Am 10. Mai 1933 fand in Berlin die zentrale Bücherverbrennung statt. Zwei Tage später, am 12. Mai, folgte man in Halle dem Berliner Vorbild und verbrannte die Schriften jüdischer, marxistischer und anderer unliebsamer Autoren. In diesem Jahr jähren sich diese Ereignisse zum 70. Mal.

Nach der Ernennung Hitlers zum Reichskanzler versuchten die Nationalsozialisten, den Bruch mit der Weimarer Republik bzw. den Anbruch der „neuen Zeit“ auch auf symbolischer Ebene zu präsentieren. Die wohl bedeutendsten, auch über Deutschland hinaus wahrgenommenen Ereignisse dieser Art waren die Bücherverbrennungen, die Anfang bis Mitte Mai 1933 in zahlreichen deutschen Universitätsstädten durchgeführt wurden.

Die Deutsche Studentenschaft

Anders als oftmals behauptet, wurden die Bücherverbrennungen nicht vom Reichspropagandaministerium geplant und koordiniert. Für ihre Organisation und Durchführung zeigte sich vielmehr die „Deutsche Studentenschaft“ (DSt), die im April 1933 zur alleinigen Vertreterin der deutschen Studierenden ernannt worden war, bzw. deren Hauptamt für Presse und Propaganda unter Hanskarl Leistritz verantwortlich.1 Goebbels wurde erst nach Vollendung der Konzeption und der internen Verständigung zwischen der Deutschen Studentenschaft in Berlin und ihren Gliederungen im Reich gebeten, bei der Bücherverbrennung in Berlin eine Rede zu halten.2

Die Bücherverbrennungen waren Teil einer von der DSt initiierten Kampagne mit dem Titel „Wider den undeutschen Geist“. Diese Kampagne sollte Anfang April 1933 mit dem Anschlag von Plakaten mit zwölf Thesen „Wider den undeutschen Geist“ beginnen und mit den Bücherverbrennungen in zahlreichen deutschen Universitätsstädten ihren vorläufigen Höhepunkt finden.

Aus „Anlaß der schamlosen Hetze des Weltjudentums gegen Deutschland“, so hieß es im ersten Rundschreiben, mit dem die DSt in Berlin versuchte, die Aktivitäten in den einzelnen Städten zu koordinieren, sei geplant, eine „öffentliche Verbrennung jüdischen zersetzenden Schrifttums“ durchzuführen.3

Der „Zentralausschuss zur Durchführung der nationalen Revolution“

Der hallische Ansprechpartner für die Organisatoren der Bücherverbrennung war der studentische „Zentralausschuss zur Durchführung der nationalen Revolution“. Der Ausschuss war im April 1933 von Mitgliedern des „Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbundes“ (NSDStB), der Studierendenorganisation der NSDAP, gegründet worden, um die Universität Halle im nationalsozialistischen Sinn umzugestalten. Da die Professoren – auch wenn sie das Ende der Republik mehrheitlich begrüßten – dem Nationalsozialismus zumeist skeptisch gegenüberstanden, wurde die Gleichschaltung der Universitäten vor allem von den Studierenden betrieben.4 Diese waren zum Großteil bereits lange vor 1933 zu Anhängern der NSDAP geworden.5

Nach einer Hetz- und Verleumdungskampagne gegen den jüdischen Juristen, Volkswirtschaftler und Soziologen Friedrich Hertz widmete der Ausschuss einen Großteil seines Engagements seit Ende April 1933 der Vorbereitung und Durchführung der Bücherverbrennung.6 Etwa zeitgleich zu ähnlichen Aktivitäten in Berlin erarbeitete man eine Liste sogenannter undeutscher Literatur, die mit dem Titel „Vorläufiger Hallischer Generalindex jüdischer, marxistischer, pazifistischer und anderer volkszersetzender Schriften“ überschrieben wurde. Die darin aufgeführten Schriften sollten aus Bibliotheken und Buchhandlungen entfernt und schließlich öffentlich verbrannt werden. Darüber hinaus forderten Vertreter des Ausschusses die Bevölkerung, Universitätsangehörige, die Betreiber von Bibliotheken und Buchhandlungen in mehreren Zeitungsartikeln und auf Plakaten auf, sich an der Säuberung der Universität zu beteiligen sowie jüdische, marxistische und andere unliebsame Dozenten und Assistenten zu denunzieren. Bücher und Schriften, so wurde erklärt, „deren Inhalt deutschem Gedankengut in sittlicher, religiöser, ethischer und völkischer Hinsicht zuwiderläuft“, sollten aus Bibliotheken, Buchhandlungen und Privatbesitz entfernt werden.7

Einsprüche

Der Landwirtschaftswissenschaftler Gustav Frölich, der noch kurz vor der Machtergreifung der Nationalsozialisten zum Rektor der Universität gewählt worden war und wenig später abgesetzt wurde, protestierte zunächst gegen diese Aktivitäten der nationalsozialistischen Studenten. Er verwahrte sich gegen die Denunziationsaufrufe des Zentralausschusses und untersagte den Studenten die Präsentation eines Plakates mit Aufforderungen zur „Säuberung“ der Universität und der Bibliotheken am schwarzen Brett der Hochschule. Nach einer Rücksprache mit dem Kultusministerium schwenkte er jedoch ein und genehmigte den Aushang des Plakates.8

Neben diesem Einspruch wurden die Aktivitäten des hallischen Zentralausschusses – allerdings mit anderer Motivation – auch von der DSt in Berlin kritisiert. Die Einwände aus Berlin bezogen sich vor allem auf das Plakat, das der Zentralausschuss zur Vorbereitung der Bücherverbrennung in Halle hatte fertigen lassen. Das Plakat – darauf wurde die „Säuberung“ von Büchern und Bibliotheken sowie die Sammlung und Zerstörung der entsprechenden Literatur gefordert –, so erklärten Vertreter der DSt in Berlin, lasse zuviel Ablehnung spüren und das „Positive des Nationalsozialismus“ vermissen.9

Deutsche Revolutionäre

Während die Angehörigen des hallischen Zentralausschusses bei ihren Aufrufen zur Bücherverbrennung, zu Denunziationen und Boykotten nur wenige Skrupel zeigten, äußerten sie in Hinblick auf die juristischen Voraussetzungen der Bücherverbrennung größere Bedenken. Ende April, Anfang Mai 1933 fragten Mitglieder des Ausschusses in Berlin an, ob die Beschlagnahme von Büchern aus Büchereien und Buchhandlungen juristisch auch gedeckt sei. Immerhin, so die Studenten, handele es sich hierbei um Privatbesitz. Wahrscheinlich nicht zuletzt um erneuten Vorwürfen mangelnder Konstruktivität aus dem Wege zu gehen, schlug man der Führung der DSt vor, von der Gestapo eine Bücherliste erstellen zu lassen. Die darin aufgeführten Buchtitel sollten per Erlass zur Konfiszierung freigegeben würden.10

Da ein solcher Erlass bis zum Zeitpunkt der Verbrennung nicht mehr erfolgte, bemühte sich der Zentralausschuss um den Ausbau der Zusammenarbeit mit der hallischen Polizei. Der Polizeipräsident hatte sich bereits in den Wochen zuvor bereit erklärt, die Beschlagnahme der Bücher auch ohne juristische Grundlage zu verantworten. Vom 2. bis zum 6. Mai durchkämmte eine Gruppe von Studenten und Kriminalbeamten schließlich die örtlichen Büchereien und Buchhandlungen und zog die auf dem Generalindex zusammengetragenen Titel ein. Bis auf einen Fall, so berichteten Angehörige des Zentralausschusses später nach Berlin, sei die Aktion reibungslos verlaufen.11

Die Bücherverbrennung

Am 12. Mai 1933, zwei Tage nach der Berliner Bücherverbrennung, wurde schließlich auch in Halle ein Scheiterhaufen errichtet.12 Repräsentanten des Lehrkörpers der Universität, der Rektor, der Oberbürgermeister, der Polizeipräsident sowie der Kreisleiter der NSDAP versammelten sich auf dem Universitätsplatz, die studentischen Verbindungen nahmen vor dem Hauptgebäude der Hochschule Aufstellung.13 „Eine nach Tausenden zählende Zuschauermenge“, so wurde kurze Zeit darauf in der Hallischen Universitätszeitung berichtet, „wollte Augenzeuge des Verbrennungsaktes sein.“14

Nach dem Vortrag des Liedes „Volk ans Gewehr“ durch die Chöre der Sängerschaften Fridericiania, Ascania und Salia warf Reinhardt von Eichborn, der Leiter des Hauptamtes für politische Erziehung der DSt in Halle, „unter brausendem Jubel der Zuschauermenge“ Bücher in die Flammen.15 Johannes Weidemann, der Oberbürgermeister, sprach in seiner Rede von einer „verheerenden Tätigkeit gewinnheischender jüdischer Asphaltliteraten“ und bezeichnete die Bücherverbrennung als ein „Symbol der Selbstbesinnung und bewusster Verneinung undeutschen Geistes“. Die Verbrennung sei keine „leere Farce“, sondern „eine Demonstration des neuen Deutschland gegen internationales, charakterloses Journalistentum“.16 Mit dem Deutschland- und dem Horst-Wessel-Lied wurde die Bücherverbrennung schließlich beendet.

AG Antifa

veröffentlicht in Bonjour Tristesse Nr. 5 [2/2008]


Anmerkungen:
1 Michael Grüttner: Studenten im Dritten Reich, Paderborn u.a. 1995, S. 76.
2 Vgl. ebd., S. 76f.
3 Zit. nach Hendrik Eberle: Die Martin-Luther-Universität in der Zeit des Nationalsozialismus 1933–1945, Halle 2002, S. 43.
4 Vgl. Walter Zöllner: Die Martin-Luther-Universität unter dem NS-Regime, in: Walter Pauly (Hg.): Hallesche Rechtsgelehrte jüdischer Herkunft, Köln 1996, S. 1f.
5 Vgl. ders.: Die Universität Halle am Ende der Weimarer Demokratie und unter der NS-Diktatur unter besonderer Berücksichtigung der Geschichtswissenschaft, in: Gunnar Berg, Hans-Hermann Hartwich (Hrsg.): Martin-Luther-Universität. Von der Gründung bis zur Neugestaltung nach zwei Diktaturen, Opladen 1994, S. 83f.
6 Vgl. Eberle, S. 39–43.
7 Vgl. Arthur Schellbach: Die Auswirkungen der antijüdischen Rassenpolitik im Lehrkörper der Universität Halle-Wittenberg in der Zeit der NS-Diktatur, in: Jüdische Gemeinde zu Halle (Hg.): 300 Jahre Juden in Halle. Leben, Leistung, Leiden, Lohn, Halle 1992, S. 309.
8 Vgl. Werner Prokoph: Demokratische Bestrebungen und faschistischer Ungeist an der Universität HalleWittenberg in den Jahren 1929 bis 1934. Dissertation, Halle 1967, S. 134.
9 Vgl. Eberle, S. 45.
10 Vgl. ebd., S. 45ff.
11 Vgl. ebd.
12 Am 10. Mai fand in Halle ein Vortrag des in Jena lehrenden Rassenkundlers Hans F.K. Günther („Rassegünther“) statt. Vgl. ebd., S.47.
13 Bericht der Hallischen Universitätszeitung vom 1. Juni 1933, in: Werner Piechocki (Hg.): Halle, alte Musenstadt, Halle 1994, S. 241.
14 Vgl. ebd.
15 Vgl. ebd., S. 242.
16 Vgl. ebd.