Stellungnahmen

Frieden ohne Israel?
Flugblatt gegen die Veranstaltung „Frieden im Nahen Osten" am 17. Oktober, die vom Arabischen Haus e.V. dem Akademischen Auslandsamt der MLU Halle und der Deutschen Angestellten Akademie organisiert wurde. weiter

Der Hass auf Israel als Verrat an der Aufklärung
Redebeitrag zur Kundgebung „Keine Gastfreundschaft für Volksverhetzer! Solidarität mit Israel – Gegen Ahmadinedjad und seine deutschen Neonazi-Freunde“ am 21. Juni in Leipzig. weiter

 


Am Ende: Konformismus. Zum linken Antisexismus

1.
Die alten Arbeiterparteien, revolutionären Bünde und Zirkel trugen Doppelcharakter: Sie waren Kampforganisationen, in und mit denen sich das revolutionäre Subjekt von der »Klasse an sich« zur »Klasse für sich« entwickeln sollte. [1] Und sie waren – damit unmittelbar verbunden – ein Instrument, mit dessen Hilfe die Verhältnisse zum Tanzen gebracht werden sollten.
Spätestens seitdem die Abschaffung des falschen Ganzen nicht mehr auf der Tagesordnung steht, hat sich der Charakter der linken Organisationen gewandelt. In einer Zeit der verstellten Praxis, in einer Zeit also, in der keine Veränderungen herbeigeführt werden können, die diesen Namen verdienen, bleibt den Organisationen nur noch die Möglichkeit, ihre Mitglieder zu verändern. Ihr früherer Doppelcharakter hat sich in schlechte Eindeutigkeit aufgelöst. Die linken Organisationen haben sich vom Instrument und der Kampforganisation in den sozialen Ort verwandelt, an dem ihre Mitglieder ihre Freizeit verbringen. Und tatsächlich: Ohne die Option auf Veränderung sind die – teilweise durchaus nützlichen – Aktivitäten der diversen linken Gruppen nur noch schwer von einem Hobby zu unterscheiden. [2] Wie das Sammeln von Briefmarken, der Modellbau oder das Züchten von Blumen zielen auch sie weniger auf das Resultat als auf den psychischen Gewinn hin, der beim Werkeln eingefahren wird. Die Verhältnisse haben somit selbst ihren Kritikern das revisionistische Motto »Der Weg ist das Ziel« aufgezwungen. Beim Plakatmalen oder im Transparentworkshop können sich die Einzelnen, die ihre Subjektivität und Spontaneität zwangsläufig verloren haben, vormachen, dass es gerade auf sie ankommt; bei den permanenten Feldzügen gegen rechte Vertriebsstrukturen kann die Ahnung bekämpft werden, dass das Leben auch ohne Naziläden nur selten wesentlich schöner ist.
Die diversen linken Gruppen haben darüber hinaus noch eine weitere Funktion: Beim wöchentlichen Gruppentreffen mit anschließendem Kneipenbesuch trifft man auf Gleichgesinnte, »die den oftmals verzweifelten Einzelnen Halt geben, Familienersatz bieten, und denjenigen, die aufgrund ihrer verschrobenen Vorstellungen und Spleens anderswo keinen Anschluss finden, Sozialkontakte bescheren«. [3] Die Gruppe ist also im Wortsinn eine »politische Heimat«; sie ist, wie jeder, der einmal in einem der diversen Politzirkel aktiv war, bestätigen kann, soziale Bezugsgröße und Therapiekreis in einem. Mit ihr soll – insbesondere in autonomen Kreisen, die diese Funktionen nicht verzweifelt als von den verhärteten Verhältnissen aufgezwungen, sondern sie fröhlich als ihren eigentlichen Zweck (Motto: »Freiräume schaffen!«) begreifen – den Zumutungen der feindlichen Außenwelt entflohen werden. Die Gruppe soll die ersehnte Geborgenheit und Wärme bieten, die anderswo nur schwer zu finden sind, und eine Art sozialen Schutzraum schaffen. Eine regionale Antifagruppe, die immer wieder mit mäßig witzigen Bildergeschichten über die Erlebnisse ihres Plüschtiermaskottchens Poldi berichtet, schob dem Spielzeugdrachen nach einer Gruppenexkursion dann auch die entsprechende Erkenntnis unter: »Rückblickend weiß Poldi, dass er viel gelernt hat, aber auch, was ihm gefehlt hat – eine feste Bezugsgruppe! […] Aber jetzt weiß Poldi, dass Gruppen schön und wichtig sind…« [4]

2.
Die autonomen Schutzräume – und um die soll es im Folgenden gehen [5] – sind in der Regel nach dem Muster der Kinderbande, wie sie z.B. in Yves Roberts Film »Krieg der Knöpfe« von 1961 beschrieben wird, geschaffen. Und das hat seinen Grund: In der Phase der Kindheit, die hier simuliert wird, war scheinbar noch alles in Ordnung. Hier war man noch nicht schonungslos mit den Schwierigkeiten des Lebens, dem Arbeitsmarkt, der Kontaktpflege und der Entscheidungsfindung, konfrontiert. In der Nähe der Eltern, Tanten, Großeltern oder in der Kinderbande, deren Innenleben sich tatsächlich von der Erwachsenenwelt und ihrer instrumentellen Vernunft unterschied, fühlte man sich geborgen und behütet. Insbesondere in der frühkindlichen Phase war man zudem Eins mit der Welt und wurde für die eigenen Handlungen noch nicht verantwortlich gemacht. Vor allem aber, so malt es das gängige Bild, war man der oft als Zumutung und Last empfundenen Sexualität noch nicht ausgesetzt. Das Gefühl des Hin- und Hergerissenseins, des unerfüllten Verlangens, des Zurückgewiesenwerdens, das oft weitaus demütigender ist, als die Mobbingattacken der Kollegen, das teilweise selbstzerstörerische Verlangen nach Hingabe bis zur Selbstaufgabe, die sexuellen Unsicherheiten: all das, so lautet die landläufige – und in ihrer Absolutheit irrige (Stichwort: kindliche Sexualität!) – Vorstellung, war noch unbekannt.
Bis vor einigen Jahren war in der autonomen Ikonografie noch deutlich zu erkennen, dass die Kinderbande und die Zeit der Präadoleszenz der autonomen Gruppenlandschaft als Vorbild dienten. Unzählige Plakate, Buttons und Aufkleber waren mit Bildern der »kleinen Strolche« und anderer scheinbar widerständiger Kinder geschmückt; ganze Politvereine besorgten sich die Pippi-Langstrumpf-Titelmelodie als Klingelton für ihr Handy. Ende der neunziger Jahre wurden die Schöpfungen Astrid Lindgrens schließlich von japanischen Manga-Comics, Bart Simpson, der auf Antifaplakaten mit Steinschleuder und Skateboard auf Nazijagd ging, oder – als regionale Besonderheit Sachsen-Anhalts – dem Kelloggs-Tiger vertrieben. Auch diese Zeit scheint zwar allmählich ihrem Ende zuzugehen. Es fällt allerdings nicht schwer, das schon erwähnte Plüschtiermaskottchen Poldi als Fortsetzung dieser Infantilikonografie zu begreifen. (Nebenbei: Poldi hat als Drache, wie von seinen menschlichen Freunden kürzlich nach einer Exkursion in die Queer-Szene Seattles erklärt wurde, selbstverständlich kein Geschlecht.) [6] Anderswo findet man das Kind in sich mit anderen Mitteln: In einigen Städten führt die autonome Szene ihre »Zusammenhänge« und »Strukturen«, ihre »emanzipatorische Politik«, ihren »emanzipatorischen Anspruch«, ihre »Praxis (…), die eine Kritik an der gegenwärtigen Gesellschaft einschließt«, und ihre »Verantwortung« [7], ihren ganzen autonomen Politkitsch und Wortmüll also, inzwischen teilweise unter dem Label der Israelsolidarität fort; die autonom-infantile Begeisterung für Wimpel, Vereinsabzeichen und Bekenntnis-Buttons macht sich hier in den absurdesten Formen an den Symbolen Israels fest. [8]

3.
Ganz der Logik der stetigen Kindheitssimulation folgend, sind die autonomen Gruppenangehörigen alles: kreativ, kämpferisch, solidarisch, kraftvoll und treu bis in den Tod. Sie dürfen nur eins nicht besitzen: Sexualität. Lange bevor der Begriff »queer« in Mode kam, waren die Mitglieder autonomer Zusammenschlüsse in Dresscode, Frisur und selbst im Habitus nur noch schwer voneinander zu unterscheiden. Männer wie Frauen entsprachen dem Ideal des toughen, aber doch sensiblen Streetfighters. Darüber hinaus war und ist trotz des obligatorischen Pärchens, das zu jeder Gruppe gehört, in den entsprechenden Vereinen eine merkwürdig desexualisierte Etikette zu beobachten, die tatsächlich an die Umgangsformen der »kleinen Strolche« erinnert. Das Verhältnis ist kameradschaftlich-kollegial.
Das Dumme ist: Die Sexualität bricht immer wieder in die desexualisierten Räume der heilen autonomen Gruppenwelt ein. Von Party zu Party, in einsamen Momenten oder nach einer gelungenen Demo zeigt sich, dass die Vereinsmitglieder doch ein Triebleben besitzen. Was nun über kurze oder lange Zeit folgt, stellt die ohnehin zerbrechlichen Zusammenschlüsse stets potentiell zur Disposition. Die Konflikte des echten Lebens, denen sie durch den Gang in die Gruppe entkommen wollten, holen die Flüchtigen ein. Gruppeninterne Auseinandersetzungen sind dabei nicht nur aufgrund der nur eingeschränkten Sozialkontakte, die Eifersüchteleien fast automatisch nach sich ziehen, vorprogrammiert. Oft genug auch brechen die Zusammenschlüsse nach der Trennung des oder der Gruppenpärchen, der kurzen Liebelei oder der einmaligen Suspendierung des kameradschaftlichen Verhältnisses zugunsten einer nächtlichen Zweisamkeit auseinander. Doch selbst wenn der Verein diese Auseinandersetzungen übersteht, ist danach oft nichts mehr wie zuvor. Politische Streitigkeiten werden in Folge regelmäßig an der Paarbruchlinie neu sortiert; die Wohlfühlatmosphäre leidet unter den nur halbherzig als politische Auseinandersetzungen getarnten Zankereien der vormals Verliebten.
Zu dieser eher randständigen Infragestellung des Schutzraumes gesellen sich andere, ungleich bedeutendere Überforderungen der Gruppenmitglieder. All die weiterhin vorhandenen Triebe, Wünsche und Phantasien, die über die gerade noch offiziell anerkannte und nur ex negativo kommunizierte Sexualmoral der Szene – die sich im Übrigen nicht allzu sehr von der der spießig-muffigen Aufklärungsliteratur der fünfziger Jahre unterscheidet [9] – hinausgehen, lassen sich nicht so einfach verdrängen. Vor dem Hintergrund dieser Überforderungen muss in einer Art Ersatzhandlung regelmäßig die Sau durchs Dorf getrieben werden. Die eigenen Wünsche, Triebe und Phantasien, von denen die Gruppenangehörigen sich und ihre »politische Heimat« stets bedroht sehen, werden dabei von der eigenen Person oder Gruppe abgespalten, auf andere Personen projiziert und an der Figur des tatsächlichen oder vermeintlichen Vergewaltigers, des Täterschützers oder des Täterschützerkollektivs exorziert. Im Verfolgungs- und Sanktionsbedürfnis gegen den Sexisten können die unterdrückten Triebe also einerseits in veränderter Form ausgelebt werden. Andererseits kann am exterritorialisierten Gegner der Zusammenhalt des autonomen Kollektivs gestärkt werden. Und tatsächlich funktionieren die verschiedenen Gruppen, die nicht nur durch den regelmäßigen Einbruch der als bedrohlich empfundenen Sexualität stetig prekär sind, nur in der Krisensituation reibungslos [10]; den Zusammenhalt und die Gemeinschaft, die die verzweifelten Einzelnen in der Gruppe suchen, gibt es tatsächlich nur im Kampf gegen äußere Gegner. Bei dieser verzweifelten Suche nach Gegnern, die die autonome Welt zusammenhalten, dem Gerede über die Herrschaft des Patriarchats und Täterschützer fällt dem Gruppenzusammenhang nicht einmal auf, dass er sich in seinem Verfolgungseifer gegen tatsächliche oder vermeintliche Vergewaltiger der Gesellschaft, vor der er doch permanent auf der Flucht ist, wieder annähert. Eine Umfrage, die kürzlich im Auftrag des Rundfunks Berlin Brandenburg (RBB) durchgeführt wurde, ergab: 60 Prozent der befragten Brandenburger sprachen sich dafür aus, die Namen von Sexualstraftätern zu veröffentlichen (35 Prozent waren dagegen); 80 Prozent forderten ihre dauerhafte Verwahrung. [11]

4.
Es ist dabei nur logisch, dass sich die Szene ausgerechnet am Bild des Vergewaltigers abarbeitet. Genauso wie die autonomen Gruppeninsassen den Einbruch der eigenen Triebe in ihren heilen Schutzraum nur als Gewaltakt begreifen können, können sie sich eine Sexualität, die über die Sexualmoral der Szene hinausgeht, nur als Gewalt oder Folge »struktureller Gewalt« vorstellen. Der Vergewaltiger dient als Chiffre für die Zumutungen der Gesellschaft, vor denen man auf der Flucht ist. Er soll damit weniger für das bestraft werden, was er konkret getan hat. Ebenso wenig werden an ihm die tatsächlichen Widerwärtigkeiten und Gewaltakte, denen Frauen oft ausgesetzt sind, bekämpft. An ihm soll vielmehr exemplarisch und stellvertretend jede Sexualität, die den autonomen Sexualkodex verlässt, abgewehrt werden. Sexuelle Belästigung wird hier schnell zum Synonym für die Belästigung durch die Sexualität. Das Desinteresse am tatsächlich Geschehenen – das nicht mit der Abscheu vor Sensationsgier zu verwechseln ist – zeigt sich nicht zuletzt darin, dass die autonome Gruppenlandschaft nicht erst dann in aufgeregte Spannung versetzt wird, wenn ein Vergewaltigungsvorwurf erhoben wird. Es genügt vielmehr das Gerücht, dass ein solcher Vorwurf besteht. Ganz in diesem Sinn forderten uns mehrere langjährige und verdienstvolle Genossen auf, die oben genannte Veranstaltung abzusagen. Warum, so der Tenor, sollte doch allgemein bekannt sein. War es allerdings nicht – ebenso wie sie haben wir die einschlägigen Anklageschriften weder gelesen noch diskutiert.
Das gleiche Desinteresse, das die antipatriarchalen Kämpfer den tatsächlichen Handlungen des Täters entgegenbringen, ist auch im Umgang mit der betroffenen Frau zu beobachten. Auch wenn die beteiligten Gruppen immer wieder das Gegenteil behaupten, geht es bei der Sexistenhatz und den Sanktionen gegen Täter und Täterschützer weniger um den bitter nötigen Schutz vergewaltigter Frauen. Trotz des Voyeurismus’, der bei den einschlägigen Kampagnen regelmäßig zu beobachten ist, interessieren sie sich nur am Rande für die einzelne Frau und ihren konkreten Fall. Das immer wieder gepriesene Konzept des »Definitionsrechts der Frau« blendet die Spezifika des jeweiligen Falls, das individuelle Erleben und Leiden der Frau gerade dadurch aus, dass es alles unter einen Begriff von Vergewaltigung subsumiert, der kaum weiter zu fassen ist.
Zur Erklärung: Die Idee des »Definitionsrechts der Frau« ist wohl einmal entstanden, um betroffenen Frauen einerseits die demütigende und erneut verletzende Schilderung ihrer Misshandlung vor Gericht, die widerlichen Fragen nach ihrer Kleidung, ihrem Liebesleben usw. zu ersparen. Andererseits sollte sie dem konkreten Leiden der Frau und ihrem individuellen Fall nach Aussage seiner Anhänger gerecht werden. Gerade in Hinblick auf dieses zweite Ziel versagt dieses Definitionsrecht allerdings. Hier ist ihm selbst das – ebenfalls nicht sonderlich taugliche – positivistische Strafrecht überlegen. Das Strafgesetzbuch ist zwar genauso wenig in der Lage, das individuelle Leid der Betroffenen zu erfassen. In seiner Unterscheidung zwischen Vergewaltigung, sexueller Nötigung, sexuellem Missbrauch und sexueller Belästigung blitzt jedoch zumindest der Versuch auf, dem individuellen Fall und dem konkreten Leiden der betroffenen Frau durch definitorische Abgrenzung zu anderen Fällen gerecht zu werden. Dies ist nach den Maßgaben des »Definitionsrechts der Frau« nicht mehr möglich. So wurde in der Autonomen-Postille Interim vor einigen Jahren folgendes diskutiert: Einer Frau wurden von ihrem Partner im Halbschlaf sexuelle Avancen gemacht, sie wies ihn zurück, wurde daraufhin ohne weiteres in Ruhe gelassen – und brachte das Ganze via Interim vors Szenegericht. [12] Der autonome Gerichtshof stritt zwar noch darüber, ob die Handlung des Mannes als Übergriff oder Vergewaltigung zu werten sei. Die Diskutanten waren sich jedoch, wie die Gruppe Les Madeleines in einer Broschüre ausführte, einig: »Sexuelle Avancen einer Frau gegenüber, die, gerade aufgewacht, noch nicht alle ihre sieben Sinne beisammen haben mag, erfüllen in jedem Falle den Tatbestand der sexistischen Grenzverletzung.« [13] Die Frau, die ihr Privatleben in dieser Form öffentlich machte, fühlte sich von ihrem Partner zweifellos gedemütigt – sonst hätte sie sich wohl kaum an die Interim gewandt. Wer diese Demütigung jedoch unter den Stichworten »Vergewaltigung«, »versuchte Vergewaltigung« usw. diskutiert, relativiert nicht nur den Begriff von Vergewaltigung, er oder sie verharmlost ebenfalls nicht nur eine Vergewaltigung im juristischen Sinn. Mit solchen Debatten werden zugleich diejenigen Frauen verhöhnt, die, wie es im notwendigerweise grauenhaft-sachlichen Duktus des Strafgesetzbuches heißt, mit »Gewalt oder durch Drohung mit gegenwärtiger Gefahr für Leib und Leben« »zum Beischlaf« genötigt wurden, die also geschunden, misshandelt und gequält wurden und mit den psychischen wie physischen Folgen oft ein Leben lang zu kämpfen haben.

5.
Die Zeiten ändern sich manchmal doch noch. In dem Augenblick, in dem bestimmte Konstellationen, Entwicklungen und Zusammenhänge auf ihren Begriff gebracht werden können, sind sie oft bereits am Zerfallen begriffen. Noch Ende der neunziger Jahre war die Szenelandschaft nach einem Vergewaltigungs- oder Täterschützervorwurf in heller Aufregung. Es wurde die berühmte Öffentlichkeitsarbeit betrieben, Steckbriefe wurden angefertigt und in andere Städte verschickt, Rundbriefe wurden geschrieben, Telefonkonferenzen abgehalten, Privatadressen veröffentlicht, unbeteiligte Gruppen, Infoläden und »Kneipenkollektive« verfassten Stellungnahmen, Freundinnen und Freunde so genannter Täterschützer wurden aus linken Kneipen geprügelt usw. Seit einigen Jahren vollzieht sich dieser antipatriarchale Kampf – auch wenn gelegentlich retardierende Momente zu beobachten sind – immer häufiger im Halbverborgenen. Ein Beispiel: Vor einigen Jahren wies die Crew eines Lautsprecherwagens einen Mann, gegen den ihrer Aussage zufolge ein Vergewaltigungsvorwurf bestand, ohne Rücksprache mit dem Vorbereitungskreis von einer regionalen Antifademonstration. Eine hallesche Antifagruppe, die an den Demo-Vorbereitungen beteiligt war, beschwerte sich über dieses Vorgehen, wurde daraufhin als Täterschützergruppe denunziert und aus einem internen Kommunikationsportal geworfen. Anders als erwartet, wurde allerdings auf die bis dahin üblichen öffentlichen Verlautbarungen verzichtet, die Entfernung aus dem Portal erfolgte still und heimlich. [14] Auch im aktuellen Fall lief die Aufkündigung der – erst noch geplanten – Zusammenarbeit nur über den internen E-Mail-Verkehr; die öffentliche Schlammschlacht, der Furor und das Bekennertum blieben aus.
Diese Veränderungen lassen vermuten, dass die autonome Zwangsmoral brüchig geworden ist. [15] Die antipatriarchalen Bannflüche scheinen von den Gruppenmitgliedern immer weniger aus Überzeugung getragen zu werden. Sie scheinen vielmehr auf einer Mischung aus Konformitätsdruck und Unterwerfungsbereitschaft zu basieren. Nur so ist es zu erklären, dass Leute, die dem Bahamas-Text »Infantile Inquisition« – Uli Krug und Justus Wertmüller kritisieren hier die autonomen Vorstellungen von Sexualität [16] – vor einigen Jahren noch einiges abgewinnen konnten, plötzlich die Position ihres neuen Vereins übernehmen und zu Verteidigern des autonomen »Definitionsrechts der Frau« werden. Nur so ist es zu erklären, dass Leute, die selbst bereits das Opfer einer antipatriarchalen Fatwa waren, bereit sind, Kontaktsperren zu so genannten Täterschützern mitzuverhängen. Und nur so ist es zu erklären, dass Gruppenmitglieder ihre Augen angesichts des Verfolgungseifers ihrer Genossen zwar hinter vorgehaltener Hand verdrehen, die entsprechenden Entscheidungen allerdings trotzdem abnicken.
Diese Mischung aus Konformitätsdruck und Unterwerfungsbereitschaft zeigt noch einmal, was ohnehin bereits klar sein dürfte: Der Glaube, den Anmaßungen der Außenwelt durch die Flucht in die Gruppe entgehen zu können, ist nicht nur in Hinblick auf die vermeintlichen Zumutungen der Sexualität illusionär. Im Verhältnis des Einzelnen zum Gruppenzusammenhang spiegeln und verdoppeln sich vielmehr seine Beziehungen zur Gesellschaft. Durch die Flucht in die Gruppe laufen die Fliehenden, wie Wolfgang Pohrt vor einigen Jahren feststellte, »exakt den Verhältnissen in die Arme, denen sie zu entkommen trachteten: stumpfsinnige Arbeit und Langeweile, Reglementierung und Kontrolle, Verdummung und Behinderung, Konformitätsdruck und Zankerei, Selbstpreisgabe des eigenen Verstandes und Unterwerfungsrituale als Preis dafür, geduldet zu werden«. [17] Dass sie bereit sind, diesen Preis zu zahlen, sagt nicht nur etwas über sie selbst aus. Ihre Bereitschaft ist zugleich ein unfreiwilliges Plädoyer für die Abschaffung der Verhältnisse, die auch ihre Gegner so zurichten, dass sie keine Bedingungen stellen, wenn sie nur irgendwo dabei sein dürfen. Das Problem – und damit sind wir wieder am Anfang angelangt – ist jedoch: Diese Zurichtung wird nur noch von marginalisierten Diskussionszirkeln als Argument für die Abschaffung des falschen Ganzen begriffen.

Anmerkungen
1 Die Leipziger Antifagruppe (Lea) hat der AG Antifa im Stura der Uni Halle mitgeteilt, vorerst nicht mit ihr zusammenarbeiten zu wollen. Die Begründung: Gegen einen Referenten, den die AG zu einem Vortrag eingeladen hatte, bestehe ein Vergewaltigungsvorwurf. Die AG fragt in diesem Text nach den Hintergründen und der inneren Logik des autonomen Antisexismus’.
2 Zum folgenden vgl. Jan Gerber: Me and my Monkey, in: Phase2/19.
3 Ebd.
4 Vgl. venceremos.antifa.net.
5 Ein Hinweis: Die klassische autonome Szene oder Gruppe, die sich aus Rasta-Trägern rekrutiert, deren Mitglieder vor dem Betreten des schwarzen Blocks das Levis-Schild von ihrer Hose entfernen, beim Plenum unter »Sonstiges« vegane Rezepte austauschen usw., ist bekanntermaßen kaum noch existent. Der Begriff »autonom« wird im Folgenden dann auch nicht an Äußerlichkeiten oder Dresscodes festgemacht, sondern – ganz so wie es auch die alte autonome Szene verstanden wissen wollte – als gemeinsame »Haltung« begriffen. Die Stichworte, mit denen diese Haltung umschrieben werden kann, lauten »Politik der ersten Person« und »Freiräume schaffen«. Gefühl und Befindlichkeit (der Bauch also) werden gegen Reflexion und Rationalität gesetzt, Kampf oder Aktion ist weniger Mittel als existentieller Zweck usw. Und diese letztlich vitalistische Haltung ist in der Linken nach wie vor weit verbreitet.
6 Vgl. ebd.
7 Alle Formeln sind einem Text der Gruppe Lea entnommen. Leipziger Antifa (Lea) and Friends: Roadmap. Politische Mindeststandards gegen linken Antizionismus.
8 Um nicht falsch verstanden zu werden: Es ist immer noch besser, dass Israel solche Freunde hat als gar keine. In der existentiellen Bedrohungssituation, in der sich der jüdische Staat seit einiger Zeit befindet, kann er jeden Beistand gebrauchen. Man sollte sich nur keine Illusionen über die Qualität dieser Freundschaft machen. Eine Freundschaft, die vor allem auf der Begeisterung für Politkitsch, Anhänger, bedruckte Mützchen und Tassen, Pilgerreisen usw. basiert, kann den Gegenstand dieser Freundschaft schnell wieder wechseln. Man kennt das aus der Kindheit, deren Konservierung sich die autonomen Gruppe ja auf ihre Fahnen geschrieben haben: Vor einigen Wochen konnte kein Schritt ohne den braunen Teddy gemacht werden, jetzt liegt er unbeachtet in der Ecke, weil sich das Bedürfnis nach Nähe, Kuscheln usw. plötzlich am Plüschtierhasen festmacht.
9 Wie sich diese Moral in Kleidungsvorstellungen widerspiegelt, konnte vor einigen Jahren in Halle beobachtet werden. Einige Autonome boykottierten damals ein Benefiz-Konzert für die Antifa Merseburg. Der Grund: Das Konzert wurde mit einem Plakat beworben, auf dem eine junge Frau – originellerweise eine Mangazeichnung – einen Nazi verprügelte. Da die Frau ein modisches Top trug und bauchfrei war, wurde der Antifa Merseburg Sexismus vorgeworfen. Welchen Kleidungsstil die Anti-Pat-Kämpfer präferierten, zeigten sie einige Zeit später, als in einem linken Zentrum ein Plakat ausgehangen wurde, das für ein großes, auch in Szenekreisen beliebtes Musikfestival warb. Auf dem Plakat war eine leicht bekleidete Frau zu sehen. Die selbsternannten Antisexisten überklebten daraufhin alle als anrüchig begriffenen Körperteile mit schwarzem Klebeband und verpassten der Figur damit gewollt oder ungewollt ein Kleidungsstück, das exakt an eine Burka erinnerte.
10 Vgl. Punkt 5. Vor diesem Hintergrund ist auch das permanente Kampagnen-Hopping autonomer und »postautonomer« Gruppen zu verstehen. Sie dürfen nie stillstehen; um der immer drohenden inneren Krise zu entgehen, müssen sie sich stets aufs Neue ins Getümmel stürzen.
11 RBB: Brandenburg aktuell vom 17. März 2007.
12 Vgl. Les Madeleines: Das Borderline-Syndrom. Beitrag zu einer erfolgreich verhinderten Diskussion, Bremen 2001.
13 Ebd.
14 Ein Treppenwitz am Rand: Diese »Täterschützergruppe« gehört zu den Unterstützern der Erklärung Roadmap, die wiederum mit dem Signum »Lea and friends« unterzeichnet ist.
15 Während die einen den autonomen Feminismus der achtziger Jahre trotzig verteidigen, bemühen sich andere schon seit längerer Zeit um vermeintliche Tabubrüche. Demonstrationen erinnern an Umzüge von Männerbünden, Polizisten werden als Schwuchteln bezeichnet, Frauen als Fotzen beschimpft usw. Diese »Tabubrüche« sind nicht nur angesichts der Rückzugsgefechte der autonomen Anti-Pat-Kämpfer zutiefst konformistisch. Sie sind zugleich das linke Pendant zu den Schwulenwitzen »Bully« Herbigs, den Altherrenscherzen Stefan Raabs und Sendungen wie »Wa(h)re Liebe«, die eher an Jean Pütz’ Bastelanleitungen als an Sexualität und Lust erinnern.
16 In: Bahamas 32/2000.
17 Wolfgang Pohrt: Die Produktion des Charismas in der therapeutischen Gemeinschaft, in: Initiative Sozialistisches Forum (Hrsg.): Diktatur der Freundlichkeit. Über Bhagwan, die kommende Psychokratie und Lieferanteneingänge zum wohltätigen Wahnsinn, Freiburg 1984. S. 139 f.

 

Frieden ohne Israel?


Das Arabische Haus Halle, die Deutsche Angestellten-Akademie und das Akademische Auslandsamt der Universität Halle haben den Botschafter Syriens zu einem Vortrag über „Frieden im Nahen Osten“ an die Universität Halle eingeladen. Repräsentanten Syriens sind in der Vergangenheit immer wieder mit antisemitischen Aussagen an die Öffentlichkeit getreten. Es gilt noch immer, was Paul Spiegel, der verstorbene Vorsit-zende des Zentralrats der Juden in Deutschland, vor einigen Jahren erklärte: „Hinter dem Ruf nach Frieden verschanzen sich die Mörder!“

Baschar al Assad, der Präsident der Arabischen Republik Syrien, ist ein Freund offener Worte: Als der Papst Syrien 2001 einen Besuch abstattete, erklärte Assad vor laufenden Kameras, die Juden hätten „Jesus verraten“ und versucht, „den Propheten Mohammed zu töten“. Auf dem Gipfeltreffen der arabischen Staaten im März des gleichen Jahres verglich er Juden und Nazis: „Es ist die israeli-sche Öffentlichkeit, nicht nur die Führer, die selbst wie Nazis sind.“ Die israelische Gesellschaft sei „eine rassistischere Gesellschaft als der Nationalsozialismus“. Hinter diesen Aussagen wollte Mustafa Tlass, der bereits unter Assads Vater als Verteidigungsminister diente, nicht zurückstehen: Er erklär-te, wenn er einen Juden sehen würde, würde er ihn umbringen, und wenn jeder Araber das gleiche tun würde, wäre das Problem gelöst. Doch nicht nur auf der Ebene der Politik ist Antisemitismus in Syrien salonfähig: So läuft im syrischen Fernsehen eine Soap Opera, in der in grässlichen Details gezeigt wird, wie Juden einen christliches Kind abschlachten, um mit seinem Blut eine Ritualspeise zuzubereiten.
Diese antisemitische Staats- und Alltagskultur verweist auf eines der zentralen außenpolitischen Zie-le Syriens: die Zerstörung Israels. So unterstützt Syrien nicht nur die antisemitische Terrororganisa-tion Hisbollah, deren Vertreter immer wieder erklären, die Existenz des jüdischen Staates nicht ak-zeptieren und bis zur Vernichtung Israels weiterkämpfen zu wollen. Auch Assad selbst spricht dem jüdischen Staat regelmäßig das Existenzrecht ab: Die Juden hätten „keine Geschichte“, sie „waren mit Sicherheit seit Tausenden von Jahren nicht in dieser Region“, und jeder Israeli würde „mit Si-cherheit“ wissen, dass „dieses Land arabisches Eigentum“ sei. Im August 2006 redete Assad schließ-lich vor Journalisten vom „siegreichen Widerstand“ der Hisbollah im Libanon und forderte andere arabische Herrscherhäuser dazu auf, die Organisation ebenfalls zu unterstützen. Darüber hinaus betonte er, dass Israel vom Friedensprozess ausgeschlossen werden müsse, weil der jüdische Staat „ein Feind“ sei. Nachdem Syrien lange Zeit von Seiten Deutschlands und der Europäischen Union umworben worden war, sagte Außenminister Frank-Walter Steinmeier seinen geplanten Staatsbe-such in Syrien nach diesen Aussagen kurzfristig ab. Die Rede Assads, so begründete er diesen Schritt, sei ein negativer Beitrag, der den „gegenwärtigen Herausforderungen und Chancen im Na-hen Osten“ in keiner Weise gerecht werde.
Während also selbst staatliche Stellen der Bundesrepublik ihre Appeasement-Politik gegenüber anti-semitischen Regimes im Nahen Osten gelegentlich unterbrechen und auf Distanz zu Syrien gehen, werden Vertreter des Baath-Staates in Halle auch weiterhin hofiert. Die Stadt Halle ernannte Hus-sein Omran, den Botschafter Assads in der Bundesrepublik, kürzlich zum „Botschafter des Monats“ und sprach von einem Eintrag ins „Goldene Buch“ der Stadt. Das Arabische Haus Halle, die Deutsche Angestellten-Akademie und das Akademische Auslandsamt der Martin-Luther-Universität sind die-sem Vorbild gefolgt und haben Omran für den heutigen Tag zu einem Vortrag an die Universität ein-geladen. Dieser Vortrag trägt den perfiden Titel „Perspektiven eines gerechten und dauerhaften Friedens im Nahen Osten“. Welche Vorstellungen das offizielle Syrien von einem Frieden im Nahen Osten hat, ist aus den einschlägigen Stellungnahmen seiner Vertreter bekannt. Anders als sein Prä-sident, dessen antisemitische Hasstiraden von den hiesigen Diplomaten Syriens immer wieder für den europäischen Kontext relativiert werden, wird Botschafter Omran in seinem Vortrag zwar einen Ton anschlagen, den man in Old Europe für diplomatisch hält. Das heißt, er wird das Wort „Jude“ durch „Zionist“ ersetzen, nicht von der „jüdischen Weltverschwörung“ sondern einer „zionistischen Lobby“ sprechen usw. Eine öffentliche Anerkennung des Existenzrechts Israels ist von ihm allerdings ebenso wenig zu erwarten wie kritische Aussagen über die syrische Unterstützung von Selbstmord-attentätern, die Ermordung israelischer Zivilisten und darüber, womit israelische Soldaten zu rech-nen haben, wenn sie in die Hände der Hisbollah fallen. Was bleibt, werden „zionistische Aggressio-nen“ und „zionistische Verbrechen“ auf der einen und tapfere, von Juden geschundene arabische Zivilisten auf der anderen Seite sein.
Vor diesem Hintergrund gerät die Forderung nach einem „gerechten und dauerhaften Frieden im Nahen Osten“, die im Ankündigungstext für die heutige Veranstaltung formuliert wird, zur Kriegser-klärung gegen Israel. Denn: Wer den Repräsentanten eines antisemitischen Regimes, dessen Vertre-ter immer wieder erklären, Israel von der Landkarte streichen zu wollen, das Nazi-Kriegsverbrechern wie Alois Brunner, der rechten Hand Adolf Eichmanns, jahrzehntelanges Asyl bot und kritische Stimmen im eigenen Land unterdrückt, zu einem Vortrag über „Frieden im Nahen Osten“ einlädt; wer die Schutzmacht der Hisbollah, die seit Jahren Raketen auf israelische Siedlungen abfeuert und regelmäßig von sich gibt, nicht eher zu ruhen zu wollen, bis der jüdische Staat vernichtet ist, für einen kompetenten Gesprächspartner über die Perspektiven für einen „gerechten und dauerhaften Frieden“ hält, signalisiert, was auch er unter Frieden versteht: einen Frieden ohne Israel, einen Frie-den, der nur dadurch erlangt werden kann, wenn Israel der Krieg erklärt wird.
Dass der Arabisches Haus Halle e.V. an der Vorbereitung dieser Veranstaltung beteiligt ist, über-rascht nicht wirklich. Nachdem einzelne Vertreter des Vereins bereits im halböffentlichen Raum anti-semitische Äußerungen von sich gegeben haben, ist es nur konsequent, nun auch öffentlich mit ei-ner antisemitischen Propagandaveranstaltung hervorzutreten. Vom Akademischen Auslandsamt der Martin-Luther-Universität waren bislang allerdings noch keine antisemitischen Manifestationen be-kannt. Möglicherweise möchte das Amt die Einladung des syrischen Botschafters ja als Hommage an den Namensgeber der Universität und seine judenfeindlichen Tiraden, die in der Luther-Ikonografie der Hochschule auch weiterhin konsequent verschwiegen werden, verstanden wissen.
ag antifa im stura der uni halle

 

Der Hass auf Israel als Verrat an der Aufklärung


Redebeitrag der Ag Antifa im Stura der Universität Halle zur Kundgebung „Keine Gastfreundschaft für Volksverhetzer! Solidarität mit Israel – Gegen Ahmadinedjad und seine deutschen Neonazi-Freunde“ am 21. Juni in Leipzig.


Sehr geehrte Damen und Herren,
auf der Homepage von Honestly Concerned kann nicht nur eine Petition gegen die Einreise Mahmud Ahmadi-nedschads in die Bundesrepublik unterschrieben werden; die Unterzeichner dürfen ihre Unterschrift auch noch begründen. Einigen Leuten geht es vor allem um das Ansehen Deutschlands, wie vermutlich auch denjenigen, die bei einer israelsolidarischen Kundgebung in Nürnberg ausgerechnet die Fahne der Nation schwenkten, die Auschwitz verbrochen hat und heute eine Appeasement-Politik mit dem Islamismus betreibt. Andere begreifen sich eher als Kindergärtner, die glauben, aufgrund der deutschen Vergangenheit eine besondere „Verantwor-tung“ für Juden zu haben. Der größte Teil setzt allerdings auf Skandalisierung und moralische Verurteilung; sein Adressat ist eine kritisch reflektierende Öffentlichkeit. Dieses moralische Engagement ist zweifellos ehrenwert – gerade in einer Zeit, in der der Iran auf dem besten Weg zur Bombe ist, kann Israel jeden Freund gebrauchen. Allerdings ist dieses Engagement hilflos. Seine Repräsentanten halten die Solidarität mit Israel für eine Frage der Moral; sie halten den Israelhass, die geopolitische Fortführung des Antisemitismus, für eine Folge mangeln-der Bildung und glauben, die Öffentlichkeit müsse nur mit Fakten, Fakten, Fakten konfrontiert werden, um von der Widerwärtigkeit der Mullahs und der Notwendigkeit der Solidarität mit Israel überzeugt zu werden. Groß ist das Erstaunen vieler Freunde Israels immer dann, wenn ihre Ausbreitung der Tatsachen ignoriert und auf ihre moralische Argumentation mit dem ebenso moralischen Verweis auf getötete palästinensische Zivilisten reagiert wird; groß ist das Erstaunen auch dann, wenn in einer Zeit, in der der „kritische Dialog mit dem Islam“ längst mit der „kritischen Solidarität mit Israel“ verschwägert ist, auf das generös vorgetragene Bekenntnis zum Exis-tenzrecht Israels die Forderung nach einer Zusammenarbeit mit den Mörderbanden der Hamas folgt.
Wir verzichten daher an dieser Stelle zu Gunsten der anderen Redner auf eine moralische Skandalisierung des Projekts „Ahmadinedschad zu Gast bei Freunden“ und wollen versuchen, einige Hintergründe des Hasses auf Israel zu benennen. Gegen viele wirkliche und nahezu alle „kritischen“ Freunde Israels soll darauf verwiesen werden, dass Israel nicht nur die einzige Demokratie im Nahen Osten ist. Israel ist auch nicht „nur“ der Garant dafür, dass Juden auch anderswo überleben und leben können – was, nebenbei bemerkt, ein mehr als ausrei-chender Grund für eine Solidarität wäre, die nicht immer wieder an Bedingungen geknüpft wird.
Zur Erklärung muss ein wenig ausgeholt werden: Mit der Aufklärung wurde der Mensch zum Maß der Dinge ernannt; alle Menschen sollten unabhängig von Herkunft, Stand und Nationalität Brüder werden. Die bürgerli-che Gesellschaft war ihrem Selbstbild nach der Zustand, in dem das größtmögliche Glück der Individuen im Zentrum aller Bestrebungen steht. Dieses Selbstbild stimmte allerdings nicht mit der Realität überein. Anstatt das Ideal, also: das bürgerliche Glücksversprechen, wie von Marx erhofft, zum Maßstab der Realität zu machen, sehnten sich die Menschen entweder nach der schlechten Realität von vorgestern – nach Sippe, Stamm, Blut, Boden und Scholle – zurück oder verdammten ausgerechnet das am Status Quo, was dem Ideal schon nahe kam: Individualität, den Luxus des Bürgertums oder den Weltmarkt, in dem die Idee einer staatenlosen Welt-gesellschaft bereits angelegt war. Anstatt in einen wahrhaft menschlichen Zustand einzutreten, fielen sie über diejenigen her, die sie mit den unbegriffenen Rätseln und den als negativ empfundenen Erscheinungen des Systems der Wertvergesellschaftung identifizierten: die Juden.
Der Zionismus ist die Reaktion auf dieses Scheitern des Glücksversprechens der Aufklärung. Israel ist dem-entsprechend kein Staat wie jeder andere. Durch seine Existenz wird nicht nur daran erinnert, dass das Glücks-versprechen, mit dem die bürgerliche Gesellschaft angetreten war, nicht erfüllt wurde, sondern im Umkehr-schluss auch daran, dass es noch auf seine Einlösung wartet. Als Reaktion auf die Barbarei einer in Staaten eingeteilten Welt fungiert der jüdische Staat in mehrfacher Weise als Statthalter einer wirklich menschlichen Gesellschaft. Das heißt nicht, dass zwischen Golan und Eilat alles Friede-Freude-Eierkuchen ist – auch dort sind bekanntlich die alltäglichen Widerwärtigkeiten bürgerlicher Herrschaft zu beobachten. Aber die Existenz des jüdischen Staates zeigt, dass es noch etwas anderes geben kann, als die Organisation der Menschen in Horden, Stämme und Völker. So ist Israel nicht nur der einzige Staat, dessen Bewohner in der nächsten großen Krise nicht dem gesellschaftlich notwendigen Schein des Systems der Wertvergesellschaftung aufsitzen und „Die Ju-den sind unser Unglück“ rufen werden. Qua seiner Verfasstheit als jüdischer Staat, der jeden Juden, sei er nun aus Kasachstan, Mali oder den USA, als potentiellen Staatsbürger betrachtet und ihn, wenn er denn will, auch zu seinem Staatsbürger macht, ist Israel gleichzeitig das Paradox einer kosmopolitischen Nation. Der jüdische Staat erinnert damit in gewisser Weise an das revolutionäre Frankreich. Wie sich nach Auffassung der frühen französischen Republikaner jeder als Franzose begreifen durfte, der sich zu den Idealen der Revolution bekann-te, kann jeder, der sich zum Judentum, der Staatsidee Israels, bekennt, auch Staatsbürger werden. Anders als von zahlreichen Gegnern Israels immer wieder behauptet, hat dieser Versuch, aus der Erfahrung der Verfolgung Staatsbürgerschaft zu stiften, nichts Exklusives. Denn seien wir ehrlich: Im Notfall dürfte es leichter sein, einen pragmatischen Rabbi zu finden, der die Konversion vornimmt, als einen deutschen Einbürgerungstest auszufül-len.
Doch nicht nur dieser kosmopolitische Charakter Israels, auch die immer wieder beklagte „Künstlichkeit“ des jüdischen Staates signalisiert, dass es mehr geben kann, als die schlechte Provinzialität sächsischer Erbhöfe. Diese so genannte „Künstlichkeit“, die Gründung am Reißbrett und die nicht vorhandene Verbindung von Blut, Boden und Scholle, stellt das Selbstverständnis nahezu der gesamten Staatenwelt in Frage; sie zeigt, dass Staaten nichts Gottgegebenes und Naturwüchsiges sind, sondern von Menschen gemacht werden – dass Men-schen also, wenn sie denn wollen, auch das Gegenteil: eine Gesellschaft ohne Staaten, schaffen könnten. Das heimliche Motto Israels lautet dann auch: Die Menschen machen ihre Geschichte. Während sich der Rest der Menschheit längst mit seinem Schicksal abgefunden hat und nur noch exekutiert, was ohnehin auf der Tages-ordnung steht, haben sich die Zionisten im besten bürgerlichen Sinn entschieden, Gott, Glück und anderen hö-heren Gewalten nicht mehr länger zu vertrauen und ihr Schicksal in die eigenen Hände zu nehmen. In einer Welt, in der mit dem Begriff „Sachzwang“ jede Sauerei gerechtfertigt werden kann, stellt diese Absage an Schicksal, Ohnmacht und Naturverfallenheit eine einzige Herausforderung dar.
Der Kampf gegen Israel ist damit das, was Ignazio Silone in Hinblick auf den Faschismus formulierte: Er ist die Konterrevolution gegen eine Revolution, die noch nicht stattgefunden hat. Hinter dem Hass auf Israel ver-birgt sich kein Mitleid mit den Palästinensern – wer Mitleid mit ihnen hat, sollte sie zuallererst gegen ihre Führer und Vorbeter unterstützen. Hinter dem Hass auf Israel verbirgt sich vielmehr der Hass auf das bürgerliche Glücksversprechen, auf Genuss, Erfüllung und diejenigen, die sich nicht an den Suppenküchen der Hamas oder der Hisbollah abspeisen lassen wollen.
Vor diesem Hintergrund muss die faktenorientierte Aufklärungsarbeit der moralisch argumentierenden Israel-solidarität notwendigerweise scheitern. Das Dumme: Die materialistische Kritik ist derzeit nicht weniger hilflos. Derzeit ist bekanntlich keine Bewegung in Sicht, die den Marxschen Imperativ, „alle Verhältnisse umzuwerfen, in denen der Mensch erniedrigtes, ein geknechtetes, ein verlassenes, ein verächtliches Wesen ist“, umsetzen kann; derzeit existiert mit anderen Worten keine Bewegung, die den einzigen Zustand schafft, in dem auch Adornos kategorischer Imperativ, „alles einzurichten, dass Auschwitz nicht sich wiederhole“, eingelöst werden kann. In dieser Situation trifft sich der Zionismus mit dem Materialismus. Die zionistische Antwort auf Auschwitz ist damit zwar nach wie vor die falsche – die richtige Antwort wäre die Abschaffung des falschen Ganzen gewe-sen. Unter den gegebenen Umständen, in einer Zeit also, in der sich die Tätigkeit des Gesellschaftskritikers auf das Schreiben von Essays beschränkt, die doch niemand liest, ist sie allerdings die einzig Richtige. Denn: Gegen Antisemiten, so lautet ein in unseren Kreisen inzwischen zu Tode zitierter, dafür aber noch immer zutreffender Ausspruch Woody Allens, gegen Antisemiten helfen weniger Esays als Baseballschläger. In Bezug auf den Iran heißt das:
Schluss mit dem Appeasement gegenüber dem Mullah-Regime!
Schluss mit dem Verständnis für diejenigen, die fortsetzen wollen, was die Deutschen im Nationalsozialismus begonnen haben!

ag antifa im stura der uni halle,
Juni 2006