen gegen Rechtsextremismus und Rassismus gegründet, die auch in Halle einigen Antifa-Aktivisten die Möglichkeit boten, ihre bisherigen – teilweise durchaus nützlichen – Freizeitaktivitäten gegen Neonazis hauptamtlich weiterzuführen. Politgruppen, die sich bis dahin qua Antifaschismus als Staatsfeinde verstanden hatten, sahen sich zeitweise mit einer enormen öffentlichen Anerkennung konfrontiert. Auch die AG Antifa erhielt von nun an regelmäßig Interview-Anfragen vom Spiegel und anderen überregionalen Medien; die »Aktion Noteingang«, die von ihr um 2000 in Halle initiiert wurde, bekam plötzlich Unterstützung von der damaligen Oberbürgermeisterin. Bei dieser Kampagne konnten Geschäftsleute mit einem Aufkleber signalisieren, dass sie in ihrem Laden Schutz vor rassistischen Übergriffen bieten. Es dauerte eine Weile, bis die AG Antifa begriff, dass mit der Kampagne weniger bedrohten Migranten als der Stadt Halle geholfen wurde: Unter Verweis auf die »Aktion Noteingang« konnte sich die Saalestadt ein weltoffeneres und ausländerfreundliches Image verpassen.
Mit einiger Verspätung kamen um das Jahr 2000 herum zudem auch in Halle einige der Diskussionen an, die die Linke in anderen Regionen der Republik schon seit Anfang der 1990er Jahre geführt hatte: Hat die Antifa Neonazis als Hauptgegner zu begreifen, oder ist das Problem nicht vielmehr jener übergroße Teil der Bevölkerung, der bei den Pogromen von Rostock, Hoyerswerda, Quedlinburg usw. direkt oder indirekt Applaus spendete? Kann man sich noch positiv auf »das Volk«, die Arbeiter oder die »unteren Schichten« beziehen, wenn sie den Nazis das Gefühl vermitteln, in ihrem Namen zu handeln?
Diese Diskussionen waren in Halle zwar auch in den 1990ern nicht vollkommen unbeachtet geblieben. Schon 1992 hatten örtliche Antifaschisten als Begleitschutz an der Konzert- und Vortragstour »Etwas Besseres als die Nation« teilgenommen, mit der die friedliche Koexistenz von Nazis und Bevölkerung in den neuen Bundesländern provoziert werden sollte. 1998, als die neonazistische Deutsche Volksunion (DVU) bei den Landtagswahlen in Sachsen-Anhalt 15 Prozent der Stimmen erhielt, organisierten hallische Antifas eine Vortragsreise mit Jürgen Elsässer, der damals noch nicht durchgedreht war, sondern als Vordenker der »Antideutschen« galt, durch Sachsen-Anhalt. Elsässer hatte sein Braunbuch DVU geschrieben, das über weite Strecken auch heute noch lesenswert ist. Von all dem war das hiesige autonom-antifaschistische Selbstverständnis allerdings nur bedingt infragegestellt worden. Größere szeneinterne Debatten waren ausgeblieben.
Erst um 2000 herum schlugen sich die bundesweit geführten Diskussionen in Halle auch organisatorisch nieder. Der lose Zusammenschluss der Antifa Halle, der durch die Gegnerschaft zu »Faschos« in den Jahren zuvor immer schwächer zusammengehalten worden war – auch, weil Nazis hier im Unterschied zu vielen anderen ostdeutschen Städten bald kaum noch eine direkte Bedrohung darstellten –, wurde von mehreren antifaschistischen Gruppen abgelöst, die ein ausgeprägteres Selbstverständnis besaßen. Der Antifaschistische Arbeitskreis (AfA) ging 2000/2001 aus einer Gruppe hervor, die die Unverbindlichkeit offener linker Plenen schon im Nachgang des DVU-Erfolgs von 1998 durch eine größere organisatorische und inhaltliche Verbindlichkeit ersetzen wollte. Mit ihm entstand einer jener Zusammenschlüsse, die bundesweit bald ironisch als »antideutsch light« bezeichnet wurden. Auch die AG Antifa, die schon Mitte der 1990er als Arbeitskreis des Studierendenrates der Uni Halle gegründet worden war, um studentischen Verbindungen und anderen rechtskonservativen Umtrieben an der Hochschule entgegenzutreten, entwickelte sich in diese Richtung und begann, ein festeres inhaltliches Profil auszubilden. Als Reaktion auf diese Entwicklung gründete sich mit der Neuen Autonomen Gruppe (NAG) ein Zusammenschluss, der auf den »Aufstand der Anständigen« nicht mit der Hinterfragung bisheriger Gewissheiten, sondern mit der Bezugnahme auf soziale Bewegungen reagieren wollte. Der Bezugspunkt der NAG war die neu entstandene Antiglobalisierungsbewegung, die bundesweit denjenigen Polit-Gruppen einen Ausweg aus der Krise der Antifa zu bieten schien, die sich vom »antideutschen« Antifaschismus abgrenzen wollten. Die Gruppe organisierte Touren zu den Großevents der No-Global-Bewegung, den Riots von Prag, Kopenhagen usw. – was einem ihrer Mitglieder ein langjähriges Einreiseverbot in die Tschechische Republik einbrachte.
Infolge der Diskussionen über Nazis und Bevölkerung kam es zu einer paradoxen Situation: Ein Teil der hallischen Antifa begann zu einem Zeitpunkt von einem großen Bündnis von Nazis, Bevölkerung und Elite zu sprechen, als die damit verbundene Rede vom bundesweiten rassistischen Konsens infolge des »Aufstands der Anständigen« ihre Anknüpfungspunkte in der Realität schon wieder zu verlieren begann. Dieses Paradox fiel zunächst allerdings kaum auf. So war es anfangs keineswegs klar, ob die neue staatliche Antifa-Welle ebenso schnell abebbt wie sie entstanden war. Zudem kam der »Aufstand der Anständigen« im Osten der Republik oft nicht nur unvollständig, sondern auch mit einer gehörigen Verspätung an. (Einige Regionen hat er auch heute noch nicht erreicht – und wird das in den nächsten Jahren wohl auch nicht tun.) So sprach die damalige hallische OB zwar bald bei jeder Gelegenheit von der Notwendigkeit des Kampfs gegen Rechts. Das hinderte sie jedoch nicht daran, bekennenden Neonazis, die in Halle ausgerechnet im Kontext der staatlichen Antifa-Kampagne wieder größeren Zulauf erhielten, offen für ihren Einsatz gegen das große Hochwasser von 2002 zu danken. Kurze Zeit später, am Volkstrauertag 2002, legte sie auf dem örtlichen Gertraudenfriedhof zusammen mit 200 Neonazis Kränze nieder; ein Bundeswehrtrompeter spielte das Lied Ich hatt’ einen Kameraden.
Diese Widersprüchlichkeiten fanden in einigen Texten, die in dieser Broschüre dokumentiert sind, eine gewisse Entsprechung. So wurde zum Teil von einem Bündnis von Mob und Elite gesprochen, als hätte der »Aufstand der Anständigen« nicht stattgefunden. Bei anderer Gelegenheit wurde herkömmliche Antifa-Arbeit hingegen als staatstragend verworfen, ohne darauf zu reflektieren, dass das südliche Sachsen-Anhalt nicht Köln oder Hamburg ist. Es dauerte eine Weile, bis dieser Widerspruch zumindest offen thematisiert und auf die in sich widersprüchliche Situation sowie die Ungleichzeitigkeiten zwischen der Entwicklung in Deutschland West und Deutschland Ost zurückgeführt wurde.
Neben Zufällen und den obligatorischen persönlichen Animositäten trugen zur inhaltlichen Ausdifferenzierung zwei weitere Ereignisse bei: Im Oktober 2000 begann die Al-Aqsa-Intifada, in deren Verlauf mehrere hundert Selbstmordattentate in Israel verübt wurden; am 11. September 2001 entführten Mitglieder der Terrororganisation Al Qaida Passagierflugzeuge und steuerten sie ins World Trade Center in New York. Mehr als 3.000 Menschen starben. Beides, 9/11 und das palästinensische suicide bombing in Israel, stießen hierzulande auf mehr als klammheimliche Freude. Die Feindschaft gegen Israel und Amerika wurde zum kleinsten gemeinsamen Nenner des deutschen Politbetriebs. Bei den Friedensdemonstrationen des Jahres 2003, den größten Aufmärschen seit dem Ende des Nationalsozialismus, protestierten Autonome, CDU-Politiker, Linksparteiler, Grüne, NPDler, Liberale und Sozialdemokraten einträchtig gegen Amerika – und am Rande auch gegen Israel. In einigen Städten, etwa in Halle, wurden die Protestzüge zeitweise sogar von Neonazis angeführt. Wer Deutschland auf der Höhe der Zeit kritisieren wollte, musste die Kritik des Antizionismus und des Antiamerikanismus daher ins Zentrum seiner Aktivitäten rücken. So beschleunigten die israel- und amerikafeindlichen Aufwallungen dieser Zeit, die innerhalb der traditionellen Linken auf große Zustimmung stießen, den Abschied der AG Antifa und des Antifaschistischen Arbeitskreises (AfA) vom linken Konsens der 1990er.
Die Erfahrung des linken Antisemitismus sorgte schließlich auch dafür, dass die Neue Autonome Gruppe (NAG) wieder auf Distanz zu ihren sozialrevolutionären Experimenten ging. Nachdem sie den linken Israelhass bei den Antiglobalisierungsprotesten in Kopenhagen handfest zu spüren bekommen hatte (vgl. den Text Antisemitische Ausfälle in Kopenhagen), schreckte sie fortan davor zurück, kritisch-konstruktiv in die No-Global-Bewegung intervenieren zu wollen. Dass aus der NAG, die angetreten war, der Krise der Antifa und der Entstehung eines »antideutschen« Antifaschismus mit sozialrevolutionären Parolen und autonomem Gestus entgegenzuwirken, bald auf direktem Weg die antideutsche Gruppe No Tears for Krauts hervorging, gehört zu den Treppenwitzen der regionalen Szene-geschichte. Es zeigt aber auch, dass es um die Erfahrungsfähigkeit der Menschen noch nicht ganz so schlecht bestellt ist, wie es gelegentlich behauptet wird.
Auf eine solche Erfahrungsfähigkeit spekuliert letztlich auch diese Broschüre. Mit ihr soll einerseits die Vorgeschichte einiger aktueller Diskussionen dargestellt werden. Andererseits soll gezeigt werden, dass der Irrsinn, der kritischen Antifaschisten auch heute noch aus den einschlägigen Parteizentralen, dem Kulturbetrieb, vom linken Stammtisch oder von der Straße entgegenschlägt, schon vor vielen Jahren seziert wurde. Ein Großteil der dokumentierten Flugblätter, Demonstrationsaufrufe und Stellungnahmen besitzt dementsprechend auch heute noch Aktualität. Andere Texte würden die Autoren heute sicher nicht mehr so schreiben. Mit ihrer Hilfe kann jedoch ein Erkenntnis- und Reflexionsprozess nachvollzogen werden. Auf die Aufnahme von Texten, die schon vor 15 Jahren unter Niveau waren und für das Gegenteil von Erkenntnis – nämlich: das Einrichten im infantilen Weltbild der Autonomen, des Parteikommunismus oder des Pazifismus der 1970er und 1980er Jahre – stehen, wurde verzichtet. Erstens hält sich der textliche Output der entsprechenden Politbüros und WG-Küchentischbesatzungen aufgrund des eigenen Unvermögens zum Formulieren sowie der Präferenz für Intrigen in engen Grenzen. Zweitens soll niemand gelangweilt werden. Wer sich trotzdem dafür interessiert, studiere die Junge Welt von gestern, lese die Facebook-Kommentare von heute oder setze sich an den GiG-Tresen von morgen.

AG Antifa, 12/2014