Oktober 2020

Offener Brief an das Interdisziplinäre Zentrum für europäische Aufklärung (IZEA Uni Halle) und das Seminar für Judaistik/Jüdische Studien der Universität Halle

2021-01-22T23:47:16+01:00Oktober 26th, 2020|Pressemitteilungen, Stellungnahmen|

Sehr geehrte Damen und Herren,

sehr geehrter Herr Professor Dierken, sehr geehrter Herr Professor Fraisse, sehr geehrter Herr Professor Fulda,

am 82. Jahrestag der Reichspogromnacht, am 9. November 2020, organisieren Sie eine Online-Veranstaltung mit dem Soziologen Moshe Zuckermann. Der Vortrag trägt den Titel: „Antisemitismus-Vorwurf und die Apologie des Kapitalismus: Zum Missbrauch der Dialektik der Aufklärung“. Der in Israel umstrittene Zuckermann wird erklären, dass der Vorwurf des Antisemitismus nur der Legitimation der israelischen Politik diene und der zeitgenössische Antizionismus nichts mit Antisemitismus zu tun habe. Anders als gern von ihm behauptet, haben neuere Studien jedoch gezeigt, dass sich hinter dem Drang, den jüdischen Staat zu kritisieren, oft kaum mehr als das Bedürfnis verbirgt, wieder ungeniert gegen Juden hetzen zu können. Zuckermann wird deshalb in Deutschland überall dort zustimmend zitiert, wo es nicht um das Wohl der Palästinenser geht, sondern die Existenz des jüdischen Staates insgesamt als störend empfunden wird. Sowohl die nationalbolschewistische Tageszeitung „Junge Welt“ als auch der antisemitische Verschwörungstheoretiker Ken Jebsen beziehen sich gern auf ihn.
Besonders geschichtsvergessen ist es, dass Sie die Veranstaltung am 9. November stattfinden lassen, dem Tag, an dem 1938 mehr als tausend Synagogen zerstört, achthundert Juden ermordet und Zehntausende in Konzentrationslager verschleppt wurden. Sie missbrauchen das Gedenken an die Reichspogromnacht damit für die Kritik der israelischen Politik, die laut Zuckermann hinter dem vermeintlich ungerechtfertigten Antisemitismus-Vorwurf stecke.

Wenn Sie die Veranstaltung darüber hinaus in eine Vortragsreihe über den „globalen Antisemitismus“ einbetten, die noch dazu mit einem Bild der zerschossenen Synagogen-Tür von Halle beworben wird, die im letzten Jahr über 50 Betenden das Leben rettete, entsteht sogar der Eindruck, Sie wollten den gegenwärtigen Antisemitismus verharmlosen. Oder glauben Sie wirklich, dass der Pogromnacht von 1938 angemessen gedacht wird, wenn nicht der Antisemitismus, sondern der „Antisemitismus-Vorwurf“ kritisiert wird? Und denken Sie tatsächlich, dass der „Antisemitismus-Vorwurf“ ein ähnliches Problem darstellt wie der globale Antisemitismus, den seit 1945 hunderte Juden mit dem Leben bezahlen mussten? Um es offen auszusprechen: Auch wenn es im Bewusstsein um die »Dialektik der Aufklärung« leider keine Überraschung ist, dass ein Zentrum für die Erforschung der europäischen Aufklärung und ein Seminar für Jüdische Studien eine solche Veranstaltung am Tag der Reichspogromnacht (und genau einen Monat nach dem einjährigen Jubiläum des Anschlags von Halle) in der Saalestadt stattfinden lassen wollen, ist das ein Skandal.

Mit freundlichen Grüßen,
AG Antifa im Studierendenrat der Universität Halle

Nachtrag, 08.11.2020

Vor wenigen Tagen kritisierten wir in einem offenen Brief die Veranstaltung „Antisemitismus-Vorwurf und die Apologie des Kapitalismus: Zum Missbrauch der Dialektik der Aufklärung“, organisiert durch das Interdisziplinäre Zentrum für europäische Aufklärung (IZEA) und das Seminar für Judaistik/Jüdische Studien der Universität Halle (https://www.facebook.com/agantifaschismus/posts/3624307254257190). Die Veranstaltung wurde mittlerweile durch den Referenten Moshe Zuckermann abgesagt. Seit der Veröffentlichung des offenen Briefs erhielten wir neben viel Zuspruch und Diskussionseinladungen auch eine Stellungnahme der Veranstalter, auf die wir selbstverständlich gern antworten: (mehr …)

Oktober 2012

Pressemitteilungen 2012

2021-01-18T18:42:21+01:00Oktober 25th, 2012|Archiv, Pressemitteilungen, Stellungnahmen|

Aus aktuellem Anlass

Die AG Antifa ist es gewohnt, denunziert, aus der Anonymität heraus verleumdet und mit haltlosen Vorwürfen konfrontiert zu werden. Das bringt es mit sich, wenn man seit fünfzehn Jahren mit Informationsveranstaltungen, Flugblättern und Presseerklärungen gegen Neonazismus, Antisemitismus und Fremdenfeindlichkeit anzugehen versucht. Relativ neu ist, dass diese Angriffe nicht von rechts sondern auch von links kommen. Dieses Novum dürfte nicht zuletzt darauf zurückzuführen sein, dass sich die AG Antifa keiner Partei oder Strömung verpflichtet fühlt, sondern antiaufklärerisches Denken auch dann kritisiert, wenn es von links kommt (weiter zur Selbstdarstellung). Wer das, wie jüngst geschehen, als „antideutsch“ bezeichnen will, kann das gern tun. Es waren in der Geschichte nie die Verkehrtesten, denen vorgeworfen wurde, „antideutsch“ zu sein: von Heinrich Heine über Kurt Tucholsky bis Thomas Mann und Bertolt Brecht. Dennoch bevorzugen wir andere Begriffe.

Wer sich über die Arbeit der AG Antifa informieren möchte, ist dazu eingeladen, unsere Veranstaltungen zu besuchen, das Buch zu lesen, das wir 2004 im Unrast-Verlag herausgegeben haben, oder ein persönliches Gespräch mit uns zu führen.

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