Geschichte und Gegenwart des Antisemitismus


Vom christlichen Antijudaismus zum Antisemitismus

Abstract zum Seminar
„Vom christlichen Antijudaismus zum rassisch begründeten Antisemitismus“
Ob in den Medien über Schändungen jüdischer Friedhöfe oder über neueste Umfragen zum Thema Antisemitismus unter Jugendlichen berichtet, über die Walser-Debatte II oder NPD-Aufmärsche gestritten wird, immer wieder geht es letztlich um die Frage, woher kommen denn die Vorurteile den Juden gegenüber? Was eigentlich macht man ihnen zum Vorwurf? Warum ist das, was längst der Vergangenheit angehören sollte, immer noch so virulent?
In dem angekündigten Seminar soll es darum gehen, die Ursachen für den Antijudaismus bzw. den sich im 19. Jahrhundert herausbildenden rassisch motivierten Antisemitismus aufzudecken. Gleichzeitig sollen die Erscheinungsformen bzw. die Ebenen, auf denen dieses Gedankengut Verbreitung fand, beleuchtet werden. Zeitlich schließt das Seminar mit dem Ende der Weimarer Repubklik ab.
Die Veranstaltung gliedert sich in drei Themen:
1. Zum Antijudaismus und seinen Erscheiungsformen bzw. Bilder der Judenfeindschaft,
2. Zu Fragen des Emanzipationsprozesses der Juden am Ende des 18./zu Beginn des 19. Jahrhunderts
3. Zur Entstehung des modernen Antisemitismus, Ursachen, Erscheinung, Wirkung, Verbreitung bis zum Ende der Weimarer Republik.
Es ist vorgesehen, dass auf der Grundlage einer Einführung in die genannten Themen Gelegenheit zu Anfragen und Diskussionen gegeben ist.
Einf. Lit.: W. Benz, W. Bergmann (Hg.), Vorurteil und Völkermord. Entwicklungslinien des Antisemitismus, Bonn 1997;
J. H. Schlör, J. H. Schoeps, Antismeitismus. Vorurteile und Mythen, München 1995.
Irene Annemarie Diekmann
geb. 1952 in Nauen/Brandenburg, 1971-75 Studium der Geschichte und Germanistik an der Pädagogischen Hochschule Potsdam; 1981 Promotion, 1975-77 und 1981-83 Lehrerin an der Oberschule Wustermark/Brandenburg, 1983-86 Lehrerin am deutschsprachigen Gymnasium in Haskowo/Bulgarien für die Fächer Deutsch, Geschichte und Geographie; 1986-90 wissenschaftliche Mitarbeiterin im FB Allgemeine Geschichte der PH Potsdam; seit 1991 wissenschaftliche Mitarbeiterin am Lehrstuhl für Neuere Geschichte II (Schwerpunkt deutsch-jüdische Geschichte) an der Universtiät Potsdam; bis 1995 stellv. Geschäftsführerin des Moses Mendelssohn Zentrums, 1993-99 Geschäftsführerin, seit 1999 im Vorstand der Gesellschaft für Geistesgeschichte
Arbeitsschwerpunkte: Geschichte der Juden in Brandenburg, Entwicklung pädagogischer Programme
Jüngste Veröffentlichungen: Wegweiser durch das jüdische Mecklenburg-Vorpommern, Potsdam 1998, Mitautorin Arachiv der Erinnerung. Interviews mit Überlebenden der Shoah. Video-Edition (6 Videos) und Begleitheft, Gemeinschaftsprojekt des Medienpädagogischen Zentrums Land Brandenburg und des Moses Mendelssohn Zentrums, Potsdam 1998, Geopolitik. Grenzgänge im Zeitgeist, hrsg. von Irene Diekmann, Peter Krüger und Julius H. Schoeps, 2 Bde, Potsdam 2000, Das Wilkomirski-Syndrom. Eingebildete Erinnerungen oder von der Sehnsucht, Opfer zu sein, hrsg. von Irene Diekmann und Julius H. Schoeps, Zürich, München 2002.



Antisemitismus in der Nationalsozialistischen Propaganda

Vortrag und Film: „Der ewige Jude“ - Stefan Mannes im Kino LUX
Der Antisemitische Propagandafilm "Der ewige Jude"
Der nationalsozialistische Propagandafilm "Der ewige Jude" ist - mit den Worten des Regisseurs, Fritz Hipplers - eine "Negation alles Humanen". Diese Bezeichnung verwendete Hippler allerdings erst nach dem Krieg. Bei der Uraufführung am 28.11.1940 sprach er dagegen von einer "Symphonie des Ekels und des Grauens".
"Der ewige Jude" beinhaltet eine Art von Hetzpropaganda, die bis zum heutigen Tag kaum von einem anderen Film übertroffen worden ist. Der Film zeichnet als ein emotionales, "realitätsnahes" Medium die paranoiden Wahnvorstellungen auf, die den Völkermord an dem europäischen Judentum ermöglichten. Der Film ist noch heute verboten und darf nur in geschlossenen Veranstaltungen mit einem ausführlichen Kommentar zu politischen Bildungszwecken vorgeführt werden. In neo-nazistischen Kreisen wird der Film als Piratenkopie als „Kultfilm“ vertrieben.
Als so genannter "Dokumentarfilm" wurde er vom Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda, Joseph Goebbels, persönlich konzipiert und produziert. Ursprünglich war der Film als eine Legitimation des Antisemitismus nach der „Reichskristallnacht“ am 9./10.11. 1938 gedacht. Goebbels bezog Adolf Hitler von Anfang an in die Entwicklung des Filmes mit ein. Dieser forderte immer wieder neue Veränderungen und der Film wurde immer deutlicher in seiner Vernichtungsbotschaft, bis er im Mai 1940 Hitlers Zustimmung fand.
Inhaltlich setzte der Film auf umfassendste Weise die antisemitischen Stereotypen um, die in der nationalsozialistischen Gedankenwelt zu finden waren. Pseudowissenschaftlich wurden Belege jüdischer Grausamkeit, Verschwörungstheorien, etc. behandelt und mit erfundenen oder veränderten Materialien wie Bildmaterialien, Statistiken, Zitaten und ähnlichem belegt.
„Der Ewige Jude“ war Teil eines perfiden "Propaganda-Paketes", wo der Spielfilm - "Jud Süss" (Veit Harlan, 1940) - zunächst antisemitische Emotionen wecken sollte, die anschließend dann von einem so genannten "Dokumentarfilm" gestärkt, d.h. "bewiesen", werden sollten. Goebbels hatte damit zwei Zielgruppen im Blickfeld. "Jud Süss" sollte die breite Masse ansprechen, auf deren Akzeptanz der antijüdischen Maßnahmen die Machthaber immer noch angewiesen waren. "Der ewige Jude" hingegen war als Aktivierungs- und Motivierungsmittel für die schon überzeugten Antisemiten angelegt.
Während "Jud Süss" zu den Kassenschlagern der gesamten Filmproduktion des Dritten Reiches gehörte, war der kommerzielle Erfolg von "Der Ewige Jude" eher bescheiden. Laut Berichten des SD war es "nur der politisch aktivere Teil der Bevölkerung", der den Film ansah, während "das typische Filmpublikum ihn teilweise mied und örtlich eine Mundpropaganda gegen den Film und seine stark realistische Darstellung des Judentums" trieb. Der Film wurde mit anderen Worten auch von denjenigen wahrgenommen, die ihn nicht ansehen wollten - und Goebbels war äußerst zufrieden mit der erzielten Wirkung beider Filme.
Literatur
Stig Hornshøj-Møller: "Der ewige Jude". Quellenkritische Analyse eines antisemitischen Propagandafilms. Institut für den Wissenschaftlichen Film, Göttingen 1995.
Yizhak Ahren u.a.: "Der ewige Jude" oder wie Goebbels hetzte - eine Untersuchung zum nationalsozialistischen Propagandafilm. Alano Verlag, Aachen 1990
Stefan Mannes : Antisemitismus im nationalsozialistischen Propagandafilm Der ewige Jude und Jud Süß, Teiresias Verlag. Köln 1
Der Arbeitskreis Shoa.de betreibt das gleichnamige Webportal, das sich - 1996 gegründet - mittlerweile zum größten deutschsprachigen Internetangebot zum Thema Holocaust, 3. Reich und Zweiter Weltkrieg entwickelt hat. Die Mitglieder des Arbeitskreises setzen sich aus Historikern, Soziologen, Pädagogen und Kommunikationswissenschaftlern zusammen und arbeiten ehrenamtlich von verschiedenen Standorten aus an diesem Projekt. Shoa.de ist nicht kommerziell und hat als Ziele neben politischer Bildungsarbeit, Aufklärung und Prävention. Shoa.de richtet sich damit an ein breites Publikum. Die zielgruppengerechte Verbindung von Wissenschaft und Pädagogik macht dabei den Schwerpunkt der redaktionellen Arbeit aus.



Vortrag und Film: „The Making of Jud Süss“ - Prof. Friedrich Knilli [TU Berlin]
Friedrich Knilli
THE MAKING OF „JUD SÜß“

Josef Süß Oppenheimer, genannt "Jud Süß" kam 1698 in Heidelberg zu Welt. Sein langsamer Aufstieg vom kleinen Händler zum Pächter staatlicher Monopole begann in Mannheim. Entscheidend für sein Leben aber wurden die Aufträge, die er für Carl Alexander von Württemberg erledigte. Süß stieg auf vom Privatbankier zum geheimen Finanzienrat und damit zum bestgehaßten Mann in Stuttgart. Nach dem Tode des Herzogs im Jahre 1737 wird Süß „wegen fleischlicher Vermengung mit Christinnen“ zum Tode verurteilt. Die Hinrichtung des Unschuldigen findet am 4. Februar 1738 statt und ist ein europäisches Medienereignis, das bis in unsere Tage nachwirkt. Sensationsjournalisten und Unterhaltungsschriftsteller stilisieren Joseph Süß Oppenheimer zum Prototyp des jüdischen Sittenverderbers. Die erfolgreichsten Süßautoren im 19. Jahrhundert waren Wilhelm Hauff und Salomon Kohn. Im 20. Jahrhundert Lion Feuchtwanger mit einem Roman und Veit Harlan mit dem Spielfilm „Jud Süß“ (1940):Sein Film ist eine Mischung aus tragischer Love Story und antisemitischen Kitsch und Schund und teilt das Kinopublikum in Europa: die Mehrheit erlebte den Film als Melodram. Eine Minderheit von Antisemiten animierte er zu Gewalttaten gegenüber Menschen, deren Aussehen ins antisemitische Klischee paßte. Er ist der erste Holocaustfilm.
Den Mythos des bis heute nicht freigegebenen Tabufilms und Kinohits zu zerstören, versuchten Erzähler, Dramatiker, Hörspiel- und Filmemacher und Opernlibrettisten im In- und Ausland, aber ohne Erfolg. Das gilt auch für den allerneueste Versuch, der am 2.Juni 2002 im Theater Trier Premiere hatte: „Des Teufels Komödiant“. Mehr darüber und über das Making Of des Harlanfilms in meinem Vortrag am 23. Oktober 2002 und auf meiner Website www.ich-war-jud-suess.de.
Friedrich Knilli, Jahrgang 1930, Österreicher. Fachschulingenieur für Maschinenbau (1949), Bilanzbuchhalter (1953), Promotion in Psychologie (1959), Habilitation in Allgemeiner Literaturwissenschaft (1972). Von 1972 bis 1998 ordentlicher Professor für Allgemeine Literaturwissenschaft an der TU Berlin. Begründer des Fachgebietes Medienwissenschaft und des Diplomstudienganges Medienberatung. Mitbegründer des Literarischen Colloquiums Berlin (1963). Vorsitzender des Fördervereins Offener Kanal Berlin (seit 1999). Seit 1998 Emeritus der Technischen Universität Berlin und Schriftsteller.
Knilli forscht und schreibt über Radio, Film, Fernsehen und Theater, aber auch über den Buchmarkt, über Technikdokumentation und über Arbeiterkultur: Für das NDR-Fernsehspiel „Auf, Sozialisten, schließt die Reihen! Frühe deutsches Arbeitertheater“ bekam Knilli den Adolf Grimme Preis 1972. Aber mit dem Thema Antisemitismus in den Medien beschäftigt er sich am längsten. Dabei entstanden zahlreiche Aufsätze und vier Bücher. 1982: Holocaust zur Unterhaltung. Anatomie eines internationalen Bestsellers (zus. m. Siegfried Zielinski). 1983: Betrifft „Holocaust“. Zuschauer schreiben an den WDR (zus. m. Siegfried Zielinski, Erwin Gundelsheimer, Frank Ostermann und Heino Mass). 1983: „Jud Süß“. Filmprotokoll, Programmheft und Einzelanalysen (zus. m. Thomas Maurer, Thomas Radevagen und Siegfried Zielinksi). Und 2000 erschien die von Knilli verfaßte Biographie “Ich war Jud Süß. Die Geschichte des Filmstars Ferdinand Marian”. Es ist ein ungewöhnliches Buch, denn die Fußnoten stehen nicht im Anhang, sonderm im Internet: www.ich-war-jud-suess.de. Und es ist so spannend geschrieben, dass es nicht nur von Marianfans und Kritikern begeistert gelesen wird, sondern sogar zu Bearbeitung für andere Medien anregt. Die Bühnenautorin Jutta Schubert benutzte es für ihr Schauspiel „Des Teufels Komödiant“, das am 2. Juni 2002 in Trier Premiere hatte. Die Bühnenautorin Adriana Altara ließ sich für ihr Stück „Jud Sauer“ ebenfalls von Knillis Buch animieren. Das Schauspiel wird am 12.November 2002 im Maxim Gorki Theater uraufgeführt. Und die Verfilmung von Knillis Marianbiographie wird vom Filmboard Berlin-Brandenburg gefördert. Drehbuchautor ist Klaus Richter („Comedian Harmonists“), Regisseur: Frank Bayer. Hauptdarsteller: Max Tidof. Titel des Kinofilms: „Sympathie für den Teufel“.


Antisemitismus in den arabischen Medien – Vortrag von Mirjam Gläser und Götz Nordbruch

Die Brandanschläge auf Synagogen in Essen und Berlin durch arabische Jugendliche im Herbst 2000 wurden mit Erleichterung zur Kenntnis genommen. Nach einem monatelangen ‚Aufstand der Anständigen’ gegen die neue Welle rechtsextremer Gewalt waren die Anschläge Anlass genug, um den universellen Charakter antisemitischer Ideologie hervorzuheben: Antisemitismus, soviel musste eingeräumt werden, sei schlimm - aber alles andere als deutsch.
Die Berichte in deutschen Zeitungen über das Ausmaß antisemitischen Denkens in der arabischen und muslimischen Bevölkerung nach den Anschlägen waren so richtig wie skandalös. Notwendige und überfällige Kritik ging mit Relativierungen des deutschen Rechtsextremismus und Forderungen nach Verschärfungen des Ausländergesetzes einher.
Unser Referat über Formen, gesellschaftliche Relevanz und Hintergründe antisemitischer Ideologie in arabischen Ländern beleuchtet sowohl die Auseinandersetzungen um das Phänomen antisemitischen Denkens in arabischen Ländern selbst als auch dessen Kritik in Deutschland.
Facetten des Antisemitismus in arabischen Ländern
Berichte über antisemitische Predigten und Veröffentlichungen in arabischen Ländern finden sich seit dem Beginn der Intifada im September 2000 immer häufiger in deutschen Medien. Die Radikalisierung der negativen Darstellungen von Juden und Israelis wird dabei in der Regel als „Kriegsrassismus“ interpretiert, als direkte Folge einer Eskalation des Konfliktes.
Anhand von Texten sollen dagegen Beispiele diskutiert werden, in denen nicht unmittelbar auf den arabisch-israelischen Konflikt Bezug genommen wird. Berichte über die Folgen der Globalisierung, Veränderungen gesellschaftlicher Werte und Normen, sowie über vermeintliche Gefahren einer ‚Judaizierung der kulturellen Identität’ arabischer Gesellschaften dokumentieren die unterschiedlichen Debatten, in denen die Juden jenseits realer Konflikte als existentielle Feinde imaginiert werden.
Erklärungen antisemitischer Ideologie im Kontext der arabisch-islamischer Welt
Während die Verbreitung antisemitischer Darstellungen in arabischen Ländern kaum noch bestritten wird, gehen die Interpretationen dieses Phänomens auseinander.
Eine Frage, die in der Auseinandersetzung diskutiert wird, bezieht sich auf die gesellschaftliche Relevanz antisemitischen Denkens. Wer sind die Träger dieses Denkens? Radikale Islamisten, deren Ablehnung des Westens mit einem Kampf gegen Israel und die Juden zusammenfällt? Oder Anhänger der verschiedenen nationalistischen Strömungen, deren völkische Gemeinschaftsideologie auf einer Abgrenzung vom ‚inneren Juden’ aufbaut? Handelt es sich um ein Massenphänomen, einer Bewegung aus der Bevölkerung, oder mobilisiert die soziale und politische Elite mit der Hetze gegen die Juden die Massen, um von innergesellschaftlichen Problemen abzulenken?
Auch die historischen Ursprünge antisemitischer Ideologie stehen zur Diskussion. In welchem Zusammenhang stehen antisemitische Darstellungen mit dem Islam, gibt es einen Zusammenhang zwischen der Konfrontation zwischen Muhammed und den Juden der arabischen Halbinsel des 7. Jahrhunderts und den Verschwörungstheorien säkularer Denker des 21. Jahrhunderts? Aus welchen Quellen speisen sich die Stereotype, handelt es sich um originäre arabische Darstellungen oder um europäische Exporte? Und vor allem, in welchem Verhältnis stehen negative Wahrnehmungen von Juden und Israelis mit dem arabisch-israelischen Konflikt? Sind sie Folge oder Ursache des Konfliktes?
Zwischen Ideologiekritik und Rassismus
Die Notwendigkeit einer Kritik antisemitischen Denkens in arabischen Ländern ist offensichtlich. Gerade im Kontext einer deutschen Linken, deren unkritische und vielfach bewusste Solidarisierung mit antisemitischen Gruppierungen in der Region erst in den 90er Jahren zum Thema einer breiteren innerlinken Auseinandersetzung wurde, ist diese Diskussion überfällig.
Mit den Anschlägen vom 11. September verschärfte sich allerdings das Dilemma, eine Kritik der politischen und ideologischen Verhältnisse in arabischen Ländern im Kontext einer rassistischen Öffentlichkeit in Deutschland formulieren zu müssen. Nicht die Junge Welt oder die Taz berichteten über die antisemitischen Inhalte der Reden aus den Reihen al-Qaidas, Hamas oder der Hizbollah, sondern Die Welt, die BZ – und die Bahamas.
Mirjam Gläser und Götz Nordbruch sind beim M.E.M.R.I. in Berlin tätig.

Holocaust Rezeption in der DDR - Ein Vortrag von Jan Gerber
Als der Blick der ostdeutschen Öffentlichkeit durch die Gedenkfeierlichkeiten zum 50. Jahrestag der sogenannten Reichskristallnacht erstmals in größerem Maßstab auf die Pogrome des Jahres 1938 gelenkt wurde, erschien es zahlreichen Beobachtern, als habe die DDR Judentum, Antisemitismus und Holocaust überhaupt erst zu diesem Zeitpunkt entdeckt. Dieser Eindruck ist zugleich richtig und falsch. Gemessen an der Stagnation der 50er Jahre befand sich die wissenschaftliche, literarische und journalistische Auseinandersetzung mit dem Holocaust seit 1960/61 zwar durchaus in einem stetigen Aufwärtstrend. Dennoch vermochte alle Beschäftigung das staatliche Desinteresse an der Ermordung der europäischen Juden bis zur Mitte der 80er Jahre nur äußerst unzureichend zu kaschieren.
Dieses Desinteresse war nicht zuletzt dem Selbstverständnis der DDR sowie dem Versuch geschuldet, mit einer Bevölkerung, die wenige Jahre zuvor noch zu den festen Stützen des nationalsozialistischen Staates gehört hatte, ein sozialistisches Gemeinwesen aufzubauen und dieses in das System der Blockkonfrontation einzugliedern. Ein solches Unterfangen, das es sich aufgrund der politischen Situation vermutlich nicht leisten konnte, die Auseinandersetzungen mit der Vergangenheit schonungslos einzufordern, und dessen Protagonisten solcherlei Auseinandersetzungen womöglich auch nicht wollten, war nach seiner eigenen Logik geradezu auf eine Herabminderung bzw. Verharmlosung des Holocaust angewiesen – offenbarte sich doch gerade an diesem Verbrechen die willige Integration großer Teile der deutschen Bevölkerung in das System des Nationalsozialismus am deutlichsten.
Jan Gerber, Studium der Politologie, Geschichte und Medien- und Kommunikationswissenschaft, Veröffentlichungen u.a. zur Geschichte der Universität Halle in der Zeit der Weimarer Republik und des Nationalsozialismus, zum Umgang mit dem Holocaust in der DDR und zum Antizionismus der deutschen Stadtguerilla.

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Die deutsche Oral History und die Relativierung von Auschwitz – Ein Vortrag von Günther Jacob

Die Frage nach dem Nachleben des Nationalsozialismus in der Demokratie, die Theodor W. Adorno 1959 in seinem Vortrag "Was bedeutet: Aufarbeitung der Vergangenheit" stellte, hat nichts von ihrer Aktualität verloren: "Der Nationalsozialismus lebt nach, und bis heute wissen wir nicht, ob als Gespenst dessen, was so monströs war, daß es am eigenen Tode noch nicht starb, oder ob es gar nicht erst zum Tode kam; ob die Bereitschaft zum Unsäglichen fortwest in den Menschen wie in den Verhältnissen, die sie umklammern."
Die Ermöglichungsbedingungen des Faschismus und des Holocaust sowie ihr Fortleben in den Menschen und den Verhältnissen, sollen das Thema des Vortrages sein. Es geht um die Aussöhnungsversuche mit der Tätergeneration, speziell um die Einebnung der Differenz zwischen Tätern und Opfern, die v.a. in der neueren „Oral History“ über den NS unterschiedslos als „Zeitzeugen" charakterisiert werden. Dies zeigt sich besonders in der Übertragung der Erkenntnisse über die Traumatisierung von Holocaust-Überlebenden und ihren Angehörigen auf die Täter und ihre Nachkommen.
Günther Jacob lebt als freier Autor in Hamburg. Er publiziert Texte in verschiedenen Zeitschriften, u.a. jungle world und konkret.

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No Germans - No Holocaust. Goldhagen und der Antisemitismus der Deutschen – Ein Vortrag von Wolfgang Wippermann
"No Germans- no Holocaust!: Der Holocaust war ein deutsches Projekt. Nicht nur die Mörder, auch große Teile der deutschen Gesellschaft waren antisemitisch eingestellt, weil der Antisemitismus tief in der deutschen Geschichte und Kultur verwurzelt war.
Diese Thesen hat Daniel Jonah Goldhagen in seinem Buch über "Hitlers willige Vollstrecker. Ganz gewöhnliche Deutsche und der Holocaust" vertreten. Sie riefen vor allem in Deutschland eine heftige Kontroverse hervor, die nach ihrem Verursacher als "Goldhagen-Kontrovese" bezeichnet wurde. Dabei tauchten einmal sehr alte und überwunden geglaubte religiös motivierte antisemitische Stereotype über die notorisch "rachsüchtigen Juden" auf. Außerdem wurde Goldhagen und "den Juden" ganz allgemein vorgeworfen, den Holocaust für materielle und politische Ziele zu instrumentalisieren. Diesen Antisemitismus nicht trotz, sondern wegen Auschwitz nennt man "sekundären Antisemitismus". Beides - das Auftauchen des alten wie des neuen oder "sekundären Antisemitismus - wird bei der rückschauenden Analyse der Goldhagen-Kontroverse von 1996/97 zu zeigen sein.
Dabei wird auch auf die ersten und vermutlich ebenfalls sehr negativen Reaktionen auf Goldhagens neues Buch über "Die katholische Kirche und der Holocaust" einzugehen sein.
Wolfgang Wippermann
geb. 1945, ist Professor für Neuere Geschichte an der FU Berlin. Er hat verschiedene Publikationen über die Geschichte der deutsch-polnischen Beziehungen, des Faschismus und Nationalsozialismus sowie des Antisemitismus und Antiziganismus veröffentlicht. Außerdem hat er sich intensiv an den jüngsten geschichtspolitischen Debatten beteiligt. Unter anderem: Wessen Schuld? Vom Historikerstreit zur Goldhagen-Kontroverse, Berlin 2. Aufl. 1997; Umstrittene Vergangenheit. Fakten und Kontroversen zum Nationalsozialismus, Berlin 1998; zusammen mit Jens Mecklenburg (Hrsg.), "Roter Holocaust"? Kritik des Schwarzbuchs des Kommunismus, Hamburg 1

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Walser/Bubis -Debatte - Ein Vortrag von Alfred Schobert
Martin Walsers Rede anlässlich der Verleihung des Friedenspreises des Deutschen Buchhandels im Oktober 1998 erwies sich sehr schnell als Unfriedensrede. Mit ihr begann der erste Antisemitismus-Streit des neuen Deutschlands - mittlerweile mussten wir weiter zählen.
Die extreme Rechte hatte gute Gründe, Walser zu feiern, ohne dabei sich oder Walsers Rede verbiegen zu müssen. So jubelte der bekannte Rechtsterrorist Manfred Roeder: "Der 11. Oktober 1998 wird in die Geschichte eingehen. Die Rede von Martin Walser war der Beginn der Befreiung Deutschlands." Walser betonte immer wieder, die zu weiten Teilen begeisterte Aufnahme seiner Rede beruhe nicht auf Missverständnissen. Gegen Kritik verschanzte er sich hinter seinem "Gewissen" und dem literarischen Status der Rede. Doch Walsers Rede war kein über den geesellschaftlichen Diskurs erhabenes "Dichter"-Werk, sondern Teil des sich seit 1989 intensivierenden diskursiven Prozesses, in dem der Rechtsdruck der politischen Mitte und der RechtsDruck in die Mitte einander zuarbeiten. Dies zeigt sich an mehreren tragenden Begriffen seiner Rede, so an seiner Formel vom "normalen Volk".
Seit Herbst 1998 haben sich etliche der schlimmen Befürchtungen, die Kritiker nach Walsers Rede und der anschließenden öffentlichen Diskussion äußerten, bewahrheitet. Zum Teil wurden sie noch übertroffen, man denke nur an Jürgen W. Möllemanns Ausfälle gegen Michel Friedman, in denen der stellvertretende Bundesvorsitzende der FDP (wie auch sein Mitstreiter Jamal Karsli) offen auf den Pakt mit Teilen der extremen Rechten setzten.
Und auch Walser erwies sich nicht nur als unfähig zu kritischer Selbstreflexion, wie sich schon sehr bald herausstellte, sondern mit seinem Roman "Tod eines Kritikers" gegenüber seiner skandalösen Rede noch steigerungsfähig.
Der Vortrag wird Walsers Rede im diskursiven Kontext analysieren, in Walsers vorausgegangenes liteerarisches und essayistisches Werk einordnen und den Bogen zum jüngsten Roman schlagen.
Alfred Schobert, seit 1993 Mitarbeiter im AK Rechts am Duisburger Institut für Sprach- und Sozialforschung (DISS); zur Zeit Pilot-Projekt "Nazis im Revier"
Interessen- und Arbeitsgebiete
Soziologische Theorie (Theorie und Analyse institutioneller Mechanismen) und neuere französische Philosophie und Sozialtheorie(Diskurstheorie, Dekonstruktion); Politische Theorien, politische Ideologien und Bewegungen empirische Studien über Parteien, Organisationen und Publizistik der extremen Rechten Antisemitismus und Antizionismus Geschichtspolitik und "Normalisierung" rechtsextreme Musik-Subkulturen
Globalisierungskritik von rechts
Zahlreiche Vorträge, etliche Interviews in Radio und Fernsehen sowie Artikel zu diesen Themen in Allgemeine Jüdische Wochenzeitung, Freitag, Jungle World, Konkret, Der Rechte Rand, Antifaschistische Nachrichten und Archiv Notizen u.a.



Antisemitismus in der Linken - Ein Vortrag von Thomas Haury

Linke und Antisemitismus? Das scheint nicht zusammenzupassen. Doch je genauer man hinschaut, desto fremder schaut es zurück. So wird derzeit auf linken Websites Israel des „Völkermords“ an den Palästinensern bezichtigt, und Scharon wird mit Hitlerbärtchen dargestellt. Seht her, die Juden sind die Nazis von heute, lautet die Botschaft.
Das ist keineswegs etwas Neues. Schon die ansonsten überaus zerstrittene Neue Linke der 70er Jahre - von den Palästinakomitees über alle K-Gruppen hinweg bis zu RAF und RZ - war sich in puncto Judenstaat seltsam einig: Das „zionistische Gebilde“ Israel sollte verschwinden. „Sieg im Volkskrieg!“ lautete die Parole, die heute auch auf den Websites der Neonazis zu finden ist.
Sucht man nach den Ursachen der antisemitisch grundierten linken Israelfeindschaft, so stößt man auf ein Kernelement der gemeinen linken Weltsicht: das manichäische antiimperialistische Weltbild, das als genuin nationalistisch und strukturell antisemitisch zu bezeichnen ist. Als Ende der 60er Jahre der Trikont zur Projektionsfläche von national-revolutionären Sehnsüchten der metropolitanen Linken wurde, wollte diese überall nur noch gegen „den Imperialismus“ und für „nationale Befreiung“ kämpfende „Völker“ sehen, homogene Kollektive, die „ursprünglich“ und per se fortschrittlich seien.
Nach diesem Schema erklärte sich die Linke seit den 1970er Jahren auch den Nahostkonflikt zurecht: Das gute revolutionäre palästinensische Volk stand dem bösen „künstlichen zionistischen Gebilde“ Israel gegenüber, das kein „Volk“ für sich reklamieren durfte, sondern als bloßer „Brückenkopf des Imperialismus zur Unterdrückung der arabischen Völker“ galt.
Von Antisemitismus oder gar Auschwitz wollte die Linke am liebsten gar nichts hören. Statt dessen entdeckte sie in den Zionisten die Nazis von heute und warf Israel vor, einen „Holocaust an am palästinensischen Volk“ zu betreiben - von derlei unverblümter Entschuldung der „deutschen Nation“ könnten selbst Möllemann und Walser noch etwas lernen.
Wie kurz der Weg vom „Antiimperialismus der dummen Kerls“ (Isaac Deutscher) zum antisemitischen Antizionismus ist, der hierzulande gleichzeitig auch noch urdeutsche Entschuldungsbedürfnisse bedient, zeigt die Israelfeindschaft der Linken von 1968 bis heute.
Thomas Haury ist Soziologe aus Freiburg i.Br. und arbeitet zu den Themen Antisemitismus, Nationalismus, Antiamerikanismus und Fundamentalismus.
Veröffentlichungen u. a.: Antisemitismus von links. Kommunistische Ideologie, Nationalismus und Antizionismus in der frühen DDR, Hamburg 2002; Zur Logik des bundesdeutschen Antizionismus. In: Léon Poliakov, Vom Antizionismus zum Antisemitismus, Freiburg 1992.


Antisemitismus in den Medien heute - Frank Wichert (DISS)

Das Duisburger Institut für Sprach- und Sozialforschung (DISS) hat eine Untersuchung der Berichterstattung zur Zweiten Intifada im deutschen Printmedien-Diskurs in der Zeit vom September 2000 bis August 2001 vorgenommen, bei der dem Israel-Bild besondere Aufmerksamkeit zuteil wurde. Die Untersuchung führte zu den folgenden Ergebnissen:
Die Analyse der Zuschreibungen zu Israel und den Israelis zeigte, dass Anspielungen auf biblische Ereignisse oder Sentenzen und andere antijudaistische Stereotypen (wie etwa Kindermord, Auge um Auge, alttestamentarische Rache etc.) antisemitische Diskurselemente in den deutschen Diskurs einfließen lassen. Solche antisemitischen Diskurselemente rufen häufig die deutsche Vergangenheit auf. Dies geschieht in Gestalt von Projektionen, durch die Kritik am Faschismus auf Juden und Israel übertragen werden ("selektive Kollektivstrafe" "der häßliche Israeli" der Vergleich von Scharon mit Hitler). Hierdurch wird gleichzeitig eine Relativierung der deutschen Vergangenheit vorgenommen. Es findet sich eine Fülle von negativen Charakterisierungen der Israelis oder des Staates Israel, durch die der Konflikt personalisiert und verallgemeinert wird. Es werden Abwertungen vorgenommen, durch die den Personen ihr Subjektstatus aberkannt wird, indem sie mit Maschinen ("Bulldozer") oder Tieren ("gurrender Falke", "Bulle") verglichen werden. Auch Fahnenbegriffe wie z.B. ‚Kriegstreiber' und "Haudegen" "Scharfmacher" "personifizierte Katastrophe" und "Fanatiker" heizen den Diskurs auf und dämonisieren die dargestellten Personen oder Gruppen. Auch gegenüber Palästinensern werden Negativzuschreibungen vorgenommen, die dem in Deutschland verbreiteten Zuschreibungsfeld "Rassismus" angehören ("hysterisierte Masse", Rückständigkeit). Seltener sind negative Zuschreibungen zu Palästinenser, die als für diese Gruppe spezifisch angesehen werden. ("islamistische Eiferer", "Märtyrer"). Die in der Berichterstattung eingenommenen Perspektiven sind häufig paternalistisch. Die Dargestellten werden dann aus einer vermeintlich unangreifbaren Position von Fortschrittlichkeit, bei der man sich auf erreichte demokratische Errungenschaften beruft, abgewertet. Dabei werden Israel (und die Autonomiegebiete) vornehmlich aus dem Blickwinkel von Mord und Totschlag wahrgenommen. Dass es sich bei Israel um eine in weiten Teilen laizistische Gesellschaft handelt, wird kaum beachtet und kann deshalb keinen Eingang in das durch den Diskurs vermittelte Israel-Bild finden. Journalistinnen ziehen sich häufig hinter Zitaten in direkter oder indirekter Rede oder/und auf Interviews zurück und bringen damit Kritik oder Sympathie stellvertretend zum Ausdruck. Doch die negativen Symbole und Zuschreibungen, die in solchen Texten vorkommen, zeitigen die gleichen Effekte wie bei Texten von Journalistinnen. Diese Diskurstaktik tritt vorzugsweise dann auf, wenn die israelische Konfliktseite kritisiert wird. Negative Effekte entstehen auch dadurch, dass den Gräueltaten der einen Seite diejenigen der anderen entgegengestellt werden. Sie diskreditieren beide Seiten, auch wenn dies der Absicht entspringt, dadurch einseitige und vorurteilsbeladene und/oder -erzeugende Berichterstattung zu vermeiden.Die verwendete Kollektivsymbolik trägt mit zu einer Dramatisierung und Sensationalisierung der Berichterstattung über die Zweite Intifada bei. Damit wird der gesamte Nahe Osten als quasi naturwüchsiger ‚Brandherd' inszeniert. Sowohl Israelis wie auch Palästinenser werden durch diese Symbolik in gleicher Weise als unvernünftig und gefährlich dargestellt. Dabei rückt sie gesellschaftliche Konflikte in die Nähe von Naturereignissen oder technischen Prozessen. Diese Gleichsetzung findet ihren beredtesten Ausdruck in dem Symbol von der "Spirale der Gewalt". Der Diskurs über die Zweite Intifada enthält mit den dort produzierten negativen Zuschreibungen zahlreiche Anschlüsse an deutsche historische und aktuelle Diskurse. Auch durch diese Anschlussstellen sind die produzierten Texte oftmals dazu geeignet, in deutschen Diskursen vorhandene antisemitische und rassistische Vorurteile zu reproduzieren oder auch erst herzustellen. Der Gesamttext der Studie wird im Herbst 2002 unter dem Titel "Medienbild Israel. Zwischen Solidarität und Antisemitismus" im Lit-Verlag (Münster) veröffentlicht.


Antisemitismus und bürgerliche Gesellschaft - Ein Vortrag von Gerhard Scheit

Adornos kategorischer Imperativ, alles "Denken und Handeln so einzurichten, daß Auschwitz nicht sich wiederhole, nichts Ähnliches geschehe", ziert die Einleitungen und Schlußbetrachtungen zahlloser Aufsätze, Essays und Bücher. Die meisten Autoren, die sich in ihren Abhandlungen auf dieses Diktum berufen, begreifen es entweder als Aufforderung zur möglichst detaillierten Darstellung der antisemitischen Verfolgungs- und Vernichtungspraxis oder aber als Aufruf zur Konfrontation der Antisemiten mit jüdischer Kultur. Antisemitismus wird als Vorurteil begriffen, das mit Hilfe unermüdlichen Engagements für mehr Toleranz, Klezmer-Musik oder einer akribischen Beschreibung des Ghetto- und Lageralltags bekämpft werden kann. Antisemitisches Denken sowie die Faszination, die der Nationalsozialismus nach wie vor auf Neonazis, Stammtischpublikum, Islamisten und viele andere ausübt, beruhen jedoch weder - wie das Gerede vom Vorurteil nahelegt - auf fehlenden persönlichen Kontakten zu den Objekten des Vernichtungswahnes noch auf mangelnden Kenntnissen der Geschichte der Judenverfolgungen. Der Nationalsozialismus stößt nicht zuletzt aus dem Grund auf solch enorme Begeisterung, weil seine offenen und heimlichen Bewunderer sehr genau wissen, zumindest jedoch ahnen, daß ihr Wunsch - der Tod der Juden - in Auschwitz seine erste Erfüllung fand. "Aufgearbeitet wäre die Vergangenheit erst dann", so lautet ein weiterer oft zitierter Ausspruch Adornos, "wenn die Ursachen des Vergangenen beseitigt wären." Beiträge zu einem solchen Umgang mit der Geschichte und Gegenwart des Antisemitismus vermögen jedoch weder die zahlreichen Aufforderungen zu mehr Toleranz noch die Appelle an die Weltoffenheit der Verfolger zu leisten. Grundlage einer Aufarbeitung der Vergangenheit wäre vielmehr die Kritik des falschen Ganzen.
Gerhard Scheit lebt als freier Autor in Wien. Arbeit u.a. für Konkret und Jungle World, zahlreiche Publikationen zu kulturwissenschaftlichen Themen, zum Holocaust sowie zur Theorie und (Kultur)Geschichte des Antisemitismus. Letzte Buchveröffentlichungen: Verborgener Staat, lebendiges Geld. Zur Dramaturgie des Antisemitismus, Freiburg 1999; Die Meister der Krise. Über den Zusammenhang von Vernichtung und Volkswohlstand, Freiburg 2001.


Antisemitismus in Studentenverbindungen – Ein Vortrag von Alexandra Kurth

Bei der Herausbildung und Durchsetzung der völkischen und faschistischen Ideologie nahmen die studentischen Verbindungen eine Vorreiterrolle ein. Der in den achtziger Jahren des vorigen Jahrhunderts gegründete Kyff häuserverband der Vereine Deutscher
Studenten(VDSt) avancierte in kürzester Zeit zur Avantgarde des Antisemitismus, denn er trug mit äußerster Militanz einen rassisch begründeten Antisemitismus in die deutsche Studentenschaft. Schon früh propagierten VDSter völkisches Gedankengut. Was bis 1945 in Festschriften, Selbstdarstellungen, Hausmitteilungen und Zeitschriftenaufsätzen der Vereine Deutscher Studenten geschrieben wurde, wird seither in der verbandsoffiziellen Geschichtsschreibung oft verschwiegen oder verfälscht.
Alexandra Kurth, Publikationen:
•Blut und Paukboden.Eine Geschichte der Burschenschaf ten ,Frankfurt am Main 1997.
•Dokumentation der Konferenz Das Wartburgfest 1817.Studentische Korporationen gestern und heute.Historische Erfahrungen und gegenwärtige Herausforder ungen f ür eine demokratische Hochschulpolitik, Marburg 1992.



Antisemitismus in der Palästinasolidarität –
Ein Vortrag von Claudia Dantschke
Unter dem Motto „Freiheit für Palästina“ hatten bundesweit linke antiimperialistische und kommunistische Gruppierungen sowie in Berlin die Vereinigte Palästinensische Gemeinde und Arabische Vereine aus Anlass des 2. Jahrestages der palästinensischen Intifada zur Demonstration am 28. September 2002 auf dem Kurfürstendamm aufgerufen. Etwa eintausend Personen folgten diesem Aufruf, zu 90% Männer, Frauen und Kinder mit arabischem Migrationshintergrund. Nur etwa 10% teilten sich auf die verschiedenen linken deutschen Unterstützergruppen, darunter z.B. auch die Spartakist Arbeiterpartei Deutschland. Ihren Demonstrationsaufruf hatten die Spartakisten auf einem Plakat zusammengefasst: „Stürzt die zionistischen Schlächter, Obristen, Scheichs und Mullahs durch Arbeiterrevolution.“ Offensichtlich eine unmissverständliche Ablehnung auch islamistischer Zukunftsvisionen für Palästina. Unter den Mitorganisatoren der Demonstration, den arabischen Vereinen, befanden sich aber auch jene, deren Autoritäten als Mullah oder Scheich im Nahen Osten und im Iran zu finden sind. Mit ihren grünen und gelben Fahnen waren die zahlreich vertretenen meist jugendlichen Anhänger von Hamas und Hisbollah leicht auszumachen. Interessiert fanden diese Jugendlichen mit ihren Fahnen auch den Weg zum Stand der Spartakisten, wo sie freudig empfangen und „aufgeklärt“ wurden über die „linke“ Solidarität gegen „die Apartheid und den Kolonialismus Israels“. „Jegliche Kritik an Israel wird als antisemitisch diffamiert, der Islam zum neuen Feindbild erklärt, humanitäre Hilfsorganisationen [gemeint ist der Al-Aqsa Spendenverein] verboten“, heißt es auf den Handzetteln, die fleißig verteilt wurden. So gerüstet scheuten sich die Jugendlichen dann auch nicht, in Sprechchören die Selbstmordattentäter als „Märtyrer“ und „Lieblinge Allahs“ zu glorifizieren, Israel zum „Feind Allahs“ zu erklären und Juden mit Tieren gleichzusetzen.
Was am 28. September 2002 noch in einem überschaubaren Rahmen blieb, war fünf Monate zuvor im April ebenfalls in Berlin bereits eskaliert. 10.000 Demonstranten, darunter zahlreiche linke Gruppen, hatten sich zur Demonstration für Palästina auf dem Alexanderplatz versammelt. Auf unzähligen Spruchbändern wurde Israel als „nationalsozialistischer Staat“ verunglimpft und mit dem „Dritten Reich“ verglichen. Nach einem missglückten Sturm auf die amerikanische und die britische Botschaft grölten die aufgeputschten arabischen Jugendlichen zum Abschluss auf dem Potsdamer Platz „Sharon schwule Sau!“ und „Sieg heil“ mit ausgestrecktem Arm. Mitdemonstrierende deutsche Skinheads freuten sich und grüßten mit „Heil Hitler!“. Allianzen auf der Basis des Antisemitismus.

Claudia D
antschke ist Journalistin beim deutsch-türkischen Fernsehsender AYPA-TV und wissenschaftliche Mitarbeiterin beim Zentrum Demokratische Kultur (ZDK) in Berlin. Gemeinsam mit Eberhard Seidel und Ali Yildirim veröffentlichte sie im September 2000 die Broschüre „Politik im Namen Allahs – Der Islamismus, eine Herausforderung für Europa“, herausgegeben vom Europaabgeordneten Ozan Ceyhun.



„Die Deutschen werden den Juden Auschwitz nie verzeihen“
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Vortrag von einer Vertreterin der israelischen Botschaft