Mai 2022

Dokumentation der Vorträge und Reaktionen

2022-06-07T09:58:18+02:00Mai 16th, 2022|Allgemein, Archiv, Texte|

Die Bonjour Tristesse hat eine Sonderausgabe herausgebracht, in der die von uns organisierten Vorträge zum Transaktivismus dokumentiert wurden, zusammen mit Texten, die sich mit den Reaktionen darauf befassen. Bereits die Ankündigung der Vorträge hat die hiesigen Vertreter der darin kritisierten Szene in helle Aufregung versetzt. Es folgte ein bunter Blumenstrauß aus woken Floskeln, plumpen Lügen und Gewaltandrohungen, die gegen unsere Gruppe, die Referenten und die Besucher der Vorträge gerichtet waren. Schließlich brachte sogar eine linke Mehrheit einen Auflösungsantrag gegen den AK Antifa im StuRa Uni Halle ein. Der wurde zwar vorerst abgewendet, allerdings läuft derzeit ein sogenanntes Mediationsverfahren, das sich weiter mit den Vorwürfen befasst.
Wem daran gelegen ist, selbst nachzulesen, wie die Kritik der Referenten lautete, anstatt die schablonenhaften Halbwahrheiten zu übernehmen, die darüber im Umlauf sind, dem wünschen wir viel Spaß beim Lesen des Heftes.

Das Heft liegt an den bekannten Orten in Halle und Leipzig aus,
im PDF-Format findet ihr es hier: Download [PDF]

 

1. Dokumentation der Vorträge von Hannah Kassimi und Vojin Saša Vukadinović (17.09.2021): Austreibung der Natur. Zur Queer- und Transideologie der Gegenwart.

Der Exorzismus der Andersdenkenden. Judith Butler und die Folgen.

Von Transexualität zu Transgender. Über die Konsequenzen eines begrifflichen Wandels.

 

2. Dokumentation der Vortragsveranstaltung (14.10.2021):
Homophobie, Frauenfeindlichkeit, Verwertung. Zum queertheoretischen Aktivismus.

Self-ID und Penisfetisch. Über frauen-, schwulen- und lesbenfeindliche Tendenzen im Queerfeminismus.

Der Triumph der Gleichheit. Vom Verschwinden der Geschlechter.

Oktober 2021

Der ignorierte Antisemitismus – Zum Stand der Judenfeindschaft in Deutschland

2022-05-27T11:18:49+02:00Oktober 9th, 2021|Texte|

Am 9. Oktober 2019 zog ein Mann aus dem Mansfelder Land zur hallischen Synagoge, um so viele Juden wie möglich zu ermorden. Als dieses Vorhaben scheiterte, erschoss er eine Passantin und einen Besucher eines Döner-Imbisses. Schon kurz darauf wurde der Anschlag ganz modern und intersektionell als „antisemitisch, rassistisch, antifeministisch“ eingestuft. Diese Deutung scheint sich inzwischen durchgesetzt zu haben. Die „Initiative 9. Oktober“ behauptet in einer Broschüre, dass der „Antisemitismus, Rassismus und Antifeminismus“ des Attentäters „eigenständige Ideologeme als ineinander verschränkte Ausdrucksweisen der Vorstellung einer ‚White Supremacy‘“ seien; an einem linken Hausprojekt in der Reilstraße prangt ein riesiges Banner, auf dem „Antisemitismus, Rassi[s]mus und Antifeminismus“ ganz gleichrangig als Motive des Anschlags aufgelistet werden. Kein Zweifel: Der Attentäter war und ist Antisemit, Rassist und Frauenhasser (nebenbei: warum wird immer der fast harmlos klingende Begriff des Antifeminismus verwedet?). Allerdings: Wer Antisemitismus, Rassismus und Frauenhass mit Blick auf den Anschlag von Halle im Stile des Intersektionalismus als gleichgewichtige „Diskriminierungsformen“ präsentiert, verkennt die Besonderheit des Antisemitismus, die ihn deutlich von anderen Ideologien und Wahnvorstellungen unterscheidet. Das mag aus Unwissenheit geschehen, viel häufiger dürfte sich hinter dem intersektionellen Auflistungsdrang jedoch das Bedürfnis verbergen, nicht über die Besonderheit des Antisemitismus und die daraus hervorgehenden Gefahren für Juden zu sprechen. Der folgende Text soll einen Einblick in die Spezifik des Antisemitismus, seinen Stand in Deutschland und die Bedrohungslagen für Juden geben. Vielleicht bietet er auch eine Antwort darauf, warum diesen Fragen hierzulande ein enormes Desinteresse entgegengebracht wird – auch in vermeintlich aufgeklärten Kreisen.
 
 
Nach dem Anschlag am 9. Oktober 2019 waren sich die Vertreter der etablierten Parteien von der Union bis zur Linkspartei einig: Antisemitismus sei an erster Stelle eine Bedrohung von rechts, befördert hätten ihn vor allem die AfD und ihre Gesinnungsgenossen. Zur Dreistigkeit, mit der zahlreiche Politiker und Medien das versuchte Massaker an der versammelten jüdischen Gemeinde für ihre politische Agenda instrumentalisierten, gesellte sich noch ein eklatantes Unwissen über die Beschaffenheit des Antisemitismus. Wie es scheint, spielt der Kampf gegen Antisemitismus in politischen wie auch medialen Auseinandersetzungen nur dann eine zentrale Rolle, wenn er von rechten Tätern ausgeht. In welcher Form Antisemitismus heute am virulentesten auftritt, bleibt dabei allerdings außen vor. Und so werden die Ängste und Probleme der jüdischen Bevölkerung weiterhin ignoriert oder nicht ernst genommen. Es scheint mehr als nötig, darüber aufzuklären, was den Antisemitismus im Besonderen auszeichnet und wie er sich gegenwärtig in Deutschland manifestiert.
 

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Dezember 2020

Social Distancing. Deutschland und das Virus.

2022-05-27T11:13:32+02:00Dezember 25th, 2020|Texte|

Als die Bundeskanzlerin Mitte März in einer Fernsehansprache erklärte, dass die Pandemie die größte Herausforderung seit dem Ende des Zweiten Weltkriegs sei, blieben die meisten Deutschen erstaunlich gelassen. Zwar kam es hier und da zu Hamsterkäufen, dennoch lösten weder die ernsten Worte Merkels noch die düsteren Prognosen der Wissenschaftler Panik aus. Stattdessen registrierten Umfragen eine ausgesprochene Gelassenheit bei den Bundesbürgern. Den Zahlen nach waren sie meilenweit davon entfernt, in Angststarre zu verfallen. Die Presse sprach gar von einer Aufbruchstimmung, welche die Deutschen erfasst habe. Journalisten schrieben Elogen über die Hilfsbereitschaft, die sie überall zu sehen meinten. Politiker aller Parteien priesen den gesellschaftlichen Zusammenhalt, während Vertreter der Regierung einen wachsenden Rückhalt in der Bevölkerung genossen. Im Ausland entbrannte eine Diskussion darüber, weshalb Deutschland in der Krise so gut dastehe. Jenseits des Rheins schwor Emmanuel Macron die Franzosen auf den Krieg gegen einen unsichtbaren Feind ein, diesseits herrschte Zuversicht. Von German Angst keine Spur. (mehr …)

Oktober 2020

Vorträge zum Anschlag von Halle zum Nachhören

2021-10-11T13:25:13+02:00Oktober 9th, 2020|Audiobeiträge, Texte, Veranstaltungen|

Wir stellen die überarbeiteten Vorträge aus einer Diskussionsveranstaltung im Dezember 2019 als Audiobeiträge zur Verfügung:
 

„Dass es so weitergeht, ist die Katastrophe.“ (W. Benjamin)

 
Nach dem Anschlag von Stephan Balliet, der versucht hat, in der hallischen Synagoge ein Massaker anzurichten und dem eine Passantin und der Besucher eines Dönerimbisses zum Opfer fielen, gab es eine Vielzahl an Reaktionen, vor allem von zivilgesellschaftlichen Bündnissen, Antifagruppen und Politikern jeder Partei. Doch bis heute ist zu beobachten, dass die Tat in altbekannte Schubladen einsortiert wird. Die Individualisierung des Terrors, die sich in Balliets Anschlag zeigte, und auch der aktuelle Stand des Antisemitismus spielten kaum eine Rolle. Die Berichterstattung ging einige Monate nach der Tat sogar so weit, den Anschlag auf die Synagoge als islamophob zu bezeichnen, da Balliet zunächst eine Moschee angreifen wollte. Dass sich der Antisemit letztendlich umentschied, darüber wird nonchalant hinweggegangen.
Im Dezember 2019 stellte die AG Antifa ihren damaligen Diskussionsprozess zu Balliets Anschlag vor. Uns interessierte, wie und warum sich die Reaktionen auf Balliet im Vergleich zu anderen Anschlägen im gleichen Zeitraum unterschieden. Wir wollten zeigen, wie der aktuelle Stand des Antisemitismus in Deutschland ist und wie sich die Individualisierung des Terrors bei Balliet zeigt. Nach den Diskussionen am Veranstaltungsabend wurden die Vorträge zum Teil grundlegend überarbeitet, und sie sollten gedruckt im Semesterprogramm der AG Antifa erscheinen. Durch die Coronapandemie fielen die geplanten Veranstaltungen im Frühjahr aus und unser Programm erschien nicht. Aufgrund der gegenwärtigen Situation haben wir uns entschieden, die überarbeiteten Texte als Audiovortrag einzusprechen und zu veröffentlichen. Die Beiträge werden im Juli/August auf Soundcloud veröffentlicht:
 
 

Im Oktober 2019 entkam die jüdische Gemeinde von Halle nur dank ihrer Sicherheitsvorkehrungen einem Massaker. Der versuchte Anschlag des antisemitischen Attentäters Stephan Balliet entfachte die schon länger anhaltende Debatte zum Antisemitismus in Deutschland aufs Neue. Dabei wurde deutlich, dass noch immer das Wesen des Antisemitismus auf fatale Weise verkannt wird und man kaum von einem Interesse sprechen kann, die gegenwärtig größten Bedrohungen für Jüdinnen und Juden in Deutschland ernst oder überhaupt wahrzunehmen. Der Vortrag ist daher der Versuch, über Grundlegendes zum Antisemitismus und zur aktuellen antisemitischen Bedrohungslage in Deutschland aufzuklären

 
 
 

»Keine international agierende Terrorgruppe und auch keine alteingesessene Kameradschaft versuchte in Halle den schwersten antisemitischen Anschlag seit bestehen der Bundesrepublik zu verüben. Es war ein Einzelner, der nach jahrelanger stiller und einsamer Vorbereitung ohne echten Plan loszog. Mit seiner an einen Amoklauf angelehnten Anschlagsform jedoch ist der Täter alles andere als allein, sondern Teil einer allgemeinen Tendenz, den Terror zu individualisieren.«

 

März 2015

Am Ende: Konformismus. Zum linken Antisexismus.

2021-12-07T12:52:54+01:00März 30th, 2015|Stellungnahmen, Texte, Veranstaltungen|

Dieser Text erschien in der Bonjour Tristesse #17/18 (Winter 2014/2015) mit einem Vorwort der Redaktion:

Linke Partys gleichen Bürgerkriegen: Überall drohen Gewalttätigkeiten, Übergriffe und Vergewaltigungen. Selbst beim Gang zur Bar oder zur Toilette ist mit zutiefst traumatisierenden Erlebnissen zu rechnen. Das legen zumindest die zahllosen Plakate, Flyer und Broschüren nahe, mit denen die erwarteten Gewalttäter im soziokulturellen Zentrum Reilstraße 78 in Halle von ihren Plänen abgehalten und potentielle Opfer gewarnt werden sollen. Tatsächlich ist alles ganz anders: In der Regel sind die Reilstraßen-Partys nicht nur friedlich, sondern auch noch langweilig. Wenn ein Gast ausnahmsweise einmal verbal entgleist, sind die obligatorischen »Haus-Plena« und »Veranstaltungsgruppen« über Wochen hinweg damit beschäftigt, über den Vorfall zu diskutieren. Die Warnungen vor Übergriffen, Entgleisungen, zu viel Alkoholkonsum usw., die in jüngster Zeit vor allem von sogenannten »Awareness-Teams« verbreitet werden, haben weniger mit der Realität als mit der spezifischen Konstitution der linken Szene sowie den dazugehörigen Vorstellungen von Sexualität und Subjektivität zu tun. Sie sind Ausdruck davon, dass sich die altautonome Rede von der »Definitionsmacht« entgrenzt hat. Derartiges wurde von der AG Antifa bereits vor mehr als sieben Jahren demontiert. Der damalige Anlass war die Ankündigung der Leipziger Antifagruppe (Lea), nicht mehr mit der AG Antifa zusammenarbeiten zu wollen. Zuvor war eine gemeinsame Veranstaltung in Magdeburg geplant worden, mit der eine kleine israelsolidarische Antifagruppe, das Antifa Info-Portal (AIP), gegen die dort dominanten antiimperialistischen Schläger unterstützt werden sollte. Die Begründung für die Aufkündigung der Zusammenarbeit war folgende: Gegen einen Referenten, den die AG zu einem Vortrag über Antisemitismus und Antiamerikanismus im Hip-Hop eingeladen hatte, bestehe ein szeneinterner Vergewaltigungsvorwurf. Die AG fragte daraufhin in einem Text nach den Hintergründen und der inneren Logik des autonomen Antisexismus. Wir haben uns aus drei Gründen entschieden, die damalige Stellungnahme zu dokumentieren. Erstens wollen wir mit unseren bescheidenen Mitteln dazu beitragen, dass sich so etwas wie ein historisches Bewusstsein herausbildet: Hierfür ist nicht zuletzt das Wissen über die Hintergründe und Vorläufer gegenwärtiger Debatten nötig. Zweitens gehört er zu den besten Texten, die zur Frage des »Definitionsrechts« und den Funktionsweisen linker Zusammenschlüsse geschrieben wurden. Und drittens sollen die Diskussionen vorangetrieben werden, die durch eine Veranstaltung mit dem Bahamas-Redakteur Justus Wertmüller, die von der AG Antifa als Reaktion auf die neuesten »Übergriffe der Definitionsmacht« (so der Untertitel des Vortrags) in der Reilstraße organisiert wurde, vorangetrieben werden. Der Text der AG Antifa erschien 2007 in der zweiten Ausgabe der Bonjour Tristesse.

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