Vorwort der Herausgeber
Trotz und wegen Auschwitz. Nationale Identität und Antisemitismus nach 1945


I. Antisemitismus ist nicht nur, wie Adorno und Horkheimer in der Dialektik der Aufklärung eindrucksvoll darlegen, Teil eines Tickets. Er setzt sich vielmehr selbst aus einer Vielzahl von Tickets, Komponenten und Planken zusammen. Der Hass auf das Abstrakte, Künstliche, auf die Zirkulationssphäre, Müßiggang, den Liberalismus, Kommunismus und vieles mehr wird im Antisemitismus zu einem Weltbild mit allumfassendem Erklärungsanspruch zusammengefügt. Moishe Postone verweist in seinem theoretischen Versuch über »Nationalsozialismus und Antisemitismus« auf die plastische Darstellung dieser Wahrnehmung in einem der bekanntesten antisemitischen NS-Plakate: »Es zeigt Deutschland – dargestellt als starken, ehrlichen Arbeiter – das im Westen durch einen fetten, plutokratischen John Bull bedroht ist und im Osten durch einen brutalen, barbarischen, bolschewistischen Kommissar. Jedoch sind diese beiden feindlichen Kräfte bloße Marionetten. Über den Rand des Globus, die Marionetten fest in der Hand, späht der Jude.«
Anders als in Festreden über die »Stunde Null« oftmals suggeriert, war Antisemitismus nach dem 8. Mai 1945 in Deutschland keinesfalls verschwunden. Dank der Anwesenheit der Alliierten, der späteren Westintegration der Bundesrepublik sowie der Einbindung der DDR in das Warschauer Vertragssystem konnte er jedoch nicht oder nur begrenzt öffentlich artikuliert werden. Antisemitismus zerfiel – zumindest auf öffentlicher Bühne – in seine einzelnen Bestandteile. Die nunmehr entkoppelten, um ihre einigende Klammer gebrachten Komponenten des antisemitischen Weltbildes fungierten zwar weiterhin als Basis deutscher Identitätsbildung. Der Antikommunismus der Adenauerzeit sorgte für die Integration weiter Teile der Bevölkerung in den neuen Staat, die Aufbaumanie der 50er und 60er Jahre trug zur erneuten Konstituierung des Kollektivs durch rastlose Tätigkeit bei, und die Bilder der populären Heimatfilme fungierten als Kontrast zum »Moloch Amerika«, den man in Hollywoodproduktionen, dem Habitus der amerikanischen GIs oder im Rock’n’Roll zu erkennen glaubte. Die einigende Klammer, die Wahnidee der jüdischen Weltverschwörung, konnte jedoch allenfalls auf privater Ebene, bei Familienfeiern, Stammtischzusammenkünften u. ä. um die einzelnen Ressentiments gespannt werden.
Die Erfahrung der Niederlage zog allerdings nicht nur die Abstinenz der Deutschen von größeren antisemitischen Ausschreitungen nach 1945 nach sich. Sie war zugleich eine der Ursachen der krampfhaft betonten Bemühungen um eine »deutsch-jüdische« bzw., seit Beginn der 60er Jahre, auch »deutsch-israelische Symbiose«. So berichtet Saul K. Padover – Padover führte 1945 im Auftrag der US-Army Befragungen im besetzten Deutschland durch –, dass die Verfolgung und Ermordung der Juden von einem großen Teil seiner Interviewpartner bereits kurz nach Kriegsende als »Hitlers größter Fehler« bezeichnet wurde. Diese Äußerungen sind, anders als Padover annimmt, nicht der Beweis für die Resistenz der Gesprächspartner gegenüber der antisemitischen Hetze im Nationalsozialismus. Die Judenverfolgungen werden nicht zuletzt bedauert, weil die Juden – nach antisemitischer Auffassung bekanntlich die dunklen Mächte hinter den Alliierten – im Kontext der Erfahrung des 8. Mai 1945 als zu mächtige Feinde empfunden werden. Bis auf weiteres, bis zur eigenen Stärkung oder dem ersten Anzeichen von Schwäche auf Seiten des neuen Verbündeten identifiziert man sich mit den als mächtig Wahrgenommenen.
Dieses Anschmiegen an die vermeintliche Macht kollidierte jedoch stetig mit dem auch nach 1945 weiterhin existierenden Bedürfnis nach nationaler Identität, einer ungehinderten Identifikation mit Deutschland, dem deutschen Volk und der deutschen Geschichte. Diese ersehnte nationale Identität wird in Deutschland bekanntlich durch die Verbrechen des Nationalsozialismus behindert. Die »absolute Schranke Auschwitz« (Dan Diner) manifestiert sich dabei weniger in staatstragenden Erinnerungsritualen, institutionalisierten Reden und Gesten an offiziellen Gedenktagen als vielmehr in der Existenz des jüdischen Staates – wer von Israel spricht, thematisiert, ob er will oder nicht, auch Auschwitz – sowie derjenigen, die dem Vernichtungswahn entkamen. Israel, jede einzelne Jüdin und jeder einzelne Jude stehen somit allein durch ihre bloße Existenz dem Bedürfnis nach ungebrochener Identifikation mit Deutschland und seiner Geschichte im Wege. Folglich richtet sich der Hass derer, die sich trotz Auschwitz endlich wieder zum nationalen Wir bekennen wollen, gegen diejenigen, die dieses Bekenntnis zu behindern scheinen. Dieser Hass artikuliert sich im Rückgriff auf antisemitische Stereotypen, in Hetzbriefen an die Repräsentanten der Jüdischen Gemeinden, Empörung über eine vermeintliche jüdische Wiedergutmachungsgier sowie in neuerer Zeit in der oftmals kaum versteckten Begeisterung für die palästinensischen suicide bombers. »Die Abwehr an das Unsägliche das geschah,« so umschrieben Horkheimer und Adorno diesen Reflex bereits in den 50er Jahren, »bedient sich eben der Mittel, die es bereiten halfen.«
Da die Störenfriede der ungebrochenen nationalen Identität einstweilen glücklicherweise nicht aus dem Weg geräumt werden können – man vergreift sich vorerst bevorzugt an ihren Friedhöfen –, wird bis auf weiteres versucht, die deutschen Verbrechen zu leugnen oder zu relativieren. Die »eigene überwertige Identifikation mit dem Kollektiv«, so Adorno zu Beginn der 50er Jahre, soll hierdurch »mit dem Wissen vom Frevel« in Übereinstimmung gebracht werden: »man leugnet und verkleinert ihn, um nicht der Möglichkeit jener Identifikation verlustig zu gehen«. Von Seiten der DDR sowie weiter Teile der westdeutschen Linken war hierbei insbesondere die Gleichsetzung der israelischen Politik mit der Politik des Nationalsozialismus beliebt – Israel, so ist nach wie vor aus entsprechenden Stellungnahmen zu erfahren, sei die Re-Inkarnation des NS-Staates, die israelischen Streitkräfte würden Wehrmachtsmethoden anwenden und einen »Holocaust an den Palästinensern« verüben. In der offiziellen politischen Kultur der Bundesrepublik wurde hingegen lange Zeit bevorzugt darauf verwiesen, dass in den Jahren des Nationalsozialismus nicht nur die Juden, sondern auch die Deutschen gelitten hätten. Diese nachträgliche Selbsteinopferung fand ihren bislang wohl markantesten Ausdruck 1984/85, als die Kohl-Regierung ein Gesetz, in dem die Bestrafung der Auschwitz-Lüge festgeschrieben wurde, um einen entsprechenden Passus zur so genannten Vertriebenen-Lüge ergänzt wissen wollte.
Im Antisemitismus nach 1945 sind die Juden damit nicht mehr allein Projektionsfläche für den Hass auf das Abstrakte, die Abscheu vor bürgerlicher Affektkontrolle oder das Ressentiment gegen die Zirkulationssphäre. Sie fungieren zugleich als Projektionsfläche für die Vergangenheitsbewältigung des Kollektivs, zu dem sich nicht nur Vertreter der extremen Rechten wieder ohne schlechtes Gewissen bekennen wollen.
Dieses Verdrängungsbedürfnis konkurrierte, überlappte und vermischte sich in der deutschen Erinnerungskultur oftmals mit einer anderen Variante des sekundären Antisemitismus. Aufgrund ihrer Zugehörigkeit zur aktiven Gefolgschaft im Nationalsozialismus, so verwies Adorno 1962 auf einen weiteren charakteristischen Umgang mit der NS-Vergangenheit in den Nachfolgestaaten des Dritten Reiches, sähen sich Eltern oftmals gezwungen, »ihren Kindern gegenüber ihre damalige Haltung zu verteidigen«. Hierdurch würden sie »fast automatisch veranlasst, ihren Antisemitismus aus den dreißiger Jahren aufzuwärmen«. Auschwitz, der nationalsozialistische Antisemitismus und das Wissen um die Massenmorde werden im Rahmen dieser innerfamiliären Auseinandersetzungen nicht geleugnet; der Rückgriff auf antisemitische Stereotypen dient nicht der Artikulation des Hasses auf diejenigen, die angeblich »keine Ruhe geben« wollen. Die Pogrome und Verfolgungen der NS-Zeit werden mit Hilfe des Antisemitismus der 30er Jahre – durch Verweise auf vermeintliche jüdische Kriegserklärungen, Greueltaten usw. – vielmehr gerechtfertigt. Im Zentrum dieser Spielart des Antisemitismus »wegen Auschwitz« steht damit nicht die Befreiung der Nation von den nationalsozialistischen Verbrechen. Sie läuft vielmehr tendenziell auf die Versöhnung mit bzw. das Bekenntnis zu Auschwitz hinaus. Vergasungswünsche, mit denen ausländische Spieler oder ganze gegnerische Mannschaften in Fußballstadien oftmals konfrontiert werden, verweisen immerhin darauf, dass Auschwitz nach wie vor als Symbol für die adäquate Realisierung von Vernichtungssehnsüchten angesehen wird.
Da solcherlei Bekenntnisse nach 1945 lediglich im privaten oder quasi rechtsfreien Raum getätigt werden konnten, wurde dieses Bedürfnis zumeist – bewusst oder unbewusst – über Umwege artikuliert. Eine erste Ausdrucksform erhielt es paradoxerweise in den stetigen Forderungen nach einem Ende der Auseinandersetzungen mit dem Nationalsozialismus. Insbesondere die Schlussstrich-Debatten der 50er Jahre entbehrten nahezu vollständig einer realen Basis in der politischen Kultur der Bundesrepublik – Auschwitz war in der Öffentlichkeit im Grunde nicht existent. Der penetrant vorgetragene Wunsch, endlich etwas zu beschweigen, über das bislang noch gar nicht debattiert wurde, beruht dabei entweder auf Realitätsverlust. Oder das unterschwellige Ziel der Artikulation dieser Forderung besteht darin, das entsprechende Thema endlich in die öffentlichen Debatten einbringen zu können. Diese Reaktion weist Ähnlichkeiten mit dem Verhalten eines gewöhnlichen Verbrechers auf: Er möchte pausenlos über den gelungenen Coup reden, beschränkt sich aus Angst vor Strafe jedoch auf Andeutungen oder einen negativen Bezug auf die Tat.
Nachdem Auschwitz in den 50er und 60er Jahren, wenn auch negationistisch, vor allem in der Mitte sowie am rechten Rand der Gesellschaft thematisiert wurde – eine Ausnahme bilden fast ausschließlich die marginalisierten Opferverbände –, wurden in den 70er und 80er Jahren schließlich linke, alternative und liberale Kreise zu den dominanten Trägern des Bedürfnisses, »endlich darüber reden« zu können. Zielte die Thematisierung des Massenmordes um 1968 noch darauf hin, die »Ursachen des Vergangenen« zu beseitigen, wurde nach dem Scheitern der Protestbewegung auch von ehemaligen Protagonisten der Studentenrevolte affirmativ auf die Funktion der Erinnerung für die nationale Selbstfindung verwiesen. In Seminaren evangelischer Akademien wurde über deutsch-jüdische Verbrüderung diskutiert, alternative Initiativen organisierten Klezmer-Konzerte und verwiesen auf die damit verbundene Bereicherung der deutschen Kultur, und der Begriff Trauerarbeit wurde zum Modewort. Der Bau einer zentralen Gedenkstätte für die Opfer des Massenmordes, so betonte schließlich der Sprecher des Initiativkreises für die Errichtung des Holocaust-Mahnmales in Berlin bereits zu Beginn der Projektplanung, sei »eine nationale Aufgabe und Verpflichtung«. Auschwitz sollte somit – wenn auch zunächst kritisch – als sinnstiftendes Element in die nationale Identität eingebracht werden.
Spätestens während des Kosovo-Krieges 1998 fand dieses Motiv schließlich Eingang in die offizielle Politik des nunmehr wiedervereinigten Deutschland. Verteidigungsminister Scharping glaubte im Kosovo in die »Fratze der eigenen Geschichte« zu blicken, Außenminister Fischer wollte ein zweites Auschwitz verhindern, und eine Vielzahl der kritischen Intellektuellen erklärte, die Deutschen müssten sich gerade aufgrund ihrer Geschichte an einem Angriff auf Rest-Jugoslawien beteiligen.
Hatte das Reden über Auschwitz im Rahmen der konservativen und rechten Geschichts-Debatten der 80er Jahre noch den Zweck, endlich damit aufhören zu können, so scheint ein entsprechendes Bedürfnis zumindest bei Teilen der politischen und kulturellen Elite mittlerweile nicht mehr zu existieren. Ob sich hinter der neuen Gesprächigkeit tatsächlich, wie es der inneren Logik dieser speziellen Variante des deutschen Umgangs mit Auschwitz entspricht, das Verlangen verbirgt, endlich auf den kritischen Beiklang der Gedenkreden verzichten zu können, wird sich aufgrund der – wenn auch immer brüchiger erscheinenden – Integration der Bundesrepublik in das westliche Bündnissystem in den nächsten Jahren wohl nicht verifizieren lassen. Umso aufmerksamer gilt es, auf Untertöne, Versprecher und Andeutungen in öffentlichen Verlautbarungen zu Auschwitz, den »deutsch-jüdischen Beziehungen« und zum Verhältnis zu Israel zu achten. »Auf der Grundlage einer Leugnung der Vergangenheit oder des Versuchs, ihr zu entfliehen, kann es kein anderes Deutschland geben«, so verwies Moishe Postone bereits Mitte der 80er Jahre auf die Implikationen der verschiedenen Formen der deutschen Erinnerung an Auschwitz. »Es gibt in der Tat nur zwei Möglichkeiten: Eine endgültige Versöhnung mit dieser Vergangenheit oder aber der konstante, d. h. in fortwährender Auseinandersetzung zu vollziehende Bruch mit ihr.«

II. In der folgenden Dokumentation wird ein Großteil der oben formulierten Gedanken empirisch gefüllt und weiter ausgeführt. Der Band versammelt dabei einen Teil der Referate, die zwischen Sommer 2002 und Frühjahr 2003 im Rahmen der von der Arbeitsgruppe Antifaschismus/Antirassismus im Studierendenrat der Universität Halle organisierten Seminar- und Vortragsreihe »Geschichte und Gegenwart des Antisemitismus« gehalten wurden. Einige Beiträge orientieren sich streng an den in Halle präsentierten Vorträgen, andere wurden stark überarbeitet.
Gerhard Scheit eröffnet den Band mit dem Verweis auf die Ursprünge der postfaschistischen Demokratie und dem Gedanken, dass der Wohlstand in den Nachfolgestaaten des Nationalsozialismus sowie – darüber vermittelt – der gesamten westlichen Nachkriegswelt auf der von den Deutschen organisierten Vernichtung basiert.
Daran anschließend skizziert Jan Gerber den Umgang der DDR mit Auschwitz. Schuldabwehr, innenpolitische Akzeptanz- und Legitimationsprobleme sowie – damit unmittelbar verbunden – die Abgrenzung gegenüber Israel prägten die dortige Erinnerungskultur.
Christoph Beyer und Thomas Plättner fassen in ihrem Aufsatz die wesentlichen Streitpunkte der Goldhagen-Debatte zusammen und würdigen die Bedeutung Goldhagens für die Auseinandersetzung mit Auschwitz und dem Nationalsozialismus. Zugleich fragen sie nach den Gründen der vehementen Abwehr, auf die Goldhagens Thesen sowohl in der politischen Öffentlichkeit als auch im Wissenschaftsbetrieb stießen.
In seinem Beitrag über »Antisemitismus in deutschen Medien« präsentiert Frank Wichert die Ergebnisse einer Studie über die Reaktionen deutscher Printmedien auf den Ausbruch der zweiten Intifada. Insbesondere die Zuschreibungen zu Israel enthielten dabei – unabhängig von der politischen Couleur der entsprechenden Publikation – sowohl antisemitische Elemente als auch Anschlüsse an die deutsche Geschichte.
Thomas Haury fragt in seinem Beitrag nach den Ursachen des Antisemitismus in der Linken, einem Spektrum, das sich per definitionem in Gegnerschaft zum Antisemitismus sieht. Er verweist hierbei auf zahlreiche Anschlusspunkte des Kapitalismus- und Imperialismusverständnisses der Linken zu antisemitischen Denkfiguren sowie auf die Suche der deutschen Linken nach nationaler Identität.
Abschließend setzt sich Claudia Dantschke mit Antisemitismus im islamistischen Milieu auseinander. Dabei stellt sie verschiedene, auch in der Bundesrepublik aktive Organisationen vor, analysiert deren Antisemitismus und verweist u. a. auf den deutschen Kontext, dem bestimmte Formen ihrer antisemitischen Propaganda angepasst worden sind.
Dank gebührt an dieser Stelle noch einmal den Referentinnen und Referenten, den Kooperationspartnern sowie den zahlreichen Helferinnen und Helfern, die hier nicht alle namentlich aufgeführt werden können. Ohne sie hätte dieser Dokumentationsband nicht erscheinen können.

Halle, Juni 2003