Veranstaltungen 2015 – 2020

 

 

20.10.2020, 19:00
„… it’s not systemic“. Antisemitismus im postmodernen Antirassismus.

Online-Vortrag & Diskussion mit Ingo Elbe

„An deutschen Hochschulen ist kein Platz für Antisemitismus“, titelte eine kürzlich publizierte Erklärung der Hochschulrektorenkonferenz. Doch nicht erst seit der Debatte um den postkolonialen Theoretiker Achille Mbembe stellt sich die Frage, ob ein „ehrbarer Antisemitismus“, wie Jean Améry ihn einst nannte, nicht längst ein fester Bestandteil – insbesondere der sich in postmoderner Weise antirassistisch artikulierenden – universitären Disziplinen geworden ist. In diesem von Michel Foucault, Edward Said oder Judith Butler inspirierten Diskurs findet sich nämlich ein systematischer Zusammenhang von begrifflicher Eliminierung des Antisemitismus, Relativierung des Holocaust, De-Thematisierung vor allem der islamischen Judenfeindschaft und Hass gegen Israel. Wird es in Deutschland eine ähnliche Entwicklung geben wie in den USA, wo die Black-Lives-Matter-Bewegung, muslimische Aktivistinnen im Rahmen der demokratischen Partei oder Women’s March-Führerinnen dem Antisemitismus das Label „progressiv“ verpasst haben?

Der Vortrag gibt einen Überblick über Faktoren, die das wichtige Anliegen der Rassismus-Analyse in eine postmoderne Weltanschauung verwandelt haben, die partiell gültige Aussagen unzulässig verallgemeinert, empirische Analysen durch starre Theorieschablonen ersetzt, inkonsistente, machtreduktionistische und kulturrelativistische Erkenntnistheorien zugrunde legt und über weite Strecken von volkspädagogischen Absichten und politischen Ressentiments geleitet wird.
Dr. Ingo Elbe ist wissenschaftlicher Mitarbeiter und Privatdozent am Institut für Philosophie der Universität Oldenburg. Zum Thema publizierte er u.a.: “… it’s not systemic”. Antisemitismus im akademischen Antirassismus. In: T. Amelung (Hg.): Irrwege. Analysen aktueller queerer Politik, Berlin 2020. The Anguish of Freedom. Is Sartre’s existentialism an appropriate foundation for a theory of antisemitism? In: Antisemitism Studies/April 2020. Die falsche Versöhnung von Subjekt und Objekt. Eine Kritik an Hans-Georg Gadamers hermeneutischem Antirealismus Mit einem Epilog: Dipesh Chakrabartys konservative Hermeneutik im postmodernen Historyland. In: sans phrase. Zeitschrift für Ideologiekritik, Frühjahr 2020. Im Herbst erscheint sein Buch Gestalten der Gegenaufklärung. Untersuchungen zu Konservatismus, politischem Existentialismus und Postmoderne.

05.11.2020, 19:00

Teheran Tabu? — Die deutsch-iranischen Beziehungen zwischen Atomdeal, Massenprotesten und Hinrichtungswellen.
Online-Vortrag und Diskussion mit Ulrike Becker

Während die USA aus dem Atomabkommen mit dem Iran ausgetreten sind und das islamistische Regime in Teheran mit harten Sanktionen zu einem Politikwechsel zwingen wollen, setzen Bundesregierung und EU weiter auf Zusammenarbeit und den Atomdeal aus dem Jahr 2015.
Die Haltung Deutschlands wirft Fragen auf: Warum verzichtet die Bundesregierung weitgehend auf Mittel des politischen Drucks, trotz massiver Menschenrechtsverletzungen, der tödlichen Niederschlagung der Bürgerrechtsbewegung, einer Hinrichtungs- und Verhaftungswelle im Iran und weiterhin permanenter Vernichtungsdrohungen gegen Israel sowie Verstößen gegen die Auflagen des Atomdeals und einer terroristischen Außenpolitik? Der Vortrag geht auf die Lage Protestbewegung im Iran ein, auf die Zuspitzung des Streits um das iranische Atomprogramm und auf die deutsche Iran-Politik. Dabei wird auch die Frage diskutiert, was die Gründe dafür sind, dass die Bundesregierung an einer Politik festhält, die man als Appeasement bezeichnen kann.

 

Donnerstag, 8. Oktober 2020, 19:00

Online-Vortrag & Diskussion mit Gerd Koenen: „Gefälschte Geschichten, missbrauchte Erinnerungen — über den jüngsten geschichtspolitischen Clash zwischen Polen und Russland“

Online-Vortrag und Diskussion mit Gerd Koenen

Seit Anfang des Jahres ist zwischen Russland und Polen erneut ein Streit über den Zweiten Weltkrieg ausgebrochen. Diese Auseinandersetzung hat selbst die Gedenkfeiern zum 75. Jahrestag der Befreiung von Auschwitz überschattet. Der polnische Präsident Duda blieb der Feier in Yad Vashem fern, da er nicht sprechen durfte. Russlands Präsident Putin wiederum hat aus reziproken Gründen nicht an den Feiern in Auschwitz teilgenommen.
In einem in der russischen und internationalen Presse verbreiteten Artikel zum Jahrestag des Kriegsendes ist Putin einen Schritt weitergegangen und hat erklärt, dass die polnische Regierung und die Westmächte mindestens eine Mitschuld am Ausbruch des Weltkriegs trügen. Duda wiederum nannte das eine monströse Verzerrung der historischen Wahrheit, mit der die Vernichtung Polens im Hitler-Stalin-Pakt gerechtfertigt werden solle.
Während im heutigen Russland die Erzählung vom „Großen Vaterländischen Krieg“, den man sich allein auf die Fahnen schreiben möchte, zum neuen Zentralmythos erhoben worden ist, sieht Polen sich – auch an ältere Martyrologien anschließend – als das Opfer einer doppelten nationalsozialistischen und sowjetischen Aggression, das nie aufgehört habe, Widerstand zu leisten. Beide Interpretationen erscheinen nahezu unvereinbar und dienen in ziemlich unverstellter Weise innen- und außenpolitischen Zwecken und Ansprüchen. Sie sind darüber hinaus aber auch für die deutschen und internationen Diskussionen über den Weltkrieg, den Holocaust usw. von eminenter Bedeutung.
Gerd Koenen ist Historiker und Publizist. In seinem Buch „Der Russland-Komplex“ (2005) hat er sich mit der langen Geschichte der deutsch-russischen Beziehungen, in denen Polen stets der unglückliche Dritte war, beschäftigt, und zuletzt in „Die Farbe Rot“ (2017) mit der Geschichte des Kommunismus im 20. Jahrhundert.

 

Veranstaltungsprogramm für das Wintersemester 2019/2020

24. Oktober 2019, 19 Uhr
Halle (Saale), Franckesche Stiftungen, Haus 30

We don’t need no education. Erfahrungen aus der beruflichen Praxis im Umgang mit dem Islam
Podiumsgespräch mit Birgit Ebel und Justus Wertmüller

 

2018 erschien das Buch „Kulturkampf im Klassenzimmer. Wie der Islam die Schulen verändert“. Verfasst wurde es von der Pädagogin Susanne Wiesinger, Lehrerin an einer Wiener Brennpunktschule. Schonungslos schildert sie die Zustände an ihrer Schule. Sie spricht von Schülern, die nicht willens sind, Deutsch zu lernen, ihre Mitschülerinnen zwingen, sich zu verhüllen, und ihre Religion über alles stellen. Darüber hinaus berichtet sie von der Verharmlosung und dem Herunterspielen dieser Zustände durch Stadtschulrat und Gewerkschaften.

 

Nicht nur im Schulbetrieb Österreichs werden zunehmend Stimmen lauter, die auf Probleme im Umgang mit Menschen aus islamisch geprägten Ländern hinweisen und die rigiden „Wertvorstellungen“ der selbsternannten Religion des Friedens kritisieren. In Nordrhein-Westfalen wies eine Lehrerin Ende August darauf hin, dass viele Schüler unter dem stark ansteigenden Prozentsatz muslimischer Schüler merklich leiden. „Moslems weigerten sich plötzlich, die Gleichwertigkeit aller Religionen anzuerkennen und reagierten heftig, wenn jemand den Islam kritisierte. Diskussionen über Gleichberechtigung zwischen Mann und Frau oder Verweise auf das Grundgesetz endeten mit üblen Beleidigungen und der Einforderung von Respekt.“ (Westdeutsche Allgemeine Zeitung)

Ereignisse, wie sie von Pädagogen aus Deutschland und Österreich beschrieben werden, findet man auch in anderen gesellschaftlichen Bereichen. Ob Flüchtlingshilfe, Kindertagesstätten oder Polizei – überall gibt es Personen, die auf Probleme mit Menschen, die dem Islam angehören oder wesentlich von ihm beeinflusst wurden, hinweisen. Nicht selten werden die beschriebenen Zustände als Einzelfälle abgetan – wenn sie denn überhaupt thematisiert werden. Oftmals sehen sich diejenigen, die solche Fälle skandalisieren, mit dem Vorwurf des Rassismus oder der Islamfeindlichkeit konfrontiert. Notwendige Debatten werden erschwert und als Fall für den rechten Rand denunziert.

2014 gründete sich die ehrenamtliche Empowerment- und Präventionsinitiative „extremdagegen!“, um über Probleme des Extremismus und speziell auch des Islamismus in und rund um Schulen aufzuklären. Auslöser für die Gründung war die Lage vor Ort in der Stadt Herford, die als Salafistenhochburg immer häufiger in die lokalen und überregionalen Schlagzeilen geriet. Wir wollen mit der Gründerin dieser Initiative, Birgit Ebel (B’90/Die Grünen) ins Gespräch kommen und über ihre Erfahrungen als Pädagogin diskutieren. Außerdem werden wir mit dem Redakteur der Zeitschrift „Bahamas“ und Buchautor Justus Wertmüller darüber sprechen, warum es insbesondere bei Menschen aus islamischen Ländern immense Integrationsschwierigkeiten gibt und weshalb sich das mediale und politische Interesse bei dieser Problemstellung so stark zurückhält.

 

5. November 2019, 19 Uhr
Halle (Saale), Melanchthonianum

Zur Kritik der politischen Ökologie
Vortrag und Diskussion mit Jörg Huber

 

Dass internationale Klimaabkommen das Papier nicht wert sind, auf dem sie geschrieben stehen, ist schon lange klar. Sie sind unverbindlich und die Unterzeichner halten sich nur teilweise an ihre Versprechen zur Reduzierung von Treibhausgasen, so dass zwischen dem hochtrabenden Anspruch der Klimadiplomatie und der Wirklichkeit eine große Lücke klafft. Dass die internationale Klimapolitik dennoch ein Dauerthema bleibt, hat meistens mehr ideologische als sachliche Gründe.

Die Meldung, die die Tagesschau am 7. November 2017 veröffentlichte, hätte man aber dennoch nicht für möglich gehalten: „USA isoliert. Auch Syrien tritt Klimavertrag bei. Als letztes UN-Land will nun offenbar auch Syrien dem Pariser Klimaabkommen beitreten. Die USA, deren Präsident Trump Anfang Juni den Austritt angekündigt hatte, wären damit als einziger Vertragsgegner völlig isoliert. […] Es ist höchst erfreulich, dass Syrien soeben angekündigt hat, dem Pariser Klimaabkommen beitreten zu wollen, sagte Sabine Minninger, Klimareferentin von Brot für die Welt. Angesichts des verheerenden Klimawandels zeige die Welt Einigkeit…“

Wie soll ein Bürgerkriegsland einen Plan zur Reduzierung von Treibhausgasemissionen einhalten, wie ihn das Pariser Abkommen vorsieht? Nach sechs Jahren mörderischen Krieges funktioniert in weiten Teilen des Landes nicht einmal mehr die Versorgung mit dem Allernötigsten, regelmäßige Aufzeichnungen über den Verbrauch fossiler Energieträger und anderer Emissionsquellen sind das letzte, was dort gerade möglich und nötig ist.

Doch der objektive Zynismus sowie alle inhaltlichen und formalen Widersprüche der Einigung mit Syrien werden offenbar durch einen symbolischen Erfolg gerechtfertigt, den die Tagesschau in ihrer Meldung ins Zentrum rückt: „USA isoliert.“ Um sich mit der ganzen Welt eins und gut zu fühlen und im Kampf gegen den allerbösesten Klimasünder symbolisch zusammenzurücken, ist anscheinend absolut alles recht.

Der Vortrag wird die historische Entwicklung der politischen Ökologie kurz nachzeichnen, die deutsche Panik vorm Fracking analysieren und den internationalen Aktionismus zur Klimarettung kritisieren, um zu verstehen, wie mit wissenschaftlichen Argumenten untermauerte ökologische Debatten, die angeblich der Sicherung der Zukunft dienen, zu einer so kritikwürdigen Politik führen.#

Jörg Huber ist Autor der Zeitschrift „Bahamas“.

 

28. November 2019, 19 Uhr
Halle (Saale), Melanchthonianum

Die politische Sozialisation Wolfgang Pohrts
Vortrag und Diskussion mit Klaus Bittermann

 

Klaus Bittermann, der als Herausgeber der Werke Wolfgang Pohrts auch an einer Biografie seines Autors schreibt, beschäftigt sich in seinem Vortrag mit der Zeit in Frankfurt Ende der Sechziger, Anfang der Siebziger, in der Wolfgang Pohrt politisch sozialisiert wurde. Dabei spielt viel mehr als Adorno vor allem der schon früh verstorbene Frankfurter Studentenführer Hans-Jürgen Krahl eine entscheidende Rolle, durch den er nicht nur auf sein Dissertationsthema gekommen ist, sondern der als einer der wenigen darauf beharrt, radikal mit seiner bürgerlichen Herkunft zu brechen und der den antiautoritären Anfang der Protestbewegung als ein Trauern um den Tod des bürgerlichen Individuums interpretiert. In seinem frühen Text „Arbeiter und Kleinbürger“ von 1972, in dem er auch seine eigene Existenz als „Lumpensammler“ (Benjamin) reflektiert, heißt es bereits, dass Revolution nicht heißen kann Aufbau des Sozialismus, sondern Zertrümmerung der Warenwelt, oder in den Worten Krahls: „Die Emanzipation der Gattung ist nicht mehr möglich über die personalisierende Enthüllung der herrschenden Klasse, sie ist nur möglich über eine Denunziation der Dinge, des im Spätkapitalismus produzierten Schunds, in denen die Verhältnisse sich kristallisieren.“ Im „verpfuschten Leben“ und im „erniedrigenden grauen Alltag“ erkennt Pohrt die treibende Kraft der Unruhe, die auch „aus der Trauer über das Sterben der Gebrauchswerte“ (Krahl) resultiert. Die Protestbewegung ist für ihn ein kurzer Moment, in dem es möglich war, auch intellektuell Rache zu nehmen am „Betrug am richtigen Leben, dessen Opfer man selbst werden sollte“. Verflochten damit wird Pohrts Beteiligung an den Studentenprotesten erzählt.

Klaus Bittermann ist Verleger und gibt die Gesammelten Werke Wolfgang Pohrts heraus.

 

Im Dezember 2019 (Datum und Ort werden noch bekannt gegeben)

Revolution und Messias. Die religiösen Wurzeln der Geschichtsphilosophie
Tagesseminar

„Unsere Atheisten sind fromme Leute“, schmetterte Max Stirner 1845 Karl Marx und anderen Junghegelianern entgegen. Sein Vorwurf: Ihre Lobpreisung des allgemeinen Menschen als höchstes Wesen sei der von Gott verwandt. Selbst ein Schüler Hegels, war Stirner jedoch blind für einen ungleich stärkeren religiösen Zug der Junghegelianer – ihre Geschichtsphilosophie. Die Überzeugung, dass Geschichte nicht sinnlos und zufällig ist, sondern zu einem versöhnten Zustand strebt, dessen Anlagen schon in der Gegenwart vorhanden sind, haben Marx und andere von Hegel übernommen. Mit ihr einhergehen Fortschrittsoptimismus und die Verschiebung des Paradieses in eine weltliche Zukunft. Im Seminar werden die christlichen Wurzeln dieser teleologischen Geschichtsbetrachtung aufgezeigt. Als Kontrast dazu werden Walter Benjamins Thesen „Über den Begriff der Geschichte“ genutzt und ihr spezifisch jüdischer Hintergrund entfaltet. Auf der Grundlage dieser Gegenüberstellung wird Stirners Polemik wieder aktuell: Wie fromm ist jemand, der auf eine Revolution hofft, die den Lauf der Welt verändert? Und gleicht es nicht religiösem Dogmatismus, nach dem 20. Jahrhundert der Geschichte überhaupt noch Sinn geben zu wollen?

Datum und Ort werden noch bekannt gegeben. Anmeldung per E-Mail erforderlich.

 

12. Dezember 2019, 19 Uhr
Halle (Saale),Melanchthonianum

Die Sehnsucht nach der Unfreiheit. Zum Verhältnis von Frauen und Islam
Vortrag und Diskussion mit Nantje Petersen

 

Mitte August 2019 holte die Bundesrepublik die ersten Kinder von IS-Anhängern aus Syrien nach Deutschland zurück; die Debatte, inwiefern dies auch für ehemalige IS-Kämpferinnen möglich ist, dauert weiter an. Neben der juristischen Basis der Rückführung besteht der Kern und Motor der Auseinandersetzung in der Frage nach dem Gefahrenpotential der Frauen. Waren die „IS-Ehefrauen“ lediglich romantisch-naiv oder sind sie islamische Fundamentalistinnen, denen es auch nach ihrer Rückkehr darum geht, die Etablierung eines Gottesstaates voranzutreiben? Welche Rolle spielen Frauen im und für den Islam: Sind sie Opfer patriarchaler Unterdrückung, ideologisch überzeugte Täterinnen oder sich selbst ermächtigende, nach Freiheit strebende Subjekte?

Der Vortrag wird auf der Grundlage empirischer Daten und theoretischer Überlegungen den Fragen nachgehen, warum der Islam für Frauen attraktiv und Frauen für den Islamrelevant sind. Hierzu werden die für Mädchen und Frauen bedeutsamen Motive in der Radikalisierung und Auseinandersetzung mit dem Islam nachgezeichnet. Zugleich wird danach gefragt, was die Ursachen des Unbedingten Willens zur Unfreiheit sind. Über eine Annäherung an die Positionen und Strategien der Djihadistinnen und ihrer hiesigen Apologetinnen wird abschließend der Frage nachgegangen, warum eine Kritik an dieser Ideologie von kulturrelativistischer und (queer-)feministischer Seite verunmöglicht wird.

Nantje Petersen ist Mitglied der Gruppe „En ârret!“ aus Berlin. Die Veranstaltung findet in Kooperation mit der linksjugend [’solid] Halle statt.

20. Dezember 2019, 19 Uhr
VL Ludwigstraße 37

„Dass es so weitergeht, ist die Katastrophe.“ (W. Benjamin)
Zum Anschlag von Halle

Vorträge und Diskussion

Der Anschlag von Halle war kaum vorbei, da war bereits Business as usual zu beobachten. Während in den ungelenken Reden einiger Politiker zumindest eine gewisse Unsicherheit zum Ausdruck kam, machten andere einfach da weiter, wo sie vorher nie aufgehört hatten. Sie warnten wahlweise vor der AfD, den Identitären, dem „globalen Rechtsruck“, Donald Trump oder der Mittelkürzung staatlicher Bildungsprogramme gegen Rechts. Vor allem aber behaupteten sie, alles schon immer gewusst zu haben. Gelegentlich war sogar eine gewisse Erleichterung darüber zu bemerken, dass der Mörder von Halle im Unterschied zum Attentäter vom Berliner Breitscheidplatz, zum Suicide Bomber von Ansbach oder zu dem Mann, der fünf Tage vor dem Anschlag mit einem Messer in die Neue Synagoge in Berlin einzudringen versucht hatte, kein Moslem war. Als würden sie die schreckliche Empirie nur zur Festigung ihres ohnehin bestehenden Weltbildes heranziehen, warteten sie zudem mit den üblichen Pathosformeln und Sprechblasen auf.

Die Situation in Halle, der Stadt des Anschlags, steht dafür pars pro toto: So stellte eine örtliche Antifagruppe die obligatorische Forderung, „den antifaschistischen Selbstschutz“ auszubauen, als hätte ihre Kampfsportcrew Jana L. und Kevin S. mit etwas mehr Training das Leben retten können. Die Bewohner eines linken Hausprojekts variierten die Uralt-Parole „Wut und Trauer zu Widerstand“ und behaupteten, dass ihnen der Anschlag und „die gesellschaftlichen Zustände“ keine Angst, sondern sie nur „wütend“ machen würden. Sie hoben sich damit auf der einen Seite zwar wohltuend von denen ab, die die antisemitische Dimension der Tat kleinredeten und sich gedanklich sofort selbst an die Stelle der Opfer setzten. Auf der anderen Seite wehrten sie die Realität jedoch auch ab: Denn auch wenn Juden das bevorzugte Ziel des Mörders waren, war sein Vernichtungsbedürfnis am Ende ziellos; zeitweilig überlegte er darüber hinaus, ein Massaker in einem linken Zentrum anzurichten.

Zugleich tat man das, was man immer tut, wenn man eigentlich nicht weiterweiß: Man organisierte eine Demo. Eine hallische Antifagruppe versuchte sogar, zwei Fliegen mit einer Klappe zu schlagen. Da die Türkei kurz zuvor eine Offensive in Syrien begonnen hatte, wünschte man sich bei einer Demonstration aus Anlass des Anschlags nicht nur Fahnen Israels, sondern auch der kurdischen YPG: wahrscheinlich, weil ja irgendwie alles mit allem zusammenhängt. Bei einer zweiten linken Demonstration, die Solidarität mit den Betroffenen des Anschlags von Halle zum Ausdruck bringen sollte, wurde darüber hinaus kurzerhand ignoriert, dass die jüdische Gemeinde signalisiert hatte, einfach in Ruhe gelassen werden zu wollen – so, als gäbe es keine andere Möglichkeit, sein Mitgefühl zum Ausdruck zu bringen als durch Massenaufläufe, Transparente und Lautsprecherwagen: Hauptsache, der antifaschistische Kampf geht weiter und man kann sich über technische Dinge wie die Beschallungsanlage, das Sicherheitskonzept, die Ordnerbinden oder die Reihenfolge der Redebeiträge austauschen. Um nicht nachdenken und sich die eigene Ohnmacht eingestehen zu müssen, um sich nicht die Frage stellen zu müssen, was das eigene Gerödel, die bienenfleißige antifaschistische Recherchearbeit, die Ausflüge aufs flache Land oder die Demos gegen die Identitären gebracht haben, wird einfach so weitergemacht wie bisher.

Im Unterschied dazu sehen wir uns noch nicht dazu in der Lage, mehr als unsere Fassungslosigkeit zum Ausdruck zu bringen. Denn auch wenn wir uns sicher keine allzu großen Illusionen über die hiesigen Verhältnisse machen, besteht immer noch ein Unterschied zwischen dem Wissen um die Möglichkeit einer Tat und der Erfahrung ihrer tatsächlichen Durchführung. Wir haben darum beschlossen, unsere bereits geplante öffentliche Jahresabschlussfeier am 20. Dezember abzusagen. Stattdessen laden wir alle Interessierten dazu ein, mit uns über die Anschlagsreihe vom Oktober 2019 zu diskutieren. Denn die Ereignisse in Halle wurden durch die Ereignisse in Paris, Manchester, Berlin und möglicherweise auch Limburg sekundiert. Dazu wird es wahrscheinlich drei Eingangsvorträge geben: (1.) Über den Stand des Antisemitismus in Deutschland, (2.) die Individualisierung des Terrors und (3.) die öffentlichen Reaktionen auf die Anschlagsreihe. Die Referenten werden rechtzeitig bekanntgegeben.

 

30. Januar 2020, 19 Uhr
Halle (Saale), Melanchthonianum

The End of the World as We Know It. Zum Aufstieg des Populismus
Vortrag und Diskussionmit Frank Kucharsky und Jan-Georg Gerber

 

Kehrt der Faschismus wieder? Diese Frage wird derzeit nicht nur im Feuilleton, bei gewerkschaftlichen Weiterbildungen oder auf evangelischen Akademien diskutiert. Selbst Madeleine Albright, unter Bill Clinton Außenministerin der Vereinigten Staaten, schrieb angesichts der Erfolge des Populismus in ihrem neuen Buch („Faschismus. Eine Warnung“) jüngst von einer Wiederkehr des Faschismus. Tatsächlich sind gegenwärtig die wohl stärksten Veränderungen der Parteiensysteme und der politischen Landschaften seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs zu beobachten. Anders als oft behauptet, haben diese Entwicklungen jedoch weniger mit 1922, Mussolinis Marsch auf Rom, und 1933, Hitlers Marsch durch die Wahllokale, zu tun. Sie stehen vor allem im Zusammenhang mit zwei anderen ikonischen Jahren: demBeginn des postindustriellen Zeitalters um 1973 und dem Ende des Ost-West-Konflikts 1989.

 

In den beiden Vorträgen soll dieser Verbindung iminternationalen Maßstab nachgegangen werden. Darüber hinaus wird gezeigt, welche Umstände und Ereignisse diese Entwicklungen in Deutschland befördert haben. Was waren also die Bedingungen und Katalysatoren des Aufstiegs der AFD?

Frank Kucharsky und Jan-Georg Gerber sind Politikwissenschaftler, Frank Kucharsky schreibt u.a. für die Zeitschrift „Bonjour Tristesse“, Jan-Georg Gerber für die „JungleWorld“ und „Bahamas“.

 

14. September 2019, 12-17 Uhr

„Free HK from China“  – Die Proteste in Hongkong

Tagesseminar

Die derzeitigen Proteste in Hongkong ziehen weltweit mediales und politisches Interesse auf sich. Ihr Ausgangspunkt, so erfährt man durchgehend, sei das von der Regierung vorgeschlagene Auslieferungsgesetz gewesen, das es den lokalen Autoritäten erlauben sollte, Personen nach China auszuliefern. Die Geschichte der Proteste lässt sich jedoch kaum erzählen, wenn man nicht spätestens 1997 beginnt, bei der Einrichtung Hongkongs als autonome Sonderverwaltungszone Chinas. Denn es ist kein Zufall, dass es den Demonstranten längst nicht mehr nur um das Auslieferungsgesetz geht, sondern um eine Reform des Wahlsystems und mehr Autonomie gegenüber China. Dies waren bereits die bestimmenden Themen der Regenschirmbewegung 2014, sowie der früheren Proteste in Hongkong 2010 und 2005.

Das Tagesseminar soll sich nicht nur der Geschichte Hongkongs widmen, sondern auch weitere Fragen klären: Was verraten die Reaktionen insbesondere der USA und EU auf die Proteste über Chinas Rolle im internationalen Machtgefüge? Und was lässt sich aus dem Vergleich mit Protestbewegungen im Westen lernen?

Die Teilnehmerzahl ist begrenzt. Eine Anmeldung per E-Mail ist erforderlich. Der Seminarort wird per E-Mail bekannt gegeben.

 

27. Juni 2019, 19 Uhr
Halle (Saale), Melanchthonianum

German Gedenken, revisited

Vortrag und Diskussion mit Jan Singer

1985 prägte Richard von Weizsäcker die Formel vom 8. Mai 1945 als dem Tag der Befreiung. Damit begann sich das, was heute Gedenkkultur heißt, als Staatsräson und als Identitätsfaktor im postnazistischen Deutschland zu etablieren: Es war seit der Kapitulation nicht mehr möglich gewesen, trotz Auschwitz guten Gewissens deutsch zu sein – nun lernte die Nation, es wegen Auschwitz wieder zu werden.

Die Histotainment-Shows eines Guido Knopp brachten Vernichtungskrieg und Todeslager in die Wohnstuben und ermöglichten den Nachkommen der Täter eine folgenlose Identifikation mit den Opfern; Kanzler Schröder erklärte den Widerstand gegen Neonazis zum Gebot des Anstands; und sein Außenminister Fischer legitimierte den Krieg gegen Jugoslawien mit dem kategorischen Imperativ, dass Auschwitz nie wieder geschehen dürfe. Noch vor wenigen Jahren schien es, als wäre die Beschwörung der Verbrechen von damals das probateste Mittel, die Deutschen von heute als ideologisches Kollektiv zu konstitutieren – nämlich als das einig Volk der Geläuterten.

Doch die Vergangenheitsbewältigungs-Weltmeister sind müde geworden. Guido Knopps Sendungen sind aus dem Hauptprogramm verschwunden und versauern im Spartenkanal. Die Gedenkfeiern zum 8. Mai und zum 27. Januar sind in Betroffenheits-Routine erstarrt und scheinen selbst ihre Organisatoren zu langweilen. Und die Stimmen, die – wie einst Martin Walser – eine »Dauerpräsentation unserer Schande« beklagen, sind aus der rechten Ecke gekommen und erlangen Aufmerksamkeit.

Jan Singer (Berlin) zeichnet die Metamorphosen des »German Gedenkens« in den vergangenen Jahrzehnten nach und versucht, dessen Erscheinungsformen aus der jeweiligen historischen Konstellation zu erläutern. Bei allen Unterschieden macht er eine Gemeinsamkeit aus: Wenn Deutsche gedenken, geht es ihnen immer um sich selbst.

 

16. Mai 2019, 19 Uhr
Halle (Saale), Melanchthonianum

Verein freier Menschen? Idee und Realität kommunistischer Ökonomie

Vortrag und Diskussion mit Hannes Giessler Furlan

Ihrer Idee nach sollte die kommunistische Gesellschaft viel gerechter als die kapitalistische sein und überdies nach Marx ein »Verein freier Menschen«. Doch im Namen des Kommunismus verwirklicht hat sich im 20. Jahrhundert vor allem eine totalitäre Gesellschaft. Die Ursachen des Misslingens sucht Hannes Giessler Furlan dort, wo der Kommunismus ansetzte: in der Ökonomie. Der Autor zeigt in seinem Buch, wie die kommunistische Idee eines vernünftig eingerichteten Produktionsprozesses in der Realität einen gewaltigen Staats- und Planungsapparat bedingte, wie sie scheiterte, und was von ihr übrig geblieben ist.

 

2. Mai 2019, 19 Uhr
Halle (Saale), Melanchthonianum

Identitätsbezogene Vernunftfeindlichkeit. Vortrag und Diskussion

Vortrag und Diskussion — Über Antisemitismus, Islam und Antidiskriminierungsideologie

Dass der Jargon der Antidiskriminierung lagerübergreifend zum guten Ton gehört, weiß man spätestens seit selbst der AfD‐Chef Jörg Meuthen vor „gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit“ gewarnt hat. Unter diese Hohlformel der Vorurteilsforschung werden Antisemitismus, Islamfeindlichkeit, Sexismus und so weiter unterschiedslos subsumiert. Der Erfolg der vielfaltsorientierten Antidiskriminierungsideologie, die auf die Gleichwertigkeit der Identitäten pocht, hat seine reale Ursache in der postmodernen Transformation der Arbeitsgesellschaft. In dem Maße wie Unternehmen auf den „arbeitenden Kunden“ (G. Günter Voß) als unbezahlte Arbeitskraft setzen, wachsen die Notwendigkeit und die Bereitschaft, potentiellen Mitmachern jedweder Identität die „Teilhabe am Wertschöpfungsprozess“ zu ermöglichen. Inklusion wird zur betriebswirtschaftlichen Erfordernis, Diskriminierung zum Verlustgeschäft.

Der Identitätsfetisch, dem diese Entwicklung entgegenkommt, beruht seinerseits auf den gleichen sozioökonomischen Voraussetzungen: Wo grenzenlose Mobilität und Anpassungsfähigkeit gefragt sind und „Patchwork‐Biografien“ längst zur Norm geworden sind, wird Identität zwangsläufig austauschbar und ihre Herstellung und Transformation dem Subjekt als niemals endende Arbeit an sich selbst aufgetragen. Die krisenhafte Neuerfindung des Selbst in Permanenz provoziert jedoch Abwehrreaktionen: Der Zumutung der kontinuierlichen Identitätsverwandlung entkommt, wer sich auf eine scheinbar fixe Identität zurückzieht, also sein Geschlecht, seine Herkunft oder Kultur zum unantastbaren Wesenskern seines Selbst erhebt. Symptom dieser Krise ist die auch im Westen potente Anziehungskraft des Islam, der alle anderen Identitäten nivelliert und sie an ihren rechtmäßigen Platz auf Erden oder in der Hölle verweist.

Dieser omnipräsente Identitätswahn zeitigt massenhaft antisemitische Erregungen, nicht nur weil im fantasierten Bild des Juden er als Zersetzer von Authentizität und Selbsthaftigkeit erscheint, sondern auch weil Israel das staatgewordene Dementi des Nexus von Natur und Kultur ist, den Identitäre jeglicher Couleur postulieren. Die heute größte Bedrohung für Juden in aller Welt ist der islamische Antisemitismus. Im Krieg gegen die Juden soll sich die verloren geglaubte muslimische Identität behaupten. Davon zu sprechen gilt den staatlichen und zivilgesellschaftlichen Agenten der Antidiskriminierungsideologie aber als gruppenbezogene Menschenfeindlichkeit, nämlich als „antimuslimischer Rassismus“. Dass diese Schützenhilfe für judenfeindliche Muslime keine willkürliche Macke ist, sondern der allgegenwärtigen Vielfaltspropaganda unmittelbar entspringt, wird im Vortrag anhand der Frankfurter Bildungsstätte Anne Frank illustriert, die nicht nur ein Trainingsprogramm mit dem Titel „Was gewinnen Betriebe durch Diversity Management?“ anbietet, sondern auch die Kritik des islamischen Antisemitismus sabotiert.

Es spricht ein Vertreter der Gruppe Thunder in Paradise aus Frankfurt a.M.

 

18. April 2019, 19 Uhr
Halle (Saale), Melanchthonianum

Friday’s Children. Die „Klimaproteste“ und die Selbstverkindlichung der Zivilgesellschaft

Vortrag und Diskussion mit Tjark Kunstreich und Magnus Klaue

Als sich Tausende „klimastreikende“ Schüler am 1. März anschickten, sich von der in Hamburg gastierenden 16-jährigen Schwedin Greta Thunberg live zur kollektiven „Panik“ aufstacheln zu lassen, begannen Politiker ein Thema zu diskutieren, das bislang vernachlässigt worden war: das Schuleschwänzen. Die schleswig-holsteinische Bildungsministerin Karin Prien sprach den kleinen Klimademonstranten zwar „größten Respekt“ aus, drohte angesichts der Tatsache, dass deren Proteste immer freitags stattfinden, aber doch mit dem Zeigefinger: „Schwänzen bleibt Schwänzen“. Zugleich verlieh sie der Hoffnung Ausdruck, dass „die Schulen das Thema Klimawandel, die Notwendigkeit politischen Engagements sowie die Möglichkeiten und Konsequenzen des Streiks im Unterricht gründlich vor- und nachbereiten“. Die Sprecher des Schülerstreiks fühlten sich sogleich in ihrer Ehre gekränkt: „Schwänzen ist Fehlen aus Faulheit. Wir fehlen nicht aus Faulheit, sondern aus einer Dringlichkeit heraus. Wir streiken für unsere Zukunft.“

Wo nicht mal mehr die Jugendlichen selbst auf die Idee kommen, die ihnen mit einem zugedrückten Auge gewährten Streikstunden zu nutzen, um auf dem Sofa zu lümmeln oder im Kino zu knutschen, befinden wir uns im Deutschland des 21. Jahrhunderts. Der Freitag als Tag des Übergangs von der Woche zum Wochenende ist hier die Zeit einer kollektiven Selbstdressur zu freiwilligem Gehorsam. Kinder im Übergang zur Erwachsenheit sind hier nicht launisch, verführbar und anfällig für Verwahrlosung, wie in besseren Zeiten der bürgerlichen Gesellschaft, sondern schlagen allenfalls zu dem Zweck über die Stränge, sich für den symbolischen Elternmord zu rüsten, den sich nicht wenige Erwachsene von ihnen erhoffen, um von ihrem miserablen Dasein erlöst zu werden: „Dann kriegen wir halt Fehlstunden, das nehmen wir in Kauf.“ Der Psychopathologie dieser Dynamik wird die Veranstaltung in zwei Vorträgen nachgehen.

Tjark Kunstreich wird den Zusammenhang zwischen Selbstermächtigung, Empathielosigkeit und Hass auf die Eltern nachgehen, der sich an der massenhaften Begeisterung für Greta Thunberg zeigt.

Magnus Klaue wird an der Geschichte „politischer“ Kinder- und Jugendliteratur von Gudrun Pausewang bis Robert Habeck zeigen, wie das hybride Bemühen, Kindern „eine Stimme“ zu geben, die Zerstörung kindlicher Erfahrung und jugendlicher Renitenz befördert.

 

28. Dezember 2018
Halle (Saale)

No East, no West, Islam is the best – Das islamische Erwachen als Krisenideologie

Tagesseminar

Die krachende Niederlage der arabischen Staaten im Sechstagekrieg erzeugte ein politisches Erdbeben, dessen Nachwirkungen heute schlimmer denn je erscheinen. Der Sieg Israels über seine Nachbarn, die sich nicht weniger als die Vernichtung des jüdischen Staates auf die Fahnen geschrieben haben, manifestierte Israel zwar als wehrhaften und sicheren Nationalstaat gegen die weltweite antisemitische Allianz, gleichzeitig bedeutete der Ausgang des Krieges das Abwirtschaften des Panarabismus. Obwohl der Panarabismus als völkische und antisemitische Ideologie in keiner Weise schönzureden ist, muss sein Abtreten dennoch als geopolitische Katastrophe betrachtet werden. Die Niederlage des arabischen Nationalismus kennzeichnet den Aufstieg einer politischen Bewegung, die ihren Hang zur völligen Barbarei nicht versteckt – der politische Islam. War unter den Säkularisierungstendenzen der 50er und 60er Jahre auch in den arabischen Gesellschaften eine gewissen Freizügigkeit zu vermerken, wurden diese wenigen Freiheiten ab den 1970er kontinuierlich zurückgenommen. Wurde die stärkste islamistische Gruppierung der arabischen Welt, die Muslimbrüder in Ägypten, nach dem Putsch des Militärs 2013 zerschlagen und verboten, so wird eine islamkonforme Gesetzgebung zur Beruhigung islamistischer Bestrebungen fortgesetzt. Jüngst wurde gegen die ägyptische Schauspielerin Rania Youssef Anklage wegen „öffentlicher Obszönität“ erhoben, Ursache der Anklage war ein freizügiges Kleid, welches sie während eines Filmfestivals in Kairo trug – dafür ist eine Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren vorgesehen. Das Tagesseminar soll den Aufstieg des Islamismus in den arabischen Gesellschaften beleuchten und aufzeigen, wie dieser die politischen Realitäten der Region zu seinen Gunsten beeinflusst, ohne dabei unbedingt formal an der Regierung beteiligt zu sein.

Die Texte zum Tagesseminar werden vorab per E-Mail versendet. Eine Anmeldung vorab (E-Mail reicht) ist erforderlich (nur noch wenige Plätze frei).

 


19. Dezember 2018
Halle (Saale), Reilstraße 78

Mobiveranstaltung: Kundgebung gegen Islamismus in Leipzig

 

Am 21.Dezember findet ab 12 Uhr in Leipzig vor der Al-Rahman Moschee eine Kundgebung der Leipziger Initiative gegen Islamismus statt. Um das Anliegen der Kundgebung zu unterstützen, hat das OAP (Offenes Antifaplenum Halle) einen Vertreter des Demonstrationsbündnisses eingeladen, über den Anlass, das Anliegen und den Ablauf der Kundgebung zu referieren.
Dort gibt es auch Informationen für eine gemeinsame Anreise.

Zudem wird der Kurzfilm „Submission“ von Theo van Gogh und Ayaan Hirsi Ali gezeigt. Ein Vertreter der AG Antifa wird eine Einführung zu dem Film geben.

 

15. Dezember 2018, ab 19:30 Uhr
VL, Ludwigstraße 37(Saale)

Arrivederci Patriarchat – Ist der Feminismus noch zu retten?

Jahresabschlussveranstaltung mit Vorträgen, Diskussion und anschließender Party

„Nicht erst seit #MeToo und den endlosen Diskussionen über Sexismus im Alltag ist Feminismus wieder en vogue. Seminare zu Sex und Gender sind aus den sozialwissenschaftlichen Fakultäten nicht mehr wegzudenken. Antifa, Gleichstellungsbeauftragte und Zivilgesellschaft haben Machos und Mackern längst den Kampf angesagt. Politgruppen, die sich für besonders „materialistisch“ halten, bewaffnen sich mit dem Begriff des Patriarchats, um nach schaler Gesellschaftsanalyse die Männer zum Grundübel der Menschheit zu erklären. In sozialen Medien und der Presse diskutiert man angestrengt über toxische Männlichkeit. Und über die richtige Auslegung des Feminismus wird bierernst gestritten, als ginge es um die Feststellung der Jungfräulichkeit vor der Eheschließung.

Die jüngsten Debatten erwecken den Eindruck, es hätte sich in den letzten Jahrzehnten nichts getan, und Frauen müssten unverändert unter den Männern und ihren üblen Angewohnheiten leiden. Der Verweis auf die fortgeschrittene soziale Gleichstellung stößt bei den Verfechtern des neuen Feminismus auf taube Ohren. Ihnen geht es nur selten um gleiche Bezahlung für gleiche Arbeit oder eine gerechte Verteilung häuslicher Pflichten. Statt universelle Rechte für Frauen zu fordern, interessieren sie sich für die feinen Untertöne einer nicht völlig geschlechtsneutralen Sprache. Problematisch am neuen Feminismus ist seine Begriffslosigkeit, gibt es doch ihm zufolge keinen strukturellen Unterschied dazwischen, ob man einer Frau die Tür aufhält oder ihr zwischen die Beine grapscht. Daher ist es bloß konsequent, dass sich nur wenige Postfeministen an der derzeit größten Bedrohung für Frauen stören: am Islam.

Wenn nicht die Rechte der Frau, was bewegt die neuen Feministen, wenn sie gegen Männlichkeit wettern? Welchen Zweck erfüllt die Rede vom Patriarchat? Und warum gibt es Alltagssexismus vor allem im Islam? Diesen und anderen Fragen werden drei Vertreter der AG Antifa auf der Veranstaltung nachgehen.

 

6. Dezember 2018, 19 Uhr
Melanchthonianum, Halle (Saale)

Der Westen – eine Bestandsaufnahme

Vortrag und Diskussion mit Philipp Lenhard

„Go West!“, sangen die Pet Shop Boys 1993 und brachten damit die ungeheure Anziehungskraft des kapitalistischen Westens nach dem Untergang des real existierenden Sozialismus zum Ausdruck. Was damals wie eine Siegeshymne klang, erscheint aus heutiger Sicht nur noch als popkultureller Kitsch. Mit dem Zerfall seines einst größten Gegners hat auch der Westen seinen Glanz weithin eingebüßt. Die Verbindung von individueller Freiheit und unbegrenzten Konsummöglichkeiten, die die Massen in Ostberlin einst ebenso begeisterte wie die in Budapest, Moskau oder Beirut, ist im Westen selbst nicht mehr wohlgelitten. Statt Massenkonsum gibt es Konsumkritik, statt individueller Freiheit und der Emanzipation von der Herkunft Gruppenrechte, Kulturen, Regionalismus. Auch das Selbstbewusstsein des Westens ist verschwunden, von einem Kampf der Werte ist nichts mehr zu sehen. In der ideologischen Auseinandersetzung mit der islamischen Welt, Russland oder China wirkt es oft, als habe sich der Westen selbst aufgegeben. Der Rückzug der Vereinigten Staaten, der einst unbestrittenen Führungsmacht des Westens, aus der Weltpolitik gehört zu den Symptomen dieser Entwicklung. Inzwischen scheint nicht mal mehr klar zu sein, wer überhaupt zum Westen gehört und warum. Vor diesem Hintergrund fragt Philipp Lenhard, wer oder was der Westen einmal war, was seine Existenzbedingungen waren und wodurch er zusammengehalten wurde. Vor allem aber wird eine Antwort auf die Frage gegeben, warum er heute zu zerfallen droht.

Philipp Lenhard ist Mitherausgeber des Buchs „Gegenaufklärung. Der postmoderne Beitrag zur Barbarisierung der Gesellschaft“ und Herausgeber der Gesammelten Schriften Friedrich Pollocks (beides Ca ira-Verlag, Freiburg i. Br.).

1. November 2018, 19 Uhr
Melanchthonianum, Halle (Saale)

Karl Marx in Paris – Die Entdeckung des Kommunismus

Vortrag und Buchvorstellung mit Jan Gerber

Im zweihundertsten Jahr nach seiner Geburt hat Karl Marx erneut Konjunktur. So erschienen nicht nur zwei Dutzend Bücher über sein Leben und Werk, auch das Feuilleton überschlägt sich mit Würdigungen. Ob Dietmar Bartsch von der Linkspartei, Hans Werner Sinn vom IFO-Institut, das „Handelsblatt“, die „FAZ“ oder die Marxistisch-Leninistische Partei Deutschlands: Sie alle sind der Meinung, dass Marx überaus aktuell sei. All diese Würdigungen kommen jedoch in der Regel ohne jeden Hinweis auf das bereits stattgefundene Dementi mindestens eines Teils der Marx’schen Grundbegriffe aus. Die im 19. Jahrhundert entwickelten Kategorien werden vielfach blindlings auf die Situation des 21. Jahrhunderts übertragen – so als habe es keinen Stalinismus, keine zwei Weltkriege und keinen Holocaust gegeben. Vermittelt über die Katastrophen des 20. Jahrhunderts rekonstruiert Jan Gerber stattdessen die Genese einiger der zentralen Marx’schen Begriffe und fragt davon ausgehend nach ihrer historischen Geltungskraft. Als Dreh- und Angelpunkt dienen die 15 Monate, die Marx zwischen 1843 und 1845 in Paris verbrachte. Denn in dieser Zeit entwickelte er die zentralen Begriffe seines Denkens: Marx traf als Radikaldemokrat in Paris ein und verließ die Stadt als überzeugter Klassenkämpfer und Kommunist.

Jan Gerber ist Historiker und Politikwissenschaftler. Neben „Karl Marx in Paris. Die Entdeckung des Kommunismus“ (Piper: München 2018) sind außerdem von ihm erhältlich: „Eine Prozess in Prag. Das Volk gegen Rudolf Slánský und Genossen“ (2. Auflage, Vandenhoeck & Ruprecht: Göttingen/Bristol 2017) und „Das letzte Gefecht. Die Linke im Kalten Krieg“ (2. Auflage, XS-Verlag: Berlin 2016).

 

8.-20. Oktober 2018
Juridicum, Universitätsplatz 5, Halle (Saale)

1948. Die Ausstellung

Vom 8. bis zum 20. Oktober 2018 zeigen die Jüdische Gemeinde Halle und die AG Antifa im Studierendenrat der Martin-Luther-Universität die Ausstellung 1948 im Juridicum. Die Ausstellung über die Staatsgründung Israels ist im Foyer der rechtswissenschaftlichen Bibliothek der Uni Halle zu sehen. Ausstellungseröffnung ist am 8. Oktober 2018, 18 Uhr, mit Max Privorozki von der Jüdischen Gemeinde und einem Vertreter der AG Antifa.

Zur Ausstellung: Israel wird gefeiert, bewundert – und diffamiert. Die propalästinensische Propaganda stellt Israels Gründung als historisches Unrecht dar. Fakten werden verfälscht, Zusammenhänge verzerrt. Der Verein für Demokratie und Information (DEIN e.V.) hat den 70. Jahrestag der Staatsgründung Israels zum Anlass genommen, über ihre Geschichte aufzuklären. Die Ausstellung, entstanden nach intensivster Recherche, zeigt Dokumente, historische Fotos und lässt Zeitzeugen zu Wort kommen. Sie sucht den historischen Kontext zu vermitteln, um ihn unbrauchbar für ideologisch vordergründige Überformungen und Propaganda zu machen.

 

8. Oktober, 18 Uhr: Ausstellungseröffnung

16. Oktober 2018, 19 Uhr
Melanchthonianum, Halle (Saale)

Darum Israel! Über die Notwendigkeit des jüdischen Staates.

Vortrag und Diskussion mit Karl Pfeifer und Alex Feuerherdt

Seit der Gründung vor siebzig Jahren muss Israel sich seiner arabischen Nachbarn erwehren. So war der Unabhängigkeitskrieg nur der Auftakt für eine lange Reihe militärischer Auseinandersetzungen, bei denen sich der jüdische Staat in einer feindseligen Umgebung behaupten musste. Dass das Land auf die existenziellen Bedrohungen nicht mit Friedensangeboten, sondern mit Waffengewalt antwortet, wird ihm in Deutschland nach wie vor von vielen Seiten verübelt. Bei den Bundesbürgern sorgen nicht Hamas, Hisbollah und Co. für Empörung, die sich geschworen haben, solange weiter zu kämpfen, bis der jüdische Staat in ihrer Mitte vernichtet ist, sondern die Einsätze des israelischen Militärs.

Begleitend zur Ausstellung „1948“ im Juridicum über die Staatsgründung Israels vor 70 Jahren lädt die AG Antifa zu einem Vortrag mit Karl Pfeifer und Alex Feuerherdt ein. Karl Pfeifer erinnert an die Staatsgründung und den folgenden Unabhängigkeitskrieg, bei dem er als 19-Jähriger bei der Palmach auf Seiten Israels kämpfte. Heute arbeitet er als freier Journalist. Alex Feuerherdt wird vor allem die offene Feindseligkeit der Deutschen gegenüber dem jüdischen Staat in den Blick nehmen. Er schreibt als freier Autor regelmäßig für die Jungle World und die Jüdische Allgemeine. Als Mitglied im Beirat war er zudem an der Konzeption der Ausstellung beteiligt.

 

Samstag, 19:00 Uhr
Melanchthonianum, Halle/Saale

Kritik der Esoterik

Tagesseminar

Von Yoga bis Wahrsagerei, von UFO-Glauben bis Schamanismus: Der Esoterik-Markt boomt wie schon lange nicht mehr, irrationalistische Sinnsuche und Lebensbewältigung haben Hochkonjunktur. Vor diesem Hintergrund setzt sich das Seminar mit folgenden Fragen auseinander: Wie lässt sich die Begeisterung für antiaufklärerische Erlösungsideologien erklären? Gibt es einen Zusammenhang zwischen Verschwörungsdenken, der Anfälligkeit für okkulte Selbstfindungspraktiken und antidemokratischen Einstellungen? Welche Gemeinsamkeiten und Unterschiede gibt es zwischen zeitgenössischen Esoterikpraktiken und ihren historischen Vorläufern aus der Lebensreformbewegung des späten 19. und frühen 20. Jahrhunderts?

Außerdem soll diskutiert werden, welchen Aktualitätsgehalt die Kritik des Okkultismus und des esoterischen Denkens – die Vertreter der Kritischen Theorie wie Adorno und Horkheimer vor vielen Jahren formulierten – für eine kritische Auseinandersetzung mit esoterischen Praktiken in der Gegenwart aufweisen.

Die Teilnehmerzahl ist begrenzt. Eine Anmeldung per E-Mail ist erfordlich. Der Seminarort wird per E-Mail bekannt gegeben.

Donnerstag, 31. Mai 2018, 19:00 Uhr
Melanchthonianum, Halle/Saale

Die unkultivierte Aneignung. Über islamische Sklaverei.

Vortrag und Diskusion mit Philippe Witzmann

Als die Bruderhorden des „Islamischen Staates“ tausende jezidische Mädchen und junge Frauen in ihre Gewalt brachten und auf öffentlichen Sklavenmärkten verkauften, um sie anschließend sexuell zu mißbrauchen, meldete sich eine Professorin der womöglich höchsten bzw. autoritativsten Institution des sunnitischen Islams in der Welt, der ägyptischen Al-Azhar Universität, zu Wort und stellte der barbarischen Praxis der Glaubensgenossen mit Verweis auf Koran und Sunna das Halalzertifikat aus. Saud Saleh plauderte nebenbei noch aus, wie erbärmlich es offenbar um das Sexleben der Moslems generell bestellt ist: der Kämpfer könne seine Kriegsbeute gebrauchen „just like he has sex with his wives.”

Zwischen den in ihrem Magazin Dabiq vertretenen Verlautbarungen des IS und denen des Mainstream Islam passt also kein Haar, und das nicht nur in dieser Frage: der oberste Gelehrte der Al-Azhar, Ahmad Al-Tayyeb, teilt nämlich die jihadistische Auffassung, derzufolge Apostaten ein kurzer Prozess gemacht, diese also getötet werden sollten. In Deutschland ist Al-Tayebb indes gern gesehener Gast evangelischer Kirchentage und der Bundesregierung, auf deren Einladungen er dann unwidersprochen vor einem „Rückfall ins Mittelalter“ warnen darf, dessen Aufrechterhaltung doch gerade die raison d’être der Al-Azhar sowie anderer Fatwadreckschleudern darstellt.

Der Vortrag wird darlegen, dass die inzwischen über 1300-jährige Geschichte islamischer Sklaverei, die bis vor kurzem noch als „wohl gehütetes Tabu“ (Chelbel) bzw. „verschleierter Genozid“ (N`Diaye) beschrieben wurde, zwar langsam aber kontinuierlich erforscht wird, damit aber keineswegs aus der Welt verschwindet. Im Gegenteil: der islamische Sklavenhandel boomt. Weltweit waren noch nie so viele Menschen versklavt wie heute, und vorne mit dabei die islamischen Länder: Mauretanien, Libyen, Sudan, die Golfstaaten etc. Zudem war das islamische Sklavensystem, historisch betrachtet, wesentlich umfangreicher und grausamer als das transatlantisch-europäisch e. Im Rückblick gilt es daher die These zu profilieren, dass das einzig „Weiße“ an Kolonialismus und Sklaverei, deren Abschaffung gewesen ist. Hingegen gibt es bis heute kein nennenswertes islamisches Pendant zum christlich-westlichen Abolitionismus; vielmehr hat das, was nicht nur hierzulande als islamische Aufklärung bzw. Rationalismus gefeiert wird, maßgeblich zur Entstehung des modernen Hautfarbenrassismus beigetragen. Dass diese Umstände den meisten Leuten unbekannt sein dürften, könnte zumindest im Westen durchaus etwas mit einer dauerempörten akademisch tonangebenden Linken zu tun haben, die zwar bei allerlei „kulturellen Aneignungen“ hysterisch aus dem Häuschen gerät, aber von den wirklichen Gräueltaten, aber auch historischen Fortschritten rein gar nichts wissen will.

 

Donnerstag, 3. Mai 2018, 19:00 Uhr
Melanchthonianum, Halle/Saale

Made in China. Zwischen kommunistischem Staatswesen und marktwirtschaftlicher Produktion.

Vortrag und Diskussion mit Gerd Koenen

Es mutet wie eine große Posse an, dass ausgerechnet China, die letzte kommunistische Großmacht, nach dem Zerfall des Ostblocks auch auf dem Weltmarkt eine Führungsrolle eingenommen hat. Das Reich der Mitte ist mittlerweile zur größten Exportnation avanciert. Während Ende letzten Jahres auf dem 19. Parteitag der Kommunistischen Partei Chinas die Führungsrolle der Partei weiter gestärkt und die Macht ihres Generalsekretärs, Xi Jinping, ausgebaut wurde, war es auf der anderen Seite eben jener Generalsekretär, der jüngst im Streit über die Erhebung von Zöllen den Präsidenten der USA ermahnte, den freien Warenverkehr nicht zu gefährden.

Es wäre allerdings fahrlässig, das Adjektiv „kommunistisch“ lediglich als ideologisches Blendwerk der Volksrepublik China abzutun. Es stellt sich daher die Frage, inwiefern sich die Ära des Großen Vorsitzenden Mao Zedong in das Bild des rasanten wirtschaftlichen Aufschwungs nach 1990 fügen lässt und ob daraus Rückschlüsse über den Begriff des Kommunismus gezogen werden können.

Um diesen Fragen nachzugehen, haben wir Gerd Koenen eingeladen. Er ist Autor und freiberuflicher Historiker, der sich insbesondere mit der Geschichte des Kommunismus befasst.

 

16. Dezember 2017, ab 13:00 Uhr
Halle (Saale), Melanchthonianum am Universitätsplatz

From Russia with Love – Hundert Jahre Oktoberrevolution
Konferenz am 16. Dezember 2017 in Halle

Seit der Oktoberrevolution ist nun ein Jahrhundert vergangen. Und obwohl fast 30 Jahre nach dem Zerfall des Ostblocks von deren Auswirkungen kaum noch etwas zu spüren ist, zelebriert die Linke das Jubiläum. Der Jahrestag wird von Demonstrationen, Ausstellungen und Artikeln begleitet. Auf regionaler Ebene hat das hallische Mitmachradio Corax extra eine eigene Sendereihe zum Thema ins Leben gerufen und in Leipzig wurde zu Ehren der Feierlichkeiten eine Veranstaltungsreihe mit Vorträgen und Workshops auf die Beine gestellt.

Das große Interesse ist wenig überraschend. Schließlich handelt es sich bei dem Ereignis nicht nur um den Gründungsakt der Sowjetunion. Die Oktoberrevolution gilt in der Linken als Symbol für die diffuse Vorstellung, dass eine Veränderung der Verhältnisse prinzipiell vielleicht doch möglich wäre. Das gilt auch für all jene linken Strömungen, die ansonsten nicht mit den Bolschewiki in einen Topf geworfen werden wollen. Aus diesem Grund ist es weniger das Ziel solcher Veranstaltungen, Einsichten in das Wesen der russischen Revolution zu gewinnen. Da momentan von einer Abschaffung der Verhältnisse im positiven Sinne nicht einmal im Ansatz die Rede sein kann, will man lieber von Zeiten schwärmen, als angeblich noch was ging.

Damit der Jahrestag ungestört gefeiert werden kann, müssen die Augen nach Möglichkeit davor verschlossen werden, dass die Revolution auf ganzer Linie gescheitert ist. Spätestens seit den Moskauer Prozessen war klar, dass die Oktoberrevolution nicht zur Befreiung des Menschen führen würde. Um sich trotzdem affirmativ auf das Ereignis beziehen zu können, greift die hiesige Linke zu ein paar durchsichtigen Kniffen. So wird der alte Mythos herausgekramt, allein die bolschewistischen Parteifunktionäre hätten die an sich gute Revolution auf dem Gewissen – ganz so, als wären die späteren Schlächter nicht federführend am Sturm auf das Winterpalais beteiligt gewesen. Gleichzeitig wird das Schreckgespenst des Antikommunismus wiederbelebt, das jedoch schon lange nicht mehr spukt.
Dabei bleibt all das auf der Strecke, was tatsächlich für eine Beschäftigung mit der Oktoberevolution und ihren Nachwirkungen sprechen würde. Etwa die Frage, ob eine Räterepublik wirklich so wünschenswert wäre, wie immer wieder nahegelegt wird; oder warum Russland auch nach dem Zerfall der der Sowjetunion noch so viel Ansehen in weiten Teilen der Linken genießt; und wie es vor dem Hintergrund der gescheiterten Revolution um die Vorstellung einer besseren Welt bestellt ist. Diesen und anderen Fragen soll während der Konferenz der AG Antifa nachgegangen werden.

1. Podium: Vergangenheit

Wann scheiterte die Oktoberrevolution?
Justus Wertmüller stellt die Frage nach dem Anfang vom Ende.

Der Kommunismus in seinem Zeitalter. 
Jan-Georg Gerber über die Fragen was war und was ist der Kommunismus?

 

2. Podium: Gegenwart

Wie viel Stalin steckt in Putin?
Uli Krug betrachtet das Fortleben der Sowjetunion im heutigen Russland.

Still loving Russia.
Sören Pünjer über die Russlandbegeisterung in Deutschland.

3. Podium: Zukunft

Die Rückkehr des Proletariats? 
David Schneider spricht über die Wiederbelebung der sozialen Frage.

No Future: Freuds Optimismus
Tjark Kunstreich fragt nach den gegenwärtigen Bedingungen von Kritik.

 

28. November 2017, 19:00 Uhr
Halle (Saale), Melanchthonianum, Universitätsplatz

Führer zum Selbst – Zur Massenpsychologie der esoterischen Suche nach dem Selbst

Vortrag und Diskussion mit Jérôme Seeburger

Esoteriker inszenieren sich heute erfolgreich als spirituelle Individualisten, die sich auf der Suche nach einem Selbst befinden, das sie im Einklang mit dem Schicksal wähnen. Diese Suche ist zugleich eine Reinigung von allem, was ihnen an ihrem gegenwärtigen Selbst fremd erscheint, weil sie es im Banne des Egos gefangen glauben. Da sie ihr wahres Selbst in sich suchen, entsteht leicht der Eindruck, dass ihnen die Bindung an eine äußere Autorität fern liegt. Autoritäre Sekten kommen ihnen altmodisch vor. Alle sind so frei und individuell, dass sich niemand von einem Guru bevormunden lassen will.

Dieser Schein soll im Vortrag durchdrungen werden. Wie sich anhand der Massenpsychologie der Bhagwan-Sekte nachvollziehen lässt, kommt die Selbstsuche nicht ohne Führer aus. Heute müssen diese nicht mehr wie der Urvater daherkommen, als der sich Bhagwan noch aufgespielt hat. Es reicht, als Brüderchen aufzutreten und schweigend auf der Bühne die „Power of Silence“ zu verkörpern, um die Selbstsuchenden in Scharen anzuziehen.

Es spricht Jérôme Seeburger (Leipzig), der an einer Studie zur esoterischen Selbstsuche arbeitet.

 

Halle (Saale) 16. November 2017, 19:00 Uhr
VL, Ludwigstraße 37

Öffentlich-rechtlicher Antisemitismus. Ein Gespräch über die Dokumentation „Auserwählt und ausgegrenzt“
Mit Joachim Schroeder und Alex Feuerherdt 

Selten hat eine Dokumentation für so viel Aufregung gesorgt: Als Bild.de am 13. Juni dieses Jahres die Produktion „Auserwählt und ausgegrenzt – Der Hass auf Juden in Europa“ erstmals öffentlich zugänglich machte, war schon viel über sie diskutiert worden. Die Auftraggeber, Arte und WDR, hatten es abgelehnt, den fertigen Film zu senden, offiziell aufgrund formaler Bedenken. Es ist davon auszugehen, dass weniger journalistische oder rechtliche Gründe den Ausschlag gaben, sondern poli­tische: Insbesondere Arte, wo die Ausstrahlung ursprünglich geplant war, ist für seine israelfeindlichen Inhalte bekannt. Eine Dokumentation, die nicht nur den rechten, sondern vor allem den linken und islamischen Antisemitismus thematisiert, dürfte sowohl den Pro­grammverantwortlichen,  als auch dem größtenteils linksliberalen Publikum des Senders und nicht zuletzt islamischen Communities ein Dorn im Auge gewesen sein. Nachdem Hundert­tausende den zum Politikum ge­wordenen Film im Internet gesehen hatten, entschied sich der WDR dazu, ihn sogar im Ersten zu senden. Aber nicht einfach so. Man versah die Dokumentation um einen „Faktencheck“, der sie ständig unterbrach und ihre Aussagen kommentierte. Dem WDR schien weniger daran gelegen zu sein, die Dokumentation doch noch zu senden, als ihre Macher vorzuführen.

In einem Podiumsgespräch werden wir Joachim Schröder und Alex Feuerherdt fragen, wie sich das Vorgehen der öffentlich-rechtlichen Sender und die im Film porträtierten Zustände in die Entwicklung des Antisemitismus in Deutschland einfügen. Joachim Schroeder ist Regisseur und Produzent der Dokumentation „Auserwählt und ausgegrenzt – Der Hass auf Juden in Europa“. Alex Feuerherdt ist freier Autor, er schreibt unter anderem für die Jungle World und die Jüdische Allgemeine und betreibt den Blog „Lizas Welt“.

Der Film wird nicht gezeigt, ist aber auf verschiedenen Videoportalen einsehbar

 

26. Oktober 2017, 19 Uhr
Melanchthonianum am Universitätsplatz
Halle (Saale)

Luthers Erben. Über den Reformator und seine Gegner
Vortrag und Diskussion mit Knut Germar und Harald-Jürgen Finke

In den vergangenen zwölf Monaten haben die deutsche Öffentlichkeit vor allem zwei Personen beschäftigt. Donald Trump, der im vergangenen November zum 45. Präsidenten der Vereinigten Staaten gewählt worden ist. Und Martin Luther, der der Erzählung nach am 31. Oktober 1517 mit dem Anschlag seiner Thesen an die Tür der Wittenberger Schlosskirche die Reformation eingeleitet hat. Während es zur Wahl Trumps hierzulande keine zwei Meinungen gibt, ist Deutschland bei Luther vorerst noch gespalten. Pastor Gauck lud noch während seiner Amtszeit als Bundespräsident zu einem besinnlichen Abend zu Ehren Luthers ins Schloss Bellevue. Der Ministerpräsident Sachsen-Anhalts Haseloff würdigte den in Eisleben geborenen Landessohn als Begründer der Zivilgesellschaft. Außerhalb der interessierten Glaubensgemeinden und Heimatvereine stieß die Ehrung des Wittenberger Reformators jedoch auf Befremden. Und selbst bei der traditionellen Anhängerschaft weckte Luther Distinktionsbedürfnisse. Margot Käßmann betonte, dass sie lieber die Reformation feiern wolle, als den Spiritus Rector der Evangelischen Kirche Deutschlands. Von den Redakteuren der großen deutschen Blätter wollte ohnehin fast niemand eine Lanze für Luther brechen. Der Spiegel betitelte ihn als Wutbürger, die Zeit erklärte ihn zum Vater des Arbeitsfetischs, während ihn die FAZ als Antikapitalisten portraitierte. Die Frankfurter Rundschau umschrieb seine Reformation als Islamismus des Mittelalters, die Emma wählte den Augustinermönch bereits vor Jahren zum Pascha des Monats. Die Antifa zeigte sich von dieser öffentlichen Stimmung unbeeindruckt. Völlig unbekümmert um die tatsächlichen Verhältnisse stilisierte eine Initiative Luther zum deutschen Nationalhelden, um mit markigen Worten einfach die dümmsten Vorwürfe der Bundespresse zu wiederholen. In Halle entrollte eine Gruppe von Antifaschisten an Himmelfahrt bei einem Gottesdienst auf dem Marktplatz ein Transparent mit der Aufschrift: »Luther – du mieses Stück Scheiße!«.


Anlässlich der öffentlichen Kampagne gegen Martin Luther fragt Knut Germar, weshalb sich deutsche Linke derart über einen Mann ereifern, der seit fast fünf Jahrhunderten unter der Erde ruht – und zu dem die tonangebenden Kreise in Deutschland längst auf Distanz gegangen sind. Harald-Jürgen Finke erinnert Luthers blindwütige Ankläger an den Beitrag, den die Reformation im dialektischen Sinn für die Aufklärung geleistet hat. Beide Referenten sind Redakteure der Zeitschrift Bonjour Tristesse. Knut Germar ist zudem Autor der Zeitschrift Bahamas.

19. August 2017

Erinnerungskultur der DDR
Eine Tagesfahrt zur nationalen Gedenkstätte der DDR auf dem Ettersberg. Anhand einer Führung soll sich mit der Darstellung des Nationalsozialismus und der Erinnerungskultur der DDR auseinandergesetzt werden.

Wenige Plätze frei! Eine Anmeldung per E-Mail ist erforderlich!

 

13. Juli 2017, 19:00 Uhr
Halle (Saale), Hafenstraße 7

Vorschein des Schlechteren. Zu den Protesten gegen den G20-Gipfel
Vortrag und Diskussion

 

Es ist bezeichnend: Die autonome Restlinke kümmert sich das ganze Jahr über um kaum etwas anderes als um die Verhinderung unbedeutender Naziaufmärsche, die Geißelung tatsächlich oder vermeintlich reaktionärer gesellschaftlicher Tendenzen oder die Organisation von „Schöner-feiern-ohne-Nazis“-Partys. Wenn es gegen „die da oben“, die vermeintlichen „Herren der Welt“ und insbesondere gegen Amerika geht, dann lässt sie jedoch gern mal Fünfe grade sein: So störte sie weder, dass auch zahllose Nazis zu Protesten gegen den G20-Gipfel in Hamburg aufgerufen haben, noch kommen Gruppen oder Bündnisse wie die „Interventionistische Linke“, „Ums Ganze“, „TOP Berlin“ oder „Welcome to Hell“ auch nur auf die Idee, dass mit ihrem Protest etwas nicht stimmen könnte, wenn er auch bei den braunen Jungs von der Platte oder vom Ziegenhof auf Begeisterung stößt. Wie sollen sie auch, wo sich schon ihre Ästhetik teilweise kaum von der des antikapitalistischen Blocks einer x-beliebigen Nazidemo unterscheidet. Zahllose Plakate und Videos, mit denen von links nach Hamburg mobilisiert wurde, bewegten sich mit ihrer Gewaltverherrlichung, dem Streetfighter-Gehabe und der Überhöhung des Kampfes irgendwo zwischen den Selbstdarstellungen der „Skinheads Sächsische Schweiz“ und der „Saalefront Ultras“ des Hallischen FC. Auch inhaltlich ist das angesagt, was man in den letzten Jahren unter dem Begriff „Querfront“ zu missverstehen gelernt hat. So haben sich die organisierenden Gruppen in ihren Aufrufen in der Regel weder für die zivilisatorischen Mindeststandards stark gemacht, die gerade vom IS, vom türkischen Autoritarismus oder vom russischen Neoimperialismus zur Disposition gestellt werden, noch haben sie sich auf die Produktionssphäre konzentriert, in der Marx noch die Ursachen des gesellschaftlichen Übels verortete. Stattdessen ließen sie sich über das wenige am Kapitalverhältnis aus, das zumindest als Vorschein eines Besseren zu erkennen ist: über Handel – immerhin wurde schon Wochen vor dem Event angekündigt, den Hafen blockieren zu wollen –, Luxus usw. Schon wollte man sich freuen, dass nach der Kampagne gegen die Europäische Zentralbank in Frankfurt die geradezu obsessiven Schuldzuweisungen an Banker und Politiker ein wenig abebbten, da fand die Globalisierungskritik ihre Gegner erneut schlafwandlerisch in der Zirkulationssphäre: dort, wo der Antisemit traditionell die Juden verortet. Die immergleichen Parolen gegen „Nationalismus und Rassismus“, die „Ums Ganze“, „IL“ und Co. unter ihre Texte klatschen (und die, nebenbei bemerkt, inzwischen auch den Beifall Angela Merkels, Sigmar Gabriels oder Xavier Naidoos finden würden), sind so inhaltsleer, weil sie kaum mehr als dem Zweck dienen, diese Gemeinsamkeiten zu kaschieren. Selbst einige derjenigen, die es eigentlich besser wissen, haben diesmal auf Kritik verzichtet und sich ganz postironisch zur Fahrt nach Hamburg verabredet, um es endlich mal wieder so richtig krachen zu lassen. Während sich die einen mit dem besten antifaschistischen Gewissen an der Barbarisierung der Verhältnisse beteiligen, tun es die anderen mit einem Augenzwinkern. Das regressive Bedürfnis nach dem Kaputtschlagen, dem Riot und dem Geländespiel mit der Polizei ist jedenfalls auch dort angekommen, wo man in der Zeit des G8-Gipfels in Heiligendamm 2007 noch ganz kritisch auf Demobiliserung gesetzt hat.

Das alles ist Anlass, die Proteste gegen den G20-Gipfel in Hamburg noch einmal genauer unter die Lupe zu nehmen. Uli Schuster vom „Roten Salon“ im Leipziger Conne Island wird das Verständnis der aufrufenden Gruppen vom staatlichen Handeln, vom Kapital, vor allem aber von der Funktionsweise internationaler Politik kritisieren und zeigen, dass die Proteste kein Vorschein auf ein Besseres, sondern auf etwas Schlechteres sind. Gemeinsam mit einem Vertreter der „AG Antifa“ fragt er zudem danach, warum die aufrufenden Gruppen so weit hinter die Erkenntnisse zurückfallen, die in den letzten fünfzehn Jahren selbst von linker Seite formuliert wurden.

1. Juni 2017, 19:00 Uhr
Melanchthonianum am Universitätsplatz

Popanz neue Rechte – die Sehnsucht nach dem Führer

Seitdem die Neue Rechte in aller Munde ist, reisen Journalisten in die sachsen-anhaltische Provinz. Im Institut für Staatssicherheit glauben sie, die Denkfabrik der rechten Bewegung gefunden zu haben, in dem Ziegenhalter Götz Kubitschek ihren Führer.

Frank Kucharsky spricht über die Besuchsfahrten des deutschen Feuilletons nach Schnellroda. Florian Pätzold erläutert, weshalb niemand Kubitschek lesen muss, um die Motive hinter Pegida, AFD und Co. zu verstehen.

 

15. Juni 2017, 19:00 Uhr
Melanchthonianum, Uni Halle

Great again – Antiamerikanismus im Zeitalter Donald Trumps

Was erlauben sich die Amis, einen wie Trump zu wählen, was erlauben sich die Tommies, der EU den Rücken zu kehren? Die deutsche Öffentlichkeit jedenfalls, insbesondere die linke, ist seit gut einem Jahr dauerempört über den vermeintlichen moralischen Absturz der Westmäche des Zweiten Weltkriegs. Eine Empörung, die zugleich einen satten moralischen Mehrwert verspricht: Glauben doch mittlerweile nicht zuletzt jene, die sich selbst für deutschlandkritisch halten, dass das anständige Merkel-Deutschland, das inmitten des auf Austerität gepolten Europa von einer Exportbestmarke zur nächsten eilt, der wahre Hüter des Westens wäre, der aus der Geschichte lernte, dass Nation und Grenzen (und nicht der paranoide Antisemitismus) Auslöser des Zweiten Weltkriegs waren.

Dieser neue Antiamerikanismus erinnert fatal an die Methoden der „Wiedergutwerdung“ (Eike Geisel) der Deutschen gegenüber den Juden. Auch sie wurden mit den Lehren aus der Geschichte konfrontiert, die die Täter von einst formulierten: Frieden mit jedem, gleich ob der einem an den Kragen will, und bloß sich nicht wehren gegen erklärte Feinde, sonst werde man selbst zum Täter wie einst Hitlerdeutschland. Hitlers potentieller Wiedergänger ist hier jeder, der dem Islam misstraut, der gegen die neue transnationale Produktionsordnung zu verstoßen versucht, der den abgehängten „Abschaum“ (Hillary Clinton) überhaupt als potentielle Wähler anzusprechen versucht und nicht gleich in den Mülleimer der Geschichte zu stoßen beabsichtigt – und nicht zuletzt der, der Grenzen sichert, gerade jene Grenzen, die einen Raum möglichst angst- und gewaltfreien gesellschaftlichen Verkehrs sichern und definieren, also der, der nicht insgeheim den Ausnahmezustand herbeisehnt (wie die Deutschen es zwanghaft immer wieder tun).

Gegen diesen neuen Antiamerikanismus wenden sich die Überlegungen von Magnus Klaue und Uli Krug. Sie werden unter anderem die Frage aufwerfen, ob „America First“ unter heutigen Bedingungen nicht etwas ganz anderes meint, als es die amerikanischen Rechten taten, die einst den Slogan aufbrachten, um eine Intervention gegen Hitlerdeutschland zu verhindern, oder ob der neue deutsche Antinationalismus im Kern nicht ebenso antiwestlich ist, wie es der alte Kulturnationalismus schon war.

Uli Krug spricht über das Phänomen Trump und mögliche Konsequenzen für eine materialistische Gesellschaftskritik. Magnus Klaue fragt nach Kontinuität und Wandel des deutschen Antiamerikanismus.

 

 

28. Juni 2017, 19:00 Uhr
Reilstraße 78, Halle

Der Linken alte Kleider – zur Renaissance des Palituchs

„Dieses Tuch evoziert sofort die Frage: Antisemitismus oder Abwaschdienst in der autonomen WG?“ (Wiglaf Droste) Wechselnde Modeaccessoires gehören in der linken politischen Subkultur zum Alltag. Galt neben der obligatorischen Carhartt-Jeans noch vor zehn Jahren ein Tunnel im Ohr als Ausdruck nonkonformistischer Ästhetik, ist es heutzutage jener Turnbeutel, der einst auf dem Schulhof für mehr als nur Scham sorgte.

In beständiger Regelmäßigkeit taucht zudem immer wieder ein Tuch auf, das als Zeichen der Solidarität mit dem Kampf der unterdrückten Massen, vor allem aber mit dem gegen den Zionismus identifiziert wird. In den 1980er und 1990er Jahren schmissen es sich vor allem Hausbesetzer und Antiimperialisten um den Hals. Nach der Jahrtausendwende verschwand es dank der Intervention antifaschistischer Gruppen zunehmend von der Bildfläche. Sein Revival erfuhr das Tuch auf der anderen Seite des Antiimperialismus, bei den nationalen Sozialisten. Seitdem tragen die Kameraden ihren Faible für die antisemitischen Gewalttaten der Palästinenser auf beinahe jeder Demonstration mit sich herum.

Jetzt findet der Blutlappen auch wieder vermehrt in antirassistischen Kreisen Verwendung. Vornehmlich wird er getragen von selbsternannten PoCs oder anderen Anhängern des postmodernen Allerlei. Die Renaissance des Gesinnungstextils in diesen Kreisen ist kein Wunder. Es zeigt ästhetisch deutlich, wohin die wilde Reise gehen soll: Zurück zu einem Steinzeit-Antiimperialismus, der die letzten Werte des Universalismus hinter sich lässt und sich offen mit Vernichtungsantisemiten verbündet.

Mark Liber erläutert, weshalb das Revival des Palituchs vor allem von der fortschreitenden Regression der Linken kündet.

 

26. Januar 2017, 19 Uhr
Melanchthonianum, Uni Halle

Warum wir über den Islam nicht reden können. Vortrag und Diskussion mit Sama Maani

Wie kommt es, dass die Ablehnung des Islam als „rassistisch“ tituliert wird – nicht jedoch die Ablehnung des Christentums? Dass Ressentiments gegen Türken oder Araber Islamophobie, Ressentiment gegen christliche Nigerianer jedoch nicht Christentumophobie genannt werden? Warum wurden die Demonstranten des arabischen Frühlings in erster Linie als „Moslems“ bezeichnet, die Demonstranten der Occupy-Bewegung aber nicht als „christlich“? Warum wird, wenn vorgegeben wird über den Islam zu reden, über alles Mögliche gesprochen – nur nicht über den Islam? Und: was sagt das (Nicht-)Reden über den Islam über die eigene Beziehung zur Religion aus?

Es spricht Sama Maani, Schriftsteller und Psychoanalytiker (Wien). Zahlreiche Publikationen in deutschsprachigen und iranischen (Literatur-)Zeitschriften und Anthologien, bei Drava erschienen „Ungläubig“, Roman (2014), und „Respektverweigerung. Warum wir fremde Kulturen nicht respektieren sollten. Und die eigene auch nicht“ (2015).

 

VL, Ludwigstraße 37 in Halle
17. Dezember 2016, 20 Uhr

Der Wert und das Es. Buchvorstellung mit Uli Krug.
Danach freies Assoziieren mit der AG Antifa und DJ Raketa Moretti

Nur eine einzige Parallele lässt sich zwischen Marx und Freud ziehen: Die Denunziation eines übersubjektiven Zwanges, der sich doch nur in subjektivem Handeln auszudrücken vermag. So wie die Kritik der Politischen Ökonomie das kapitale Subjekt als „Charaktermaske“ eines unsichtbaren Zwanges denunziert hatte – in der revolutionären Hoffnung, dass kritischer Begriff vom Subjekt und die kritisierte Subjektivität nicht unmittelbar identisch seien –, so legt die Kritik der seelischen Ökonomie das Zwanghaft-Unbewusste am vorgeblich freien Willen des Individuums bloß – in der therapeutischen Hoffnung, dass seelische Regression ein rückgängig zu machendes je einzelnes Schicksal sei. In dem Maße aber, wie die steigende organische Zusammensetzung des Kapitals den politischen Zwangscharakter der Subjektivität befestigt, steigt auch das Maß der Zwanghaftigkeit des Subjekts: Äußerlich verliert das Rechtssubjekt die – schon immer limitierte – autonome Kontrolle über sein Schicksal, wird zum Teil der Gefolgschaft des autoritären Staates, innerlich verliert das Ich die – schon immer limitierte – Kontrolle über die unmittelbaren Zwänge des Es: „Für die soziale Realität ist in der Epoche der Konzentrationslager Kastration charakteristischer als Konkurrenz“ (Adorno).
Der Zügellosigkeit der öffentlichen Feindkampagnen wie der Willkür des Staates ist mit der Unterstellung eines kühl berechnenden bürgerlichen Subjekts nicht beizukommen. Überhaupt darf Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus, mit dem Antisemitismus, mit Deutschland, den Deutschen und denen, die ihnen nacheifern, nicht so tun, als ob die Wendung von Gesellschaft zu Racket und Rasse im Individuum Kategorien wie Interesse und Bewusstsein in Kraft belassen hätte. In der Rearchaisierung der Gesellschaft rearchaisiert auch das Subjekt. Wo Ich war, wird Ich-Libido, herrscht Es.

Uli Krug ist Redakteur der Zeitschrift Bahamas.

 

Dienstag, 25. Oktober 2016, 19 Uhr
Melanchthonianum, Uni Halle

Europa und die Linke. Über den Fortschritt der europäischen Integration.
Vortrag und Diskussion mit Ulrich Schuster (Roter Salon, Leipzig)

In Europa stehen die Zeichen auf Desintegration und Renationalisierung; für einen großen Teil der Linken logische Folge neoliberaler Wirtschaftspolitik und deutscher Hegemonie. Linkspopulistische Initiativen wie die Plattform für einen linken EU-Ausstieg Lexit oder die Europa-Bewegung des ehemaligen griechischen Ministers Yanis Varoufakis, DIEM 25, versuchen die Völker Europas zur Verteidigung nationaler Souveränität zu mobilisieren und unterscheiden sich in diesem Punkt wenig von rechten Europafeinden. Hingegen sehen Linksradikale wie die Interventionistische Linke angesichts griechischer Arbeitslosenproteste und des „Kampfs der Flüchtlinge“ ihre Hoffnungen auf eine weltweite, sozialrevolutionäre Bewegung belebt und machen dabei die Rechnung ohne eine realistische Einschätzung der Bedürfnisse und des Bewusstseins der Handelnden. So oder so glaubt linke Kritik durch den Nachweis materieller Interessen des Kapitals den Mythos einer europäischen Friedensordnung zu entzaubern. Was aber, wenn die institutionelle und kulturelle Entschärfung nationalistischer Rivalität ebenso wie die Zivilisierung Deutschlands durch Europa nie im Widerspruch zum vorherrschenden Kapitalinteresse stand? Entgegen einer jahrzehntelang eingeübten Praxis ist heute eine positive Bezugnahme auf den progressiven Gehalt der europäischen Integration wichtig. Zwar verbindet sich damit keine Perspektive gesellschaftlicher Umwälzung und sozialer Gleichheit, allerdings stellt man sich angesichts der Wiederkehr von Nationalismus und europäischen Staatenkonflikten in die Tradition bürgerlicher und antifaschistischer Pro-Europa-Positionen, deren Relevanz sich in die Gegenwart verlängert.

 


Donnerstag, 3. November 2016, 19 Uhr
Melanchthonianum, Uni Halle

Erdogan. Ein Führer und sein Volk.
Vortrag und Diskussion mit Justus Wertmüller (Redaktion Bahamas, Berlin)

Der 15. Juli 2016, der den verpatzten Versuch türkischer Militärs in ihrem Land die Macht zu übernehmen und Staatschef Erdogan ins Jenseits zu befördern markiert, wurde vom türkischen Ministerpräsidenten Binali Yildirim zum „Feiertag der Demokratie“ und von Erdogan zum Zeichen der „Gunst des Allmächtigen“ erklärt. So zynisch Äußerungen wie diese angesichts der Reaktionen auf den Putsch daherkommen, so wenig verwunderlich sind diese zugleich.

Der „Führer“, wie Erdogan von seinen Anhängern genannt wird, demonstriert nur, wie charismatische Herrschaft funktioniert. Ihr oberstes Prinzip – da sind sich der Türken- und der Russenführer sehr ähnlich – ist die Frechheit, und von der Frechheit beseelt sind ihre Anhänger. Nach innen wird das bisschen Rechtsstaatlichkeit, das es sogar in der Türkei gab, öffentlich verhöhnt und kassiert, nach außen zeigt man selbstbewusst den Stinkefinger. In der Türkei finden mehr als 50 Prozent der Bevölkerung nichts dabei, dass ihr Führer den casus belli mit Syrien durch eine Geheimdienstinszenierung herbeiführen wollte oder dass er und die Seinen sich schamlos bereichern. Man identifiziert sich mit dem Großmaul, das zum Helden avanciert, je mehr er offensichtlich ungehindert Fakten schafft. Die alten Vorbehalte gegen die von Erdogan entmachtete kemalistische Elite sind nur teilweise handlungsleitend. So korrupt und autoritär diese Kreise auch waren, gehasst hat man an ihnen, dass sie, wie verzerrt auch immer, angetreten sind, eine andere Türkei zu schaffen.

Was heute als westlich und untürkisch verdammt wird, ist der gescheiterte Versuch, weg von den Hinterlassenschaften des auf Raub gegründeten osmanischen Imperiums hin zu einem Land zu kommen, in dem die Gleichheit vor dem Gesetz nicht nur in der Verfassung steht und die elende persönliche Abhängigkeit von Privilegierten, dieses scheinbar unausrottbare Geflecht der Beziehungen, endlich abgeschafft wird. Der charismatische Führer stiftet die persönliche Abhängigkeit von der Macht als umfassendes Prinzip neu, nimmt ihr den Geruch des Illegalen und Herabwürdigenden, indem er als dysfunktional, schwach und schutzlos vorführt, was die Voraussetzung für ein erträglicheres Leben wäre: Das Recht als Möglichkeit, auch für Arme und Einflusslose, gegen rechtswidrige Übergriffe von Reichen und Mächtigen vorzugehen, als Schutz des Einzelnen gegen die Zumutungen einer moralischen Ordnung, die der Mehrheitsmob durchzusetzen angetreten ist.

 


Freitag/Samstag 2.-3. September 2016

Seminar zur Einführung in die Psychoanalyse
Wochenendseminar mit Tjark Kunstreich

Das Vokabular der Psychoanalyse hat sich in den Alltag eingeschlichen. Das heißt nicht nur, dass die Freudschen Begriffe Allgemeingut geworden sind: es heißt vor allem, dass sie ihre Bedeutung verändert haben – meistens ist es der beunruhigende Aspekt, der außen vor gelassen wird. In der kritischen Theorie, und dort in erster Linie bei Th. W. Adorno, wird die Psychoanalyse als Klinik einer fundamentalen Kritik unterzogen; ihre Kulturkritik hingegen weitgehend übernommen und materialistisch umformuliert.

Im Seminar möchte Tjark Kunstreich eine psychoanalytische Perspektive vermitteln, die weder in der Alltagssprache noch in der kritischen Theorie aufgeht. Anhand ausgewählter Texte soll es um die nach wie vor beunruhigenden und unheimlichen Aspekte der Freudschen Lehre gehen und aufgezeigt werden, dass für die Psychoanalyse Klinik und Kultur nicht zu trennen sind.

Die Teilnehmerzahl ist begrenzt. Bitte per E-Mail anmelden. Die Lektüre wird nach der Anmeldung verschickt. Der Seminarort wird per E-Mail bekannt gegeben.


Donnerstag, 25. August
 2016, 19 Uhr
Radio Corax, Unterberg 11, Halle

Das kämpferische Subjekt. Aufstieg und Fall des Boxens.
Vortrag und Diskussion von Nils Baratella

Der Boxring gilt als ein kulturell und historisch hervorgebrachter Ausnahmeraum, in dem ein ethisierter, ästhetisierter und reglementierter Kampf aufgeführt wird. Nicht um Gewalt geht es hier, sondern um einen Kampf. Die moderne Vorstellung, dass sich zwischenmenschliche Gewalt zivilisieren lasse, ist keine, die genuin im Sport entsteht.

Vielmehr steht diese Idee im Zentrum moderner Philosophie. Anhand zweier Autoren soll die Entwicklung dieser Idee nachgezeichnet werden: Hegel denkt einen konstruktiven, vergesellschaftenden und vereinheitlichenden „Kampf um Anerkennung“. Gegen diese Vereinheitlichung rebelliert Nietzsche. Bei ihm sollen lange unterdrückte Kräfte des Körperlichen als Gegenentwurf zur Unterwerfung durch Disziplinierung entfesselt werden. Beide Theorien können als entgegengesetzte Pole einer Debatte betrachtet werden: Hegel will die Kämpfe rationalisieren und in Richtung vernünftigerer Verhältnisse führen. Nietzsche will durch Kampf und Gewalt einen kathartischen Reinigungsprozess einleiten.

Zudem rückt mit Nietzsche die Bedeutung des Körperlichen und seiner Aufführung in den Fokus philosophischen Interesses. Gemein ist beiden Theorien die heraklitische Idee des permanenten Werdens im Kampf. Sowohl bei Nietzsche als auch bei Hegel wird das Subjekt der Moderne als ein gespaltenes, zerrissenes, agonistisches Wesen verstanden, das sich in Kämpfen und Konflikten erzeugt. Dieses kämpferische Subjekt zeigt sich in vielfältigen Kulturerzeugnissen – ab dem Beginn des 20. Jahrhunderts auch im Sport. Sportliche Aufführungen, und v.a. das Boxen, gewinnen mit der Jahrhundertwende zunehmend massenwirksame Bedeutung. So ist das Boxen ein Phänomen der (atlantischen) Moderne, deren Ideale, deren „Weltbild“ (Heidegger), es in einer sportlichen Inszenierung sichtbar macht: Nahezu gleiche Gegner treten gegeneinander an, um sich zu duellieren.

Das Ergebnis gleicher Voraussetzungen ist jedoch größtmögliche Ungleichheit: Einer steht, der Andere liegt. Für diesen Kampf haben sich die Boxer geformt, hart an sich gearbeitet und ihr Leben diesem Ziel unterworfen. Die Wut und Aggression der kämpfenden Körper muss durch Regeln kontrolliert werden. Erst wenn die Kämpfer dieses Regelwerk inkorporiert haben, der Ethos des Sports ihre körperliche Praxis durchdringt, sind sie, was sie sein wollen, um die Anerkennung des Gegners und des Publikums gewinnen zu können: Das kämpferische Subjekt Boxer. Der faire Kampf als Ideal der Moderne tritt in vielfältigen Kulturerzeugnissen auf. Doch im Boxen wird es in besonders paradigmatischer körperlicher Weise aufgeführt. Kann dieses Ideal unter heutigen Bedingungen aufrechterhalten werden? Und hat es noch Gültigkeit?

 

Freitag/Samstag 22.-23. Juli 2016

Der neue deutsche Fußballpatriotismus
Wochenendseminar

Seit dem Weltmeisterschaftssommer 2006 ist eine Abkühlung der Deutschland-Begeisterung zu erkennen. In den öffentlichen Debatten wird zwar der vermeintlich harmlose und weltoffene Patriotismus begrüßt, ganz so „schwarz-rot-geil“ wie zur WM 2006 ist die deutsche Öffentlichkeit jedoch nicht mehr. Die Grüne Jugend kritisiert das massenhafte Zeigen der deutschen Flagge, die die nationale Identität symbolisieren und die Verbundenheit zum Vaterland ausdrücken würde, als hätte sich seit 2006 nichts verändert.

Im Seminar soll analysiert werden, wie sich Fußballpatriotismus und nationale Fankultur gewandelt haben. Außerdem setzt sich das Seminar mit der Theorie des Nationalismus auseinander. Es wird auf die neu erweckte Liebe zur deutschen Nation eingegangen und der Partypatriotismus diskutiert. Darüber hinaus wird die Begeisterung der Deutschen für die isländische Nationalmannschaft beleuchtet und danach gefragt, ob der linke Antinationalismus eine Ideologiekritik auf Höhe der Zeit verstellt.

Die Teilnehmerzahl ist begrenzt. Eine rechtzeitige Anmeldung per E-Mail ist Teilnahmevoraussetzung. Der Seminarort wird per E-Mail bekannt gegeben.

 

11. Juli 2016, 19 Uhr
Melanchthonianum, Uni Halle

Der faschistische Stil. Zur Ideologie und den Strategien der Neuen Rechten
Vortrag und Diskussion mit Matheus Hagedorny

Mit Pegida und dem Aufstieg des völkischen „Flügels“ der AfD steht die Neue Rechte wieder in Rede. Tatsächlich ist die Neue Rechte ein theoretischer und praktischer Katalysator rechtsnationalistischer Politik. Das lässt sich etwa an dem langjährigen intimen Verhältnis aufzeigen, das etwa die Architekten des „Flügels“, die AfD-Landesvorsitzenden Björn Höcke (Thüringen) und André Poggenburg (Sachsen-Anhalt), zu dem bekanntesten neurechten Aktivisten, Götz Kubitschek, unterhalten.

Dessen Rittergut Schnellroda im südlichen Sachsen-Anhalt ist innerhalb von fünfzehn Jahren zum mythologisch verklärten Anziehungspunkt der Neuen Rechten geworden, wo ein prosperierender Kleinverlag, eine tonangebende Zeitschrift und ein Institut zur Kaderschulung zusammenwirken. „Schnellroda“, unter Rechten zum Ausdruck geronnen, inspiriert ein wachsendes Milieu. Dabei sind die Kubitscheks und Höckes keineswegs originelle Denker und Strategen. Sie imitieren lediglich schablonenhaft altbekannte Vorbilder und geben sich einer heroischen Revolutionsromantik hin.

Die gegenwärtigen Themen der Neuen Rechten, zuvorderst die Feindschaft gegen Flüchtlinge, aber auch Antifeminismus und Geschichtsrevisionismus, sind nur Erscheinungsformen einer prinzipiellen Ablehnung der als „liberal“ gescholtenen bürgerlich-demokratischen Verhältnisse. Im Vortrag soll dies anhand einiger klassischer Autoren der Neuen Rechten, etwa Armin Mohler und Carl Schmitt, sowie mittels einiger aktueller Veröffentlichungen aus den szeneeigenen Verlagen und Zeitschriften aufgezeigt werden.

Matheus Hagedorny lebt und arbeitet in Leipzig und Berlin und schrieb zuletzt für die Wochenzeitung Jungle World über die „rechtsintellektuelle“ Szene.

Die Veranstalter behalten sich vor, Personen, die rechten Parteien oder Organisationen angehören, der rechten Szene zuzuordnen sind oder bereits in der Vergangenheit durch rassistische, antisemitische, nationalistische oder sonstige menschenverachtende Äußerungen in Erscheinung getreten sind, den Zutritt zur Veranstaltung zu verwehren oder von dieser auszuschließen.

 

7. April 2016, 19:00 Uhr
Melanchthonianum, Universitätsplatz Halle

Die Volkspartei des gesunden Menschenverstandes. Zum Erfolg der AfD.
Vortrag und Diskussion mit David Schneider.

Vom Herkommen der Flüchtlinge profitieren nicht nur notstandsverliebte Helferdeutsche, Sicherheitsdienste oder das niedrigschwellige Hotelgewerbe, sondern auch die neue deutsche Problempartei, die AfD. Während die Reaktion des politischen Personals der Berliner Republik noch zwischen Maßregelung und Beschimpfung schwankt, verlangt das ganz helle Deutschland „Notstandsgesetze gegen den Mob“ (Mely Kiyak). Die vollends Verzweifelten hören schon Hitlerstimmen, NS-Vergleiche florieren von der Dorfantifa bis zur Comedyshow im TV, wobei nicht auszumachen ist, ob dabei die Absicht, den nationalsozialistischen Vernichtungsantisemitismus zu verharmlosen, oder einfach nur schnöde Ahnungslosigkeit überwiegt. „Das schlimmste Kapitel unserer Geschichte darf sich nicht wiederholen“, warnte Gregor Gysi nach den Kommunalwahlen in Hessen, vergaß aber vor lauter Kummer zu erwähnen, dass die Kriegserklärungen gegen Israel bis dato vornehmlich aus seiner eigenen Partei kommen.
CDU-Mann Günther Oettinger, der in schweren Zeiten nicht an Hitler, sondern an die Gefahren des Ehelebens denkt, tat kund, dass er sich „heute Nacht noch erschießen“ würde, wenn „die komische Petry“ seine Frau wäre. Oettinger steht mit diesem versuchten Witz, der in erster Linie ein alarmierendes Anzeichen für den Geisteszustand desjenigen ist, der ihn erzählt, durchaus exemplarisch für die Distanzlosigkeit und die Neigung zum Schamlos-Asozialen in der aktuellen Auseinandersetzung rund um die AfD. Dabei ist die Empörung der Demokraten ein wenig erstaunlich, denn unter den Parolen der „Volkspartei des gesunden Menschenverstandes“ (Bernd Lucke) findet sich kaum eine, die nicht auch in abgeschwächter Form in den anderen Parteien auftaucht. Genützt hat das kollektive Empören allerdings nichts. Die AfD, die als Partei zur Abschaffung des Euro angetreten ist, inzwischen aber erkannt hat, dass der Schrei nach einem Stopp der Zuwanderung noch besser ankommt als eurokritisches Mosern, sitzt seit dem 13. März 2016 in drei weiteren Landtagen. In Sachsen-Anhalt wurde sie mit über 24 Prozent sogar zweitstärkste Kraft.
Teil der momentanen Erfolgsgeschichte ist auch, dass einer wie Björn Höcke, der beim Rumfuchteln auf ostdeutschen Marktplatzbühnen wie eine schlecht inszenierte Parodie auf einen linkischen Volkstribun wirkt, seinen Hang zu blond bezopften Germanengirls, deutschen Wäldern und völkischen Visionen dank der aktuellen Flüchtlingssituation vor ein paar Zuhörern mehr ausleben kann. Ob der patriotischen Szene, die sich in der AfD sammelt, mittelfristig irgendeine gesellschaftlich relevante Bedeutung zukommen wird, wie antifaschistische Rechercheteams und Politologen mit dem Arbeitsschwerpunkt „Neue Rechte“ einhellig behaupten, bleibt abzuwarten.
Entscheidend für den Erfolg der AfD ist aber nicht der Volks- und Vaterlandskitsch, sondern ihr Format. Wer wissen will, was die Partei übers Flüchtlingsthema hinaus so attraktiv macht, braucht nur einen Blick in den hauseigenen Internetfanshop zu werfen. Neben T-Shirts mit der Aufschrift „Mut-Bürger“, mit denen man sich an potentielle Käufer wendet, die nicht nur das Gespür für Peinlichkeit, sondern die Kontrolle über ihr Leben verloren haben müssen, kann man dort ein sechsteiliges Plakatset zum stolzen Volksverarschungspreis von 9,95 Euro erwerben, das die gedruckte Botschaft „Ändern Sie nicht ihre Meinung. Ändern Sie die Politik!“ beinhaltet. Die Aufforderung, die eigene Meinung absolut zu setzen, ist Seelenbalsam für den sich ausbreitenden Typus des enthemmten Subjektivisten. Das nachbürgerliche Subjekt, das es zum rechthaberischen Politisieren treibt, kompensiert seine reale Ohnmacht durch die affektive Besetzung der eigenen Meinung, deren triumphale Inszenierung das Gefühl verschafft, zu denen zu gehören, die wissen, wo es lang geht. Die zum Selbstzweck verdinglichte Meinung gerät mangels anderer Lustquellen inmitten des freudlosen Daseins zum triebökonomischen Dreh-und Angelpunkt des narzisstisch deformierten Individuums. Befeuert wird die verbissene und gegen jede Erfahrung abgedichtete „Allwissenheit des Trottels“ (Karl Kraus) durch die sozialen Netzwerke, wo Leute, die vor einigen Jahren noch alleine am Tresen saßen, weil ihrem Gekeife keiner zuhören konnte, nicht nur auf Gleichgesinnte treffen, sondern auch feststellen, dass die verbale Enthemmung immerhin Reaktionen provoziert.
Dass die in der Flüchtlingsdebatte aufgeführten Ängste der chronisch Besorgten oftmals nur ein Vorwand fürs Ausleben futterneidischer Aggression gegen die als Eindringlinge mit grundlegend böser Absicht befehdeten Flüchtlinge ist, heißt unterdessen nicht, dass zur Beunruhigung kein Anlass bestünde. Angesichts der genauso planlosen wie stimmungsabhängigen Integrationspolitik und eines parteiübergreifenden Kulturrelativismus, der sich am drastischsten im moralisch korrupten Rankumpeln an den Islam zeigt, ist nicht auszuschließen, dass von den jährlich Hunderttausenden, die aus islamischen Ländern hierherkommen, etliche als personeller Nachschub für die islamischen Parallelgesellschaften fungieren. Wo die berechtigte Aversion gegen die AfD dazu führt, dass zur weitaus größeren Bedrohung durch den Islam geschwiegen oder antirassistisch rumgeeiert wird, schlägt sie um in offenen Aufklärungsverrat.

David Schneider ist Autor der Berliner Zeitschrift Bahamas.