Vorträge und Diskussion mit Hannah Kassimi und Vojin Saša Vukadinović.

Freitag 17. September 2021, 19:00
im Garten des VL – Ludwigstraße 37, Halle/Saale

Was 1991 mit der Übersetzung von Judith Butlers nach wie vor als bahnbrechend geltender Abhandlung „Gender Trouble“ zunächst die deutschsprachige Debatte an den Universitäten prägte und von dort in den Kulturbetrieb wanderte, hat sich 30 Jahre später zum staatlichen wie zum gesellschaftspolitischen Arbeitsauftrag fortentwickelt: die „Vervielfältigung“ geschlechtlicher Identitäten zur „Subversion“ der „heterosexuellen Matrix“. Als repressive Instanz scheint letztere im aktivistischen wie im bürokratischen Imaginären (unter etwas aktuelleren Begriffen) umso präsenter, je offensichtlicher die gleichgeschlechtliche Ehe, „m/d/w“-Vermerke in Stellenausschreibungen, sprachmagische Appelle zur angeblichen „Sichtbarmachung“ randständiger Minderheiten allerorts an das Gegenteil erinnern – während zugleich mit rassistischem Nachdruck Ehrenmorde, Genitalverstümmelung, Kinderehen, sittsamkeitsbedingte Vollverschleierung und Zwangsverheiratungen zur „Kultur“ der „Anderen“ verklärt werden. Daran zeigt sich bereits, dass Butlers vermeintlich großer theoretischer Wurf gerade deshalb in Deutschland so wirkmächtig werden konnte, weil sich diese Gedanken nicht kritisch, sondern affirmativ zur Wirklichkeit verhalten.
Tatsächlich handelt es sich bei „Gender Trouble“ um ein Manifest akademisch aufbereiteter Biederkeit, um eine im Wortsinn lustlose Handreichung für das Gender-Spießertum, die es diesem erlaubt, einen „Ausschluss“ nach dem nächsten anzuprangern und dies bisweilen gar zum Geschäftsmodell zu machen. Indes prägt die Verlängerung von Butlers folgenreichstem Postulat, dass das biologische Geschlecht „konstruiert“ sei, heute nahezu jedes genderidentitätsideologische Postulat, jeden queertheoretischen Einfall und jede transaktivistische Forderung – mit fatalen Folgen vorrangig für Frauen, denn im Namen des „Fortschritts“ werden die feministischen Errungenschaften der letzten Jahrzehnte nun Schritt für Schritt angegangen.
Vojin Saša Vukadinović und Hannah Kassimi, Herausgeber und Autorin des Sammelbands Zugzwänge (Querverlag 2020), der die vorgenannten Probleme am Beispiel der Ignoranz gegenüber LGBT-Flüchtlingen und deren Instrumentalisierung eruiert, erläutern in zwei Teilvorträgen, wie es zu dieser Austreibung der Natur kommen konnte, weshalb die Anhängerschaft dieses angeblich avancierten, urbanen und weltgewandten Exorzismus für das rationale Argument nicht mehr zugänglich ist, und was diesem Trend entgegenzuhalten ist.